18.06.2013Persönlicher Glaube | Lebensbilder

William Kelly – ein Diener in Wort und Schrift (1)

 

(aus: Folge mir nach - Heft 6/2013)

Ein Leben für seinen Meister

 

Geburt und Jugendzeit

William Kelly wurde im Mai oder Juni 1821 in der Gemeinde Donaghadee nahe Millisle in der Grafschaft Down, Irland, geboren. Vielleicht bist du erstaunt, dass man das genaue Datum gar nicht angeben kann. Aber genauso ist es ... Kelly wurde in einer Zeit geboren, als England gerade begann, sich von den Napoleonischen Kriegen zu erholen. Die Schlacht von Waterloo lag erst fünf Jahre zurück, und Napoleon war gerade auf St. Helena gestorben.

Als William nicht einmal zwei Jahre alt war, starb sein Vater. So erlebte William seine Kindheitsjahre und seine Schulzeit zusammen mit seiner Schwester Sarah und seiner Mutter sowie einer Tante als Halbwaise in eher beengten Verhältnissen. 1836 begann William sein Studium in Dublin. Dort wurde er in klassischer griechischer und lateinischer Literatur unterrichtet, wozu damals auch die Beschäftigung mit der Bibel gehörte. Hier wurde Kellys früh erkannte Begabung für klassische Sprachen (Hebräisch, Griechisch, Latein) gefördert. Diese Sprachkenntnisse waren für seine spätere Tätigkeit ein echter Segen, und hier erwies sich Kelly auch als ein Fachmann. Bis heute sind seine Hinweise zum Grundtext der Bibel sowohl im Alten als auch im Neuen Testament gültig und zielführend, obwohl die Wissenschaft heute weitaus aktuellere Kenntnis über Manuskripte hat.

Mit 20 Jahren schloss William Kelly sein Studium mit den besten Noten ab (als Bachelor of Arts - einem Hochschulabschluss der Geisteswissenschaften). Als der Rektor Kelly zu seiner akademischen Brillanz freundlich beglückwünschte, bot er ihm zugleich eine Stelle im Hochschulkollegium an und gab ihm zu verstehen, dass er in der Welt ein Vermögen machen könnte, wenn er dieses Angebot annähme. „In welcher Welt, Sir?", war Kellys Rückfrage. Dass er bereits in diesem jungen Alter eine solche geistliche Reife besaß, ist erstaunlich.

 

Erste Berufsjahre

Da William - von Freunden Will genannt - mit 20 Jahren, 1841, noch zu jung für eine Ordination in der irischen Kirche war, entschloss er sich, für die Übergangszeit eine Anstellung als Lehrer zu suchen, um nebenbei auch noch Zeit zum „theologischen Lesen" zu haben. Dadurch verschlug es ihn auf die Insel Sark, später direkt auf die Nachbarinsel Guernsey. In dieser Zeit auf den Kanalinseln erlebte Kelly das, was für ihn zu einer herausragenden und wichtigen Entwicklung seines Lebens führte: das Bewusstsein der persönlichen Seelenerrettung. Ganz entscheidend waren für ihn die beiden Verse: „Wenn wir das Zeugnis der Menschen annehmen - das Zeugnis Gottes ist größer; denn dies ist das Zeugnis Gottes, dass er bezeugt hat über seinen Sohn. Wer an den Sohn Gottes glaubt, hat das Zeugnis in sich selbst; wer Gott nicht glaubt, hat ihn zum Lügner gemacht, weil er nicht das Zeugnis geglaubt hat, dass Gott bezeugt hat über seinen Sohn" (1. Joh 5,9.10). Heilsgewissheit ist ein ganz entscheidender Schritt, um überhaupt geistliches Wachstum im Glaubensleben erfahren zu können.

 

Kelly lernt das Zusammenkommen als Versammlung kennen

In diese Zeit fiel noch ein zweiter wesentlicher Schritt im Leben von William Kelly. Er untersuchte die damals üblichen kirchlichen Praktiken im Licht des Neuen Testaments. Dabei erkannte er, dass in der Staatskirche, zu der er gehörte, Dunkelheit über die biblischen Belehrungen über die Versammlung (Gemeinde, Kirche) herrschte. Über seine im Licht des Wortes Gottes erworbene Erkenntnis sagte er einmal: „Nicht, dass ich mich mit anderen beschäftige und ihnen vorschreibe, was sie tun sollen, sondern dass ich meine eigene Sünde ebenso wie die gemeinsame Sünde empfinde und doch durch Gnade den Entschluss fasste, um jeden Preis dort zu sein, wo ich den Herrn ehren und ihm gehorsam sein kann." Mit diesen Worten erklärte William Kelly, warum er die Staatskirche verließ. Nachdem er sich einmal vom anglikanischen System abgewandt hatte, änderte er niemals mehr seine kirchliche Stellung, „hinauszugehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend" (Heb 13,13). Er lebte ein stetiges, ausgewogenes und entschiedenes Glaubensleben mit seinem Herrn.

