20.11.2012 Persönlicher Glaube | Richter

Hat Simson Selbstmord begangen?

Richter in Israel

Simson war ein Richter in Israel: „Er hatte aber Israel zwanzig Jahre gerichtet" (Ri 16,31). Das heißt, er war der Vertreter Gottes inmitten des Volkes und war für eine Art Rechtsprechung zuständig. Das Volk kam zu seinen Richtern - wir kennen besonders Samuel, Debora, Gideon, usw. -, wenn es Fragen hatte oder den Willen Gottes erfragen wollte.

Wahrscheinlich fällt es vielen von uns schwer, diese Funktion mit Simson in Verbindung zu bringen, der alles in allem ein ziemlicher Einzelgänger und Einzelkämpfer war. Gott aber sagt, dass er ein Richter war (vgl. Ri 16,31). Und Er wiederholt das in Hebräer 11,32, wo Er Simson neben Gideon, Barak, David und Samuel stellt.

Das Leben Simsons

Simson war kein vollkommener Richter. Darin gleicht er seinen Vorgängern und Nachfolgern. Aber bei ihm sehen wir besonders, dass er in moralisch-sexueller Hinsicht versagte. Obwohl Gott ihn zu einem Nasir machte (Ri 13,5), lebte er ganz anders. Sicher - er ließ seine Haare frei wachsen. Dieser lange Haarwuchs war ein Zeichen bewusster Abhängigkeit von Gott. Aber diese scheint bei ihm vielfach gefehlt zu haben. Vor allem hatte er ein Problem mit seinen sexuellen Begierden. Dreimal lesen wir davon, dass er sich mit Frauen in sündiger Weise abgab (Ri 14,1; Ri 16,1; Ri 16,4).

Die Frauen wurden ihm zum Verhängnis. Die dritte Frau, Delila, auch wieder eine Philisterin, also zu den Feinden des Volkes Israel und damit Gottes gehörend, erpresste das Geheimnis seiner sprichwörtlichen Kraft aus ihm: seine langen Haare. Als er eingeschlafen war, schnitt sie ihm diese Haare ab. Dadurch konnte er von den Philistern gefangen genommen werden. Dabei wurden ihm sogar die Augen ausgestochen.

Damit kommen wir zu der Begebenheit, wo er selbst sein Leben aufgab. Bei einem Fest der Philister musste er vor ihnen - vermutlich Musik - spielen. Da seine Haare wieder angefangen hatten zu wachsen, kehrte auch seine äußere Kraft zurück. Auch seine innere Kraft wuchs wieder, weil er erkannte, dass er sich inmitten der Feinde Gottes befand.

So bat er Gott: „Herr, Herr; gedenke doch meiner und stärke mich doch nur diesmal, o Gott, damit ich an den Philistern eine einmalige Rache nehme für meine beiden Augen" (Ri 16,28). Er stemmte sich gegen die Säulen, so dass das ganze Haus, in dem er war, zusammenbrach und rund 3.000 Menschen ums Leben kamen.

Selbstmord?

Er selbst wusste, dass das Rache nehmen an den Philistern höchstwahrscheinlich auch sein eigenes Leben kosten würde. Handelte es sich um Selbstmord? Ich glaube nicht, denn er nahm sich selbst nicht das Leben, um nicht mehr in seinem Elend leben zu müssen. Ziel seines Handelns war, das Gericht Gottes - sicher in zum Teil egoistischer Weise - an den Feinden Gottes auszuführen. Damit war sein Ziel nicht, durch sein aktives Handeln sich selbst das Leben zu nehmen, sondern er nahm in Kauf, dass bei der Ausführung des Gerichtsauftrages Gottes über die Feinde des Volkes Gottes sein eigenes Leben zu Ende ging:

