01.04.2003Versammlung / Gemeinde | Richter

Zuchtausübung setzt wahre Gottesfurcht voraus Praktische Lehren für das Volk Gottes aus Richter 19 - 21

Zuchtausübung setzt wahre Gottesfurcht voraus:
Praktische Lehren für das Volk Gottes aus
Richter 19-21

Einleitung

Das Buch der Richter stellt uns die Geschichte des Volkes Israel im Anschluss an den Tod Josuas und der Ältesten des Volkes dar bis zum Beginn der Geschichte des Königtums, die uns in den Büchern Samuel und Könige aufgeschrieben ist. In diesem Buch finden wir in einer Zeit, die uns vor allem den Niedergang aufzeigt, fünf Erweckungen unter 12 Richtern. Den negativen Höhepunkt – aber zugleich auch den allgemeinen Zustand (17,6; 18,1; 19,1;...) zeigt uns der letzte Vers des Buches: ”In jenen Tagen war kein König in Israel: Ein jeder tat, was recht war in seinen Augen.”

Können wir diese in außerordentlich detaillierter Weise aufgeschriebenen Gedanken auf Christen anwenden? Die Bibel gibt dazu eine eindeutige Antwort: ”Denn alles, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben” (Römer 15,4). Nun mag man in diesen Kapiteln nicht in erster Linie eine Ermunterung sehen – es sei denn, man nimmt die Lehren zu Herzen, die uns der Geist Gottes hier aufgezeichnet hat. Gerade aber als moralische Belehrung kann uns dieser Abschnitt sehr wohl dienen. Und letztlich ist der oben zitierte letzte Vers des Buches doch zugleich ein Hoffnungsschimmer, weil er in gewisser Weise den kommenden König einführt.

Vergleiche

Oft ist die Zeit der Richter mit der Zeit der Christenheit nach dem Abschied der Apostel – gleichsam der Ältesten – verglichen worden. Und in der Tat ist auch die Zeit der Christen, wie uns das Gleichnis des Sämanns in Matthäus 13,24ff und auch die Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3 deutlich machen, durch Niedergang charakterisiert. Aus diesem Grund geben uns die einzelnen Ereignisse im Buch der Richter auch wichtige praktische Belehrungen für die heutige Zeit.

Zugleich gibt es für uns etwas, was in der Zeit der Richter nur beschränkter Form existierte: das Wort des Herrn. Josua hatte dem Volk ein Vermächtnis hinterlassen, so auch unser Herr Jesus Christus. Er hat uns jedoch das Wort Gottes hinterlassen, das uns die ganze offenbarte Wahrheit vorstellt.

Ein Anhang im Buch der Richter: Kapitel 17-21

Das gilt auch für die letzten drei Kapitel des Buches der Richter, die zusammen mit den vorausgehenden Kapiteln 17 und 18 einen Anhang darstellen, in dem die in Israel existierende geistliche Verderbtheit auf der einen Seite, die sich in Götzendienst und die Gewalttätigkeit äußerte (Kapitel 17-18), sowie die moralische Verderbtheit und die mit ihr verbundene Gewalttätigkeit auf der anderen Seite (Kapitel 19-21) vor unsere Augen tritt. In den beiden erstgenannten Kapiteln werden uns die Wurzeln für alles Böse vorgestellt, das Abwenden von dem einzigen und wahren Herrn. Aus dieser Trennung kommen dann schlimme moralische und lehrmäßige Früchte hervor, denen wir in den letzten drei Kapiteln begegnen.

Unsere Herzen sind zu allem fähig

Sind nicht genau diese Wurzeln und Früchte die Eigenschaften unserer heutigen Zeit, der jetzigen Christenheit? Gott wünscht, dass wir uns von solch moralischem Abweichen und den Personen, die diese Kennzeichen tragen, zu Ihm hin absondern; denn Er ist heilig, also auch wir (1. Petrus 1,16)! Und so empfinden wir, dass diese Kapitel deshalb eine so lebendige Sprache für uns heute sprechen, weil sie unsere eigenen Herzen herausfordern. Alles das ist ja nicht nur in den Herzen von Ungläubigen möglich, sondern auch in unseren eigenen.

Gerade wenn man das Leben eines der treuesten Männer Gottes betrachtet – David – dann sieht man, wozu unsere Herzen fähig sind. Das demütigt uns sehr, führt zu echter Vorsicht in der Beurteilung eines solchen Abschnittes und anderer Personen, und legt das ganze Schwergewicht auf die moralischen Belehrungen dieser Kapitel. Gerade dadurch, dass die zugrunde liegenden Begebenheiten in einer seltenen Ausführlichkeit vor unsere Herzensaugen treten, wird die Wirkung noch verstärkt. Hier werden schlimme Dinge nicht einfach an der Oberfläche behandelt, wie es bei uns oft die Gefahr ist, sondern bis zu ihren Wurzeln zurückverfolgt.

Verfall beginnt schon am Anfang

Die Begebenheiten von Richter 17-21 spielten sich in der Anfangszeit des Buches ab, was unter anderem an der Erwähnung von Pinehas zu erkennen ist. Schon da war offenbar der Zustand des Volkes so niedrig. Wie viel mehr ist das Befinden des Volkes Gottes – in Seiner Verantwortung gesehen - dann am Ende einer solchen Epoche, wie wir sie auch jetzt in der Christenheit erleben, mit moralischen Verfall und auch Abfall verbunden!

Wie schon angedeutet umfasst die Belehrung dieser Kapitel das ganze Spektrum dessen, was ein Mensch und leider auch ein Gläubiger in seinen Sünden vollbringen kann: Verdorbenheit und Gewalttat (1. Mose 6,11), wobei Verdorbenheit Götzendienst und Sittenlosigkeit ist. Während sich die ersten beiden Kapitel vorwiegend auf das Verhältnis des Menschen zu Gott beziehen (also sozusagen die erste Gesetzestafel vom Sinai), betreffen die letzten drei Kapitel vor allem das Verhältnis der Menschen untereinander (also die zweite Gesetzestafel). Darüber hinaus gibt es viele weitere Parallelen zwischen den beiden Geschichten – es sei nur auf die Rolle der Leviten, von Bethlehem-Juda und des Gebirges Ephraim, hingewiesen.

Überblick über Richter 19-21

Wenn man nun die letzten drei Kapitel näher betrachtet, wird man feststellen, dass sie uns in bezug auf unsere heutige Zeit (Kapitel 19) und insbesondere für Versammlungsentscheidungen (Kapitel 20-21) wichtige Lektionen lehren. Kapitel 19 beschreibt uns das Übel, das in Israel vorgekommen ist. Kapitel 20 spricht davon, wie man mit diesem Übel handelt, und Kapitel 21 führt uns die Folgen dieses Handelns mit dem Übel vor Augen. Zunächst sei kurz der Inhalt der drei für unser Thema relevanten Kapitel.

In Kapitel 19 finden wir die Ursache für das Unheil. Ein levitischer Mann läuft hinter seiner Kebsfrau her, die ihn in Hurerei verlassen hat und zu ihrem Vater zurückgekehrt ist. Von seinem ”Schwiegervater” wird er ins Haus aufgenommen und gedrängt, mit ihm über die Maßen zu speisen und zu trinken – ja, sich zu betrinken. Da er offenbar ein eher willensschwacher Mann ist, lässt er sich mehrfach bedrängen, den geplanten Abschied aufzuschieben.

Schließlich ”schafft er es doch noch” wegzugehen, muss aber aufgrund der schon späten Abreisezeit eine Übernachtung in Gibea (Benjamin) in Kauf nehmen. Nachdem er dort eine ganze Weile warten muss, findet sich schließlich doch noch ein alter Mann, übrigens kein Benjaminiter, der ihn und seine Kebsfrau für die Nacht ins Haus aufnimmt. Am Abend stellt sich heraus, dass die Männer aus Gibea-Benjamin nicht besser sind als die gottlosen Männer Sodom und Gomorras. Sie begehren eine homosexuelle Beziehung zu dem Leviten. Dies kann zwar verhindert werden, aber nur dadurch, dass der Levit seine Kebsfrau auf die Straße führt, die von den Männern der Stadt mehrfach misshandelt wird – und dadurch stirbt. Der levitische Mann nimmt nun seine tote Kebsfrau mit nach Hause, zerstückelt sie in 12 Teile und sendet je ein Stück an alle Stämme Israels.

In Kapitel 20 lesen wir dann, dass sich angesichts dieser grauenhaften Tat das ganze Volk wie ein Mann nach Mizpa versammelt, 400.000 Mann Fußvolk, die das Schwert ziehen, um zu beraten, und den Stamm Benjamin, in dessen Mitte das Gräuel verübt wurde, zur Rede zu stellen. Einmütig kommt man zum Urteil, dass der Stamm Benjamin die Männer von Gibea, die für diese Freveltat verantwortlich waren, herausgeben soll, damit man an ihnen Gericht üben könne. Benjamin will jedoch nicht auf dieses Urteil hören und stellt sich – inklusive der 700 Männer von Gibea – mit 26.700 Kriegsleuten gegen den Rest Israels auf.

Nach zwei vergeblichen Kämpfen gegen Benjamin, in denen insgesamt 40.000 israelitische Kriegsleute fallen, wird Benjamin beim drittenmal vollständig geschlagen, indem insgesamt 26.100 Mann von ihnen im Kampf sterben. Nur 600 Männer können sich in eine Felsenkluft flüchten und überleben.

In Kapitel 21 lesen wir schließlich, dass sich die elf Stämme zwei Dinge geschworen haben, nämlich zum einen, den Benjaminitern aufgrund der in ihrer Mitte geschehenen Übeltat und der fehlenden Buße keine ihrer Töchter zu Frauen zu geben, und zum anderen, dass ein Stamm, der nicht zum Kampf nach Mizpa hinaufkommen würde, getötet werden müsse. Da jetzt aber von Benjamin durch den Krieg keine Frau übrig geblieben ist, befindet sich das Volk in einer großen Schwierigkeit. Weil nun aus der Familie Jabes-Gilead aus Israel niemand mit in den Streit gezogen war, wurden alle Männer und Frauen von Jabes-Gilead getötet, bis auf die Töchter, die noch keinen Mann gehabt hatten. Diese 400 gibt man den 600 Männern aus Benjamin zu Frauen. Zudem gestattet man den Benjaminitern, dass sie, wenn das Volk nach Jerusalem zu dem Laubhüttenfest ziehen würde, junge Mädchen rauben dürften, um sie sich zu Frauen zu nehmen. Letztlich endet dann dieses Kapitel mit der bereits zitierten Bemerkung, dass in jener Zeit jeder das tat, was recht war in seinen Augen.

Kapitel 19: Sünde führt häufig zu vermehrter Sünde

Das Volk ohne König und Autorität

(Vers 1) Diese drei Kapitel werden von einer Aussage eingerahmt, die heißt: ”Und es geschah in jenen Tagen, als kein König in Israel war...” Bereits in 5. Mose 17,14 hatte Gott Mose deutlich gemacht, dass das Volk, wenn es im Land Kanaan sein würde, einen König begehren würde. Zur Zeit der Richter war es jedoch noch nicht so weit. Nun mag man dies als gutes Zeichen ansehen, vor allem, wenn man bedenkt, in welcher Weise Samuel dann auf das Begehren des Volkes in 1. Samuel 8 reagiert. Dieser Eindruck stimmt allerdings nur auf den ersten Blick optimistisch. Denn anstatt sich in allem durch Gott führen und richten zu lassen, tat das Volk das, was ihm selbst gefiel.

Nicht der HERR war in der Praxis seines Lebens der König, sondern das eigene Herz. Aus diesem Grund finden wir am Ende dieser Geschichte und des gesamten Buches auch die Ergänzung: ”Ein jeder tat, was recht war in seinen Augen” (Richter 21,25). Das war in der Tat das Kennzeichen des ganzes Volkes. Er galt einerseits für jeden einzelnen der Israeliten, indem man sich nicht nach dem Gesetz des HERRN richtete, sondern den eigenen fleischlichen und götzendienerischen Ideen folgte, wie man vor allem auch in den beiden vorangehenden Kapiteln sehen kann. Andererseits galt dieser Ausspruch auch für das Volk als Ganzes, denn es versagte mehrfach darin, Gott zu befragen. Anstatt dessen tat es, was es selbst für richtig hielt.

Nun mag man fragen, warum der Schlusssatz des gesamten Buches, dass jeder tat, was er wollte, nicht auch in Verbindung mit dem ersten Vers des Kapitels zitiert wird. Die Antwort mag darin bestehen, dass genau die jetzt folgenden drei Kapitel die ausführliche Beschreibung dessen sind, was in diesem traurigen Satz zusammengefasst wird: Ein jeder tut, war recht ist in seinen Augen.

Auch die Christen stehen heute in Gefahr, diesen Maximen zu folgen. Nur das persönliche und gemeinsame Gebet, das Lesen und Befolgen des Wortes Gottes und das ständige Fragen nach der Leitung des Heiligen Geistes, sowohl im persönlichen wie im gemeinsamen Leben können uns vor solchem Versagen und Niedergang bewahren.

Laxheit kann Gott nicht gutheißen

Die Geschichte des Leviten und seiner Kebsfrau, soll uns offenbar vorstellen, mit welcher Laxheit man in Israel mit den Geboten des HERRN umging. Jeder tat eben, was recht in seinen eigenen Augen war. Würde man das nicht irgendwie in Übereinstimmung mit den Gedanken des Herrn bringen können? Und wenn auch die hervorgehobene Klasse der Leviten, die eigentlich ein Beispiel sein sollte, auf eine solche Art und Weise mit den Anweisungen des HERRN umging, dann mochte das ”einfache” Volk sich an diesem Beispiel orientieren. Mehr als einmal lesen wir in den Büchern Mose, dass die Leviten dem HERRN gehörten (z.B. 4. Mose ,12). Gott hatte sie anstelle des Erstgeborenen in Israel genommen und ausgewählt (4. Mose ,41), so dass sie Vorbilder für den Rest des Volkes hätten sein sollen. Anstatt dessen sehen wir jedoch ihr Versagen in geistlichen Fragen (Richter 17-18) und in moralischen Fragen (Richter 19-21).

Wie leicht orientiert man sich auch heute an den ”Laxheiten” derjenigen, die als Vorbilder versagen, anstatt sich allein an dem Wort Gottes auszurichten.

Es ist erstaunlich, dass ein Levit, der besondere Aufgaben für den HERRN erfüllen durfte, und dessen Vorväter durch wahre Absonderung ausgezeichnet waren (2. Mose 32), sich eine Kebsfrau nimmt, offenbar neben seiner ”eigentlichen” Frau, die ihm anscheinend nicht ausreichte. Vielweiberei war von Anfang an zum Schaden (Matthäus 19,4-5) , und es gibt wohl kein Beispiel in der Schrift, das diesen Zustand nicht mit Nöten verbindet. Hier ist er der Anlass – nicht die Ursache – für einen Bürgerkrieg in Israel.

Jeder Gläubige ist in der geistlichen Übertragung des Levitendienstes Diener des Herrn. Satan kann alles, was bei uns nicht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des Wortes Gottes ist, zum Anlass nehmen, Zwiespalt unter die Geschwister zu bringen, oder zumindest uns von der alleinigen Nachfolge des Herrn abzubringen. Dazu gehören ebenfalls nicht geordnete Familienverhältnisse, vor allem auch nicht gelöste und nicht bereinigte Schwierigkeiten in der Ehe von Gläubigen. Ausdrücklich heißt es übrigens für einen Ältesten in Titus 1,6: ”Der Mann EINER Frau”.

In Hebräer 13,4 heißt es zudem: ”Die Ehe sei geehrt in allem.” Daraus erkennen wir deutlich, dass ein Zusammenleben außerhalb der Bande der Ehe von Gott abgelehnt wird. In alttestamentlichen Zeiten hat Er das bei Seinen Knechten zum Teil ertragen, auch wenn Er es an keiner Stelle guthieß. Im Neuen Testament lehnt Gott die Vielehe jedoch als Ehebruch vollständig ab.

Zudem ist es interessant, dass der Levit sich – soll man sagen ”aufs Geratewohl”? – eine Nebenfrau aus Bethlehem-Juda nimmt. Gab es unter den Leviten nicht genügend ”passende” Frauen? Sicher, wir wollen nicht spekulieren, aber es hat den Anschein, dass dieser Mann alles andere als geistlich war, sondern möglicherweise ”zufälligen” Bekanntschaften, die ihm gut gefielen, zum Opfer fiel, weil seine Sinne angesprochen wurden.

Darüber hinaus fragt man sich bei dieser Begebenheit, warum sich der Levit ”an der äußersten Seite des Gebirges Ephraim aufhielt”. Hatte er dort vielleicht gar nicht seinen eigentlichen Wohnsitz? Jedenfalls lesen wir nichts davon, dass er dort regelrecht ”wohnte”. Möglicherweise ist das eine Erklärung dafür, dass wir nie von seiner eigentlichen Frau lesen. Gerade aber im Hinblick darauf, dass er Levit war, möchte man fragen, ob er wirklich im Auftrag des Herrn handelte.

Gott hasst Hurerei

(Vers 2) Die Kebsfrau beging Ehebruch und Hurerei. Das steht im unmittelbaren Widerspruch zum Gesetz Gottes (z.B. 5. Mose 22,22). Daher kann auf einer solchen Handlung kein Segen ruhen, nein, sie verlangte die Todesstrafe. In diesem Fall ist es sogar so, dass diese Frau später genau durch die Sünde umkommt, die sie hier selbst begangen hat, indem andere mit ihr Hurerei treiben und sie misshandeln. Sie muss somit die Früchte ihrer eigenen Sünde auf eine schreckliche Art und Weise kosten.

Es ist in der Gnadenzeit selten so, dass Gott uns eine derart scharfe Antwort auf unser Fehlverhalten gibt. Dennoch sollten wir uns immer bewusst sein, dass Gott uns Gläubige sieht und in Seinen Regierungswegen, selbst wenn sie indirekter Natur sind, richtet und läutert. Natürlich hat Gott dem Glaubenden auch eine nach der Bekehrung begangene Sünde grundsätzlich (”de jure”) bereits vergeben – wiewohl das niemals die Freiheit zum Sündigen eröffnet. Wenn der Gläubige dann seine Sünde bekennt, wird sie auch tatsächlich (”de facto”) vergeben und der Genuss der Gemeinschaft ist wiederhergestellt (1. Johannes 1,9).

Teilweise muss aber auch der Gläubige an den Folgen der Sünde länger tragen, denken wir beispielsweise an eine von Gott nicht für gut geachtete Eheschließung, etc. Vergebung bedeutet eben nicht, dass alle Konsequenzen aus einer Sünde beseitigt sind. Auch für den Gläubigen gilt nach wie vor, dass der Mensch erntet, was er gesät hat (Galater 6,7).

Mit Erstaunen stellt man fest, dass diese Frau nun zu ihrem Vater zurückkehrt. Hatte sie Angst vor ihrem Mann? War sie von ihm enttäuscht? Waren alle ihre Pläne gescheitert? Offenbar war sie durch ihr eigenes Fehlverhalten oder auch durch ihre Enttäuschung über den Leviten nicht mehr bereit, zu ihm zurückzukehren. Um so mehr fällt auf, dass wir an keiner Stelle dieser Begebenheit davon lesen, dass sie von ihrem Mann zur Rede gestellt wird bzw. dass er sie dem Gericht des HERRN übergibt.

Genauso interessant ist, dass hier das Bleiben der Frau in dem Haus ihres Vaters auf die Zeit von 4 Monaten beschränkt und festgeschrieben wird. Sollte es ein Hinweis darauf sein, dass Gott ihr in Seiner unumschränkten Gnade die Möglichkeit zur Buße über ihr Tun geben wollte, bevor sie tatsächlich das Gericht ereilen würde? Gott lässt sich nie ungestraft spotten! Ohne Buße wird Er Sein Gericht zu Seiner Zeit ausführen, wenn der Mensch darin versagt, im Selbstgericht Buße zu tun.

Der Herr sucht unser Herz und das Gewissen

(Vers 3) Wir wissen nicht, warum der Levit so an dieser Frau hängt, die ihn hintergangen hat, dass er relativ schnell hinter ihr herläuft, um sie erneut in sein Haus zu bringen. Von seiner ”eigentlichen” Frau lesen wird jedenfalls überhaupt nichts. Offenbar war er stärker durch seine Gefühle als durch das Beobachten des Gesetzes, des Wortes Gottes, bestimmt. Unser Herr wünscht, dass wir uns in allem, auch in unseren Gefühlen und Emotionen, durch Sein Wort leiten lassen.

Der Levit redet zum Herzen seiner Kebsfrau. Besser wäre gewesen, zu ihrem Gewissen zu reden, um sie zur Umkehr und Buße über ihre Sünden zu bringen. Allerdings muss man berücksichtigen, dass es in der Hebräischen Sprache kein spezielles Wort für ”Gewissen” gibt. Das Wort ”Herz” wird dafür als Synonym benutzt. Daher wäre es möglich, dass der Levit tatsächlich auch zum Gewissen seiner Kebsfrau gesprochen hat. Der weitere Verlauf der Geschichte lässt jedoch darauf nicht schließen. Vielmehr hat man den Eindruck, dass es um die Zuneigungen der Frau ging, um ihre Emotionen, die er wieder für sich gewinnen wollte.

Während das Herz im allgemeinen stärker von den Gefühlen und Zuneigungen zu sprechen scheint (Sprüche 3,5; 4,23; 23,26), ist das Gewissen der Sitz der Erkenntnis des Guten und Bösen (1. Mose 3,5.7; Apostelgeschichte 24,16). Wir dürfen aus diesem Unterschied zwischen dem Herzen und dem Gewissen für uns lernen.

Wie leicht wollen wir das vergessen machen, was zuerst bereinigt werden müsste – in unserem eigenen Herzen oder in dem von Personen, die der Herr uns in unseren Familien oder in der Versammlung Gottes anvertraut hat. Nicht wirklich bereinigte Sünden in diesen Privatsphären führen sehr leicht zu negativen Folgen auch unter Geschwistern. Bedauerlicherweise gibt es davon manche Beispiele.

Vielleicht darf man an dieser Stelle auch die Frage stellen, warum der Levit diese Frau nunmehr nicht ”standesgemäß” heiratet. Angesichts der Tatsache, dass wir in diesem Bericht nie etwas von seiner eigentlichen Frau lesen, kommt eine solche Frage unmittelbar auf. Hätte der Levit nicht manchen Fehler verhindern können und aus alten Fehlern lernen können, wenn er nunmehr eine solche Konsequenz auf sich genommen hätte?

Gemeinschaft mit Sünde oder Sündern verunreinigt

Zugleich stellt sich bei dieser Geschichte die Frage, ob sich der Levit nicht dadurch, dass er in dem Haus dieser Frau einkehrt, die sich durch Hurerei befleckt hatte, ebenfalls verunreinigt. Wie leicht übersehen wir, dass Kontakt mit dem Bösen verunreinigt, vor allem dann, wenn wir es uns wie dieser Mann dabei auch noch bequem machen. Diese Bequemlichkeit kann sehr schnell, wie wir aus der Geschichte Davids lernen, zu einem Fallstrick werden. Sie wird häufig dadurch ausgelöst, dass wir uns zu einer falschen Zeit am falschen Platz aufhalten.

