04.12.2012Buchbesprechungen | Dienst | Persönlicher Glaube

Befreiende Seelsorge – eine Buchbesprechung

Es ist eine Grundsatzfrage, was das Ziel der Seelsorge ist. Wer steht bei dieser Arbeit im Mittelpunkt: die Seele des Betroffenen? Das scheint die gängige Meinung in vielen Seelsorge-Büchern und Bemühungen zu sein. Aber ist das zutreffend? Jay A. Adams kritisiert dieses Ziel. Er betont mehrfach in seinem Buch, dass es letztlich um die Beziehung des Betroffenen zu Gott geht, nicht darum, seine Seele „zu pflegen", zu therapieren. Denn bis auf wenige Ausnahmen, bei denen es endogene Ursachen (organischer Natur) oder exogene Schocks (wie zum Beispiel Kindesmissbrauch) gebe, seien die meisten seelischen „Erkrankungen" Folge einer falschen Beziehung der Seele zu Gott. Selbst, wenn es Leid im Leben eines Gläubigen gibt - sagen wir durch den plötzlich Heimgang eines Ehepartners - ist nach einer gewissen Zeit zu fragen, ob dieser Schock die Ursache für das persönliche Leid ist, oder das Hadern mit Gott, das Nicht-Verarbeiten dieses Leids.

 

Beispiel Elia

Wie war das bei Elia? Es ist modern, davon zu sprechen, dass es sich um einen Burn-out handelt. Es ist unpopulär zu sagen, dass es Unglaube war. Aber man muss die Frage zulassen, warum Elia unter ähnlichen Stress-Situationen zuvor im Glauben lebte, dann aber auf einmal nicht mehr. Kann es sein, dass er mehr auf sich selbst sah, statt Gott zu vertrauen? Natürlich ist es in der heutigen Zeit leicht, Elia zu kritisieren. Darum kann es nicht gehen. Aber Adams versucht in seinem Buch, diese grundsätzliche Fragestellung aufzuarbeiten.

 

Die wirklichen Ursachen für seelische Probleme suchen

Seine Hauptthese ist - soweit ich sie verstanden habe: Wenn Du Deine Probleme - auch Deine (nicht endogene) Depression in den Griff bekommen möchtest, dann frage Dich, was die wirkliche Ursache für Dein Problem ist. Es ist leicht, einfach immer zu sagen: Es liegt an organischen Ursachen. Die Realität zeigt, dass diese These nicht haltbar ist.

 

Sünden?

Könnte es sein - Adams führt dafür Beispiele an - dass ich in meinem Leben Sünden zugelassen habe, vielleicht vermeintlich „kleine", die ich nicht in Ordnung gebracht habe, die in aufgestauter Form dann zu einer „seelischen Erkrankung" führen? Dass es Unordnung gibt, die ich mit falschen Begründungen immer wieder zu verschleiern suche? Dass ich meine Brüder oder Schwestern belogen habe, und das mit fadenscheinigen Hinweisen zu beschönigen suche? Dass ich ...

 

Verantwortung übernehmen!

Adams zeigt sehr gut auf, dass die gängigen Psychotherapien und ihre Grundlagen für die christliche Arbeit unbrauchbar sind. Er führt als ein Beispiel die Depression eines Mannes an. Die Frau geht zum Pastor, der Pastor sagt, das ist ein Fachproblem und schickt den Mann zum Psychotherapeuten. Was ist falsch gelaufen, so Adams? Der Mann nimmt seine Verantwortung nicht wahr, in seinem Leben aufzuräumen. Die Frau nimmt die Verantwortung in der Ehe nicht wahr, mit dem Mann einmal das Leben durchzusprechen. Und der Pastor - sagen wir ein Ältester, ein Bruder, der einen Ältestendienst tut - nimmt seine Verantwortung gegenüber den Gläubigen in der Versammlung (Gemeinde) nicht wahr. Jeder entscheidet für sich den „leichteren" Weg. Damit hat niemand Verantwortung. Und der Psychotherapeut kann oft auch nicht helfen.

 

Warum dauern denn Therapien oft Jahre, ohne dass eine grundlegende Verbesserung zu erkennen ist? Finden wir das in der Bibel auch so? Offensichtlich nicht! Natürlich gibt es Fälle, wo man einen Arzt benötigt. Aber in viel zu vielen Fällen könnten wir selbst Verantwortung in unserem Leben übernehmen - und das Leben würde auf einmal ganz anders aussehen. Dann zählt auch nicht das Argument: „Ich habe alles bereinigt." Denn wenn es so wäre, warum kommt man dann persönlich nicht weiter?