  1. Die Philister waren die Feinde Gottes im Land. Gott hatte seinem Volk den Auftrag gegeben, diese Feinde auszurotten (5. Mo; Jos 13).
  2. In Richter 14,4 lesen wir, dass Gott gegen die Philister einen Anlass suchte.
  3. Im Dienst für den Herrn gibt es Gefahren, die groß sind. Waren die Kriege, die Israel gegen seine Feinde führte, „Selbstmorde"? Nein, denn sie hatten den Auftrag, die Feinde zu besiegen. Kriege können nie „Selbstmord" sein, auch wenn bei ihnen immer die Gefahr besteht, dass man in ihnen getötet wird. Natürlich stand es in der Macht Gottes, sein Volk vollständig zu bewahren. Oft hat Er das getan. Aber sicher konnte das Volk nie sein. Auch nicht unter David und Joab. Und auch in den Büchern Josua und Richter lesen wir von solchen Verlusten.
  4. Können wir in diesem Zusammenhang nicht auch an Mose und Paulus denken? Mose war bereit, um die Sünde des Goldenen Kalbes des Volkes Israel vor den Augen Gottes hinwegzutun, aus dem Buch des Lebens gelöscht zu werden (vgl. 2. Mo 32,32). Paulus hatte sogar gewünscht, „durch einen Fluch von dem Christus entfernt zu sein für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch, die Israeliten sind" (Röm 9,3.4). So wichtig war ihm die Rettung seiner Volksgenossen, die er auf dem Weg ins Verderben sah. Waren diese beiden Wünsche nicht viel mehr als „Selbstmord" - den ewigen Tod um der Brüder willen in Kauf nehmend? Gott erhörte weder Mose noch Paulus. Aber die Haltung ihrer Hingabe, sicher viel geistlicher als die von Simson, war Gott doch wohlgefällig. So kann man auch die Haltung von Simson in diesem Licht positiv sehen.
  5. Als Jonathan, allein mit seinem Waffenträger unterwegs, gegen die Philister kämpfte und auf den Berg hinaufkletterte (vgl. 1. Sam 14,6-13): War das Bereitschaft zum Selbstmord? Nein, es war Glaube und Vertrauen zu seinem Gott. So handelte auch Simson bei der letzten Tat seines Lebens. Sicher war der Glaube Simsons in diesem Augenblick schwächer als der von Jonathan, genauso wie seine Beweggründe: „Meine Seele sterbe mit den Philistern" (Ri 16,30). Aber war es nicht ein Akt des Glaubens, die Feinde Gottes zu töten, auch wenn es das eigene Leben kostete (und auch wenn dieser Glaube mit einem gewissen Egoismus verbunden war: „Damit ich an den Philistern eine einmalige Rache nehme für meine beiden Augen" (Ri 16,28)?
  6. Schon immer galt der Grundsatz: „Denn was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten" (Gal 6,7). Simson hatte viel Fleischliches gesät. Jetzt musste er „seine Suppe auch auslöffeln". Das war bitter - aber er hatte das schon akzeptieren müssen, als man ihm die Augen ausgestochen hatte. So müssen auch wir das regierende Handeln Gottes akzeptieren, wenn wir einen verkehrten Weg eingeschlagen haben und dann mit dessen Folgen leben müssen. Simson hatte sich selbst in diese ausweglose Situation hineinmanövriert. So stand er vor der Alternative: Weiter leben (vegetieren) und die Feinde Gottes bleiben am Leben, oder sein Leben hingeben in den Tod und den Auftrag Gottes ausführen, dessen Feinde zu vernichten. Es stand natürlich nicht in der Macht Simsons, über sein Leben zu entscheiden. Aber er handelte auch nicht, um sich das Leben zu nehmen, sondern wurde aktiv, um Rache zu nehmen für die Schmach, welche die Philister einem Richter Israels zugefügt hatten (vgl. Ri 16,28).

Ein Auftrag Gottes: Überwinden der Feinde

Die Frage nach „Selbstmord" im Blick auf Simson ist berechtigt, da seine Entscheidung damit verbunden war, dass er sein Leben verlieren würde: „Meine Seele sterbe mit den Philistern!" Simson war sich bewusst, dass seine Rache an den Philistern zum eigenen Tod führen musste. Deshalb gibt es Gläubige, die auch bei Simson von Suizid sprechen. Aber er handelte im Auftrag Gottes gegen seine Feinde. Wir müssen auch bedenken, dass Gott seinen Tod als den größten Sieg seines Lebens beschreibt (Ri 16,30), was erstaunlich wäre, wenn diese Tat mit der Sünde des Selbstmordes verbunden wäre. Hätte Gott einen Selbstmörder als Glaubenshelden in Hebräer 11 verzeichnet? Zudem wird diese ganze Szene eingeleitet durch da Handeln Gottes: „Aber das Haar seines Hauptes begann wieder zu wachsen, sobald es geschoren war" (Ri 16,22).