So auch dieser Levit. Er gehört eigentlich zu denen, die neben den Priestern, die auch Leviten waren, in der unmittelbaren Nähe Gottes dienten. Dennoch lesen wir an dieser Stelle, eigentlich in der ganzen Geschichte des Leviten kein Wort davon, dass er Gott einmal befragt hätte, welchen Weg er gehen soll. Auch daraus lernen wir, dass wir nicht nur zu Gott kommen dürfen, sondern dass Er es von uns erwartet und erwarten kann, vor jedem Schritt nach Seinem Willen zu fragen.

Man kann sich gut vorstellen, dass der Vater der Kebsfrau froh war, dass ihr Mann wieder kam, um sie zurückzuholen. So wurde die Ehre seiner Tochter wiederhergestellt, und auch er als Vater, der vielleicht durch die Hurerei einen schlechten Ruf erhielt, konnte aufatmen.

So ist es häufig in dieser Welt. Solange die Gläubigen bestimmten Interessen der Weltmenschen nützlich sind, nimmt man sie gerne ins Haus auf. In gewisser Hinsicht kann man sich eben mit Gläubigen schmücken. Das jedoch heißt nicht, dass nicht bei der nächstbesten Gelegenheit die Feindschaft der Welt wieder ihren Ausdruck findet. Ein Gläubiger lebt nur dann sicher, wenn er sich von der Welt trennt – allerdings muss er dann Ablehnung und Verachtung in Kauf nehmen.

Salz der Erde

Diese Verse erinnern uns an Matthäus 5,13: ”Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz kraftlos geworden ist, womit soll es gesalzen werden? Es taugt zu nichts mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden.” Dieser Levit glich dem kraftlosen Salz. Er war ohne Kraft, das Böse innerlich und äußerlich zu verurteilen. Vielmehr machte er sich – mindestens äußerlich – eins mit denjenigen, die Sünde auf sich geladen hatten. Dadurch war er in dieser Hinsicht zu nichts anderem tauglich, als ”hinausgeworfen zu werden”. Um so bemerkenswerter ist es, dass gerade dieser Mann der Zeuge wird, auf den sich das ganze Volk verlässt und der damit den Bürgerkrieg in Israel zumindest mittelbar auslöst.

Wir lernen aus diesem Punkt, dass wir nur dadurch, dass wir uns als für den Herrn Abgesonderte verhalten, wahrhaftig Salz der Erde sein können. Nicht die Mentalität von ”Schwamm drüber”, sondern das Bewusstsein, dass Gott heilig und gerecht ist, lässt uns wahre Zeugen sein. Zudem warnt uns der Geist Gottes davor, aufgrund menschlicher Neigungen Männer zu vertrauenswürdigen Zeugen zu machen, die in ihrer Lebenspraxis durch Weltförmigkeit und Unheiligkeit auffallen, anstatt auch an dieser Stelle biblische Maßstäbe anzuwenden.

Eine andere Seite ist, dass in dem Verhalten des Vaters dieser Kebsfrau jedes Anzeichen eines gebeugten Geistes fehlt. Hätte er nicht allen Grund gehabt, sich für seine Tochter zu schämen? Das jedoch scheint ihm gar nicht in den Sinn zu kommen. Vielmehr überspielt er alle solche Empfindungen.

Wie leicht stehen auch wir als Eltern in der Gefahr, unsere Kinder zu decken bzw. jeden Anlass zu suchen, die eigenen Nöte zu überspielen – anstatt uns zu demütigen und zu beugen, da es doch wieder ”einigermaßen gut” gegangen ist, jedenfalls besser, als wir gedacht hätten.

Man wird beim Lesen des Endes des dritten Verses unwillkürlich an das Gleichnis des sogenannten verlorenen Sohnes (Lukas 15) erinnert. Aber welch ein Unterschied zwischen diesen beiden Vätern. Derjenige in Lukas 15 steht in Seiner ganzen moralischen Würde vor uns, in der Er auf seinen Sohn zugeht, nachdem in dessen Gesicht bereits Zeichen der Buße zu lesen sind. Jener in Richter 19 dagegen ist nur von fleischlichen Beweggründen beseelt, um sich und seine Familie ins rechte Licht zu rücken.

Wahre Freude ist nüchtern

(Vers 4-8) Es hat den Anschein, als ob im Haus des ”Schwiegervaters” des Leviten ein regel-rechtes Gelage stattfand. Das mag oberflächlich betrachtet eine Art von Freude sein. In Wirklichkeit handelt es sich bei einem Gelage aber um eine ausgelassene, überschäumende Art von Fröhlichkeit und Lustigkeit, die aus dem Fleisch und nicht aus dem Geist kommt (Galater 5,19). Auch andere Gelage der Schrift, denken wir nur an Belsazar (Daniel 5), Herodes (Matthäus 14) oder Ahasveros (Esther 1), hatten üble Folgen. Hier in Richter 19 werden diese noch nicht unmittelbar sichtbar, aber sie würden kommen.

Als Gläubige dürfen wir uns freuen, auch mit unseren Mitgeschwistern; wenn wir nicht, wer denn dann? Aber doch gilt für den Christen, dass er immer Herr seiner Sinne und besonnen (Titus 2) bleiben muss.

Es ist im übrigen interessant, dass man das Wort Gelage – und damit den Gedanken aus Richter 19 – in Galater 5 wiederfindet. Dort wird ”Gelage und dergleichen” in Verbindung mit ”Hurerei, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft” etc. aufgeführt. Dadurch erhält man einen gewissen Eindruck, welches Urteil Gott über diese Dinge ausspricht.

Wir sahen schon, dass der Levit einen äußerst schwachen Willen hat, denn sein Schwiegervater hat keine Mühe, ihn mehrmals von seinen Plänen der Abreise abzubringen. Gott hat kein Gefallen an dem Eigenwillen des Menschen. Dennoch sollte ein Christ grundsätzlich ”mannhaft” sein, und nicht willenlos (Sprüche 7). Das dürfen wir auch den Worten des Apostels Paulus entnehmen, der in 1. Korinther 16,13 den Korinthern zuruft: ”Wacht, steht fest im Glauben; seid mannhaft, seid stark!”

Zugleich sticht der Vergleich dieses Mannes mit dem Knecht Abrahams ins Auge. Dieser wollte nicht bleiben, nachdem Rebekka zur Hochzeit mit Isaak eingewilligt hatte, sondern umgehend aufbrechen, um seinem Herrn die Braut zuzuführen und entsprechend der Aufträge Abrahams zu handeln. Dieser Levit dagegen hatte offenbar keine Aufgaben und konnte sich so bereitwillig über eine längere Zeit ”arbeitslos” im Hause seines ”Schwiegervaters” aufhalten.

Gläubige dürfen durch Dienst gekennzeichnet sein

Wenn Gott Gläubigen eine Überzeugung schenkt, dann erwartet er, dass wir nach dieser handeln. In dieser Hinsicht ist der Unterschied zwischen dem Leviten und seinen Vorfahren, die sich angesichts der Verehrung des goldenen Kalbes sofort auf die Seite Moses stellten, sehr auffallend (2. Mose 32,26). Jene hatten damals eine entschiedene Haltung eingenommen, als es um die Ehre des HERRN ging. Sie zögerten nicht lange, sondern wählten unmittelbar die Seite des HERRN – und wurden so fähig, hervorragende Dienste für Gott und das Volk auszuführen.

Ihre eigentliche Aufgabe war es zu dienen. Dieser Levit jedoch fällt dadurch auf, dass er sich bedienen lässt. Wer als Diener eine solche Haltung einnimmt, kann sicher sein, dass Verfall und Sünde vor der Tür lagern. Das sehen wir in extremem Ausmaß bei Gehasi, dem Diener Elisas, aber auch zuweilen bei treuen Dienern wie David und Gideon.

Man hat fast den Eindruck, als wäre der Schwiegervater darauf bedacht, den Leviten länger in seinem Haus zu behalten, damit allen sichtbar würde, dass sich seine Tochter wieder auf guten Wegen befindet.

Ein in den Wegen des Herrn geübter Gläubiger sollte diese egoistischen und weltlichen Interessen erkennen, die hier der Schwiegervater offenbart, und daraus seine Konsequenzen ziehen. Ein weltlicher Gläubiger jedoch ist so im Garn Satans verfangen, dass er nicht mehr merkt, wie dieser mit ihm spielt. Schlimm ist auch, dass ein solcher Gläubiger häufig in dem Moment, wo er bei einem anderen Böses entdeckt, um so schärfer re-agiert und jenen verurteilt (vgl. 1. Mose 38,24; Richter 20,8; ...). Möglicherweise erkennt er unbewusst die eigenen Fehler und versucht, diese durch eine scheinbar geistliche Reaktion zu überspielen.

Der Mensch – der Gläubige – ist verantwortlich

Fünf Tage verbrachte der Levit somit im Hause seines Schwiegervaters. Das wird uns ausdrücklich mitgeteilt. Daher scheint der Geist Gottes uns auch eine moralische Belehrung aus dieser Tatsache geben zu wollen. Die Zahl ”5” hat mit der menschlichen Verantwortung zu tun. Der Mensch hat Hände und Füße, die aus jeweils fünf Fingern bzw. Zehen bestehen. In Markus 6,40 lässt der Herr Jesus die Volksmenge auch in Gruppen von je 50 (und 100) Personen lagern.

So, wie wir mit unseren Händen vor unserem Schöpfer Gott verantwortlich sind, das zu tun, was Seinem Willen entspricht, sind wir mit unseren Füßen verantwortlich, die Wege zu beschreiten, die Er will. Genauso offenbarte der Herr Jesus Seine Schöpfermacht, indem Er die Brote und Fische vervielfältigte und die Menschen unter Verantwortung stellte, Ihn als Schöpfer und Herrn anzuerkennen. In ähnlicher Weise prüfte Gott auch diesen Leviten in seiner Verantwortung vor dem Schöpfer, der ihm eigentlich nur eine Frau gegeben hatte, und in bezug auf sein Verhalten zu seiner falschen Verbindung mit dieser Frau. Aber der Levit versagte – wie auch wir so oft – und lädt damit die Folgen dieses Versagens auf sich und sogar auf das ganze Volk.

Es ist auch erstaunlich, dass es in diesen Versen um den Schwiegervater und seinen Schwiegersohn, nicht aber um den Leviten und seine Frau geht. Soll uns, bevor das große Übel in Gibea passiert, ein Gemälde von diesem Leviten gemalt werden, um uns seine Gesinnung deutlich vor die Herzen zu stellen? Natürlich sollten wir die Sünde der Kebsfrau erkennen, aber sie steht letztlich nicht im Mittelpunkt dieser Geschehnisse.

Der Herr sucht Hingabe, nicht Trägheit

(Vers 9-10) Die fehlende Aktivität, die sich schon in den Versen 4-8 abzeichnete, setzt sich auch am tatsächlichen Abschiedstag fort. Im Gegensatz zu Abraham, der sich des Morgens früh aufmachte (1. Mose 22), oder zu Mose, der verschiedene Plagen am frühen Morgen einleitete (2. Mose 7-11), lässt es der Levit auch am Abreisetag äußerst gemächlich angehen. Letztlich wird das sogar zu einer Ursache für das bevorstehende Übel, da er nun nicht innerhalb eines Tages sein eigenes Haus erreichen kann. Wir lernen daraus, dass Gott Gemütlichkeit (in bezug auf anstehende Aktivität), Faulheit und Trägheit nicht segnet.

Gerade der frühe Morgen, sei es, dass wir ihn auf die Jugendzeit eines Menschenlebens oder auf den tatsächlichen Morgen eines Tages beziehen, sollte der Beginn unserer geistlichen Aktivität sein. ”Ein wenig Schlaf, ein wenig Schlummer, ein wenig Händefalten, um auszuruhen – und deine Armut kommt herangeschritten, und deine Not wie ein gewappneter Mann” (Sprüche 24,34). Auch für uns ist es wichtig, den richtigen Augenblick für unsere Aktivitäten, unser ”Aufbrechen” zu erkennen. So mancher Fehler hätte vielleicht vermieden werden können, wenn wir die Zeit des Herrn erkannt und danach gehandelt hätten.

Moralische Nacht in Israel

Häufig finden wir in der Schrift, dass äußere Bedingungen eine unmissverständliche Symbolik in sich tragen. Ein Beispiel dafür ist die Nacht, in die Judas ging, als er das Abendessen mit dem Herrn Jesus und den Jüngern verließ, um endgültig ein Feind Jesu zu werden. Auch in seinem Herzen wurde es da endgültig Nacht, und sein Ziel, sein ewiger Bestimmungsort, wurde dadurch gleichsam die ewige Nacht, in ewiger Gottesferne.

Hier bei dem Leviten lesen wir davon, dass er aufbricht, als ”der Tag sinkt” und damit die ersten Schatten fielen. Es wurde also bereits Abend – und dieser Abend spricht symbolisch von dem Abend, der für ihn selbst zuallererst, aber auch ganz buchstäblich für seine Kebsfrau und für die ganze Nation Israel anbrach.

Inneres und Äußeres müssen gleichgewichtig sein

(Vers 11-14) Es fällt auf, dass der Levit seine Reise für die Übernachtung nicht in einer kanaanitischen Stadt wie z.B. Jebus, dem damals noch zukünftigen Jerusalem unterbrechen will. Dies wirkt auf den ersten Blick sehr fromm. Es ist allerdings zu bedenken, dass diese Form äußerer Absonderung in keinem Verhältnis zu seinem sonstigen Verhalten und moralischen Zustand steht. Seine nationale Zugehörigkeit und möglicherweise ein damit einhergehender Stolz scheinen ihm wichtiger als der moralische Zustand seiner Familie und das Wohl des Volkes Gottes zu sein.

Es ist gut und richtig, nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich auf der Seite des verworfenen Herrn zu stehen. Es sollte jedoch nicht der Eindruck entstehen, als habe die innere Seite nicht den gleichen Wert wie die äußere. Sie muss der äußeren sogar vorausgehen, sonst würde es sich um Heuchelei handeln. Der Herr wünscht unser Herz und unser Äußeres.

Versagen von Anfang an

Zugleich zeigen uns diese Verse natürlich auch, dass der Stamm Benjamin versäumt hat, die Stadt Jebus einzunehmen. Erst unter David wird sie für das Volk Israel überwunden und zu Zion, der Stadt Davids.

Wie leicht versäumen auch wir es, mit Energie die himmlischen und geistlichen Segnungen praktisch in Besitz zu nehmen, die der Herr uns geschenkt hat. Leider sind wir so leicht damit zufrieden, Christen zu sein, die Zusammenkünfte zu besuchen und äußerlich keinen Anstoß zu geben. Jerusalem gibt uns an dieser Stelle die Belehrung, dass wir persönlich Energie, Zeit und Fleiß aufzuwenden haben, wenn wir den Gedanken des Herrn entsprechen und das in Anspruch nehmen wollen, was Er uns zugedacht hat.

Eine gewisse Tragik liegt in diesem Zusammenhang auf Benjamin, Jebus (oder Jerusalem) und der hier geschilderten Geschichte. Gerade dieser Stamm, der auf so einmalige Weise versagt, ist es, der als erster Stamm den König über Israel stellen wird.

Aber zur Geschichte in Richter 19 passt, dass die Stadt, die Gott sich für den Tempel, die Bundeslade und den König erwählt hat, von diesem ersten König nicht gesucht wurde, auch wenn sie gerade in dem Gebiet lag, das von ihm regiert und besetzt werden sollte. Hieran sieht man, dass der Mensch, wenn er unter Verantwortung gestellt wird, von Anfang an vollkommen versagt.

Geistliche Energie ist für die Inbesitznahme geistlicher Segnungen nötig

Man kann auch kaum verstehen, dass niemand unter dem Volk Gottes oder in dem Stamm Benjamin aufsteht, um einmal vorzustellen, dass man immer noch mitten unter nicht-jüdischen Heiden wohnt. Das scheint überhaupt niemanden zu interessieren, obwohl Gott das Volk angewiesen und angespornt hatte, das ganze Land in Besitz zu nehmen. Die Prioritäten des Volkes lagen einfach auf anderen Gebieten, die aber für das Herz Gottes bei weitem nicht diese Wichtigkeit besaßen.

Auch bei uns kann es leicht so sein, dass ”heidnische” Dinge den Platz in unseren Herzen einnehmen, den eigentlich das Wort Gottes, die himmlischen Segnungen und vor allem die Person unseres Heilands und Herrn einnehmen sollte.

Wie leicht verlieren wir uns in Karriereplänen, die uns in der Welt groß machen, nicht aber die Person unseres Herrn in unserem Leben, oder in unseren Hobbys, die unsere ganze ”Freizeit” auffressen, die uns in Wirklichkeit nur von dem Herrn geliehen worden ist, um für Ihn tätig zu sein. Vielleicht mag mancher nun denken, dass dies vollständig von den Realitäten abgehoben ist. Tatsache ist jedoch, dass alles, was wir sind, besitzen oder können, ein Geschenk des Herrn ist, was uns aber - wie die Pfunde in Lukas 19 - nur anvertraut bzw. geliehen worden ist, um es für Ihn zu benutzen.

Natürlich hat jeder von uns seine normalen Pflichten zu erledigen. Viele haben auch eine Familie. Tatsächlich wäre es auch nicht nur unnüchtern, sondern sogar unbiblisch zu meinen, dass diese vernachlässigt werden muss, um dem Herrn zu dienen. Am besten dienen wir Ihm, wenn wir alles, unsere Arbeit und auch unsere Tätigkeiten in der Familie für den Herrn ausführen, denn jeder Dienst ist nach Kolosser 3,17 ein Dienst für den Herrn. Dann werden wir schon das rechte Maß finden, wo wir im engeren Sinn in Seinem Werk auf Seinem Weinberg mitarbeiten. Einerseits möchte Er uns ein ausgewogenes Urteil über diese Dinge schenken, andererseits sucht Er unser ganzes Herz, das bereit ist, auch Zeit für Ihn einzusetzen.

In Gibea-Benjamin geht nunmehr tatsächlich die Sonne unter. Wie schon gesagt spielen solche Naturereignisse in der Schrift häufig eine symbolische Rolle. Gibea steht hier gleichsam für das Volk Israel, das in diesem Moment zwar noch nicht für immer, aber doch für eine ganze Zeit in moralischer Finsternis leben würde. Letztlich ist das auch ein Bild dessen, was heute für dieses Volk Israel noch Realität ist: Finsternis und Zerstreuung, bis der König wiederkommen wird, der Herr Jesus, ihr Messias.

Gott redet – hört der Mensch?

(Vers 15-21) Es ist bemerkenswert, dass die sonst so sprichwörtliche Gastfreundschaft in Israel diesmal ausbleibt. Ob das nicht dem Leviten hätte zu denken geben sollen?
Gibt es uns zu denken, wenn das, was der Herr uns in Seinem Wort von Seiten der Mitgläubigen eigentlich zugedacht hat, nicht geschieht? Es ist ebenso leicht wie gefährlich, dann zuallererst oder sogar allein die Schuld bei anderen zu suchen – die in dieser Geschichte ja tatsächlich existiert – ohne zu verstehen, dass der Herr uns selbst eine Lektion erteilen möchte.

Als Levit stand diesem Mann jede erdenkliche Unterstützung zu (5. Mose 12,19).

Wie versorgen wir die Diener des Herrn, die in einer Zeit auf die Fürsorge des Herrn und der Seinen angewiesen sind, in der immer weniger Christen bereit sind, auf der Seite des verworfenen Herrn zu stehen und die ganze im Wort Gottes offenbarte Wahrheit zu praktizieren und anzuwenden? Es ist leicht einsichtig, dass es in einer solchen Zeit dementsprechend weniger Gläubige gibt, die Unterstützung leisten. Um so schöner, wenn es dann solche gibt, die die Nöte sehen und ihnen entsprechen.

Wir sehen an diesen Versen auch, wie die Gastfreundschaft, die Gesinnung der Gemeinschaft in Israel gelitten hat. Man ist geneigt anzunehmen, dass diesem Mann in Jebus, der Stadt der Welt, dergleichen nicht widerfahren wäre.

Auch wir sind nicht davor gefeit, einer solchen Unterkühlung anheim zu fallen. Wenn das Herz sich von dem Herrn entfernt, dann werden auch die Gefühle, die Er hervorrufen würde, ausbleiben. Wenn wir jedoch den Herrn Jesus vor uns stellen, dann werden wir auch mit Freuden Gastfreundschaft üben – sogar Fremden gegenüber –, wie wir es von einem Gajus (2. Johannes) lernen können.

Der Herr segnet jeden Dienst für Ihn

Zu guter Letzt ist es jemand, der selbst eigentlich ein Fremdling in diesem Dorf ist, der sich um den Mann kümmert und ihm den jüdischen Gruß des HERRN, ”Friede”, den wir später auch in den Briefen des Neuen Testamentes wiederfinden, entbietet.

Wie häufig werden wir von solchen, die als Fremdlinge – als Menschen dieser Welt – errettet werden, überrascht und belehrt, wie wir uns eigentlich verhalten müssten. So manches Mal kann solch vorbildliches Verhalten dazu führen, dass wir uns schämen.

Und es fällt auf, dass es sich bei dem Helfenden um einen alten Mann handelt. Wenn es um die Energie der Gastfreundschaft handelt, sollte man meinen, dass sie von jungen Leuten leichter geleistet werden könnte. Tatsächlich aber kommt hier ein alter Mann, der gewiss von der Arbeit ermüdet war, um die Fremden aufzunehmen. Das war sicherlich eine von Gott geschätzte Tat. Sie spricht aber ernst in bezug auf das, was von jungen Menschen geleistet werden könnte.

Fußwaschung

Am Ende des 21. Verses ist dann die Rede davon, dass sich sowohl der alte Mann aus dem Gebirge Ephraim wie auch der Levit mit den Seinigen ”ihre Füße wuschen”. Diese Sitte aus dem Orient ist zunächst nicht weiter auffallend. Abraham (1. Mose 18,4), Lot (1. Mose 19,2) und auch Abigail (1. Samuel 25,41) kannte diese Sitte der Höflichkeit. Dies zeigt, dass es sich zuerst um eine Handlung der Demut, der Höflichkeit und zur Sauberkeit und Erfrischung handelte.

In diesem Vorgang liegt jedoch auch eine geistliche Bedeutung, die uns der Herr Jesus in Johannes 13 vor Augen und Herzen führt und die im Blick auf die weiteren Geschehnisse hier in Richter 19-21 von Bedeutung sind – leider in negativer Hinsicht.

