02.05.2003 1. Mose | Prophetie | Judas

Henoch: Der Mann, der nicht mehr war

In der ausgewählten Bildergalerie von Hebräer 11 ist ein Portrait, das aus den leuchtenden Zeugen des Glaubens herausragt. Er ist der einzige in dieser Liste, „der entrückt wurde, damit er den Tod nicht sehen sollte“. Denn „vor der Entrückung hatte er das Zeugnis, dass er Gott wohlgefallen habe“ (Heb 11,5).

Dieser hervorgehobene Unterschied ist auch im geschichtlichen Bericht über Henoch vermerkt (1. Mo 5,21-24). Die bedeutendste Tatsache in dem kurzen Bericht ist die außergewöhnliche Weise seines Abscheidens. Der Hinweis auf andere vorsintflutliche Patriarchen schließt jedesmal mit der traurigen Feststellung: „und er starb“. Aber bei Henoch heißt es: „und er war nicht mehr, denn Gott nahm ihn hinweg“. Nach den Worten des Neuen Testaments „wurde er nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte“ (Heb 11,5).

Hennoch wandelte mit Gott

Weshalb wird im Fall Henochs diese besondere Andeutung gemacht? Da war ein moralischer und geistlicher Wert in seinem Leben, der ihn veranlasste, sich von andern jenes bösen Zeitalters zu unterscheiden. Sein Charakter und seine Wege machten ihn Gott wohlgefällig, denn es wird gesagt: „Henoch wandelte mit Gott.“ „Wandeln wohl zwei miteinander, es sei denn dass sie übereingekommen sind?“ fragt der Prophet (Amos 3,3). Gott ist Licht, und durch Glauben wandelte Henoch in dem Licht, wo keine Finsternis sein kann.

Der Geist Gottes gibt im Hebräerbrief den Schlüssel zum beherrschenden Grundsatz in Henochs Leben, „durch Glauben“ (Heb 11,5). Der Glaube ist die unerlässliche Fähigkeit, das irdische Geschehen im Licht der göttlichen Offenbarung zu sehen.

Henoch wusste durch Glauben, dass das Böse seiner Zeit mit seinem Ursprung in Eden zusammenhing. Er muss wohl durch Adam selbst, mit dem er mehr als dreihundert Jahre lang Zeitgenosse war, gelernt haben, wie die Sünde in die Welt gekommen ist und damit der Tod, als ihr Lohn. Der Fluch auf dem Erdboden, der Schweiß seines Angesichts, alles zeugte von der Gegenwart der Sünde. Durch Glauben kannte Henoch die List und Macht der Schlange, und durch den gleichen Glauben hielt er die leuchtende Hoffnung fest, dass der Same des Weibes eines Tages das Haupt der Schlange zermalmen und die Welt von der Knechtschaft des Verderbnisses befreien würde. Henoch glaubte Gott, gegen den er und seine Vorväter gesündigt hatten, und er wandelte mit Ihm.

Henoch und das Kommen des Herrn

„Wer mit Weisen umgeht, wird weise“ (Spr 13,20), und beim Wandeln mit Gott erlernt man Gottes Weisheit. Diese Gewohnheit Henochs bewirkte, dass er in den Wegen Gottes gegenüber der gesetzlosen Welt unterwiesen wurde. Wie kam es, dass die Bosheit des Menschen überhand nahm auf der Erde und die Gedanken seines Herzens beständig böse waren? Wie kam es, dass das Blut des gerechten Abel umsonst um Rache schrie? Warum hielt Gott von Kain, dem Brudermörder, seine Strafe zurück? Henoch wusste es, weil er mit Gott wandelte und von Ihm lernte.

Vor der Zerstörung der gottlosen Städte der Ebene sagte der Herr: „Sollte ich vor Abraham verbergen, was ich tun will?“ (1. Mose 18,17). So offenbarte Gott dem Menschen, der mit Ihm wandelte, die Absicht seines Gerichts. Von Gott belehrt, schaute Henoch vorwärts auf „den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes“ (Röm 2,5).

Die erste, bekannte Prophezeiung der Menschheit

Darum also war Henoch, der siebente von Adam (nicht Hanoch, der dritte von Adam, der ein Sohn Kains war, 1. Mo 4,17), fähig, von kommenden Dingen in der Herrschaft der Welt zu weissagen. Judas offenbart, was das Alte Testament verschweigt, nämlich die Weissagung Henochs. Dieser vorsintflutliche Prophet sagte: „Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, Gericht auszuführen wider alle …“ (Jud 14.15).