„Selbstmordattentate"

Das führt noch zu einem anderen Thema. Manche haben die sogenannten „Selbstmordanschläge", die man heute immer wieder vonseiten muslimischer Attentäter erlebt, mit der Handlung Simsons verbunden. Zunächst einmal sollte man erkennen, dass diese Menschen in fanatischem Eifer mit der Überzeugung handeln, für ihre Religion und ihren Religionsstifter (Mohammed) ein Opfer zu erbringen. Dadurch erhoffen sie sich für ihre eigene Zukunft eine große Belohnung. Dass es sich dabei um blinden, ungöttlichen Eifer - oftmals durch die Verführung von verblendeten Führern handelt, wissen wir aus der Bibel.

Das hat mit Selbstmord nichts zu tun, auch nichts mit der Tat Simsons. Dieser mag in einem niedrigen geistlichen Zustand gehandelt haben. Aber er besaß die Zustimmung Gottes für das, was er tat. Genau das macht in diesem Fall den Unterschied zwischen Glauben und Fanatismus aus. So stellt die Glaubenstat eines Gott hingegebenen Menschen, der zum Beispiel um des Herrn willen in Nord-Korea das Evangelium unter Lebensgefahr verkündigt, Hingabe nach dem Beispiel des Apostels Paulus dar und hat mit Selbstmord nichts zu tun.

Aber natürlich bestehen zwischen diesen heutigen sogenannten Selbstmordattentätern und Männern wie Simson weitere grundsätzliche Unterschiede:

  1. Wir leben in einer ganz anderen Zeit. Heute handelt Gott in Gnade und will, dass wir ebenfalls durch die Gnade Gottes geprägt sind. Damals befand sich das Volk Israel unter Gesetz.
  2. Das Volk Israel hatte den ausdrücklichen Auftrag, diese Feinde zu besiegen. Wir haben heute einen ganz anderen Auftrag: Menschen das Evangelium zu verkündigen.
  3. Simson war ein Mann Gottes, so schwach er auch im Glauben war. Die Menschen heute, die solche Attentate ausüben, sind Feinde Gottes, des wahren dreieinen Gottes.

Wir wollen sehr vorsichtig sein, Simson in seinem Leben zu verurteilen. Wir müssen nur unser eigenes anschauen, um klar zu sehen, wie fehlerhaft wir selbst leben. Zudem war die Zeit, in der er lebte, eine geistlich sehr finstere Zeit in Israel. Wer von uns hätte Simson in die Liste der Glaubenshelden in Hebräer 11 eingereiht (Vers 32)? Gottes Urteil ist vollkommen, das wollen wir bei der Beurteilung dieses Mannes bedenken. Wir dürfen einen Mann in der Zeit Simsons auch nicht mit dem geistlichen Licht beurteilen, das wir dadurch haben, dass das Wort Gottes vollendet in unseren Händen ist und Gott sich in seinem Sohn Jesus Christus vollkommen offenbart hat. Das war damals nicht der Fall.

Wir wollen seine letzten Tage nicht einfach in unser Leben übertragen. Simson lebte in einer anderen Zeit und unter einer anderen Regierung Gottes. Unsere Feinde sind im neutestamentlichen Sinn nicht Menschen, Fleisch und Blut, sondern Engelfürsten und -mächte. Wir wollen Satan keinen Platz in unserem Leben geben, sondern ihm widerstehen. Dazu haben wir den Auftrag.

Wir schauen auf den Herrn Jesus, der treu war, sogar bis zum Tod am Fluchholz. Von seiner Treue wollen wir uns anspornen lassen, in unseren Umständen ebenfalls treu zu handeln.

(aus: Folge mir nach - Heft 11/2012)