Der Herr führt Seinen Jüngern in Johannes 13 vor Augen, dass angesichts Seines Weggehens aus dieser Welt zum Vater (Vers 1), Seiner Liebe zu den Seinen (Vers 1), der Feindschaft des Teufels und seiner Instrumente (Vers 2), sowie der gewaltigen Tatsache, dass der Vater Ihm, dem Herrn Jesus, alles in die Hände gegeben hatte, Er selbst einen Dienst der Fußwaschung an den Seinen, an allen Gläubigen ausüben würde, der zugleich aber auch eine gängige Praxis unter den Gläubigen sein sollte. Das Aufstehen Jesu damals (Vers 3-4) symbolisiert sozusagen Sein Hingehen zum Vater in den Himmel nach vollbrachtem Werk auf Golgatha. Von dort aus würde Er – und heute tut Er es ständig, denn Er lebt auch als Mensch zur Rechten des Vaters in der Herrlichkeit – die Füße der Jünger waschen, weil sie sich durch ihren Wandel durch diese Welt, die einer Wüste gleicht, ihre Füße beschmutzen würden.

Das spricht direkt zu uns. Weil wir uns so leicht angesichts dieser Christus- und damit auch uns feindlichen Welt durch Sünde verunreinigen, wäscht uns der Herr Jesus die Füße, um uns in den Genuss der göttlichen Gemeinschaft mit Ihm selbst und dem Vater wieder zurückzubringen. Es handelt sich dabei um Sein Wirken vor allem als Sachwalter, das uns in 1. Johannes 2,1-2 vorgestellt wird und sich darauf bezieht, dass ein Gläubiger, der ewiges Leben besitzt, gesündigt hat. Wenn Er diesen Dienst nicht ausführte, dann würden wir immer in unseren Sünden verharren und Christus sowie Seine Interessen vollständig aus den Augen verlieren.

Das Wasser ist dabei ein Bild des Wortes Gottes, dass der Herr Jesus in der Kraft des Heiligen Geistes auf uns und unser Leben anwendet, auf unseren Wandel, wovon die Füße sprechen, die gewaschen werden (vgl. Johannes 7,38-39). Einen solchen Dienst nun dürfen wir als Gläubige auch untereinander ausüben, wie der Herr Jesus in Johannes 13,15 klar macht – er ist sogar notwendig, damit die reinigende Kraft des Wortes Gottes immer wieder neu auf unseren Lebenswandel angewandt wird.

Warum sind diese Gedanken nun auch in bezug auf die Begebenheit in Richter 19-21 so wichtig? Die Fußwaschung beinhaltet auch den Gedanken, dass ein Gläubiger durch das Wort Gottes zum Selbstgericht geführt wird. Er erkennt sich selbst durch den Spiegel des Wortes Gottes und tut alles hinweg, was hinderlich ist, die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn zu genießen. Dadurch ist er auch in der Lage, die Gedanken Gottes zu erkennen und zu genießen– denn das ist Gemeinschaft – und sie in der richtigen Weise anzuwenden.

Wenn wir jedoch in unserem Verhältnis zu dem Herrn Jesus und auch untereinander eine solche Fußwaschung nicht kennen, dann ist die Gefahr groß, dass wir – wie in Richter 19-21 – ohne einen Auftrag des Herrn handeln und ein Urteil aussprechen und vollführen, dass so bzw. in dieser Art und Weise nicht in Übereinstimmung mit den Gedanken des Herrn ist. Zugleich sind wir dann anfälliger, einen eigenen Weg in dieser Welt zu gehen, dem Gott seine Zustimmung verweigern muss. Nur das glasklare Wasser des Wortes Gottes – zunächst auf uns selbst angewandt, wird hier zu einem klaren Blick führen.

Freundschaft der Welt ist Feindschaft gegen Gott

(Vers 22) Auch hier hat man nun wieder den Eindruck, dass ein eher üppiges Mahl eingenommen wird, so dass man es sich ”gut gehen ließ”.

Wenn wir als Gläubige ein Leben ohne unseren Herrn führen und uns behaglich in dieser Welt niederlassen, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass wir auch von den moralischen Gräueln, die uns umgeben und die diese Welt charakterisieren, angegriffen werden.
Natürlich stellt sich hier die Frage, wie dieser alte Mann vom Gebirge Ephraim, der in Gibea wohnte, sich in einer solch gottlosen Stadt niederlassen konnte, obgleich ihm wohl als einzigem eine gewisse Gottesfurcht zugeschrieben werden kann. Das erinnert uns an die Begebenheit in 1. Mose 19,4-5, in der zwei Engel Lot in Sodom besuchen und das gleiche erleben. Auch Lot führte ein Leben in dieser Welt, ohne sich von ihr gottgemäß wie Abraham abzusondern. Das Schlimme ist nun hier, dass die schrecklichen moralischen Zustände der heidnischen Welt auch unter dem Volk Gottes, Israel, um sich gefressen haben.

Das schlägt eine Brücke zum Neuen Testament. Dort werden die Charakterzüge der heidnischen Welt vollständig in Römer 1,28-32 und die Charakterzüge einer gefallenen und Christuslosen Christenheit als zum Teil noch schlimmer in 2. Timotheus 3,1-5 aufgeführt. Wenn das Volk Gottes fällt, dann tritt ein moralischer Zustand zutage, der leider häufig noch tiefer ist als der der gottlosen Welt. Auch wir gehören zu der Christenheit; möge der Herr uns vor solchem Fallen bewahren!

Im übrigen finden wir diesen alten Mann in der späteren Geschichte mit keinem Wort mehr erwähnt. Ist er mit den Männern aus Gibea umgekommen? – Wobei wir überzeugt sein dürfen, dass der Herr die Treue dieses Mannes, die er in dieser Begebenheit hinsichtlich der Gastfreundschaft unter Beweis stellte, belohnen wird.

Wir brauchen uns jedoch nicht zu wundern, wenn auch wir als Gläubige unter zeitliches Gericht fallen, wenn wir uns mit der Welt äußerlich oder innerlich eins machen. Manches Mal, wenn der Herr Jesus ein plötzliches Warnsignal gibt, z.B. durch Katastrophen an bestimmten weltlichen Orten – denken wir an Diskotheken, Kinos, Theatern, etc. – fragt man sich: Ob wohl unter denjenigen, die dadurch gestorben sind, auch Gläubige waren? Der Herr schenke uns aber, dass wir nicht so sehr aus Angst oder aus Gesetzlichkeit als vielmehr aus Liebe zu Ihm alles das ablegen (Kolosser 3,5-11), was nicht in Übereinstimmung mit Ihm ist, um zusammen mit denen, die Seinen Namen aus reinem Herzen anrufen (2. Timotheus 2,22), Ihm zur Verfügung zu stehen.

Biblische Absonderung ist die beste Predigt

Wir können gut verstehen, dass der alte Mann seine Gäste nicht auf dem Platz im Freien übernachten lassen wollte. Hier wäre die Gefahr zu groß gewesen, dass sie sofort bedrängt worden wären. Aber er hatte angesichts dieses Bösen keine Konsequenz für sein eigenes Leben gezogen und verwirklichte keine Heiligung für Gott. Die Freundschaft dieser Welt ist Feindschaft wider Gott (Jakobus 4,4). Es ist schlimmer, die Bosheit der Welt zu erkennen, und dennoch nicht mit ihr zu brechen, als in dieser Bosheit zu leben, ohne sich dessen bewusst zu sein, denn die Verantwortung vor Gott wächst, je größer die Erkenntnis eines Menschen ist.

Ein Abraham beweist, dass er durch seine Absonderung mehr für Sodom und die dort wohnenden Gläubigen tun kann als Lot. Auch heute sind alle Aktivitäten einer ”Freundschafts-Evangelisation” nicht in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes, da sie die – wenn auch vorübergehende – Freundschaft mit dieser Welt voraussetzen. Eine in Demut, Liebe und Gottesfurcht durchgeführte persönliche Evangelisation, in der wir allein schon durch unseren Lebenswandel predigen, ist dagegen unserem Herrn wohlgefällig und wird Frucht für Ihn hervorbringen.

Das galt auch für Mose, der lieber die Schmach Christus tragen wollte, als in der Welt Ägyptens groß zu werden. Gerade durch diese Treue und Absonderung von der Welt war er ein nützliches Werkzeug in der Hand Gottes, um zur Errettung des Volkes beitragen zu können.

Das menschliche Herz (auch des Gläubigen) ist zu allem fähig

(Vers 23-27) Die hier beschriebene Begebenheit ist dermaßen widerlich, dass man nicht über sie sprechen wollte, stünde sie nicht in dem Wort Gottes. Wir lernen, wozu das menschliche Herz in der Lage sind.

Und auch wir, die wir an den Herrn Jesus glauben, besitzen das gleiche Fleisch und sind fähig, solche Dinge zu tun, wenn wir uns nicht von unserem Sachwalter und Hohenpriester im Himmel, Jesus Christus, bewahren lassen.

Man sieht an dieser Begebenheit auch, dass Satan es geschafft hat, viele Menschen und besonders Männer in die Gewalt ihrer Sexualität zu bringen. Es gibt auch in der Bibel zu diesem Thema außerordentlich viele Beispiele von Gläubigen, die unter dieses Urteil fallen – natürlich nicht für ihr ganzes Leben, aber doch zeitweise. Denken wir nur an die Geschichte Davids mit Bathseba, oder an seinen Sohn Salomo, an Simson, Gideon, etc.

Es wäre unnüchtern, dieses Problem nicht auch in der heutigen Zeit zu sehen, die durch eine große Reizüberflutung in allen Medien auffällt. Schenke uns der Herr, dass jeder von uns – und hier sind besonders die Männer angesprochen – wachsam in bezug auf sein eigenes Fleisch und die eigenen Augen ist.

Vermeintlich ”kleine” Sünden (”Bauernopfer”) wiegen ”große” Sünden niemals auf

Zugleich werfen diese Verse ein Licht auf die beiden beteiligten Männer. Es ist nicht zu verstehen, dass der alte Mann seine Tochter für Misshandlungen und Vergewaltigungen anbietet – man kann eine Wahrheit wie die der Gastfreundschaft auch einseitig und zu stark betonen, denn diese hat ihre Grenzen. Gott kann nicht gutheißen, wenn wir Böses tun, um Schlimmeres zu verhindern. Noch so gut gemeinte ”Bauernopfer” bleiben Unrecht, wenn sie Sünden darstellen.

Andererseits scheint der Levit lediglich körperliche (und damit die niedrigste Form der) Liebe für seine Kebsfrau zu empfinden. Anders können wir nicht erklären, dass er diese so leicht opfert. Er selbst ist dafür verantwortlich, dass er in diese Situation gekommen ist, und wälzt die Folgen auf seine Frau ab. Von einem Gebet zu Gott bzw. dem HERRN lesen wir in diesem Zusammenhang und in dem ganzen Kapitel – wie gesagt - überhaupt nichts.

Auch wir gleichen oft diesem Leviten, indem wir mit eigenen Überlegungen aus Situationen herauskommen wollen, in die wir durch unsere eigenen Fehler hineingeraten sind. Und wie leicht lassen wir andere leiden und im Stich, um nur selber verschont zu bleiben.

Diesem Leviten ging es nur um sein eigenes Leben. Er erkannte offenbar ”messerscharf”, dass dieses in Gefahr war. Um sich selbst zu retten, war er bereit, auf alles mögliche zu verzichten, sogar auf das Beste, was ihm zu dieser Zeit ”zur Verfügung stand”, was er besaß: seine Kebsfrau.

Es fällt uns auch die Missachtung des Leviten für seine Frau auf, die für ihn anscheinend nur ein Gebrauchsgegenstand war. Wie schrecklich, wenn sich Männer auf eine solche Weise mit Frauen abgeben und an ihnen versündigen. Dem Mann ist seine Frau als Hilfe seinesgleichen gegeben, dass er sie pflege und ihr Ehre gebe. Wer dem entgegen handelt, widersteht zugleich Gott, der dem Mann eine Frau nicht gegeben hat, um mit ihr nach eigenem Gutdünken zu handeln, sondern um sie zu lieben und als Geschenk des Herrn zu bewahren.

An diesen Versen lernen wir auch, dass man eine ”große” Sünde nicht durch eine vermeintlich ”kleinere” Sünde aufwiegen oder verhindern kann. War es recht, dass der alte Mann auch noch seine Tochter anbot? Natürlich wollte der alte Mann zu Recht die Freveltat seiner Stadtgenossen verhindern – aber wie konnte er das eine Übel mit dem der nicht weniger schlimmen Hurerei auslöschen? Er und der Levit hätten viel mehr zu dem HERRN um einen Ausweg flehen sollen. Sie hätten sicher sein können, dass Er einen solchen gefunden hätte – denken wir nur an Lot und seine Geschichte.

Wir können die ganze Haltung des Leviten in dieser Begebenheit nur dadurch erklären, dass bereits zuvor Schritte in seinem Leben eingetreten waren, die einen Keil zwischen ihn und seinen Herrn getrieben haben. Das war nur möglich, weil er zuvor schon Schritte des Ungehorsams und der Leichtfertigkeit unternommen hatte. So erlaubte Gott diesen Fortschritt im Bösen, um die Wurzel von Unmoral und falscher Gesinnung in Israel ans Licht zu stellen. Wenn es im Kleinen angefangen hat, dann wird man nach weiterem Fortschritt gar nicht mehr empfinden, dass etwas nicht mehr stimmt.

Moralischer Verfall ist beinahe unaufhaltsam

Wenn das Volk Gottes so sehr von den moralischen Grundsätzen des Wortes Gottes abgekommen ist, dann versucht es praktisch immer, sich auf eine eigenen Weise zu helfen. Das jedoch führt zu weiterem Unheil.

Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass der alte Mann den Männern der Stadt nicht nur seine Tochter anbietet, sondern auch hinzufügt: ”Schwächt sie und tut mit ihnen, was gut ist in euren Augen.” Wie tief muss ein solcher Mann moralisch gefallen sein, dass er seinen Nachbarn anbietet, mit seiner Tochter zu tun, was sie wollen. Hatte er keine Verantwortung für seine Familie, die der HERR ihm anvertraut hatte? War er auch öffentlich schon dafür, dass jeder tun kann, was er will?

Es ist andererseits nahezu unmenschlich, dass dieser Levit in der Nacht schlafen konnte, wo er wissen musste, dass seine Frau schrecklich litt. Wie sehr kann ein Mensch, auch ein Gläubiger, sein Gewissen wie mit einem Brenneisen gehärtet haben (1. Timotheus 4,2), so dass er wie auch ein Jona (Jona 1,5) trotz schlimmster Stürme in der Lage ist, in aller Ruhe zu schlafen. In welch einem Kontrast steht beispielsweise ein Mann wie Mose zu diesem Leviten hier. Als das Volk Hurerei trieb, z.B. in 4. Mose 25, handelte er in einem heiligen Zorn, dort im Auftrag Gottes. Oder auch Pinehas, der in der Begebenheit in Richter 20 wieder auftritt, mit welch einer Entschlossenheit und Treue steht er für die Rechte des Herrn ein, um Seiner Heiligkeit genüge zu tun (4. Mose 25,7-8).

Auch heute sucht der Herr solche, die so auf Seiner Seite stehen, um Seine Heiligkeit unter dem Volk Gottes aufrecht zu erhalten und zugleich für das Volk einzutreten, damit es nicht aufgerieben wird.

(Vers 28-29) Nicht so jedoch dieser Levit. Fast wie ein Tier fordert er seine Frau am Morgen auf, nachdem er ”ausgeschlafen” hat, sich zu erheben. Erst danach merkt er, dass sie durch die Misshandlungen umgekommen ist. Sie kam – wie gesagt – gleichsam an den Folgen ihrer eigenen Sünden um, und - diesen Eindruck hat man - ohne wirklich Buße über ihr eigenes Handeln getan zu haben. Auch hier trifft den Leviten eine Mitverantwortung, weil er es schuldhaft unterlassen hatte, sie auf diese Sünden hinzuweisen und zu dem HERRN zurückzuführen. Aber wie hätte er es tun können, wo sein eigener Zustand so gottlos war!
Hierdurch wird die Aufmerksamkeit noch einmal auf die Ehemänner und Familienväter gerichtet. Wir sind für das verantwortlich, was in unseren Häusern vor sich geht, und haben in dieser Hinsicht einmal vor dem Richterstuhl Rechenschaft abzulegen, sei es im Guten oder im Bösen, denn nach 2. Korinther 5,10 werden die Gläubigen dort offenbar werden. Der Levit jedenfalls hat in diesem Punkt versagt, wie wir dem Urteil Gottes über ihn entnehmen können.

Sicherlich hätte der Levit gedemütigt sein müssen bis in den Staub – in dem seine Kebsfrau dort vor ihm lag – als er die arme Frau dort auf dem Boden sah. Anstatt dessen jedoch forderte er sie auf, sich zu erheben. Er realisierte in diesem Moment noch nicht, dass sie tot war. Aber selbst wenn sie nicht tot gewesen wäre, wäre er einer herzenslosen Härte schuldig gewesen.

Gott ist Schöpfer des menschlichen Körpers

Neben aller berechtigten Empörung über die schreckliche Tat der Männer in Gibea erscheint es doch nicht weniger scheußlich, dass der Levit nunmehr seine Frau in zwölf Teile zerstückelt und an alle Stämme in Israel sendet. Diese überzogene Tat, die natürlich in keiner Weise das Übel Gibeas geringer macht, ist wie eine Einleitung für die überzogene Reaktion, die dann von dem ganzen Volk Israel in dem 20. Kapitel an den Tag gelegt wird.

Auch hier muss man sich wieder fragen, aus welchen Motiven heraus der Levit handelt. Ist es wirklich ein Einstehen für die Ehre Gottes, oder ist es verletzter Stolz? Hätte er nicht, anstatt diesen Aufschrei in Israel zu inszenieren, seine eigene Schuld erkennen und Buße darüber tun sollen? Anstelle dessen entschied er sich, offenbar aus Rache, diese schreckliche Sache auf eine mindestens genauso schreckliche Art und Weise in Israel – und darüber hinaus – bekannt zu machen.

Auch die Abscheu gegenüber tatsächlich Bösem bedeutet keineswegs immer, dass sie aus lauteren Beweggründen hervorkommt. Wie leicht ist es die eigene Ehre, die uns zu solchen sichtbaren spektakulären Taten bringt!

Der Levit konnte sich mit dieser Handlung auf kein Gebot berufen. Man hätte annehmen sollen, dass gerade er als Levit zunächst Gott befragt. Davon jedoch finden wir erneut nichts. Sein eigener Impuls ist es, der ihn leitet. Zu anderer Gelegenheit sehen wir, dass ein solches ”Zerstückeln” durchaus nach den Gedanken Gottes sein konnte. Als Samuel zu Saul kam, nachdem dieser bereits kurz nach seiner Salbung zum König versagt hatte, musste er in heiligem Zorn vor Gott den König der Amalekiter, Agag, zerstückeln (1. Samuel 15,33). Hier war tatsächlich jemand, der für die Ehre Gottes stritt.

Normalerweise aber ist ein solches Zerstückeln absolut im Widerspruch zu den Gedanken Gottes, der will, dass ein Toter begraben wird. Das finden wir unter anderem dadurch belegt, dass Er selber einen Mose begrub. Dieser Levit hatte jedoch offenbar überhaupt keine Ehrfurcht vor dem geschaffenen Werk Gottes, dem Körper, wenn auch die Person tatsächlich schon gestorben war.

Der Gestorbene – der Herr Jesus

Es ist bedenkenswert, dass der Geist Gottes bei unserem gestorbenen Herrn nicht einfach von dem Körper, dem Leib spricht, sondern von dem ”Leib Jesu” (Lukas 23,52; Johannes 20,12), dem ”Leib des Herrn Jesus” (Lukas 24,3). Auch Maria Magdalene spricht – in Ehrfurcht sei es gesagt - nicht einfach von einem ”Körper”, der aus dem Grab verschwunden ist, sondern von ”meinem Herrn” (Johannes 20,13).

Besonders beeindruckend ist der Vers in Johannes 19,42. An dieser Stelle heißt es: ”Dorthin nun, wegen des Rüsttags der Juden, weil die Gruft nahe war, legten sie Jesus.” Es ist also gar keine Rede von dem ”Leib”, sondern dieser wird vollständig mit der Person identifiziert. Auch bei dem gestorbenen Heiland handelte es sich um ”Jesus”, um Seine heilige und herrliche Person.

Die Augen des Schöpfers und der Menschen sehen einen Gläubigen

Dieser Levit jedoch gibt erst ”den Körper” seiner Kebsfrau diesen begierigen Männern hin und dann zerschneidet er selbst auch noch den jetzt in der Tat leblosen Körper seiner Frau und entehrt ihn dadurch ein zweites Mal.

Das, was wir daraus für uns lernen können, ist, dass auch ein schon gestorbener menschlicher Körper auf ein Werk Gottes zurückzuführen ist, und daher mit Anstand und Ehrfurcht zu behandeln ist. Das gilt im übrigen für alle Menschen, auch solche, die in der Gosse sitzen und vor denen man an und für sich kaum einen Respekt haben würde. Aber auch sie sind Geschöpfe Gottes und haben – wenn auch kaum noch sichtbar – etwas von Seiner Würde.

Darüber hinaus stellt sich noch eine weitere Frage: War es überhaupt richtig, diese Sache in ganz Israel – und wir können wohl davon ausgehen, dass dies über ihre Grenzen hinaus bekannt wurde – bekannt zu machen? Wäre es nicht richtiger gewesen, eine solch schreckliche Sache, die ja nicht nur zur Unehre von Gibea sondern auch des HERRN beitrug, lokal begrenzter zu behandeln, ohne dass es zu einem nationalen ”Skandal” hätte werden müssen? Natürlich stellt sich zugleich die Frage, ob es zu der damaligen Zeit in Israel eine Autorität, einen Richter oder Ältesten gab, der diese Sache hätte in die Hand nehmen können.

In der Anwendung finden wir einen ähnlichen Gedanken in Matthäus 18,15-17: ”Wenn aber dein Bruder gegen dich sündigt, geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm ALLEIN. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht hört, SO nimm noch einen oder zwei mit dir, damit durch den Munden von zwei oder drei Zeugen jede Sache bestätigt werde. Wenn er aber nicht auf sie hört, sage es der Versammlung...” Unser Ziel sollte also immer sein, eine solche Sache im Verborgenen zu halten – die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden (1. Petrus 4,8) – ohne natürlich über Sünde hinwegzusehen. Gott will jedoch, dass sofern jemand einsichtig ist, Sünde im Verborgenen bereinigt wird. Der Bruder aus Matthäus 18 sollt die Sache zwischen sich und dem anderen ”allein” in Ordnung bringen. Nur wenn dies nicht möglich sein sollte, so war ein anderer hinzuzuziehen.

Das gilt auch heute. Es ist nicht nach den Gedanken des Herrn, alles so schnell wie möglich herumzuposaunen. Sünde sollte vielmehr – so schnell es geht und so wenigen wie möglich bekannt – bereinigt werden. Das geht nicht immer, sollte jedoch immer das Ziel sein. Wer anders handelt, muss sich fragen, welche Motivation ihn dazu bringt. Den Herrn hat man damit nicht auf seiner Seite!