An einem Sonntag ging William Kelly zum ersten Mal zu einer Versammlung zum Brotbrechen, wie man es in Apostelgeschichte 20,7 findet. Zunächst war er erstaunt, dass gerade an diesem Morgen keine anderen Brüder in dem winzigen Zusammenkommen anwesend waren. Er hatte sich zwar schon mit den Schriften von John Nelson Darby beschäftigt, einem anderen Pionier der damaligen Erweckungsbewegung, die hinführte zu der ganzen Offenbarung der biblischen, neutestamentlichen Lehre. Aber er hatte bis dahin noch nie solche getroffen, die sich außerhalb bestehender Kirchen oder Freikirchen schlicht zum Namen des Herrn versammelten. Sofort fiel ihm die Verantwortung zu, die Gebete und sogar die Wortverkündigung in der Zusammenkunft zu übernehmen. Das kann als Ermunterung für solche jungen Brüder dienen, die in Zusammenkommen besuchen oder dorthin ziehen, wo nur wenige Brüder sind.

 

Dienst für den Herrn und Familiengründung

Relativ bald kam William Kelly zu der Überzeugung, dass er sich vollzeitig in den direkten Dienst des Herrn stellen sollte. Zudem hatte er den Eindruck, dass der Herr seine Schritte nach Guernsey lenkte. Hier lebte und wirkte er bis zum Jahr 1871/72. Auf dieser Insel heiratete er auch am 21. Februar 1848 Elizabeth Montgomrey, die - wie er - aus Nordirland stammte. Mit ihr wurden William zwei Töchter geschenkt. Aber nicht lange nach der Geburt des zweiten Kindes nahm der Herr die junge Ehefrau zu sich. William Kelly war mit 29 Jahren Witwer. Trotz dieses schweren Schlages und der damit verbundenen zusätzlichen häuslichen Pflichten hielt Kelly daran fest, dass der Herr ihn in seinen Dienst gestellt hatte.

Durch die gütige Hand Gottes lernte Kelly auf einer seiner vielen späteren Vortragsreisen in den Versammlungen Großbritanniens die vielseitig gebildete Elizabeth Emily Gipps (1831-1884) kennen. Nach längerer Verlobungszeit heirateten sie schließlich Anfang des Jahres 1857. William Kelly war nun 36 Jahre alt. Elizabeth war nicht nur eine gottesfürchtige Frau, sondern sie war wie ihr Ehemann William ebenfalls sehr begabt. Ihre Befähigung ist uns nicht zuletzt dadurch erhalten geblieben, dass sie einen großen Teil der Psalmen aus dem Hebräischen ins Englische übersetzt hat. William Kelly hat diese Übersetzung nach dem Heimgang von Elizabeth, gewissermaßen zu ihren Ehren, nach einer Überarbeitung und Ergänzung herausgegeben. In dem Vorwort weist er ausdrücklich auf diese wertvolle Arbeit Elizabeths hin.

Gott schenkte William Kelly und seiner zweiten Frau sechs Kinder: vier Töchter und zwei Söhne. Das achte und letzte Kind William Kellys, George Pemperton, wurde 1873 geboren.

Sein Familienleben war allerdings nicht nur von Freude geprägt. Nicht nur, dass seine erste Ehefrau früh heimgegangen war; auch mehrere seiner Kinder wurden vor William heimgerufen. Auch seine zweite Ehefrau starb schon 1884 im Alter von 52 Jahren. Ihr Mann schrieb auf einer Postkarte am Abend ihres Todestages: „Wenn ich Ihnen sage, dass es dem Herrn gefallen hat, heute Morgen eine hingebungsvolle Schwester, meine Ehefrau, die Mutter mehrerer Kinder, von mir zu nehmen, werden Sie nicht mehr als nur einige wenige Worte von mir erwarten ..." So sehr ihn somit der Verlust seiner geliebten Ehefrau schmerzte, ließ er sich doch nicht von seinem Dienst für seinen Herrn abhalten.