Diese Prophezeiung ist in mancher Hinsicht bemerkenswert. Es ist die früheste bekannte; Gott gab sie Henoch vermutlich zu Lebzeiten Adams, bestimmt aber bald nach dessen Tod. Sie kündigt das gerichtliche Erscheinen des Herrn Jesus an, das sogar jetzt noch zukünftig ist. In seiner prophetischen Vision sah Henoch den Herrn schon anwesend, um zu richten, denn er sagte: „Siehe, der Herr ist gekommen“. Er sah es mit dem inspirierten Auge des Propheten.

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Die Flut war zweifellos eine teilweise Erfüllung der Warnung durch Henoch vor dem kommenden Gericht über das Böse. Aber die vollständige Erfüllung geschieht beim Kommen des Herrn „inmitten seiner heiligen Tausende“.

Wir wissen, dass der Herr noch kommen wird und alle Heiligen mit Ihm (Sach 14,5; 1. Thessalonicher 3,13). Dann wird der Herr Jesus Vergeltung geben denen, die Gott nicht kennen (2. Thes 1,8).



Dem Mann Gottes, der über die weitverbreitete Gottlosigkeit seiner Tage trauerte, war es geschenkt, zu sehen, dass das Recht den Sieg davontragen, alles Böse aber gebührend gerichtet werden würde. Aber lange vor jenem Tag des Gerichts wurde der fromme Henoch aus der Szene grenzenloser Gottlosigkeit auf Erden weggenommen.

Der Bericht in 1. Mose von Henochs Hinwegnahme ist kurz und einfach: „und er war nicht mehr, denn Gott nahm ihn hinweg“. Diese Feststellung wird in Heb 11 erweitert, wo wir lesen: „Durch Glauben ward Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehen sollte, und er wurde nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; denn vor der Entrückung hat er das Zeugnis gehabt, dass er Gott wohlgefallen habe.“

Das war die besondere Ehre, die dem Mann zuteil wurde, der inmitten des Abfalls des Geschlechts Adams auf Gottes Seite stand. Henoch wurde in den Himmel genommen, dem Wohnort der Gerechtigkeit und Heiligkeit, von wo der Herr selbst kommen wird.

Die Entrückung Henochs ist ein Hinweis auf die Entrückung beim Wiederkommen Christi

In der Weise seines Weggangs illustriert Henoch die Entrückung der lebenden Gläubigen, wenn der Herr Jesus mit einem sammelnden Zuruf vom Himmel kommt. Dann werden die Erlösten, die zu jenem Zeitpunkt noch leben, hinaufgenommen) um dem Herrn in der Luft zu begegnen, um dann für immer bei Ihm zu sein (1. Thes 4,15-17)

Henoch „war nicht mehr“. „Gott nahm ihn hinweg.“ Er wurde „entrückt, damit er den Tod nicht sehen sollte“. Er wurde „nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte“, das heißt, Er hatte ihn an einen anderen Ort versetzt.

Gläubige, in der Versammlung Gottes, „werden nicht alle entschlafen“. Aber „alle werden verwandelt werden“. Christus wird „unsern Leib der Niedrigkeit umgestalten zur Gleichförmigkeit mit seinem Leibe der Herrlichkeit“(Phil 3,21). Die Analogie mit Henochs Entrückung ist unverkennbar.

Entrückung aus einer Welt, die für das Gericht reif ist

Henoch wurde aus einer Welt, die reif war zum Gericht, hinweggenommen, damit er schließlich mit dem Herrn zurückkehren könne. So werden auch die jetzt lebenden Heiligen weggenommen, um bei dem Herrn zu sein, damit, wie Paulus sagt: „Wenn der Christus, unser Leben, offenbart wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit“ (Kol 3,4).

Diese plötzliche und stille Überführung der Menge der lebenden Gläubigen, zusammen mit den aus ihren Gräbern Auferstandenen, zu einem verborgenen Treffpunkt in der Luft, ist die ursprüngliche und immer noch unerfüllte Hoffnung der Versammlung. Die Schrift sagt nicht, dass vor diesem glücklichen Augenblick noch ein Zeichen erfüllt werden müsste. „Denn noch über ein gar Kleines, und der Kommende wird kommen und nicht verziehen“ (Heb 10,37).

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Mit freundlicher Genehmigung des Beröa Verlages
Halte Fest Jahrgang 1983 - Seite: 141