An dieser Stelle sei kurz auf einen Zuschauer aller dieser Begebenheiten hingewiesen: den Diener des Leviten. Es ist bemerkenswert, dass wir von ihm überhaupt keine Aussage in diesen Erzählungen wiederfinden. Und dennoch macht uns seine Gegenwart deutlich, dass nicht nur der Herr alles, was wir tun, sieht, sondern dass es auch um uns her viele Menschen gibt, die durchaus einzuschätzen wissen, was wir tun und wie wir es tun. Interessanterweise wäre dieser Knecht wahrscheinlich einer der objektivsten Beobachter und Zeugen der üblen Taten gewesen. Niemand jedoch kommt später auf die Idee, ihn zu befragen.

Zuchtausübung setzt Demütigung und Identifikation voraus

(Vers 30) Dieser Vers zeigt, dass das ganze Volk Israel – zu Recht – von der Tat Gibeas geschockt ist. Das Volk erkennt, dass hier Zucht notwendig ist. Was jedoch nicht zu sehen ist – und was das erste hätte sein sollen – ist eine persönliche und dann auch gemeinsame Demütigung über das geschehene Verbrechen. Dieser Gedanke wird im Verlauf des 20. Kapitels verschiedentlich wieder auftauchen. In der Tat war ein Bedenken gefordert, sicherlich auch ein Beraten und Reden. Wo aber bleibt erneut das Gebet, das an erster Stelle stehen sollte?

Zugleich zeigt uns dieser Vers, wie wenig das Volk sich selbst kannte. Wenn man die Kapitel 17 und 18 hinzuliest und den Götzendienst betrachtet, der durch den Enkelsohn Moses in das Volk öffentlich eingeführt wurde, dann mag man wahrhaftig sagen: ”Solches ist nicht geschehen noch gesehen worden von dem Tag an, da die Kinder Israel aus dem Land Ägypten heraufgezogen sind, bis auf diesen Tag. Bedenkt euch darüber, beratet und redet!” Das gerade aber geschah nicht.

Die Rechte und Ehre des Herrn

Wie leicht ist es, für die Rechte des Herrn einzutreten, wo es um den zwischenmenschlichen Bereich geht. Wie schwer aber tut man sich, den Rechten des Herrn zu entsprechen und sie einzufordern, wenn es allein um Ihn und Seine unmittelbaren Rechte geht. Was aber ist das Höhere, das Wichtigere? Natürlich darf das eine nicht auf Kosten des anderen geschehen. Zuerst aber kommt die Ehre Gottes, die Er keinem anderen gibt (Jesaja 42,8).

Wir lernen hieraus auch, dass unsere Wachsamkeit bei moralischem Übel leichter erweckt werden kann als bei lehrmäßig Bösem. Gerade an diesem Punkt kann uns Satan jedoch auf seine spitzfindige und undurchsichtige Art angreifen – und schlägt uns auch so manches Mal dabei. Der Herr ist daher so bemüht, durch Sein Wort und Seine Diener in unseren Herzen eine größere Empfindsamkeit in bezug auf wichtige lehrmäßige Fragen zu wecken, damit wir sie aus der Sicht Gottes zu beurteilen lernen.

Wir sehen auch im Neuen Testament, dass Gott zuallererst Seine eigene Ehre und damit die Ehre des Herrn Jesus einfordert, ohne darauf zu verzichten, auch den praktischen moralischen Zustand der Gläubigen zu beurteilen. Es gibt wohl keine schärferen Worte der Zucht als diejenigen, die im zweiten Johannesbrief in bezug auf falsche Gedanken zu der herrlichen Person unseres Heilands und Herrn, Jesus Christus, des Sohnes des Vaters, aufgeschrieben worden sind. Wie leicht sind wir nämlich in Gefahr, gerade hier Abstriche zu machen und nicht sensibel genug darauf zu sehen, dass der Herr Jesus nicht angetastet wird.

In ähnlich scharfen Worten tadelt der Geist Gottes auch lehrmäßig Falsches, wie wir es im Galater- und Kolosserbrief lesen können. Auch hier geht es unmittelbar um die Person des Herrn und um die von Gott gegebene Gnade, also das, was Er selbst geschenkt hat. Wenn wir im Vergleich dazu moralische Verfehlungen im Korintherbrief anschauen, dann fordert auch hier der Geist Gottes mit äußerst ernsten Worten, einen solchen als Bösen zu bezeichnen (1. Korinther 5), und doch merkt man einen Unterschied in der Behandlung und in dem Ton, mit dem Paulus auf diese Dinge zu sprechen kommt.

Gott wacht mit Entschiedenheit sowohl über Seine Ehre, wie auch über unseren praktischen moralischen Zustand, aber Seine Ehre kommt immer zuerst. Dies ist insofern von großer Wichtigkeit, als die moralische Verfehlung eines anderen häufig unsere eigenen Rechte berührt. Gerade dadurch wird unsere Entrüstung dann angestachelt, weil wir selbst negativ betroffen sind. Wenn es jedoch direkt um die Ehre des Herrn geht, dann stehen wir leicht unbeteiligt daneben, ohne zu bedenken, dass Seine Ehre vor der unseren kommt.

Der Herr züchtigt – die Geistlichen zuerst

Zugleich dürfen wir dem Herrn dankbar sein, dass Er uns immer wieder dahin führen will, die gleichen Prioritäten in solchen Fällen zu setzen, wie Er selbst es tut. Wenn das Volk versagt hatte, beim Götzendienst in Dan (Kapitel 17-18) die Ehre Gottes im Auge zu haben, während es bei den moralischen Verfehlungen in Gibea sofort mit Gericht bei der Hand war, so muss der HERR dem Volk auf einem züchtigenden Weg zeigen, dass diese Schwerpunkte falsch gesetzt waren.

Auch mit uns beschäftigt sich der Herr auf liebende Weise, die jedoch, wenn wir wie das Volk schwerfällig im Lernen sind, schmerzhaft sein kann. Und doch ist es ein Zeichen dafür, dass wir Söhne sind, um die Er sich kümmert und die Ihm solche ”positive” Züchtigung wert sind (Hebräer 12).

Woher nimmt das Volk im Buch der Richter nun eigentlich das Recht, über Benjamin und Gibea zu Gericht zu sitzen, wenn es nicht zuvor die eigenen Herzen geprüft und gerichtet hat, die Götzendienst im Land zugelassen haben?

Gott lässt nicht zu, dass wir das eine lassen, weil wir auch das andere nicht tun. Er will aber zuerst unsere Herzen in bezug auf Seine Person richtig stellen, bevor er uns wegen des Übels unter und zwischen Gläubigen Urteile fällen lässt. Wenn das nicht geschieht, ist es leicht möglich, dass wie in diesem Fall die Niederlage derjenigen, die – wenn auch zu Recht – richten, größer ist als die Niederlage derer, die das Übel begangen haben.

Und wer müsste nicht zugeben, dass das unsere Realität widerspiegelt? Es ist eben leichter, das auf den ersten Blick für alle erkennbare Übel bei anderen zu richten. Dann aber muss Gott ebenso uns in Seinen Regierungswegen richten – und das ist oft außerordentlich schmerzhaft. Wie das aussieht, zeigen die beiden folgenden Kapitel.

Israel hat gesündigt

Diese Begebenheit erinnert uns auf so bestürzende Weise an die von Achan in Josua 7. Das Volk hatte nicht gemerkt, dass nicht nur Achan gesündigt hatte, sondern ”Israel hat gesündigt” (Josua 7,11). Auch in Richter 17-19 war es so. Diese Sünde zeigte einfach den eigenen Zustand des Volkes.

Aber wer lässt sich auch von uns heute gerne einen solch deutlichen Spiegel vorhalten? Dazu fehlt uns häufig das notwendige Selbstgericht und die dazu gehörende Fähigkeit, selbstkritisch zu urteilen. So war auch diese Sünde in Gibea letztlich ein Zeichen und ein Spiegel des Zustandes des gesamten Volkes Israel – eine Sünde, die dem ganzen Volk in gewisser Weise angelastet wird, weil es selbst nicht besser war.

Viel später lesen wir im Propheten Hosea: ”Seit den Tagen von Gibea hast du gesündigt, Israel” (Hosea 10,9). Natürlich schmälert das in keiner Weise die große Schuld von Gibea. Aber auch hier wird die Sünde Israels herausgestellt, die sozusagen ihren besonderen Ausdruck in der Sünde Gibeas fand. Zunächst hätte sich daher das ganze Volk über den eigenen Zustand demütigen sollen. Und dann hätte es nicht als ein Richter auftreten dürfen, der die Sache nur von außen und oben betrachtet. Das gibt es nur bei Richtern dieser Welt, nicht aber, wenn es darum geht, böse Dinge unter dem Volk Gottes zu richten. Gibea und damit Benjamin war ja ein Teil des Volkes. Daher hätte man sich zunächst einmal mit der Sünde identifizieren sollen, um sie zu bekennen, so wie es Männer wie Esra und Daniel getan haben.

Zucht setzt neben heiligem Zorn Demütigung voraus

So muss der Apostel Paulus an die Korinther schreiben: ”Ihr seid aufgebläht und habt nicht vielmehr Leid getragen” (1. Korinther 5,2). Wie oft müsste er es auch bei uns sagen?
Der Herr möge uns vor einer Empörung bewahren, die blind ist in bezug auf unseren eigenen Zustand. Bei einer solchen Situation wie mit Gibea ist heiliger Zorn absolut angebracht – aber in Verbindung mit dem Eingeständnis, dass man nicht besser ist und dass der eigene Zustand einen solchen Gräuel unter dem Volk Gottes zulassen konnte. Erst dann ist es ”heiliger” Zorn.

Wenn das Volk behauptet, dass seit dem Auszug aus Ägypten derartiges nicht passiert ist, dann mutet diese Aussage sehr kühn an. Offenbar ist das Volk äußerst vergesslich geworden. Gab es nicht genügend Beispiele, bei denen das Volk seinen Gott, den HERRN, so sehr gereizt hatte, dass Er das ganze Volk zu Recht vertilgen wollte, so dass ”nur” die Mittlerschaft Moses ihre Rettung war? Wie stand es mit dem Verderben, von dem wir in den Kapiteln 17 und 18 dieses Buches lesen? War dieser Götzendienst nicht ein in Gottes Augen viel schlimmeres Übel, das jedoch von dem Volk gar nicht als solches richtig wahrgenommen wurde?

Wie leicht geht es auch uns so, dass wir die wahren Maßstäbe und Verhältnisse Gottes nicht mehr richtig wahrnehmen. Er möge uns davor bewahren, das Übel der anderen als das Schlimmste zu bezeichnen und das Böse, das bei uns vorkommt, als vernachlässigbar zu empfinden.

Zugleich mag man darauf hinweisen, dass das Zerstücken einer Person des Volkes Gottes in der Tat eine bislang einmalige Sache war. Darüber jedoch finden wir an keiner Stelle dieser Geschichte einen Hauch von Aufregung. Zwar war dieses zerstückelte Versenden der Anlass für das Entsetzen des Volkes, nicht aber, weil ein Mensch zerstückelt wurde, sondern, weil eine andere Tat damit offengelegt werden sollte. Beides war verkehrt – aber nur das eine wird in seiner Scheußlichkeit erkannt. So verdreht können die Maßstäbe von uns Menschen leider werden.

Kapitel 20: Zuchtausübung setzt eine gottgemäße Gesinnung voraus

Wie ein Mann – im Herrn oder in Parteilichkeit

(Vers 1-2) In den ersten beiden Versen dieses Kapitels finden wir nunmehr den schönen Zug, dass sich das ganze Volk Israel ”wie ein Mann” versammelt. Das haben später weder Debora noch Gideon oder Jephta geschafft. Hier jedoch war es offenbar möglich. Gott wünscht, dass diese Einheit auch heute in solch traurigen Umständen unter den Seinen anzutreffen ist.

Wir wissen, dass wir nicht mehr in einer Zeit leben, wo das ganze Volk versammelt werden kann – dazu gibt es nach so viel Niedergang zu viele Zersplitterungen. Aber der Herr wünscht, dass diejenigen, die sich zu Ihm als dem verworfenen Christus bekennen, zusammenstehen - einerlei gesinnt wie ”ein Mann”.

So etwas finden wir übrigens in der Zeit von Esra wieder. So heißt es dort in Esra 3,1: ”Und als der siebte Monat herankam und die Kinder Israel in den Städten waren, da versammelte sich das Volk wie ein Mann nach Jerusalem.” Auch zu diesem Zeitpunkt gab es nicht mehr das ganze Volk in Israel, aber diejenigen, die noch da waren, versammelten sich wie ein Mann, das heißt, dass sie in einer einmütigen Gesinnung dort zusammenkamen und –standen. Sie waren sich bewusst, dass sie nicht das ganze Volk Gottes waren, aber sie standen dort für das ganze Volk, das heißt, dass sie anstelle des Ganzen auftraten.

Nur in einer solchen Einheit kann es gottgemäße Zucht geben, die von dem ganzen Volk ausgeht und es zusammen zu dem Herrn zurückführt. Dazu muss man sozusagen ”ausziehen” (Vers 1). Das geschieht nicht in einem Zustand der Trägheit oder der Lässigkeit. Hierfür ist Energie, Fleiß und die Bereitschaft, sich für den Herrn zu engagieren, notwendig. Eine solche Treue schenkt der Herr denen, die Ihn darum aufrichtig bitten.

Beschäftigung mit Bösem ist immer gefährlich

Sind wir uns bewusst, dass das Beschäftigen mit Sünde jeden Gläubigen immer Kraft und Energie kostet, und den Genuss der Gemeinschaft und die damit in Verbindung stehende Freude dämpft? Das könnten wir unter anderem aus der Geschichte der jungen roten Kuh in 4. Mose 19 und auch aus Haggai 2 ableiten. Nur der Herr Jesus konnte Tote berühren, ohne verunreinigt zu werden, weil Er das Leben in sich selbst besitzt.

Für uns aber heißt es grundsätzlich, dass wir uns durch Sein Wort und durch das Gebet sowohl vor einem solchen Gespräch wie auch danach unbedingt heiligen und neu ausrichten (lassen). Ansonsten fallen wir selbst der Gefahr zum Opfer, angesteckt zu werden, wie wir es in anderem Zusammenhang von Petrus in Galater 2 und in ganz schrecklicher Weise im zweiten Johannesbrief lesen , bzw. werden zu Hochmut geführt, weil wir meinen, dass so etwas bei uns selbst niemals vorkommen könnte.

Nicht umsonst heißt es in Galater 6,1-3: ”Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht im Geist der Sanftmut, wobei du auf dich selbst siehst, dass nicht auch du versucht werdest. Einer trage des anderen Lasten und so erfüllt das Gesetz des Christus. Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst.” Der Herr Jesus wünscht, dass wir alle Geistliche sind. Ganz besonders wichtig ist es jedoch, wirklich geistlich zu sein, wenn man sich mit jemandem beschäftigen muss, der offensichtlich nicht zu dieser Gruppe von Gläubigen gehört. Dann ist die Gefahr groß, selbst zu Fall zu kommen. Daher dürfen wir uns in solchen Situationen in besonderer Weise bewahren lassen.

Wenn wir nun dieses Auftreten der elf Stämme für das ganze Volk positiv bewertet haben –man kann sich allerdings von Anfang an fragen, ob es wirklich eine von Gott gegebene Einheit oder nicht doch eher eine fleischliche, egoistische und parteiliche Einheit war, wie wir es später eindeutig erkennen können – dann bleibt doch ein anderer Kritikpunkt bestehen. Nämlich: Wahrhafte Verbindung unter dem Volk Gottes, echtes Zusammenführen wird nur dann dauerhaft sein, wenn es das Gute, ja wenn es die Person des Herrn Jesus selbst ist, die uns zusammenbringt.

Das ist etwas, was wir aus Matthäus 18,20 lernen. Wenn es Seine Person ist, die uns zusammenführt – und möge der Herr schenken, dass Er es wirklich ist und nicht Lehren oder sonstige Überlegungen – dann wird Einheit von Bestand sein können, weil das eigene Ich draußen bleiben muss und der Herr selbst unsere Herzen anzieht und erwärmt.

Einheit durch gemeinsame Zuchtausübung

Eine Einheit, die nur durch gemeinsame Ausübung von Zucht begründet ist, kann nicht von Dauer sein, weil sie sich nur auf einen Feind oder einen Zweck bezieht. Man kann sich dann zusammenfinden, obwohl man in vielen anderen Punkten durchaus getrennte Wege gehen würde. Die Ablehnung einer Sache oder die Abneigung gegen eine Person(engruppe) jedoch kann manchem so wichtig werden, dass er darüber – für eine gewisse Zeit – alles andere vergisst, um sich dieser einen Problematik vollständig zu widmen.

Möge der Herr uns schenken, dass, wenn wir uns mit Zuchtfragen zu beschäftigen haben, nicht die Zucht es ist, die uns zusammenbindet, sondern Seine Person. Wenn es nur um die Zucht geht, dann ist die Gefahr groß, dass man zu einer Sektenbildung kommt. Dann verliert man auch den wahren Mittelpunkt der Herzen und des Versammlungslebens leicht aus den Augen. Häufig zeigt sich auch nach einer gewissen Zeit – und das hat die Vergangenheit immer wieder gelehrt – dass nicht die Grundsätze und Fundamente, die der Herr uns gegeben hat, verwirklicht wurden, sondern eine gemeinsame Ablehnung von (möglicherweise durchaus richtig beurteiltem) Falschen. Das allein aber ist viel zu wenig, um uns dauerhaft beim Herrn zu halten.

So fanden wir bei dem Volk Gottes im Alten Testament auch kaum, dass es durch das Passah- oder Laubhüttenfest zusammengeschweißt wurde, indem es diese Feste gemeinsam in Silo oder später in Jerusalem feierte. Nein, es war diese Sache der Zucht, die zusammenführte. Erst unter Samuel (1. Samuel 7) und dann vor allem unter Hiskia und Josia finden wir eine solche Einheit durch das Feiern des Passahfestes. Die Folge davon war dann immer, dass man sich in dem HERRN freute.

Zucht des Herrn

Eine ganz andere Versammlung dagegen fand nach Richter 20 statt. Wir lesen davon, dass das Volk Israel unter Abzug des Stammes Benjamin aus 400.000 Kriegsleuten bestand. Das sieht zunächst einmal nach einem stattlichen Heer aus. Wenn man jedoch die Zahl mit der vergleicht, die uns am Ende der Wüstenreise in 4. Mose 26 mitgeteilt wird, stellt man fest, dass dort (ohne Benjamin) über 555.000 (und in 4. Mose 1, also zu Beginn der Wüstenreise, sogar über 568.000) Kriegsleute zur Verfügung standen.

Wie kommt es, dass auf einmal so viele davon nicht mehr lebten, was im übrigen auch für Benjamin gilt (4. Mose 1: 35.400; 4. Mose 26: 45.600; Richter 20: 26.700)? Es ist wohl – wie immer – nur mit der Untreue des Volkes zu erklären. Gott musste in Seinen Regierungswegen so viele unter dem Volk hinwegraffen.

Müssen wir nicht ebenso heute beklagen, dass aufgrund unserer Untreue der Herr so viele Kämpfer und Mitkämpfer wegnehmen musste – sei es durch Heimgang, sei es aber auch dadurch, dass sie einen anderen Weg gehen? Hier ist ein Bewusstsein wichtig, dass es sich um die züchtigende Hand Gottes handelt (1. Petrus 5,6; 1. Korinther 11,30)? Haben wir noch ein Bewusstsein unserer Schwachheit und unseres schwachen Zustandes, wie es die ”alten” Männer in Esra 3 hatten?

Mizpa (Wachturm)

Ein Wort mag an dieser Stelle noch zu dem Ort der Versammlung gesagt werden. Mizpa bedeutet ”Wachturm”, und eigentlich ist das ein durchaus geeigneter Ort, um sich zu demütigen und auf den HERRN zu warten. Das zeigt uns Samuel etliche Jahre später, als er Gott in Mizpa für das Volk bat (1. Samuel 7). Hier jedoch ist der ”Wachturm” zugleich eine Anklage gegen das ganze Volk, denn in bezug auf den Götzendienst hatte es versagt zu wachen; und einseitiges Wachen ist immer eine große Gefahr, weil uns Gott dann zeigen muss, dass wir auch in unserem Urteil und im Richten in allem ausgewogen sein müssen, allen Gefahren und jedem Bösen gegenüber. Zudem fällt auf, dass auch Dan – der Stamm also, der offenbar als erster öffentlichen Götzendienst in Israel eingeführt hatte (Richter 17-18) – ein Teil des Volkes war, das nunmehr gegen das Böse auftrat, obwohl er zumindest in der gleichen Weise wie Gibea und Benjamin hätte verurteilt werden müssen. Das allein zeigt schon, wie ungeteilt das Herz der elf Stämme war.

Natürlich ist es wahr, dass in erster Linie Gibea und Benjamin nicht gewacht, sondern die schreckliche Sünde in ihrer Mitte zugelassen hatten.

Andererseits mag man das Versammeln hier in Mizpa auch als ein Zeichen des Stolzes und Hochmutes des Volkes deuten können. Es fühlte sich, als sei es in der Lage, wie von einem Wachturm von oben herab den gefallenen Teil des Volkes zu richten. Dabei übersah es, dass es selbst in so mancher Hinsicht armselig und blind dastand, und deshalb selbst einen ”Wachturm” für sich benötigte.

Bedauerlicherweise finden wir diese Tatsache auch in unserem eigenen Leben wieder. Wenn man selbst schwach ist und in einigen Punkten gefehlt hat, dann meint man dennoch, anderen ihre schwachen Punkte aufzeigen zu können (vgl. Matthäus 7,3). Der Herr möchte jedoch, dass wir uns zunächst selbst in Sein Licht stellen und dann auch über die Heiligkeit Seines Hauses wachen, insoweit sie unserer Verantwortung übertragen ist.

Es ist bemerkenswert davon zu lesen, dass sich das Volk ”vor dem HERRN” versammelte. Wir fragen uns allerdings, wo die Wirkung dieser Gegenwart des HERRN bleibt. Eigentlich sollte man meinen, das Stehen vor dem HERRN führe dazu, dass es dann auch entsprechend Seinen Gedanken handelt. Nichts dergleichen jedoch finden wir hier.

Auch das erinnert uns an unser eigenes Leben. Wie häufig waren wir schon in der Gegenwart des Herrn Jesus in den Stunden, in denen wir als Versammlung zusammenkamen. Und was war das Ergebnis seiner Gegenwart? Oft ist festzustellen, dass wir unsere eigenen Wege gingen und unser Leben keineswegs an den Gedanken des Herrn ausrichteten.

Brauchbare Zeugen?