 

Nicht den Profi suchen, sondern mit geistlichen Mitteln helfen

Die These Adams ist daher, dass wir nicht so sehr nach professionellen Psychotherapeuten Ausschau halten sollten, als vielmehr auf der Grundlage des Wortes Gottes und mit der Einsicht eines Hirtenherzens an die Arbeit gehen sollten. Wir behandeln nicht die Seele, sondern versuchen dem Betroffenen zu helfen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, indem Er Gott in biblischer Weise in sein Leben wieder hineinlässt.

 

Nuthetische Beratung

Adams nennt diese Betreuung „nuthetische" Beratung, die er im Gegensatz zu einer Erziehung von Eltern an ihren (kleinen) Kindern sieht. Es geht darum, durch das Wort Gottes und unter der Leitung des Geistes Gottes die Probleme zu analysieren und den Gläubigen wieder auf einen guten Weg zu bringen. Während die Psychotherapie oft die Ursachen in irgendwelchen Erlebnissen in der Vergangenheit sucht - die können auch tatsächlich vorhanden sein - und damit den Patienten aus der Verantwortung nimmt, denn er kann ja für die Vergangenheit nichts, nimmt Adams den Gläubigen in die Verantwortung. Er kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber er kann sich in der Gegenwart ändern. Das muss er auch tun - denn im Moment geht es ihm ja offensichtlich nicht gut. Dazu gehört gegebenenfalls, Sünden zu bekennen, Unordnung aufzuräumen und die Dinge nicht zu verharmlosen.

 

Lassen wir uns nicht an der Nase herumführen: Wo finden wir „seelische" Krankheiten in der Bibel, die keinen Bezug a) zu einer organischen Krankheit oder b) zu einem Lebensproblem wie die Sünde haben? Wir müssen sagen: Fehlanzeige. Das heißt nicht, dass es so etwas nicht gibt! Aber es macht uns vorsichtig, immer wieder von seelischen Erkrankungen zu sprechen, als ob das eine eigene Klasse von Krankheiten wäre.

 

Nach diesen „Methoden" arbeitende, christliche Kliniken waren innerhalb von kürzester Zeit leer. Nicht, weil die Patienten Reißaus genommen haben, sondern weil sie sich ihrer Verantwortung stellten und dadurch bereit waren, von sich aus (unter Hilfe) an ihren Problemen zu arbeiten. Im Nachhinein waren sie sogar sehr froh, „hart" in dem ersten Gespräch rangenommen worden zu sein. Das hat ihnen geholfen, ihr eigentliches Problem anzugehen.

 

Das Buch - eine kurze Bewertung

Dieses Buch, das derzeit nur antiquarisch erwerbbar ist, umfasst in der mir vorliegenden achten Auflage 245 Seiten und ist gut zu lesen. An manchen Stellen kann man den Eindruck gewinnen, dass das Thema auch mit weniger Worten behandelt werden könnte.

 

Insgesamt aber ist es ein Buch, das ich jedem empfehlen kann, der im Hirtendienst, der Seelsorge arbeitet, sei es am Ort oder auch überörtlich.

 

Natürlich gibt es Einschränkungen. Die erste und womöglich wichtigste liegt darin, dass Adams sehr extrem argumentiert. Für ihn hat - außer bei direkt endogenen Ursachen - Medizin anscheinend keinen Platz. Hier glaube ich nicht, dass eine solch extreme Haltung hilfreich und den Nöten der Personen angemessen ist, die um Rat bitten. Oft ist zumindest eingangs (und vorweg ohnehin, um medizinische Ursache abzuklären), medizinische Begleitung sinnvoll und nötig.

 

Ein weiteres Manko dieses Buches ist, dass Spezialthemen, die Krisen im Leben auslösen, nicht einmal angesprochen werden. Beispiel Kindesmissbrauch: Es ist wahr, dass Opfer sich über viele Jahre schwer damit tun können, Verantwortung in ihrem Leben zu übernehmen. Das liegt aber (zunächst) nicht an ihnen, sondern an den Folgen des Tuns eines anderen Menschen, der bis in ihr Innerstes vorgedrungen ist, und zwar nicht einmal in erster Linie körperlich, sondern seelisch. Es wäre nützlich, wenn es auch für Probleme, die auf einer solchen Ebene liegen, Hinweise geben würde. Denn diese können nicht allein durch die Übernahme von Verantwortung gelöst werden, obwohl auch das schon eine große Hilfe darstellt.

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