18.05.2012 Persönlicher Glaube

Mindestlohn ist christlich?

„Ein Lohn für einen Menschen, der heute in der Bundesrepublik Deutschland arbeitet, muss so aussehen, dass ein Arbeiter nicht auf Zusatzleistungen anderer Art angewiesen ist. Das ist keine parteipolitische Stellungnahme, sondern eine Stellungnahme aus christlicher Perspektive“, sagt die frühere EKD-Ratsvorsitzende in der Sendung „Im Dialog“ des Dokumentationskanals Phoenix (Bonn). Ist diese Aussage von der Schrift her haltbar?

Tatsächlich finden wir im Neuen Testament Hinweise über das Lohnverhalten. Der Apostel Paulus schreibt an die Versammlung (Gemeinde) in Kolossä: „Ihr Herren, gewährt euren Knechten das, was recht und billig ist, da ihr wisst, dass auch ihr einen Herrn im Himmel habt“ (Kol 4,1). Das ist in der Tat christlich. Sie wird Christen gesagt, die Herren sind – wenn man das auf die heutige Zeit beziehen möchte: die Arbeitgeber sind.

Was heißt recht und billig? Wenn das Gehalt „recht“ ist, bedeutet dies, dass der Lohn gerecht sein soll. Er wird in Übereinstimmung mit den Vorschriften (heute: Tarifvertrag) und im Blick auf vereinbarte Leistungen, die heute im Tarifvertrag stehen oder mit dem Mitarbeiter persönlich vereinbart worden sind, gezahlt. Es geht also bei Gerechtigkeit um allgemeine Maßstäbe, denen man genügen muss. Dazu gehört, dass in einem Unternehmen gleiche Aufgaben und gleiche Leistungsfähigkeit gleich bezahlt werden müssen.

Billigkeit dagegen ist mehr ein subjektives Empfinden. Auch hier geht es um Gerechtigkeit, denn die Bezahlung eines Mitarbeiters kann nicht einfach nach persönlichem Ermessen geschehen. Dennoch wird, wenn es darum geht, „billig“ zu verfahren, der Rechtsfall nach persönlichem Empfinden beurteilt. Es geht also um ein individuelles Entscheiden darüber, was gerecht ist.

Gerechtigkeit und Billigkeit gehören zusammen. Zunächst muss das Gehalt gerecht sein. Es sollte objektiv im richtigen Rahmen stehen. Innerhalb eines solchen Rahmens aber gibt es Ermessensspielräume. Hier ist das persönliche Gerechtigkeitsempfinden eines Vorgesetzten gefragt.

Es ist unmöglich, jede Leistung allein nach objektiven Kriterien zu beurteilen. Nehmen wir das Beispiel des Miteinanders von Mitarbeitern. Dies kann man nicht in jeder Hinsicht objektivieren. Daher ist hier eine „billige“ Entscheidung nötig. Dennoch ist es wichtig, dass sich der Vorgesetzte möglichst rationale Kriterien bestimmt, nach denen er die Entscheidung zum Beispiel einer variablen Vergütung trifft. Sympathie und Antipathie dürfen keine Entscheidungsgrundlage sein.

Soweit zu dem „christlichen“ Teil des Lohns. Was aber bedeutet „Mindestlohn“? Das ist eine Festlegung der Regierung für alle Angestellten und Arbeiter der verschiedenen Arbeitsbranchen. Ist eine solche Festlegung – einmal abgesehen von ihrer ökonomischen Sinnhaftigkeit – „christlich“? Kann sie es überhaupt sein?

Dazu müsste man fragen, was für Aufgaben das Neue Testament der Regierung gibt. In Römer 13 lesen wir, dass sie das Schwert trägt. Auch Petrus spricht davon, dass sie Böses bestrafen und Gutes belohnen soll. Aber gehört dazu der Mindestlohn? Was haben Christen überhaupt mit der Regierung zu tun? Das einzige, was Christen gesagt wird, ist, dass sie sich der Regierung unterordnen sollen (Röm 13,1). Aber bestimmt nicht, dass sie bestimmen sollen, was Regierungen im Einzelnen zu tun haben. Natürlich können wir anhand von Gottes Wort beurteilen, was moralisch von bestimmten Entscheidungen zu halten ist. Aber politische Forderungen erheben? Das ist die Crux der Aussage Käßmanns. Sie definiert eine politische Forderung als christlich, um sich dazu einbringen zu können. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die Welt – und damit auch ihre Regierungen – auch wenn letztere von Gott eingesetzt werden (Röm 13,1), unter dem Gerichtsurteil Gottes stehen (Joh 16,8.11). Was kann man von jemand verlangen und fordern, der unter einem unaufhaltbaren Urteil Gottes steht? Wir können den Menschen in Obrigkeiten das Evangelium weitergeben. Das ist unsere Aufgabe, nicht aber, sie mit politischen Forderungen zu belästigen. Leider hat „die Kirche“ – als Organisation ohnehin nicht in der Bibel zu finden – diesen Platz verlassen und ist selbst zu einer Partei geworden. Sie reiht sich damit ein unter die Organisationen, die als Teil der Welt unter dem Urteil Gottes stehen.