(Vers 3-6) Diese Verse werden damit eingeleitet, dass Benjamin davon hörte, dass die elf Stämme hinaufzogen. Dass der Stamm offenbar nicht auch von den anderen elf mit eingeladen wurde, ist an sich schon bemerkenswert. Hätte man die Benjaminiter damit nicht gewinnen können? – Aber auf das Hinaufziehen der elf Stämme finden wir von Seiten der Benjaminiter überhaupt keine Reaktion. Das deutet schon die Herzenshaltung dieses Stammes an. Wie hartnäckig und hartherzig kann ein Mensch und auch ein Teil des Volkes Gottes werden, wenn es darum geht, sich zu beugen und zu bekennen!

Danach lesen wir, dass der Levit die erlebte Geschichte dem ganzen Volk noch einmal erzählt. Man hat dabei fast den Eindruck, dass ihm die Erzählung Freude bereitet, weil er selbst für einen Augenblick im Mittelpunkt des Interesses steht und dazu auffordern darf, nun etwas zu unternehmen.

Wir können sicher sein, dass er seine eigenen Fehler und Schwachheiten vor den Ohren des Volkes verschweigt, dafür jedoch das Übel der Männer von Gibea im ungünstigsten Licht schildert. Beispielsweise verschweigt er, dass er selbst seine Frau in die Hände dieser bösen Männer gegeben hatte. Was erwartete er denn von dem Tun dieser Männer, dass er dazu bereit war, seine Frau in ihre Hände zu geben? Etwa irgend etwas Gutes? Das doch wohl kaum! Durch dieses Verschweigen, das einer Lüge gleichkommt, war er eigentlich ein unbrauchbarer Zeuge geworden. Darum jedoch kümmerte sich hier niemand.

Gott sucht ein gerechtes Urteil

Nun kann man die Sünde von Gibea nicht anders als eine ”Schandtat” (Vers 6) nennen. Hatte aber der Levit vergessen, dass er selbst durch sein Zögern und seine eigenen Fehler zumindest der Anlass für die ganze Geschichte gewesen war? Es ist zudem geradezu kühn, dass er in seiner Erzählung von seiner Kebsfrau spricht, als ob dies alles einem normalen Zustand entspräche. Seine Frau war eigentlich des Todes schuldig, wie man in 5. Mose 22,22 nachlesen kann. Und er selbst hatte seine Frau den Feinden ausgeliefert, wissend, dass diese sie misshandeln würden. Hätte er sich nicht, nachdem er die ersten Anzeichen dieser Sünde in der Stadt vorgefunden hatte, schleunigst davon machen sollen? Aber diese Fragen waren bei den schockierenden Umständen dem Volk offensichtlich nicht mehr wichtig.

Die Gefahr ist groß, dass man auch gerade in Versammlungsfragen den Balken im eigenen Augen vergisst, aber um so schärfer den Splitter im Auge des anderen sieht (Matthäus 7,1-5) – wobei der Gräuel von Gibea sicherlich kein Splitter war. Selbstüberschätzung, Selbstgerechtigkeit und einseitiges Rechtsempfinden führen leicht zu einem zu scharfen Urteil, das ungerecht ist, und für das auch wir selbst die Zucht des Herrn spüren werden.
Die Männer von Gibea haben nach den Worten des Leviten ”ein Verbrechen und eine Schandtat in Israel begangen”. Und das stimmt auch. Wo aber sind die Männer Gottes, die einmal nach dem Unrecht fragen, das damit (und durch den Götzendienst aus den Kapiteln 17-18) Gott zugefügt wurde?

Nur wenn wir Gott und den Herrn Jesus in den Mittelpunkt unserer Gewissen und Überlegungen stellen, werden wir in der Lage sein, ein Ihm wohlgefälliges Urteil zu fällen. Zunächst einmal geht es um Seine Ehre und nicht um die von Menschen, selbst wenn es sich um Gläubige handelt.

Zudem ist es völlig unstrittig, dass die Hurerei der Kebsfrau (3. Mose 19,29) und das anschließende Zerstückeln ebenfalls Schandtaten waren. Auch in dieser Hinsicht war ein klares Unterscheidungsvermögen sowohl bei dem Leviten wie auch bei dem restlichen Volk vollständig abhanden gekommen.

Zucht setzt intensives Gebet voraus

(Vers 7) Es ist eigenartig, dass in all diesen Versen kein einziger Mann – übrigens auch nicht Pinehas, der später auftaucht – Gott befragt. Nein, die Männer von Israel sollen entscheiden und richten, Gott spielt keine Rolle!

Wie leicht kann man über eine böse Tat so sehr erbost sein, dass man gar nicht daran denkt, ja nicht einmal in der Lage ist, Gott die ganze Sache vorzulegen und Ihn nach Seinem zutreffenden Urteil zu befragen. Dafür handelt man aber selber fast im Affekt. Allein das ”Stehen vor dem Herrn” hilft, ein angemessenes Urteil zu finden, und bewahrt vor fleischlichem Handeln.

Hier ist uns Mose so oft ein Vorbild, wenn er für das Volk eintritt, um es zu Gott zurückzuführen, aber auch Elia, der als der Prophet, der vor Gottes Angesicht stand, ein schlimmes Urteil über Israel aussprechen muss, das aber gerecht war und von dem HERRN selbst kam.

Zudem fällt auf, dass nach der kurzen Wiederholung dessen, was in Gibea vorgefallen ist, praktisch kein Wort mehr über diese schreckliche Geschichte fällt. Vielmehr scheint es dem Geist Gottes daran zu liegen, den inneren Zustand der elf Stämme – und auch den des Stammes Benjamin – zu beleuchten.

Nicht das Übel wird von Gott kommentiert – so schlimm es ist – denn es ist für jeden als Unrecht zu erkennen, nein, sondern das, was auch wir so leicht übersehen können, nämlich unseren eigenen Zustand zu prüfen, wenn wir uns beauftragt fühlen, Zucht auszuüben. Das ist es, was der Geist Gottes hier deutlich vor die Herzen und Gewissen stellt.

Selbsterkenntnis muss sich am Wort Gottes orientieren

Der Levit erscheint uns in dieser Geschichte erneut so unaufrichtig und selbstgerecht. Das lässt den Gedanken aufkommen, dass er in Wirklichkeit auf beiden Seiten hin und her hinkte, anstatt sich konsequent und entschieden auf die Seite des Herrn zu stellen.
Durch die vielen Einflüsse dieser Welt, den propagierten Egoismus und die heutige Erziehung zu selbstbewusstem Auftreten kranken wir alle leider noch leichter an einer falschen Selbsteinschätzung. Außerdem vernachlässigen wir unter Zeitdruck so leicht das persönliche Lesen der Bibel, die uns einen wahren Spiegel vorhält. Sie sollte immer die Grundlage für unser Selbstgericht sein.

Dieser Levit jedenfalls wird für jeden Betrachter alleine dadurch unglaubwürdig, dass er mit unterschiedlichen ”Gewichtssteinen” misst und beurteilt – je nachdem ob es sich um sein eigenes Verhalten oder das von anderen handelte. Aus 5. Mose 25,13-16 und anderen Stellen wissen wir, dass das für Gott ein Gräuel ist, den Er hasst.

Entsetzen über Gräuel muss aus einem gedemütigten Herzen kommen

(Vers 8-11) Hier nun lesen wir erneut von dem Entsetzen des Volkes über die geschehene Tat in Gibea – wie gesagt – zu Recht. Eine andere Frage ist, wie das Volk den Leviten als Zeugen beurteilt. Man ist erstaunt, wie unsensibel das Volk über die Verbindung dieses Menschen mit einer Kebsfrau ist, der ja eigentlich ein Vorbild sein müsste, in Wirklichkeit aber das Gegenteil davon war.

Wie leicht gelingt es dem Feind, mit den ”kleinen Füchsen” (vgl. Hohelied 2,15) so viel Unheil anzurichten, dass er uns veranlasst, in Selbstgerechtigkeit gegen sogenannte ”große” Sünden scharf vorzugehen, die im Vergleich dazu jedoch eher klein anmutenden Sünden in unserem eigenen Leben und dem unserer Mitgeschwister außer acht zu lassen. Auch wir sind in Gefahr, solche Dinge wie z.B. ein geteiltes Herz zu unserem Bräutigam, dem Herrn Jesus, schon als normal hinzunehmen, anstatt sie im Licht des Herrn biblisch zu beurteilen und zu verurteilen.

An dieser Stelle gilt auch für uns, was in Klagelieder 2,40 aufgeschrieben ist: ”Prüfen und erforschen wir unsere Wege, und lasst uns zu dem HERRN umkehren! Lasst uns unser Herz samt den Händen erheben zu Gott im Himmel!” Wenn wir wirklich bei uns selbst anfangen, dann sind wir in der Lage, auch das Übel bei anderen zu beurteilen.

Nun folgen entscheidende Minuten. Was wird das Volk tun? Wird es sich zunächst einmal demütigen angesichts dieser schrecklichen Sünde unter dem Volk? Wird es anerkennen, dass es in seiner Mitte geschehen ist und dass sein eigener niedriger Zustand eine solche Schandtat zugelassen hat? Wird man nunmehr Gott befragen, was zu tun ist? Wird man versuchen, zunächst einmal zu den Herzen der Betroffenen zu sprechen?

Von alledem finden wir nichts. Nein, das Volk hat sich in eine solche Rage führen lassen, dass es eine Art Schwur ausspricht, der nicht von dem Herrn war. Man würde Gibea vernichten. Nun ist es in der Tat so, dass auf das begangene Übel die Todesstrafe stand – sei es auf die Homosexualität (z.B. 3. Mose 20,13), sei es auch auf die Vergewaltigungen (z.B. 5. Mose 22,22). War sich aber das Volk im klaren, auf welche Weise Gott dieses Urteil vollziehen wollte?

Jeder Fall erfordert eine eigene Untersuchung

Wenn eine öffentliche Sünde passiert ist kann man leicht in die Gefahr kommen, einfach einem gewissen Muster oder den eigenen Emotionen folgend zu handeln. Das ist niemals die Weise Gottes. Nein, Seine Wege sind höher als die unsrigen – und dabei wird Er keineswegs Böses gutheißen und Gutes schlecht beurteilen.

Wer von uns aber hätte zum Beispiel nach der Sünde Davids mit der Frau des Uria und seinem ”spontanen” Sündenbekenntnis dem Urteil des Propheten Nathan beigepflichtet, dass die gesetzlich vorgeschriebene Todesstrafe (5. Mose 22,22) nicht anzuwenden war? Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass sie doch auch für den König und nicht nur für Untertanen des Reiches galt! Daher war Abhängigkeit Nathans von seinem Herrn nötig, um seine Gedanken gerade für diesen Fall zu erkennen – und auch wir tun gut daran, nicht mit vorgefassten Meinungen Entscheidungen zu treffen, sondern immer auf den Herrn und Seine Weisung für jeden speziellen Fall zu warten und in Übereinstimmung mit Seinem Wort zu handeln.

Zwei oder drei Zeugen sind notwendig

Noch einige weitere Punkte fallen in diesen Versen auf. Nach dem Gesetz war es notwendig, dass solche Anklagen aus dem Munde zweier Zeugen zu bestätigen waren (5. Mose 17,6). Ein Zeuge durfte nach 5. Mose 19,5 gar nicht alleine auftreten. Darauf legte man hier anscheinend keinen Wert. Natürlich war offenbar geworden, dass eine große Sünde geschehen war. Dennoch wäre es gesetzmäßig gewesen, noch einen zweiten Zeugen, zum Beispiel den alten Mann, der die Gastfreundschaft geübt hatte, zu befragen.

Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, sich niemals auf einseitige Informationen und Hinweise zu stützen. So vertrauenswürdig der Erstbote auch sein mag, Gott bezeugt sich auch in diesen Dingen durch zwei oder drei Zeugen. Wer das vergisst, kann anderen Gläubigen leicht – auch durch Vorurteile – Unrecht tun, und wir können leicht falsche Urteile fällen, die wir dann im nachhinein bereuen. Das bedeutet auch, dass immer beide Seiten (an)gehört werden müssen, wenn es zu einer Spaltung inmitten von Geschwistern gekommen ist. Wie gefährlich und verantwortungslos ist es, wenn durch Fehlurteile Zwietracht unter die Geschwister gebracht wird, was langwierige und schwerwiegende Folgen haben kann.

In diesem Zusammenhang sei z.B. an die Aussage Kellys erinnert , der angesichts der Tatsache, dass der vom Herrn so begnadete Bruder Darby in der Regel das Urteil dessen glaubte, der ihm als erster von einer Sache berichtete, immer dafür betete, dass dieser ”erste” das Urteil des Herrn, die Wahrheit, vorbrachte. Wie leicht können auch wir eine einseitige oder ”erste” Einschätzung für die Wahrheit halten! Häufig meint man, dass andere in einer solchen Gefahr stehen, und man selbst aus Treue zum Herrn gehandelt hat. In Wirklichkeit mag es jedoch genau anders herum sein. Es gehört viel geistliche Weisheit dazu, auch in bezug auf diese Dinge den Spiegel des Wortes Gottes in die Hand zu nehmen und anzuwenden.

Zucht muss in Ruhe – nicht Trägheit – geschehen

Es erscheint gut, auch ein Wort über die Geschwindigkeit zu schreiben, in der solche Entscheidungen getroffen werden. Sicherlich gibt uns die Bibel keine Angabe, in wie viel Tagen oder Wochen derartige Versammlungsbeschlüsse zu treffen bzw. Zuchtfragen zu behandeln sind. Eines allerdings ist klar: Es ist schlimm, wenn notwendige Untersuchungen aufgrund von Eile unterbunden werden. Eile ist in geistlichen Fragen oft ein Zeichen dafür, dass fleischlich gedacht und gehandelt wird.

Manchmal wird Eile mit der Begründung gerechtfertigt, dass die Heiligkeit Gottes ein unmittelbares Eingreifen nötig mache. Zweifelsohne ist es richtig, dass wir viel zu wenig für die Ehre unseres Herrn einstehen. Genauso ist es wahr, dass wir nicht faul und gewollt langsam in diesen Fragen handeln dürfen, wenn es uns wirklich um die Ehre des HERRN geht. So zeigt uns Josua 7,16, dass Josua, nachdem er von Gott unterwiesen war, früh morgens aufstand, um Seinen Anweisungen Folge zu leisten. Er nahm sich nicht viel Zeit, sondern setzte sofort um, was ihm der Herr aufgetragen hatte. Aber das Wort Gottes macht uns doch überall klar, dass Sorgfalt vor Eile und die Unterweisung des Herrn allem anderen immer voran gehen muss.

An dieser Stelle mag ein Hinweis helfen, wie Gott selbst mit der Sünde Korahs und seiner Rotte umging. Nicht am gleichen Tag wurde gerichtet, sondern erst am darauffolgenden. Hier waren die Positionen doch schon am Vortag vollkommen klar, oder? Dennoch gibt Gott diesen Menschen noch einen Tag Zeit um- und zurückzukehren. Ist das nicht der Grund, weshalb weder die Söhne Korahs noch die Familie Ons, des Sohnes Pelets, in diesem Gericht umkamen? Es hat zumindest den Anschein, dass diese Gnadenfrist Gottes bei diesen Personen zur Umkehr geführt hat.

In Korinth (1. Kor 5) finden wir ein eindeutiges Urteil vonseiten des Apostels Paulus. Dennoch überliefert nicht er selbst den Mann, der Hurerei betrieb, dem Teufel, sondern besteht darauf, dass die Korinther den Bösen aus der Gemeinschaft ausschließen. Er geht deshalb auch nicht selbst nach Korinth, obwohl das den Vorgang sicher beschleunigt hätte, sondern wartet ab, bis sein Brief nach Korinth gelangt ist und auf das Gewissen der Korinther eingewirkt hat.

Zucht setzt Sorgfalt voraus

Einen Hinweis auf die notwendige Sorgfalt, jetzt in bezug auf die Untersuchung einer Sache, finden wir am Ende der Wüstenreise des Volkes, in 5. Mose 17,6-13. Hier gibt Gott zunächst die Anweisungen, dass eine Person nur ”auf die Aussage zweier Zeugen oder dreier Zeugen getötet werden soll”. ”Er soll nicht auf die Aussage eines einzelnen Zeugen getötet werden. Die Hand des Zeugen soll zuerst an ihm sein, ihn zu töten, und danach –die Hand des ganzen Volkes. Und du sollst das Böse aus deiner Mitte hinwegschaffen” (5.Mose 17,6-7).

Auf der Basis dieser Stelle hätte also der Levit, der die ganze Beschuldigung vorbringt, die Pflicht gehabt, nicht nur weitere Zeugen zu benennen – bzw. das Volk hätte sie zu suchen gehabt– sondern er selbst wäre derjenige gewesen, der als erster die Hand an die Schuldigen hätte legen müssen.

Bemerkenswerterweise lesen wir von dem Leviten über die Beschuldigung hinaus überhaupt nichts mehr in der Geschichte. Es hat fast den Anschein, als ob seine Person nicht noch einmal Erwähnung finden sollte. Möglicherweise hat er sich gar nicht an dem Kampf beteiligt. In der Tat hätte er sonst – menschlich gesprochen – zu denjenigen gehört, die in diesem Streit als einer der ersten gefallen sind, wenn er sich an die Anweisungen Gottes gehalten hätte.

Wie leicht ist es auch heute, Beschuldigungen vorzubringen, sich dann aber aus den anschließenden tatsächlichen ”Auseinandersetzungen” ganz herauszuhalten, um nicht mit anderen durch das Gericht ”getroffen” zu werden. Abgesehen davon, dass dies feige ist, spricht es auch nicht von einer entschiedenen und konsequenten Haltung für den Herrn – das gilt im übrigen auch für diejenigen, die der Herr als Führer im Volk Gottes (Hebräer 13,17; 1. Thess. 5,12-13) geschenkt hat. Unabhängig davon bleibt die Aussage von Vers 7 bestehen: Das Böse muss gerichtet und hinweggeschafft werden.

Gottes Anweisungen zur Sorgfalt

In den Versen 8-13 von 5. Mose 17 wird das Schwergewicht darauf gelegt, dass eine Untersuchung mit der notwendigen Sorgfalt durchgeführt werden muss, damit auch wirklich die wahrhaft Schuldigen getroffen und gerichtet werden. Das scheint dem Geist Gottes so wichtig zu sein, dass Er diesen Gedanken in Kapitel 19,18 noch einmal wiederholt. Bei einer solchen Untersuchung (5. Mose 17) war es notwendig,

1. an den Ort zu ziehen, den der HERR, Gott, erwählt hatte (Vers 8),
2. zu den Priestern, den Leviten und den Richtern zu gehen, die von Gott dafür ausersehen waren (Vers 9),
3. den Spruch des HERRN in Treue auszuführen, der von dem auserwählten Ort aus gegeben würde (Vers 10).

Es ist traurig, dass keinem der drei Kriterien in diesem Fall Genüge getan wurde. Das Volk hatte von Anfang an versagt, den Ort zu suchen, den der HERR erwählen wollte bzw. erwählt hatte. Erst David interessierte sich dafür. Gerade Richter 17-21 macht deutlich, dass die Gruppe der Leviten und Priester vollkommen versagt hat. Selbst ein Pinehas ist nicht in der Lage, das Volk an den richtigen Ort, in die wahre Gegenwart des HERRN zurückzuführen.
Einen Richter gab es auch nur zeitweise unter dem Volk. Sobald der amtierende Richter starb, war es mit der scheinbaren Gottesfurcht des Volkes sogleich wieder vorbei. Sowohl in Richter 17,6 wie auch im letzten Vers des Buches lesen wir davon, dass es keinen König (und keinen Richter, denn die Könige hatten die Aufgabe, das Volk zu richten und Recht zu sprechen) in Israel gab, so dass jeder tat, was recht war in seinen Augen.

Handeln ohne Auftrag vom Herrn

Folglich war es auch unmöglich für das Volk, den Spruch des HERRN in Treue auszuführen, denn einen solchen Spruch gab es überhaupt nicht. Welche armselige Vermessenheit, dann jedoch erhobenen Hauptes in den Krieg gegen Benjamin zu ziehen!

Aber dies spricht auch zu unseren Herzen. Wie leicht „vergisst“ man, wirklich an dem Ort, wo der Herr Seine Gegenwart verheißen hat, wenn man nach Seinen Kriterien zusammenkommt, nach Seinem Willen zu fragen. Gerade bei (schwierigen) Zuchtfragen sollten wir Stunden, in denen wir zu Seinem Namen hin zusammenkommen, einberufen, um Seinen Willen zu erkennen und zu erfragen. Nur durch Gebet und gemeinsames Lesen und Erforschen Seines Wortes werden wir in der Lage sein, in der rechten Gesinnung auch das rechte Urteil zu fällen.

Angesichts des Niedergangs unter den Christen und auch unter denen, die bekennen, zum Namen Jesu zusammenzukommen, ist es so wichtig, dass ”Priester” aufstehen, die uns durch den ”König” , den Herrn Jesus, den Spruch des HERRN kundgeben, wiewohl wir ihn durch Sein Wort und den Heiligen Geist erkennen könnten. Sind wir dann nicht oft schwach und fehlerhaft, wenn wir Seinen Willen in Versammlungsfragen erkannt haben, in der Verwirklichung dieses Willens?

Einheit aus Parteisucht

Schließlich findet sich in diesem Abschnitt noch zweimal der Ausdruck, dass sich das Volk ”wie ein Mann” versammelt. So schön diese Einheit an und für sich ist, es gibt auch fleischliche – und nicht von Gott gewollte – Einheit. In diesen Versen stammt die Übereinstimmung nicht von Gott und auch nicht aus dem Bewusstsein, dass man ein Volk ist. Hier ist es vielmehr der Geist der Parteisucht, der die elf Stämme dazu führt, gegen den zwölften Aufstellung zu nehmen.

Möge uns der Herr davor bewahren, eine äußere Einheit zu propagieren, die nicht vom Herrn ist, sondern aus dem Fleisch kommt. Gerade wenn es um eine Einheit geht, die sich gegen andere Teile des Volkes Gottes stellt, hat man Gott nicht mehr auf seiner Seite, sondern gegen sich. Immer! Und das führt zu Gericht und Zucht. Wenn man den 1. Korintherbrief liest, dann erkennt man sehr deutlich, dass Gott Spaltungen und Parteiungen hasst.

Damit soll jedoch nicht gesagt werden, dass Einheit um jeden Preis anzustreben ist. Das Wort Gottes kennt eine biblische Einheit unter der biblischen Einschränkung der Absonderung vom Bösen. Das bleibt auch für uns heute bestehen.

Zucht wird nie von einem ”Teil” ausgeübt

(Vers 12-14) Immerhin sind die elf Stämme noch so besonnen, zunächst einmal mit den Benjaminitern zu sprechen, denn sie wollen diejenigen töten und richten, die das Unheil begangen haben. Es drängt sich jedoch die Frage auf, ob es nicht weiser gewesen wäre, zunächst die Ältesten der Stadt Gibea anzusprechen, denn es ist wohl nicht anzunehmen, dass diese Stadt – bis auf den alten Mann vom Gebirge Ephraim – nur aus Homosexuellen bestand, die in jener Nacht das Unrecht begangen hatten. So hätte man sich sozusagen an das Gewissen der Stadt wenden können, die Übeltäter zu richten und zu steinigen. So hätte möglicherweise viel Blutvergießen verhindert werden können.