 

Von Guernsey nach Blackheath

Zurück zum Leben Kellys auf der Insel Guernsey. William hatte, wie wir gesehen haben, die Schriften von John Nelson Darby kennengelernt, dem vermutlich bekanntesten und vielleicht auch begabtesten Prediger des Wortes Gottes in der damaligen Erweckungszeit. Als 24-Jähriger traf William diesen Diener des Herrn Jesus, als er während eines kurzen Besuchs in Plymouth eine Buchhandlung mit christlicher Literatur besuchte. Diese Begegnung hat William Kelly ein Leben lang geprägt. Beide unterhielten Zeit ihres Lebens eine echte Freundschaft und schätzten einander sehr - auch in schwierigen Zeiten.

Im Jahr 1871 zog William Kelly mit seiner Familie von Guernsey nach Blackheath. Er hinterließ dort viel Segen: Als er das erste Mal in Guernsey die Zusammenkünfte besuchte, war er der einzige anwesende Bruder, so dass er - menschlich gesprochen - alles machen musste: Lieder vorschlagen, beten, und bei der Wortverkündigung das Wort reden und auslegen. Sein persönliches Leben, das Familienleben und auch sein Zeugnis und Dienst führten durch die gute Hand Gottes dann jedoch dazu, dass es im Jahr 1872 auf dieser kleinen Insel vier Zusammenkommen gab. Allein in Val Nord, eines dieser vier, versammelten sich zu dieser Zeit ungefähr 800 Gläubige.

Diejenigen, die sich mit der Literatur von William Kelly beschäftigt haben, kennen ihn besonders als einen Lehrer des Wortes Gottes. Offensichtlich war er jedoch in gleicher Weise ein begabter Evangelist, wovon auch John Nelson Darby einmal ausdrücklich gesprochen hat: „Ich wünschte, ich könnte mit dem Evangelium die Menschen so erreichen wie William Kelly." Kelly ermahnte die Geschwister der Versammlungen zum Beispiel, dass „jeder mindestens zwei Ungläubige" zu Evangeliumsverkündigungen mitbringen sollte.

Im Unterschied zu John Nelson Darby war William Kelly kein Mann, der ständig lange Reisen machte. Er sah sein Arbeitsgebiet im Umfeld seines Wohnortes, wobei man „Umfeld" nicht zu eng definieren sollte. Mit anderen Worten: Er reiste durch ganz Großbritannien, um den Gläubigen dort zu dienen. Im Frühjahr und Frühsommer des Jahres 1886 wagte er sich weiter hinaus als je zuvor, als er eine lange Seereise nach Nordamerika unternahm. Das war im Alter von 65 Jahren.

 

Kellys Bibliothek

Noch ein kurzes Wort zu der legendären Bibliothek von William Kelly. Er war ein geborener Student und bedeutender Gelehrter, der beispielsweise in der Kritik an Grundtexten der Bibel und von Bibelübersetzungen auch von Christen und Fachleuten, mit denen er sonst nichts zu tun hatte, sehr geschätzt wurde. Man muss ihn wohl bis heute als einen der besten Kenner der Grundtexte von Altem und Neuem Testament einschätzen. Auch wenn es heute weitaus mehr Funde alter Abschriften des Neuen Testaments gibt, ist man immer wieder erstaunt, wie weitsichtig die Beurteilungen Kellys schon im 19. Jahrhundert gewesen sind.

Kellys Bibliothek umfasste wohl mehr als 15.000 Bücher. Dabei muss ergänzt werden, dass es ihm nie darum ging, die größte Bibliothek vorzuweisen. Einen solchen Wettbewerb gab es vermutlich erst nach seinem Ableben ... Es passt zu der Gesinnung und dem Charakter William Kellys, dass er den größten Teil seiner Bücher einer öffentlichen Bibliothek schenkte (in Middlesbrough), allerdings mit der Auflage, dass nicht bekannt würde, wer der Spender war. Dies alles wurde erst nach seinem Heimgang durch Indiskretionen bekannt. Sogar Weltmenschen bezeugten: „Mr. Kelly war ein Mann, der es vorzog, Gutes im Verborgenen zu tun, oder der sich selbst viel mehr als einen Verwalter sowohl seiner materiellen als auch seiner geistlichen Besitztümer betrachtete."