War es aber richtig, dass die elf Stämme töteten und richteten? Wäre es nicht vielmehr Aufgabe der Benjaminiter gewesen, dieses Urteil für Gott auszuführen, und wäre es nicht erste Pflicht der elf Stämme gewesen, Benjamin darauf aufmerksam zu machen? So ist es auch heute.

Natürlich ”darf” sich jedes Kind Gottes grundsätzlich mit einer solchen Sache der Zucht, die in oder unter Versammlungen geschehen mussten, beschäftigen und informieren – wiewohl es merkwürdig wäre, wenn eine solche Beschäftigung zu einem ”Hobby” würde, denn es gibt wohl kaum Traurigeres als solche Dinge.

Aber wenn weiter entfernt von uns etwas passiert, dann sind nicht zunächst wir gefordert, sondern Geschwister einer Versammlung, die in unmittelbarer Nähe liegt, denn ganz natürlich haben Geschwister, die in der näheren Umgebung wohnen, einen besseren Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort.

Praktizierte Einheit im Volk Gottes

Nun mag man fragen, woher man schließen kann, dass diese ”natürliche” Beurteilung auch von der Schrift unterstützt wird. Das Neue Testament macht z.B. in 1. Korinther 14 deutlich, dass wir in geistlichen Fragen ”verständig”, also mit ”Verstand” handeln sollen. Das ist sicherlich auch auf Zuchtfragen und die Beurteilung von Versammlungsfragen anwendbar. Zu Beginn der Kirchengeschichte, in der apostolischen Zeit, gab es allerdings noch keinen Fall, bei dem sich ”umliegende Versammlungen” mit einer bestimmten Versammlung beschäftigen mussten, wenn man von dem apostolischen Konzil in Apostelgeschichte 15 absieht, das aber aufgrund der Gegenwart von Aposteln, die es heute nicht mehr gibt, gesondert behandelt werden müsste.

Dennoch zeigt die Tatsache, dass die Briefe in Offenbarung 2 und 3 an alle sieben Versammlungen geschickt wurden, dass ”umliegende Versammlungen” über den Zustand der jeweils anderen Versammlung Bescheid wissen sollten. Damit steht wohl in Verbindung, dass – je nachdem die weitere Entwicklung an den einzelnen Orten verlaufen würde und gegebenenfalls der Leuchter aus einer Versammlung weggerückt würde (Offenbarung 2,5), diese umliegenden Versammlung eine solche Versammlung auch nicht mehr als zum Namen des Herrn Jesus versammelt hätten anerkennen können und dürfen. Gerade dadurch, dass ihnen der Geist Gottes die Zustände von Nachbarversammlungen offenbarte, standen sie also auch in der Pflicht, gegebenenfalls tätig zu werden.
Der Böse in Korinth (1. Korinther 5) sollte eben nicht in Jerusalem – wiewohl ausgeübte Zucht dann auch für dort gelten würde – sondern in Korinth ausgeschlossen werden. Wenn nun Korinth zunächst nicht handelte, dann schloss nicht Paulus oder die Geschwister, mit denen er zu diesem Zeitpunkt zusammen war, diesen Mann aus. Vielmehr fordert Paulus die Korinther auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Erst wenn sie ihre Pflicht bewusst nicht erfüllt hätten, hätte eine umliegende Versammlung handeln können und müssen. Aber so weit kam es – dem Herrn sei Dank – in Korinth nicht.

Unterstützt wird diese gerade aufgezeigte Gedankenlinie zudem durch eine Vorschrift, die im Alten Testament für Israel galt und die ich auf die heutige Zeit anwenden möchte. Wenn nach 5. Mose 21 ein Erschlagener auf dem Feld gefunden wurde und der Mörder nicht ausfindig gemacht werden konnte, so musste genau ausgemessen werden, welche Stadt diesem Ort am nächsten lag. Und diese Stadt musste nach den Vorschriften des HERRN tätig werden.

Es liegt also nahe, dass dasjenige Zusammenkommen handelt, das dem ”Problemfall” am nächsten liegt. Bei schwierigen Fällen scheint es zudem angemessen zu sein, dass die nächstliegenden Versammlungen sich ebenfalls um diese Sache bemühen.

Wir leben nicht unter Gesetz

Es fällt jedoch auf, dass wir zu diesen Fragen, wer genau mit wem sich um derartige Dinge kümmern soll, keine ”gesetzesähnliche” Vorschrift im Neuen Testament finden. Das mag daran liegen, dass der Geist Gottes – in Ehrfurcht gesagt – bereits damals wusste, dass in manchen Zusammenkommen Uneinigkeit existieren würde. Vor allem jedoch sollen wir heute nicht einfach ”nach Vorschrift” handeln, sondern in geistliche Übung kommen, wie und mit wem solch schwierige Dinge zu behandeln sind.

Gerade in diesem Zusammenhang ist es wichtig, alttestamentliche Begebenheiten und Vorschriften nicht einfach buchstäblich auf unsere Gnadenzeit anzuwenden. Zweifellos finden wir in jeder eine moralische Belehrung – das ist auch der Grund für diese Auslegung zu Richter 19-21. Aber diese moralische Belehrung muss auf neutestamentlichen Grundsätzen und Hinweisen beruhen, wenn wir sie heute anwenden wollen. Wenn diese erkannt sind, dann bedarf es der angesprochenen geistlichen Übung, um auch auf der Grundlage des Alten Testamentes zu richtigen Schlussfolgerungen zu gelangen.

Es geht nicht nur um das was, sondern auch um das wie

Wenn man die Redeweise der elf Stämme hört, dann wundert man sich eigentlich nicht mehr, dass Benjamin sofort abweisend reagiert. Man hört die elf Stämme gleichsam sagen: Wie konnte das nur bei Euch vorkommen – bei uns ist das unvorstellbar. In Sebulon oder in Ephraim hätte eine solche Sünde unmöglich vorkommen können. Dazu ist unser Zustand viel zu gut. Aber bei Euch konnte das passieren? Schlimm, schlimm, schlimm!

Man kann sicher sein, dass mit einer solchen Anklage nicht das Herz und Gewissen der Benjaminiter erreicht werden konnte, denn diese solidarisieren sich fast automatisch nach einer solchen Rede mit den Übeltätern in Gibea. Es ist nicht anzunehmen, dass nicht auch die Benjaminiter ein gewisses Grauen empfunden haben, als sie ”ihren” Teil der misshandelten Frau erhalten haben. Dadurch jedoch, dass die elf Stämme geschlossen gegen sie auftreten, verbinden sie sich sofort mit Gibea – ohne dass dies eine Entschuldigung wäre, die vor Gott Gültigkeit hätte.

Auch wir können daraus lernen, dass es nicht nur um das ”was”, sondern auch um das ”wie” geht, wenn wir uns mit Brüdern und Schwestern zu beschäftigen haben. Gerade durch die Art und Weise, wie man mit anderen spricht und umgeht, kann man diese gewinnen oder auch abstoßen. So manches Mal ist dadurch leider das Gegenteil von dem erreicht worden, was der Herr beabsichtigt hatte. Aber auch das ist natürlich keineswegs eine Entschuldigung für diejenigen, die sich abwenden. Auch sie sind in gleicher Weise ihrem Herrn verantwortlich, nach Seinen Gedanken zu leben und zu handeln.

Richtig wäre gewesen, wenn die elf Stämme nicht von ”euch” (Vers 12), sondern von ”uns” gesprochen hätten. Oder gehörte Gibea nicht auch zu dem ganzen Volk Israel? Hier hätte sich die richtige Gesinnung des Volkes dokumentieren können, um den einen Stamm zu gewinnen. Leider finden wir davon in der ganzen Geschichte keine Anzeichen. Auch wartet man vergeblich darauf, dass die elf Stämme den zwölften in der Furcht des Herrn anleiten. Dadurch hätten sie Benjamin gewinnen können. Statt dessen hört man die Selbstgerechtigkeit aus den Worten des Volkes Israel heraus.

Es glich schon damals dem Pharisäer, der meinte, Gott danken zu können, dass er besser sei als der Zöllner. Wenn man sich selbst jedoch gerecht vorkommt, dann zeigt man eine Einstellung, die jede andere Person abwertet. Dadurch wird man kaum ein Herz gewinnen können, erst recht nicht, wenn es nicht richtig steht.

Und wäre nicht auch heute mancher gewonnen worden, wenn man ihm nicht in Härte, sondern in der Liebe des Herrn begegnet wäre, um ihn auf den Weg des Rechts zu führen und ihm die Gedanken des Herrn groß zu machen? Hier können wir alle von Paulus lernen, gerade wenn wir den Brief an die Kolosser lesen. Natürlich ist falsches Verhalten derjenigen, die Zucht ausüben, niemals eine Rechtfertigung für falsches Verhalten jener, die diese Zucht erfahren. Jeder ist ganz persönlich dem Herrn verantwortlich. Und doch ist der Geistliche verantwortlich, diejenigen, die durch einen Fehltritt übereilt werden, im Geist der Sanftmut und Demut zurechtzubringen (Galater 6,1). Das entscheidende Charakteristikum eines Geistlichen ist dabei, dass er ein Vorbild an Sanftmut, Demut und Gottesfurcht ist. Dadurch ist er in der Lage, jemanden zurückzuführen.

Sünde macht blind

An diese Stelle tritt auch der schreckliche Zustand Benjamins zu Tage. Warum hatte sich von Ihnen nicht ein Mann gefunden, der sich der schlimmen Sache annahm, die ja auch bei diesem Stamm bekannt geworden sein musste?

Möge der Herr uns bewahren, in einen inneren Zustand wie Benjamin zu kommen, nämlich gleichgültig dem Bösen gegenüberzustehen. Jeder einzelne und auch jede Versammlung (jedes Zusammenkommen) steht jeden Tag neu in Gefahr, eine solche Gesinnung anzunehmen. Es geht um Böses, das gegen Gott gerichtet ist – und da darf es keine Gleichgültigkeit geben, denn diese stellt Feindschaft wider Gott dar.

Und dennoch hätte es – wenn dies ”alles” gewesen wäre – keine Trennung und keinen Bürgerkrieg in Israel geben müssen. Wir trennen uns nicht von einer Versammlung, weil offenbar Böses bei ihr auftritt – wie schlimm das auch immer ist. Wir müssen uns – und hoffentlich bleibt dieses ”müssen” für uns immer bestehen – von ihr trennen, wenn sie nicht bereit ist, dieses Böse zu richten und wegzutun, nachdem sie dazu aufgefordert und auf die wichtigen Stellen der Schrift wie 1. Korinther 10 und 2. Timotheus 2 hingewiesen wurde. Dann duldet sie bewusst das Böse, und erst dann haben wir das Recht – aber wie gesagt, es ist eher unsere Pflicht - uns zu trennen.

Das sollten wir nicht vergessen. Es scheint nützlich zu sein, in Verbindung mit 2. Timotheus 2,19 kurz darauf hinzuweisen, dass es dort zunächst darum geht, dass man sich persönlich von Gläubigen (und Ungläubigen) trennen muss, die zur Unehre des Hausherrn, also des Herrn Jesus, sind. Insofern kennt die Schrift keine kollektive, gemeinsame Trennung, sondern zunächst eine persönliche. Aber natürlich findet dieser Grundsatz in gewisser Hinsicht eine Anwendung auch auf örtliche Versammlungen bzw. Zusammenkommen. Zumindest gilt auch für Versammlungen, denn wir rufen zusammen den Namen des Herrn an (vgl. Apostelgeschichte 4,24), dass sie von jeder Art der Ungerechtigkeit abstehen sollen – und damit auch von Versammlungen, die sich mit Ungerechtigkeit eins machen oder sich nicht von ihr trennen wollen.

”Brüderkrieg” kennt nur Verlierer

In Verbindung mit dieser Geschichte lernen wir auch, dass Kämpfe unter Brüdern – ”Bürgerkrieg” - unter Geschwistern, immer nur Verlierer als Ergebnis hervorbringt. Selbst wenn in der Sache eine Seite im Recht ist: Gott verabscheut Brüderkrieg, und da dieser praktisch nie allein von einer Seite verursacht wird, gibt es nur Verlierer. Das war auch in biblischen Zeiten immer so – gerade wenn wir an die verschiedenen Kämpfe im Alten Testament denken – aber auch der 1. Korintherbrief belehrt uns in dieser Hinsicht.

Wer meint, den Kampf gegen Brüder aufnehmen zu müssen, der hat nicht verstanden, was es in den Augen Gottes ist, wenn Bruder gegen Bruder aufsteht – beide durch das kostbare Blut des Heilands erkauft und erlöst. Wir tasten dadurch die Ehre des Herrn selbst an. Wer das eigene Herz kennt, weiß, wie leicht Neid und Streit im eigenen Herzen aufkommen, und er wird diesen Punkt nicht ablehnen, sondern dir richtigen Schlüsse für sein Leben daraus ziehen.

Wer Böses duldet, schließt Gott aus

Leider stellen wir in dieser Begebenheit fest, dass Benjamin bereit ist, Böses zu dulden, indem es nicht bereit ist, das Übel zu richten. Wie schlimm, wenn Gläubige in dieser Weise nicht auf ihre Brüder hören (Vers 13), sondern verstockten Herzens sind. So kommt es zu einem Bürgerkrieg, in welchem Benjamin gegen das restliche Volk Gottes auftritt.

Benjamin ist letztlich selbst der Schuldige an diesem Bürgerkrieg, wenn auch das übrige Volk nicht in der rechten Gesinnung gehandelt hat. Einen solchen Bürgerkrieg hat es nicht nur hier gegeben, sondern auch später bei dem Richter Jephta. Und auch manche Könige in Israel waren nicht besser.

Böses zu decken ist schlimmer als es zu begehen

Es ist schlimmer, das Böse zu decken oder zu entschuldigen – da man es besser weiß und es bewusst tut - als es zu begehen. Das war aber bei Benjamin der Fall. Damit wählt man die Seite des Bösen gegen Gott und Sein Volk. So wurden auch die Geschwister in Thyatira strengstens getadelt, weil sie die Lehre und die Person der Isebel in ihrer Mitte duldeten. Wenn eine Versammlung das tut, nimmt der Herr ihren Leuchter aus ihrer Mitte hinweg – und wir haben die Verantwortung, dies zu erkennen und entsprechend zu handeln.

Schön wäre es allerdings, wenn es in solch einer Versammlung (in einem solchen Zusammenkommen) noch Geschwister gibt, die sich dann unmittelbar und persönlich, natürlich nachdem auch sie die anderen mit Sanftmut, Langmut, Demut und in Liebe ermahnt haben, nach 2. Timotheus 2,19-22 von dieser Gemeinschaft zurückziehen, um mit denen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen, zusammenzukommen. Wir dürfen wissen, dass der Herr Jesus eine solche Treue belohnen wird (2. Timotheus 4,8).

Verbindung mit Bösem verunreinigt

(Vers 15-17) Nun stellt sich auch der Stamm der Benjaminiter zum Kampf auf – 26.700 Mann. Es muss schrecklich sein, gegen die eigenen Brüder kämpfen zu wollen! Unter strategischen Gesichtspunkten war das aussichtslos, denn man musste – wie gesagt – gegen 400.000 Kriegsleute zu streiten, so dass sich ein Verhältnis von 1 zu 15 ergab. Später würde Gideon zwar mit nur 300 Männern einen gewaltigen Sieg erringen, aber er hatte Gott auf seiner Seite – ein entscheidender Unterschied!

Es ist tragisch zu lesen, dass sich Benjamin nicht nur nicht von Gibea getrennt hat – es auch nicht verurteilt hat – sondern dass Benjamin sogar im Kampf gemeinsame Sache mit Gibea macht.

Manchmal braucht man auch heute bei der Frage, wie eine Versammlung steht, nur zu beobachten, mit wem sie gemeinsame Sache macht, um einen deutlichen Beweis zu erhalten, dass eine solche Versammlung nicht die Haltung und Gesinnung hat, die der Herr erwartet.

Der HERR macht hier den inneren Zustand Benjamins für alle offenbar; Er ist es, der dies tut. So erfüllt sich an dieser Stelle die Prophetie Jakobs, der von Benjamin in 1. Mose 49,27 gesagt hatte: ”Benjamin ist ein Wolf, der zerreißt; am Morgen verzehrt er Raub, und am Abend verteilt er Beute.”

Gerade an diesem Fall lernt man sehr genau, dass ”äußere” Verbindung mit Bösem oder mit einer bösen Person auch im Innern verunreinigt, denn wenn ich mit Bösem in Verbindung bin, sündige ich, weil ich gegen das Wort Gottes handle. Wir kennen dieses Prinzip ja aus verschiedenen Stellen des Alten und des Neuen Testamentes. So heißt es beispielsweise in Haggai 2,13-14: ”Und Haggai spracht: Wenn ein wegen einer Leiche Verunreinigter alles dieses [Brot oder Gekochtes oder Wein oder Öl oder irgend eine Speise] anrührt, wird es unrein werden? Und die Priester antworteten und sprachen: Es wird unrein werden. Da antwortete Haggai und sprach: Also ist dieses Volk und also diese Nation vor mir, spricht der HERR, und also ist alles Tun ihrer Hände; und was sie daselbst darbringen, ist unrein.”

In 2. Johannes 10-11 heißt es: ”Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre [des Christus] nicht bringt, so nehmt ihn nicht ins Haus auf und grüßt ihn nicht. Denn wer ihn grüßt, nimmt teil an seinen bösen Werken.” Natürlich geht es im neutestamentlichen Sinn nicht um eine ”wörtliche” Anwendung von Haggai 2, sondern um eine Übertragung. Dennoch macht dieser Vers in 2. Johannes deutlich, dass – wie es Haggai verdeutlicht - eine äußere Verbindung mit einer bösen Sache oder Person Sünde ist und von Gott verabscheut wird.

Äußere Verunreinigung

Es mag sich zunächst nur um eine äußere Verbindung handeln – aber auch sie verunreinigt mich und macht mich schuldig. Das ist die Lehre und Aussage der Schrift. Natürlich will man sich nicht mit dem Irrlehrer aus dem 2. Johannesbrief identifizieren – aber sich von ihm wegzuwenden, ihm den normalen Gruß, um den es dort geht, auszuschlagen, nein, - so meint man - das geht zu weit. Wirklich? Wenn ich ihn grüße, dann nehme ich sogar teil an seinen bösen Werken. Ich weiß, dass sie nicht richtig sind. Wenn ich dennoch einen solchen Irrlehrer begrüße, wenn er zu mir kommt, können damit alle, die mich dabei sehen – und wenn es nur die Engel sind – denken, dass ich mich mit ihm eins mache.

Aber nicht nur das; dadurch, dass ich eine solche Person in mein Haus aufnehme oder begrüße, distanziere ich mich nicht von der Irrlehre, und sie wird mir zugerechnet, obwohl ich sie (noch) nicht teile. Denn ich stelle mich nicht entschieden auf die Seite des Herrn, der durch eine solche Lehre verunehrt und geschmäht wird.

Die Bibel ist (auch) in Fragen der Gemeinschaft eindeutig

Wenn ich eine solche Haltung nicht nur einmal, sondern mehrfach und vielleicht über einen längeren Zeitraum einnehme, dann kommt es – fast automatisch - zu einem Abstumpfen und Schwächung meines Gewissens – es handelt sich ja um Sünde, da ich dem Wort Gottes gegenüber nicht gehorsam bin –, so dass ich dem Bösen selbst nicht mehr mit der nötigen Kraft der Heiligung entgegentrete. Dadurch ist leider schon so mancher auf verkehrte Wege gekommen.

Äußere Verbindung – wenn auch zunächst möglicherweise unabsichtlich – färbt auch auf den inneren Menschen ab, wenn sie nicht schon von Anfang an Ausdruck des wahren inneren Zustandes ist. Wer in diesem Punkt meint, stark, ja stärker als die Bibel zu sein (vgl. 1. Korinther 10,22), wird die Konsequenzen auf sich zu nehmen haben.

Benjamin hatte nicht erkannt, dass es die Pflicht hatte, sich von der Sünde Gibeas entschieden loszusagen und wegzuheiligen. Durch die Missachtung dieser wurde dieser Stamm nicht automatisch zu Homosexuellen – wie die Männer Gibeas – aber die Sünde färbte ab auf ihre eigene Gesinnung, wenn diese nicht von vornherein schon als lasch hätte bezeichnet werden können. Nur wahre Trennung von allem Bösen hilft, die Kraft des Herrn zu bewahren und sowohl der Welt wie auch Gläubigen gegenüber ein wahres Zeugnis zu sein. Das lernen wir auch aus der Geschichte Abrahams und Lots, deren Kraft nicht unterschiedlicher hätte sein können.

Vom Herrn geschenkte Fähigkeiten sollten für Ihn eingesetzt werden

Tragisch ist auch, dass die Fähigkeiten, die der Herr den 700 ”auserlesenen” Männern von Gibea gegeben hat, nun dafür eingesetzt werden, die Brüder zu töten und zu vernichten. Wie leicht kann man dann, wenn man einen falschen Standpunkt einnimmt, von Gott gegebene Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen, um Gott und Seinem Volk zu widerstehen.

Wie bedauerlich ist es, auch heute festzustellen, dass Brüder, die von dem Herrn mit einer besonderen Begabung gesegnet sind, so dass sie ”mit dem Stein aufs Haar schleudern können und nicht fehlen”, auf einmal einen falschen Standpunkt einnehmen und nicht für den Herrn einstehen. Nur wenn wir uns in Abhängigkeit von unserem Herrn befinden, werden wir auch Seine Kämpfe streiten und vor Irrwegen – sei es bewusst oder unbewusst – bewahrt bleiben.

Darüber hinaus fällt auf, dass Gott bei einem Ehud die Eigenschaft als Linkshänder zum Wohl des Volkes Gottes nutzt. Hier jedoch wird diese Fähigkeit, die zunächst eine ”Schwäche” eines Dieners ist und in der Abhängigkeit des Herrn zur Stärke wird, gegen das Volk Gottes eingesetzt. Geradezu heimtückisch tut man so, als kämpfte man aufrichtig mit rechts, in Wirklichkeit jedoch will man zum entscheidenden Stoß ausholen.

Kämpfe unter Brüdern – ohne den Herrn

(Vers 18-21) Nun beginnt der Krieg zwischen Israel und Benjamin, und das in drei Stufen. Die ersten zwei finden wir in den Versen 18-26, den dritten und entscheidenden Kampf in den Versen 27-48. Das, was die elf Stämme als eine Lösung des Problems in ihren eigenen Köpfen und ohne Gott ersonnen haben, muss sich als eine Vervielfältigung der Probleme entpuppen – wie es immer ist, wenn der Mensch meint, selbst weise genug für solche Entscheidungen zu sein.