Als William Kelly nach der Abgabe seiner Bücher gefragt wurde, ob er diese nicht schmerzlich vermisste, antwortete er: „Nein, ich kann nicht darauf hoffen, sie noch lange zu benötigen, und ich möchte sie gern dort untergebracht sehen, wo sie anderen noch von Nutzen sein können." Die große Frage für uns heute besteht darin, ob wir die reichen Schätze, die William Kelly uns durch seine Schriften hinterlassen hat, wirklich nutzen (dazu mehr im nächsten Artikel).

 

Die letzten Tage

Kurz vor seinem Tod wurde Kelly gefragt, ob er lieber heimgehen oder zu denen gehören würde, welche die Entrückung lebendig erleben dürften. Seine Antwort ist so typisch für ihn: „Ich habe keine Wahl, und selbst wenn ich sie hätte, würde ich nicht wählen." Als jemand weiter nachfragte, fügte er hinzu: „Ich habe überhaupt keinen Wunsch in dieser Sache, mein Lieber, es wird so sein, wie Er es will, und das ist in jedem Fall die beste Weise."

In den letzten Wochen und Monaten seines Lebens ging es William Kelly nicht mehr gut. Offensichtlich hat er Diabetes bekommen und war auch sonst schwach und hinfällig. Das mag für einen Mann im Alter von 85 Jahren nichts Besonderes sein. Aber für diesen stets aktiven Diener war es doch ein sehr schmerzhaftes Empfinden.

Am 25. Februar 1906 hielt William Kelly ein letztes Mal einen öffentlichen Vortrag. Er hatte zum Thema: die Lehre Christi. Ich könnte mir kein besseres „Finale" für diesen Diener Gottes vorstellen, denn die Person und die Lehre Christi lagen ihm ganz besonders am Herzen. Manche Zuhörer meinten im Nachhinein, dass dieser Vortrag das lange Leben brennender Hingabe und Treue für seinen Retter gekrönt habe. So gingen 60 Jahre unentwegten Dienstes für den Herrn Jesus zu Ende.

Zu seinen letzten Worten gehörte: „Ich habe meine Arbeit für Christus getan. Ich möchte gehen. Andere werden gestärkt werden, um ihre Arbeit zu tun, aber meine ist getan." In seinem letzten Brief schrieb er: „Selbstgericht - wie geziemt es der Gnade! Sie löscht unsere verdorbene Vergangenheit aus und erklärt, dass, wie Er ist, so auch wir sind in dieser Welt - was aber unmöglich ist, wenn seine Sachwalterschaft nicht in Betracht gezogen wird. Diese brauchen wir nicht weniger als seine Sühnung."

Am 27. März 1906 durfte William Kelly in Rover entschlafen. Auf seinem Grabstein steht der Bibelvers: „Das Leben ist für mich Christus, und das Sterben Gewinn" (Phil 1,21).

Kann es ein besseres Lebensmotto geben - auch für junge Christen in der heutigen Zeit?

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William Kelly - sein Leben und Werk (von Edwin Cross)

Die Informationen, die ich in diesem Artikel über William Kelly weitergegeben habe, stammen aus der Biografie über William Kelly, sein Leben und sein Werk, die Edwin Cross im Jahr 2004 herausgegeben hat. Ich halte dieses ins Deutsche übersetzte Buch für außerordentlich lesenswert. Es bringt uns einen Mann näher, der sein Leben für Christus eingesetzt hat, damit auch wir dem Herrn Jesus entschieden und treu nachfolgen. William Kelly war ein Mann, der kompromisslos und doch zugleich ausgewogen war. Er war nicht bereit, auch nur ein Atom von der Lehre des Christus, der Lehre über sein Werk, über die Versammlung, über die Glaubensfundamente usw. aufzugeben. Und doch war er jemand, der ein sehr weites Herz für alle Gläubigen besaß. Als in seiner Zeit sektiererische Strömungen aufkamen, wandte er sich genauso entschieden dagegen wie bei Angriffen auf die Person und das Werk des Herrn Jesus.

Leider ist der „Ton" der Worte William Kellys manchmal recht scharf. Gerade dann sollte man vorsichtig sein und die Gedanken - wie immer - an Gottes Wort prüfen. Aber immer spürt man Kellys Liebe zu seinem Meister, zu seinen Mitgläubigen und zu den ihn umgebenden Menschen heraus.

„William Kelly - sein Leben und Werk" von Edwin Cross umfasst 231 Seiten und ist beim Herausgeber von „Folge mir nach" für 19,90 Euro zu beziehen.

 

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