Die Einleitung dieser Verse heißt: ”Und die Kinder Israel machten sich auf und zogen hinauf nach Bethel und befragten Gott” (Vers 18). Erneut kann man feststellen, dass das Volk etwas tut – nämlich in den Kampf zu ziehen, bevor es Gott befragt hat. Das Volk hatte sich schon entschieden zu kämpfen, denn Gott wurde gar nicht gefragt, ob Er den Kampf eigentlich überhaupt gutheißt. Die Frage, die es aus Sicht des Volkes noch zu klären galt, war lediglich: Wer eigentlich zuerst?

Gebet muss dem Ausziehen vorausgehen

Dennoch ist es ein erstes positives Zeichen, dass das Volk letztendlich dazu kommt, Gott anzurufen, leider aber erst, nachdem alle Pläne festgelegt waren. Die gesamten Pläne hier kommen nicht von Gott, sondern von den Menschen. Gott jedoch soll am Ende auch noch seinen Segen geben. Dazu findet der Mensch viele Begründungen. ”Zunächst müssen wir uns doch beraten, denn es ist ja unsere Verantwortung, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.” Tatsächlich geht es hier um die Verantwortung des Menschen, aber diese beginnt damit, dass man zu Gott kommt und Ihn befragt, was nach Seinen Gedanken zu geschehen hat. Israel handelte anders – und auch wir stehen immer in Gefahr, dem ”Vorbild” Israels zu folgen.

Gerade wenn es um so schwerwiegende Fragen wie Versammlungszucht geht, dann steht an erster Stelle das Befragen Gottes. Das kann bei uns auf zwei verschiedene Weisen geschehen – und sollte es auch: Es gibt zunächst das Gebet, dass jeder persönlich zu dem Herrn richten kann, um Seine Führung zu erfahren. Dann ist auch das gemeinsame Gebet unser Vorrecht und unsere vornehmste Pflicht.

Es ist undenkbar in den Augen Gottes, dass Versammlungszucht ausgeübt wird, bevor nicht die ganze Versammlung – oder sofern dies heute aus Gründen des Niedergangs bzw. der Zersplitterung nicht mehr möglich ist – Geschwister als Versammlung die Knie gemeinsam vor dem Herrn gebeugt und sich mit der geschehenen Sünde einsgemacht haben. Es reicht absolut nicht aus, wenn dies nur in der Brüderstunde geschieht, so nützlich und notwendig das sein kann. Sie kann wichtige administrative Aufgaben wahrnehmen – gerade in diesem Zusammenhang –, ist aber keine Vertretung für die Versammlung als solche. Solche Zucht kann immer nur von der Versammlung als solcher ausgehen, wie wir unter anderem aus 1. Korinther 5,4.13 lernen.

Zucht nach der Schrift – dem Neuen Testament

Es ist zum Verständnis gut, zusammenfassend aufzuzeigen, inwiefern wir in dem in Richter 19-21 vorliegenden Fall ganz grundsätzliche Hinweise auf heutige Zuchtfragen und Versammlungsprobleme finden können.

1. Zucht in bezug auf moralische Verfehlung: Ausschluss

Das, was sich in Gibea abgespielt hat, war eine moralische Verfehlung und Sünde im neutestamentlichen Sinn von 1. Korinther 5. Darauf wurde Benjamin aufmerksam gemacht durch die Worte des Volkes Israel. Benjamin hätte also die Pflicht gehabt, die Männer von Gibea – auf heute übertragen – auszuschließen, wenn diese Männer keine wirkliche Buße über ihr Handeln getan hätten, weil mit solchen keine Gemeinschaft und kein Umgang möglich ist. Daher müssten wir diese Männer als ”Böse” im Sinn von 1. Korinther 5 betrachten. Im Gegensatz zu Korinth war Benjamin aber nicht dazu bereit, sondern verteidigte das Verhalten von Gibea. Was war jetzt zu tun?

Wie bereits gesagt hätte sich das Volk nunmehr darum bemühen sollen, die Benjaminiter zu überzeugen, dass sie auf einem falschen Weg waren. Sie taten es nicht.

2. Trennung von örtlichen Versammlungen

Wenn nun die Benjaminiter auch nach einem solchen Dienst nicht bereit gewesen wären, sich von den Männern aus Gibea zu trennen, ja diese zu richten, indem sie diese im neutestamentlichen Sinn ausgeschlossen hätten, wäre in der Tat die Zeit gekommen, dass sich das Volk von Benjamin hätte trennen müssen – es hätte richten sollen. Das dürfen wir heute anwenden auf den Fall, wenn eine örtliche Versammlung – oder Geschwister, die bekennen, an einem Ort zum Namen des Herrn Jesus zusammenzukommen – nicht bereit ist, sich von einem Bösen nach 1. Korinther 5 bzw. 2. Johannes 9-11 zu trennen. Dann können wir nicht anders als die Gemeinschaft am Tisch des Herrn mit solchen Geschwistern abzubrechen.

Da eine Versammlung Autorität über die ”Gläubigen am eigenen Ort”, nicht jedoch über die an einem anderen Ort hat, ”kann” sie dort nicht ausschließen. Sie kann sich nur von solchen Versammlungen bzw. den dortigen Geschwistern im Hinblick auf das Zusammenkommen trennen bzw. zurückziehen. Die Geschwister bleiben, sofern sie selbst nicht in diese Sünden fallen, weiter unsere Geschwister, wir können jedoch nicht mehr die Bande der Gemeinschaft in bezug auf den Tisch des Herrn und das Zusammenkommen zum Namen des Herrn Jesus hin aufrechterhalten. Das ist das, was mit dem Stamm der Benjaminiter hätte – im übertragenen Sinn – geschehen müssen – nicht jedoch ein Ausrotten.

Zuchtausübung geht an die Substanz

Es reicht im übrigen nicht aus, als Versammlung oder als Diener des Herrn, einfach bereit zu stehen und etwas für den Herrn Jesus tun zu wollen, um möglicherweise gerne als Instrument des Gerichtes benutzt zu werden. Um in Wahrheit Sein Instrument sein zu können, ist eine demütige, biblische Gesinnung, Treue für Ihn und ein herzlicher Gehorsam aus Liebe nötig. Manchmal sind wir zu schnell bereit, wie auch hier die elf Stämme, für Ihn etwas (als Instrument der Zucht) zu tun. Gerade wenn es um das Ausführen von Zucht geht, möchte der Herr aber bei uns selbst zunächst vorbereitete Herzen haben, für die Zucht eine ”fremde” Sache ist, die man nicht gerne ausführt, so wie es auch für Ihn ein befremdendes Werk ist (Jesaja 28,21). Wer „gerne“ Zucht ausübt, hat die Gedanken Christi nicht verstanden.

In diesem Zusammenhang fällt im übrigen auf, dass das Volk (in Vers 18) nicht von seinen Brüdern spricht, sondern von den ”Kindern Benjamin”. Sie waren sich nicht mehr der verbindenden ”Arme” ihrer Vorväter bewusst, dass sie Brüder waren. Sonst wären sie vielleicht zur Besonnenheit gekommen und hätten noch einmal nachgedacht, ob das beabsichtigte Gericht auch in den Augen Gottes in bezug auf den ”Bruder” angemessen war. Benjamin wurde vielmehr wie ein Feind behandelt, der vernichtet werden muss.

Die Gegenwart des Herrn bedeutet Verantwortung

Vielleicht war das Volk zu sehr davon überzeugt, die Bundeslade und das Haus Gottes in Silo bzw. Bethel zu besitzen, und damit Gottes Zustimmung zu haben. Sie vertrauten aber nur auf diesen Besitz.

Natürlich sollten auch wir uns heute bewusst sein, dass wir die Gegenwart Gottes, des Herrn, selbst besitzen. Aber der Herr ist für uns – in Ehrfurcht gesagt – kein ”Talisman”, kein Zaubermittel, das einfach zum Sieg eingesetzt werden könnte.

Das muss das Volk Israel später erneut (in 1. Samuel 4) in der Zeit Elis erkennen.

Dieser falsche Gedanke wird auch von dem Propheten Micha gerügt: ”Hört doch dieses, ihr Häupter des Hauses Jakob und ihr Fürsten des Hauses Israel, die ihr das Recht verabscheut und alles Gerade krümmt; die ihr Zion mit Blut baut und Jerusalem mit Unrecht. Seine Häupter richten um Geschenke, und seine Priester lehren um Lohn, und seine Propheten wahrsagen um Geld; und sie stützen sich auf den HERRN und sagen: Ist nicht der HERR in unserer Mitte? Kein Unglück wird über uns kommen!” (Micha 3,9-11).

Auch im Propheten Jeremia finden wir ähnliche Gedanken: ”Und verlasst euch nicht auf Worte der Lüge, indem man spricht: Der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN, der Tempel des HERNN ist dies! Sondern wenn ihr eure Wege und eure Handlungen wirklich gut macht, wenn ihr wirklich Recht übt zwischen dem einen und dem anderen, den Fremdling, die Waise und die Witwe nicht bedrückt, und unschuldiges Blut an diesem Ort nicht vergießt, und anderen Göttern nicht nachwandelt euch zum Unglück: so will ich euch an diesem Ort, in dem Land, das ich euren Vätern gegeben habe, wohnen lassen von Ewigkeit zu Ewigkeit” (Jeremia 7,4-7).

In diesem Zusammenhang hat auch Matthäus 18,20 eine wichtige Bedeutung: ”Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.” Zumeist wird betont, dass die Gegenwart des Herrn Jesus in Zusammenkünften zu Seinem Namen hin eine Verheißung darstellt. Tatsächlich ist das eine Seite, aus der man diesen Vers anschauen kann.

Die andere Seite ist jedoch, dass dieser Vers – und das scheint sogar der tiefere Sinn zu sein – die Verantwortung auf diejenigen legt, die sich versammeln. Sie können und sollen sich nicht auf den Herrn in ihrer Mitte berufen – vor allem nicht dann, wenn sie in Wirklichkeit gar nicht zu Seinem Namen hin versammelt sind. Vielmehr ist es ihre Pflicht, sich auf eine Weise zu versammeln, die den Gedanken des Herrn entspricht. Nur wenn sie sich tatsächlich auf der Grundlage Seines Wortes und in Übereinstimmung mit der offenbarten Wahrheit über Seine Person versammeln – also zu Seinem Namen hin – dann haben sie die Autorität, die Anweisungen, die Vers 20 vorausgehen auszuführen bzw. die Segnungen auf sich zu beziehen. Aber dann kennen sie natürlich auch die damit in Verbindung stehenden Vorrechte.

Selbstvertrauen ist mit der Gegenwart Gottes unvereinbar

Nur wenn wir entsprechend der Rechte des Herrn handeln, dann werden wir auch die segnende und positive Wirkung der Gegenwart unseres Herrn erleben. Wir sollten uns ihrer allerdings immer bewusst sein, denn sie hat eine heiligende Wirkung. Dagegen sollten wir nie auf eigene Kräfte oder vielleicht sogar die Zahl derjenigen, die auf unserer Seite stehen, vertrauen.

Vielleicht war das auch einer der Gründe dafür, dass die elf Stämme überhaupt nicht an eine Niederlage dachten. Sie vertrauten auf ihre zahlenmäßige Überlegenheit, und dachten offenbar nicht im entferntesten daran, dass es auch moralische Bedingungen für einen Sieg gibt.

”Juda zuerst”: Vorrecht verpflichtet

Wir lesen nun in Vers 19 die eigenartige Antwort Gottes, der ihnen trotz ihrer falschen Gesinnung und ihres falschen Verhaltens eine Antwort gibt: ”Juda zuerst”. Es ist gerade der Stamm, der besonders bevorrechtigt ist (1. Chronika 5,2), aus dem kurze Zeit später der König erweckt werden sollte, der als erster in den Krieg ziehen soll. Es ist immer so, dass diejenigen, die in der besonderen Nähe des Herrn stehen, die besonders bevorrechtigt sind oder aus dem Volk Gottes durch Seine Gnade hervorstechen, jene sind, die als erste in den Kampf ziehen sollen und bei denen zuerst das Gericht Gottes beginnt. Diesen Gedanken finden wir an vielen Stellen der Schrift. So fängt das Gericht beim Haus Gottes an (1. Petrus 4,17), nicht in der Welt. So sind es im Propheten Hesekiel (Hesekiel 9,6) die Alten, die Greise, die zunächst die Zucht der Regierung Gottes erfahren.

Der Name ”Juda” bedeutet übersetzt ”Lob” oder ”Preis”. Das, was Israel tat – und auch der Stamm Juda – und das, was die Gesinnung Judas ausmachte und seine Beweggründe betraf, war nicht zum Lob Gottes, sondern war von Rache durchdrungen.

So können auch wir uns leicht in Widerspruch zu unserem ”Namen” als Kinder Gottes und Zeugen des Herrn durch falsche Handlungen und eine schlechte Gesinnung stellen.

Gott antwortet also auf die Frage des Volkes – aber in der Ihm eigenen Weise. Es hat oberflächlich betrachtet den Anschein, als ob Er sich auf die Linie des Volkes begibt, um ihre Pläne in Erfüllung gehen zu lassen. In Wirklichkeit erteilt Er jedoch dem Volk dadurch eine wichtige, aber auch schmerzhafte Lektion.

Wenn wir Menschen meinen, auf eine solche Weise Gott oder den Herrn Jesus für uns vereinnahmen zu können, dann haben wir zu lernen, dass Seine Wege immer höher als die unsrigen sind, ja dass sie unseren Wegen sogar entgegenstehen können. Wohl dem daher, der sich zunächst an Gott wendet, bevor er eigene Pläne schmiedet, um von Anfang an Seine Führung zu erfahren, die immer zu unserem Guten ist, denn denen, die Gott lieben, wirken alle Dinge zum Guten mit (Römer 8,28).

Dabei wollen wir nicht übersehen, dass das Volk an dieser Stelle nicht gemächlich vorgeht, um die Anweisungen Gottes zu erfüllen. Nein, sie ziehen des Morgens früh aus, denn sie wollen den (vermeintlichen) Auftrag des Herrn schnell ausführen. Dass dabei wahrscheinlich auch ihr Fleisch mitspielte, ist wahr, denn sie waren, wie wir gesehen haben, in fleischlichen Zorn geraten. Dennoch ist es schön, dass sie sich keine Zeit lassen, um das Wort des HERRN zur Ausführung zu bringen.

Wer sich gegen das Volk Gottes stellt, steht gegen Gott auf

Das Gegenteil muss man bei den Benjaminitern feststellen. Anstatt sich von der Sünde Gibeas zu distanzieren, identifizieren sie sich auf kühne und gottlose Weise mit ihr: Sie sind so frech, aus dieser Stadt heraufzuziehen. Dort hätten sie doch wirklich erfahren können, wie schrecklich der Zustand unter den Männern war. Aber in ihrer eigenen Blindheit machen sie die Sache Gibeas zu ihrer eigenen, um gegen das Volk Gottes, ja um gegen Gott selbst aufzutreten.

Das letztere ist im übrigen besonders ernst. Wer sich mit dem Bösen oder bösen Personen eins macht, steht gegen Gott auf. Das mag zunächst unwissentlich geschehen, und wir können sicher sein, dass eine solche Absicht auch bei den Benjaminitern nicht existierte. Wer sich aber auf die Seite der Bösen stellt, steht allein dadurch gegen Gott auf, weil Gott das Böse hasst.

Diese Gedanken haben auch für unsere heutige Zeit Bedeutung. Wer sich nicht auf die Seite des Herrn Jesus stellt, steht damit automatisch als Sein Gegner auf – mag er es wollen oder nicht, mag er dies bewusst tun oder unbewusst. Daher ist bei uns allen größte Wachsamkeit gefordert, um Seine und damit die richtige Seite zu wählen.

Seine Wege sind höher als die unsrigen

Jetzt jedoch geschieht etwas Eigenartiges: Die wenigen Benjaminiter – 26.700 – schlagen unter dem restlichen Volk – 400.000 – praktisch für jeden Benjaminiter einen Mann, insgesamt 22.000 Kriegsleute. Waren sie doch im Recht? Hatte das Volk Israel zu Unrecht diese Sünde in Gibea angeprangert? Stand Gott etwa auf der Seite der Sünder? Nimmt Er Sünde doch nicht so ernst, wie man immer hört?

Dieses Ergebnis des Kampfes zeigt, wie man sich hüten muss, äußere Schwierigkeiten und Vorfälle vorschnell zu deuten. In Wahrheit hatte in diesem Kampf nicht Benjamin gesiegt, sondern das übrige Volk hatte eine göttliche Niederlage erlitten. Menschlich gesprochen mag das das Gleiche sein, bei Gott aber stellt es einen entscheidenden Unterschied dar. Es ist ausgeschlossen, dass Benjamin mit eigenen Mitteln und Kräften eine solche Niederlage unter dem übrigen Volk anrichten konnte. Hier musste Gott im Spiel sein. Das Tragische ist, dass weder die Benjaminiter noch das übrige Volk diese Lehre aufnahm.

Zugleich zeigt Gott anhand dieser Begebenheiten, dass der Mensch nicht über Unrecht und Übeltaten triumphieren kann. Er ist nicht in der Lage, aus sich selbst und mit eigener Kraft solche Siege zu erringen. Das mag bei einer ”ersten” Niederlage überraschend sein, wird uns jedoch unter anderem durch diese Stelle deutlich gemacht. Selbst wenn sich eine ”Mehrheit” gegen die Sünde aufmacht, wird sie nicht gewinnen können. Nur Gott kann die schreckliche Macht der Sünde ”besiegen”, auch wenn sie unter dem Volk Gottes auf- und vorkommt.

Gott ist langmütig

Gott wollte den Benjaminitern mit diesem Kampf – und auch mit dem nächsten – noch einmal die Gelegenheit geben, von ihren falschen Wegen, von ihren Sünden umzukehren. Aber sie verstanden den Appell Gottes nicht – sie hatten die Augen und Ohren ihrer Gewissen verstopft.

Auch heute gibt Gott solchen, die sich auf falschen Wegen befinden, für eine gewisse Zeit die Möglichkeit der Umkehr, der Buße. Gerade aber wenn der äußere Anschein, oder die äußere Anzahl einen scheinbaren Beweis des Segens Gottes darstellt, dann vergisst der Mensch, auch wenn er gläubig ist, so leicht, dass Gott auch dadurch warnend reden kann. Schenke uns der Herr, wenn wir das eine oder andere Mal auf einem falschen Weg sind, dass wir Seine Worte verstehen, selbst wenn sie in einem sanften Ton des Säuselns (1. Könige 19,12) gesprochen werden.

Gott stand also durchaus nicht auf der Seite Benjamins, aber Er war wider das Volk Israel aufgestanden, um ihnen deutlich zu machen, in welcher Gesinnung allein Zucht geübt werden kann.

Lernen wir aus der Zucht des Herrn?

(Vers 22-23) Was aber lernen nun die übrigen elf Stämme aus dieser Begebenheit? Es ist ernüchternd festzustellen: Nichts. Sie lernen nicht die Sprache Gottes und sie lernen auch nicht ihr eigenes Herz kennen. Wenn man den 22. Vers liest, mag man zuerst denken, dass eine echte Demütigung unter dem Volk stattfand. Der erste Teil dieses Verses zeigt uns jedoch, dass es in Wahrheit zumindest nicht tief genug ging, ja, dass keine wirkliche Buße und Demütigung unter dem Volk stattfand, denn es ”ermannte sich” als erstes selbst, um sich wieder in Schlachtreihen aufzustellen.

Es ist schlimm, wenn man bei einer Niederlage unter dem Volk Gottes sogleich wieder zum nächsten Kampf rüstet. Wäre es nicht zuvor angebracht, einmal im Gebet – unter Befragen Gottes und Seines Wortes – darüber nachzudenken, was Er über die ganze Sache denkt?

Beter und Propheten sind gesucht

Es gibt unter dem Volk Gottes viele Kämpfer - und diese brauchen wir auch. Aber es gibt auch Zeiten, wo wir als erstes Beter und Propheten brauchen, solche Männer wie Abraham und Mose, die die Stimme des Herrn verstehen.

Es ist auffallend, dass bei dieser Gelegenheit der Hohepriester Pinehas nicht auftritt, sondern erst nach dem zweiten Kampf. War es eine Schwäche dieses großen Mannes Gottes? Hatte das Volk ihn vorher vielleicht gar nicht hören wollen?

Die Gefahr besteht, dass sonst bewährte Brüder und Schwestern bei solchen Gelegenheiten ebenfalls versagen - auch in der heutigen Zeit.

Andererseits dürfen wir darin sicherlich auch die Hand Gottes sehen, der sich gleichsam verbirgt, um dem Volk seinen ganzen Zustand deutlich zu machen. Er lässt – so möchte man fast sagen – nicht zu, dass jetzt ein solcher Knecht auftritt, um das Volk zurückzubringen: es soll noch die ganze Lektion lernen.

Was lernen wir daraus für uns heute? Haben wir nicht in den letzten Jahren gerade Schlag auf Schlag solche Niederlagen erlebt? Müssen wir nicht in fast buchstäblicher Anwendung dieser zahlenmäßigen Niederlage zugeben, dass es immer mehr geworden sind, die durch den Feind, durch unsere persönliche falsche, schwache und weltförmige Gesinnung oder durch solche Versammlungen, die in mehr oder weniger großem Ausmaß der Sünde und falschen Lehren gleichgültig gegenüberstehen, vom Weg abgekommen sind, gleichsam umgekommen sind?

Wir brauchen Gottes Sicht

Das Volk hätte an dieser Stelle mindestens zwei Punkte erwägen sollen:

a) Man war vorher (in den Kapiteln 17 und 18) nicht um die Ehre Gottes bemüht gewesen, sondern hatte Götzendienst zugelassen. Ist es nicht auch heute bei uns so, dass in unserem persönlichen Leben so manche Götzen Platz gefunden haben, so dass der Herr es einfach nicht anerkennen kann, wenn wir trotz dieses Versagens nun in bezug auf das Zusammenkommen auf einmal Zucht und Ordnung gewährleisten wollen? Auch in den Kapiteln 19 und 20 ging es dem Volk nicht in erster Linie um die Ehre Gottes, sondern um ein schlimmes Vergehen im zwischenmenschlichen Bereich, das einen Schock unter dem Volk ausgelöst hatte. Wie steht es da mit uns: Geht es uns in allem um die Ehre des HERRN, oder haben wir diese aus den Augen verloren?

b) Die Gesinnung, in der das Volk urteilte, war die eines ”ermannten” Volkes, nicht eines gedemütigten. Vielleicht war man davon überzeugt, in der Sache im Recht zu sein, was sollte da schief gehen? Man hatte vergessen, dass die Sünde im eigenen Volk aufgekommen und man selber nicht einen Deut besser war, sondern auch das eigene Herz ein Abgrund ist (vgl. Psalm 64,6). Das Volk hatte sich nicht mit der Sünde einsgemacht und sich unter den Zustand gedemütigt, um dann von Gott wieder aufgerichtet zu werden und nach Seinen Gedanken zu handeln.

Wie häufig haben wir auch bei uns selbst zu beklagen, wie leicht wir aktiv werden und handeln, und wie schwer es ist, unter dieser züchtigenden Hand Gottes still zu stehen und Buße zu tun.

Mag es nicht auch heute Versammlungsentscheidungen geben, die in solcher Eile wie in Richter 20 und in einer solchen Herzenshaltung getroffen wurden? Und erleben wir nicht die gleichen Folgen wie das Volk damals? Niederlage auf Niederlage, und zahlenmäßige Verringerung?

Kraftlosigkeit unter dem Volk Gottes

Natürlich wäre es zuwenig, nur auf äußere Zahlen zu schauen. Dieser Niedergang an Kriegern spricht – auf unsere heutige Zeit angewendet – von zunehmender Kraftlosigkeit. So ist es wohl nur ehrlich, wenn man zugibt, dass sich in den letzten Jahren nicht nur so manche abgewandt haben, weil sie weltförmig leben wollen und weil wir ihnen nicht in der rechten Liebe und Weisheit begegnet sind, sondern dass in dieser Zeit genauso die Kraftlosigkeit unter den Gläubigen allgemein zugenommen hat. Wo früher noch die geistliche Kraft bestand, weltförmige oder gesetzliche Gläubige zurechtzuweisen und wieder zurechtzubringen, stehen wir heute häufig hilflos vor solchen Geschwistern und sind unfähig, in der rechten Art und Weise ihre Herzen und Gewissen zu erreichen.

Der erste Schritt ist, sich dieser Schwachheit bewusst zu werden, sie sich persönlich und gemeinsam einzugestehen und die persönliche Verantwortung – im Sinne eines Daniel oder Esra – zu übernehmen. Dabei genügt es nicht, sich in ”Allgemeinplätzen” über die Ursachen zu verlieren, sondern man muss sich ganz konkret die Augen für das eigene Versagen öffnen lassen.

Die Schrift zeigt uns das Heilmittel: Demütigung, Rückkehr und Beugung unter Sein Wort und Seine Hand, verbunden mit einem persönlichen und gemeinsamen Bekenntnis. Dieses muss jedoch konkret sein und die Punkte ansprechen, die wirklich vorgefallen sind. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Er treu und gerecht, dass Er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit (1. Johannes 1,9).

Das Volk unterscheidet sich an dieser Stelle von einem treuen David. Als man ihn steinigen wollte, da fasste er Mut, ”ermannte” sich gleichsam. Er fasste jedoch Mut in dem HERRN und nicht in sich selbst, wie es hier beim Volk Israel passiert. Erstarken in dem HERRN bedeutet, dass man sich auf Seine Seite stellt und Seinen Standpunkt einnimmt. Man betrachtet sich selbst im Licht Gottes und stützt sich dann auf den Herrn – im Erkennen eigener Kraftlosigkeit. Dann ist es die Stärke des Herrn, der uns zur Seite steht.

Weinen kann nur ein erster Schritt sein

Wir sehen hier in Vers 23, dass das Volk immerhin weint über das, was vorgefallen ist. Aber Weinen allein reicht nicht. Wir lesen in Hebräer 12,17, dass auch Esau weinte, aber ”keinen Raum für die Buße” fand. So wollte der HERR auch bei Seinem Volk nicht nur Tränen finden, sondern wahre Reue und Buße.

Aber das Volk hatte in einem ersten Schritt zu dem Angesicht des HERRN zurückgefunden, und das ist der erste Schritt zur Wiederherstellung. So dürfen auch wir Sein Angesicht in diesen Fragen, die uns in Verbindung mit Versammlungszucht beschäftigen, aufsuchen, um von Ihm Hilfe zu erfahren.

Zucht am Bruder setzt Liebe voraus

Das Volk fragt wiederum, ob es ausziehen soll, und wieder antwortet der HERR mit: Ja. Dabei lernen wir einen zweiten Schritt zur Wiederherstellung. Das Volk erkennt mittlerweile, dass es sich bei den Benjaminitern um seine Brüder handelt, nicht um ein fremdes Volk. Wenn wir Zucht ausüben wollen, dann müssen wir zwar das Böse hassen, so wie Gott es hasst, aber wir sollen es mit Herzen tun, die die Brüder lieben, die sie zu gewinnen suchen, damit sie umkehren. Man hat den Eindruck, dass das Volk diese Lektion mittlerweile gelernt hat.

Es sind also zwei Dinge, die dem Volk Israel bis hierhin fehlten, und die im Verlauf der Verse schon mehrfach gestreift worden sind:

a) Das Bedenken der Ehre Gottes: Vorbildlich ist hier Moses Haltung in 2. Mose 32,11 und 4. Mose 14,17-19).

b) Die Liebe zu den Brüdern: Neben den gerade angeführten Versen zeigt wiederum Mose eine inbrünstige Liebe nicht nur zu dem HERRN, sondern zu dem Volk, als er sogar bereit war, aus dem Buch des Lebens ausgestrichen zu werden, damit Gott Sein Volk wieder annehme (2. Mose 32,32).

Beide Punkte finden wir somit im Gesetz und sie hätten von dem Volk Israel beherzigt werden können und sollen. Es fehlte in dieser ganzen Geschichte aber an beiden.

Auch wir dürfen uns diese beiden Punkte zu Herzen nehmen. Es geht und muss in allem zuerst um die Ehre des Herrn gehen. Aber es darf auch die Liebe zu den Brüdern, die nach 1. Johannes 4,20-21 der Beweis des Besitzes des ewigen Lebens ist, nicht fehlen. Auch dann bleibt grundsätzlich bestehen, dass Gott den Schuldigen nicht für unschuldig hält. Seine Liebe geht eben nicht auf Kosten Seiner Heiligkeit.

Die Langmut Gottes ist beinahe unbegrenzt

(Vers 24-25) Auch beim zweiten Kampf gibt es das gleiche Ergebnis. Auf Geheiß Gottes hin zieht das Volk aus und erleidet wieder eine empfindliche Niederlage: 18.000 Mann sterben. Aus den späteren Zahlenangaben lernen wir, dass auch die Benjaminiter in diesen beiden Kämpfen Männer verloren haben – aber insgesamt nur um die 1.000 Mann. Wir sehen also erneut, dass der HERR mit beiden Seiten deutlich redet: Dem Volk will Er noch einmal klar machen, dass es keine lautere Gesinnung ist, mit der es in den Kampf zieht. Und den Benjaminitern gibt Er noch einmal die Möglichkeit umzukehren.

Gerade aus dem zweiten können wir ersehen, wie langmütig Gott letztlich mit uns ist, wenn wir auf Abwege kommen. Er möchte niemals unser Verderben, sondern will unser Herz bewegen. Er sucht bis zuletzt, uns von falschen Wegen zurückzuführen. In diesen Fragen kennt Er keine Hast. Es kommt aber der Augenblick, wo diese Geduld und Barmherzigkeit ein Ende findet – und dann muss Er im Gericht antworten, so wie wir das auch in diesem Kapitel finden. Bis dahin wendet Er sich aber immer wieder an unser Gewissen.

Gott prüft unsere Gesinnung und führt zur Rückkehr

Wir sollten uns nun heute die Frage stellen, ob wir Sein wiederholtes Reden, Seine ständigen Appelle an unsere Herzen und Gewissen ernst nehmen und aufnehmen, oder ob wir wie das Volk zu jener Zeit blind für unseren eigenen Zustand und unsere eigene Gesinnung sind.

Die nunmehr gefallenen 40.000 Männer aus den elf Stämmen erinnern uns daran, dass Gott prüfen wollte und musste, wie die Gesinnung wirklich aussah. Wir haben gesehen, dass diese Prüfung erst spät und dann auch nicht in dem eigentlich gewünschten Ausmaß Früchte trug. Wir dürfen jedoch die Gnade Gottes erkennen, dass Er uns nicht einfach gehen lässt, sondern nach wie vor durch solche Prüfungen deutlich macht, dass Ihm an uns gelegen ist.

Eine wichtige Belehrung aus der erneuten Niederlage des Volkes wollen wir nicht vergessen. Sind diese Niederlagen nicht ein Beweis dafür, dass der Herr zu allererst das Selbstgericht bei jedem von uns und bei uns gemeinsam erwartet, bevor Er uns fähig sieht, Gericht oder Zucht an unserem Nächsten zu üben? Mag nicht ein Grund für die Schwachheit heute sei, dass zu wenig Selbstgericht geübt wird? Wenn wir uns jedoch diese Schwachheit eingestehen, wenn wir uns ihrer bewusst werden, dann haben wir den ersten Schritt auf dem Weg des Selbstgerichtes bereits beschritten. So ist sich auch die Versammlung in Philadelphia bewusst, dass sie nur eine kleine Kraft besitzt. Gerade dadurch aber ist sie in der Lage, Sein Wort und Seinen Namen zu bewahren.

(Vers 26) Nunmehr finden wir kein „Ermannen“ unter dem Volk mehr, sondern eine Rückkehr nach Bethel. Hat das Volk erkannt, dass etwas nicht stimmte? Im Gegensatz zu Vers 22 ist es hier sogar das ganze Volk, nicht nur das Kriegsvolk, das sich an diesem Ort versammelt. Sie scheinen ein gutes Stück mehr davon zu erkennen, dass sie ganz auf den HERRN geworfen sind und in Seiner Gegenwart, im ”Haus Gottes” in Bethel, Seine Gedanken erfahren können.

Dies ist ein weiterer Schritt der Wiederherstellung. Erst in Bethel, in dieser „doppelten“ Gegenwart Gottes, fängt das Volk offenbar an, wahrhaftig zu lernen, denn das, was in Bethel geschieht, und das, was aus Bethel hervorkommt, darf man sicherlich als eine Frucht des Herrn bezeichnen.

Fasten der Demütigung und Einsmachen mit dem Opfer Christi

Zugleich lesen wir, dass sie in Bethel nicht nur weinen, sondern auch fasten. Hier ist ein vierter Schritt in ihrer Rückkehr zu erkennen: Fasten spricht an dieser Stelle von Demütigung, von Beugung unter das Urteil Gottes, in Verbindung mit dem ”Kasteien” aber auch von Selbstgericht. Es bedeutet, von allem abzustehen, was mit den Bedürfnissen und Freuden dieser Erde zu tun hat, und im Sinn des Selbstgerichts bedeutet es auch, dass man sich im Licht des Wortes Gottes prüft, ob es etwas im Leben und auch in der persönlichen Gesinnung gibt, was nicht in Übereinstimmung mit den Gedanken des Herrn ist, um es wegzutun.

Das Volk wollte ganz auf den HERRN geworfen sein und Seine Antwort erhalten. Wir lesen zwar nicht ausdrücklich von dem Bewusstwerden von Sünden oder dass sich das Volk auch wahrhaft demütigte – und ”echtes” Fasten muss mit wahrer Demütigung einhergehen. Die weiteren Taten scheinen jedoch deutlich zu machen, dass dieses Fasten von Gott angenommen werden konnte. Dennoch zeigen die weiteren Geschehnisse auch, dass ein ”einmaliges Fasten” nicht ausreicht.

Das Richten des Fleisches – also die Deutung von Gilgal – muss in dem Leben eines jeden Gläubigen eine ständige Übung sein. Bei den elf Stämmen muss man im Gegensatz dazu feststellen, dass unmittelbar nach einer richtigen Handlung schon wieder das ”Fleisch” wirksam wurde. Wir lernen daraus, dass jeder Schritt in Abhängigkeit von dem Herrn Jesus getan werden muss; einer allein garantiert nicht, dass es die folgenden auch sind.
Hier erkennt das Volk darüber hinaus, dass es gerade bei einer solchen Demütigung an der Zeit ist, Gott das zu geben, was Sein Herz verlangt, was aber auch für einen Gläubigen oberste Pflicht ist, Ihm zu geben: Opfer.

Das ist ein fünfter Punkt, der auf dem Weg der Wiederherstellung berücksichtigt werden sollte. Wenn wir ”opfern”, dann machen wir uns eins mit dem Opfer des Herrn Jesus und stellen Gott gleichsam noch einmal den Wert Seiner Person und Seines Opfers dar, damit Sein Wohlgeruch auch auf uns Anwendung findet.

Das Eingeständnis der Sünde steht am Anfang

Das Volk hatte nicht begriffen, dass es an erster Stelle Sündopfer hätte bringen sollen, denn hier lag Sünde vor. Gott in Seiner Gnade sieht aber das geringste Licht, das in unseren Herzen ist, und daran knüpft Er an, um uns zu retten und zu dem Punkt zurückzubringen, der Seinen Gedanken entspricht. Leider ist das Volk in diesen Kapiteln nie vollständig zu diesem Punkt gelangt, und doch stellen wir fest, dass am Ende dieser Geschichte der Altar Gottes steht, und das ist immer das Ziel unseres Herrn mit uns.

Wenn der Herr ein vielleicht nur geringes Zeichen von Buße und Demütigung in den Herzen derjenigen ansieht, die in Seinem Auftrag Zucht ausüben, dann sollten wir allerdings nicht vergessen, dass der Herr dasselbe auch in den Herzen solcher sieht, die unter Zucht stehen, sei es persönlich oder aufgrund einer Trennung. Auch wir sollten bei diesen Menschen bzw. Brüdern nicht erwarten, dass das Werk des Herrn sofort an eine vollkommene Wirkung in den Herzen hervorruft. Dann würden wir uns selbst gegenüber blind sein; dann könnte der Herr auch uns nie solche Gnade erweisen, weil auch wir heute so oberflächlich geworden sind. Nein, wenn wir einen „Funken“ von Buße sehen, dann dürfen und sollten wir auf eine solche Seele zugehen, um sie dahin zurückzuführen, wohin der Herr sie zurückbringen möchte.

Der Herr muss wieder Mittelpunkt werden

(Vers 27-28) An dieser Stelle kommt nun (endlich) die Bundeslade in den Blick. Es ist erstaunlich, dass das Volk nicht von Anfang an diese Bundeslade gesucht hat. Aber Gott nimmt das Fasten zum Anlass, um auch diesen Punkt zu klären. Natürlich ist die Bundeslade als solche keine Sache, die allein durch ihre Anwesenheit den Sieg oder ”Glück” bringt. Das musste das Volk unter dem Hohenpriester Eli leidvoll erfahren (1. Samuel 4,5-11). Wenn man jedoch die Kraft, die mit dieser Lade in Verbindung steht, auch im persönlichen und gemeinschaftlichen Leben verwirklicht, dann kann Gott tatsächlich den Sieg geben.

Hier scheint die Erwähnung der Lade einen Hinweis darauf zu geben, dass sich das Volk des ”Bundes” wieder bewusst wurde, den Gott mit ihm geschlossen hat. Wir dürfen wissen, dass Gott Seine Pflichten des Bundes immer erfüllen wird. Im Gegensatz zu uns ist auf Ihn Verlass. Er ist treu, selbst wenn wir – wie leider so häufig – untreu sind (2. Timotheus 2,13). Dieses Bewusstsein ist ein weiterer Meilenstein auf einem Weg der Wiederherstellung.

Mit Sieg und Wiederherstellung steht im übrigen nun auch Pinehas in Verbindung, der das Volk seinerzeit durch seine Entschiedenheit vor dem vollständigen Untergang errettet hat (4. Mose 25,6-9). Seine Treue nahm der HERR zum Anlass, den Bund aufrechtzuerhalten. Er steht als Enkel Aarons an dieser Stelle darüber hinaus in einem großen Kontrast zu dem Enkel Moses, Jonathan, der in Richter 17 derjenige war, der den Götzendienst in Israel öffentlich einführte. (s. Ri 18,30)

Pinehas und die Bundeslade scheinen aber mit noch einer weiteren Erkenntnis in Verbindung zu stehen, gerade, wenn wir diese Begebenheit in unsere heutige Zeit übertragen: Gott und dem Herrn Jesus Christus muss jeweils ihr wahrer und richtiger Platz gegeben werden. Dann – und nur dann – gibt es für den Gläubigen keine Niederlage mehr.

Während wir nämlich in Pinehas den wahren großen Hohenpriester vorgebildet sehen – den Herrn Jesus – spricht die Bundeslade von dem Christus als dem (Aufrecht-)Erhalter des Thrones Gottes, dessen, der alle Autorität besitzt. So wird man sich, wenn man die Bundeslade in die Mitte stellt, der ganzen Autorität Gottes wieder bewusst und handelt auch entsprechend. Der Herr Jesus als Hoherpriester dagegen ist auch in solchen Umständen in Fürbitte für uns tätig, damit wir Seine Wege erkennen und entsprechend handeln. Beides dürfen wir auch heute noch erleben – und für beides dankbar sein, denn sonst würde es ein Zeugnis des Herrn und Gläubige hier auf der Erde wohl nicht mehr geben.

Die Zahl 3

Dieser ganze dritte Versuch, gegen den Stamm Benjamin das Gericht auszuüben und zu gewinnen, steht im übertragenen Sinn im Zeichen des Todes und der Auferstehung des Herrn Jesus Christus. Einerseits ist Pinehas davon als der dritte Hohepriester, von Aaron an gerechnet, ein Bild. Aber es handelt sich auch um den nunmehr dritten Versuch des Volkes.

Die Zahl drei erinnert uns immer wieder daran, dass der Herr Jesus drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde war. Auch Abraham sah am dritten Tag den Berg Morija (1. Mose 22,4). So werden auch wir nur dann, wenn wir uns auf den Tod des Herrn stützen und diesen auf uns und unsere Gewissen angewandt haben, einen Sieg erringen können. Im Tod Christi lernen wir, dass wir selbst zu einem Ende gekommen sind. Dann ist es allein Seine Kraft, die wirksam ist und uns zu Überwindern macht.

Gott selbst muss über uns entscheiden ”dürfen”

Schließlich finden wir hier in Vers 28, dass das Volk Gott nun nicht mehr befragte, um eine Bestätigung des eigenen Plans, nämlich wieder zu kämpfen, zu erhalten. Vielmehr ist es so, dass das Volk nunmehr Gott vollständig entscheiden lässt, ob der Kampf gerechtfertigt ist oder nicht.

Auch das ist ein Kennzeichen der Wiederherstellung, dass man Gott ganz die Führung überlässt. Das gehört wahrscheinlich zu den schwierigsten ”Aufgaben”, die wir zu erfüllen haben, da wir so gerne selbst einschreiten wollen.

Hier nun macht Gott deutlich, dass Er jetzt zu Gunsten des Volkes eingreifen wird, da die Benjaminiter immer noch nicht von ihren Sünden umgekehrt sind. ”Zieht hinauf, denn morgen werde ich ihn in deine Hand geben.” Diese Zusicherung gab es bislang noch nicht.

Wenn wir jedoch eine solche Verheißung des Herrn erfahren, dann können auch wir mit Zuversicht Seine Streite kämpfen. Bei uns geht es nicht darum, gegen jemanden, gegen Fleisch und Blut, in den Kampf zu ziehen, sondern geistliche Mächte der Bosheit zu bekämpfen und auch als gute Kämpfer Gottes die Autorität Seines Wortes aufrecht zu halten..

Aber angesichts so mancher Niederlage, die auch wir im übertragenen Sinn einstecken mussten, ist es herrlich, dieses Wort zu hören, dass Er mit uns ist, um uns, natürlich in dem Herrn Jesus, den Sieg zu geben.

Gott gibt keine Heldensiege

(Vers 29-42) Allerdings ist der Sieg, den das Volk hier erringt, nicht ein Heldensieg, sondern einer, der dem über Ai in Josua 8 gleicht. Nur über einen Hinterhalt, und das ist demütigend, darf das Volk gewinnen.

Gerade bei solchen Zuchtfragen macht uns der Herr deutlich, dass es letztlich niemals „Sieger“ gibt, sondern dass alles, was damit zu tun hat, äußerst demütigend ist. Es handelt sich um Aktivitäten, die man am liebsten gar nicht durchführen wollte, wenn wir sie nicht dem Herrn schuldig wären, und über die man gerne den Mantel des Schweigens hüllen wollte, weil sie so traurig sind.

Dann aber ist es ermutigend, in Vers 30 zu lesen, dass sich die elf Stämme eigentlich nicht gegen den Stamm Benjamin insgesamt, sondern gegen Gibea aufstellten. Offenbar fing es an, beim Volk zu ”dämmern”. Es hat jetzt mit mehr Selbsterkenntnis und besser begriffen, wo das eigentliche Übel vorlag. Es ging eben nicht in erster Linie um Benjamin, sondern um Gibea. Leider sehen wir immer noch nicht, dass Benjamin etwas davon verstanden hätte.

In den nächsten Versen lesen wir nun in einer ungewöhnlichen Ausführlichkeit, wie Israel den Hinterhalt legte, um die Benjaminiter zu besiegen. Zunächst wirkte alles wie bei den zwei vorherigen Kämpfen. Dann jedoch zeigt sich, dass die Hand des HERRN mit Israel und nicht wie bei den vorherigen Kämpfen gegen Israel war.

Der Kampf aus dem Hinterhalt

Was lernen wir nun aus der Tatsache, dass dieser „Hinterhaltskampf“ in solchen Einzelheiten geschildert wird?

a) Zunächst einmal lernen wir nicht, dass man unter Brüdern hinterhältig vorgehen sollte, wenn solche Schwierigkeiten vorkommen. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass der „Hinterhaltskampf“ vielmehr ein Zeichen und Grund zugleich der Demütigung für das Volk – für uns – ist. Immer dann, wenn Gläubige wie bei Ai oder hier zunächst eine Gott nicht wohlgefällige Gesinnung im Kampf – in Zuchtfragen – an den Tag gelegt haben, dann zeigt der Herr, dass selbst dann, wenn der Sieg errungen wird und man ”sachlich” auf der richtigen Seite stand, der Sieg dem Herrn gehört und wir selbst keinen Grund zu irgendwelchem Hochmut haben.

b) Gerade Siege nach Niederlagen bedürfen harter Arbeit. Diese darf nicht aus dem Fleisch hervorkommen, aber der Herr muss uns dann zeigen, dass Fleiß und Anstrengung auf unserer Seite notwendig ist, um Seine Aufträge richtig zu erfüllen. Solche ”Siege”, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann, sind mit großen geistlichen Verlusten und mit viel Energie verbunden. Sie fallen uns viel schwerer, als wenn wir von Anfang an auf der Seite des Herrn mit Seiner Gesinnung agiert hätten.

c) Der Kampf aus dem Hinterhalt ist in der Anwendung ein Bild des Gebetes, da der Hinterhalt – wie gesagt – von Schwachheit zeugt. Wenn man jedoch schwach ist, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als zu beten. Und so, wie beim Hinterhalt der Sieg eigentlich durch den errungen wird, den der Feind zunächst nicht sehen kann, so wird der Sieg des Gläubigen häufig durch das unsichtbare Gebet erzielt. Das ist auch sofort übertragbar auf Fragen der Zucht. Nur, wenn man sich seiner eigenen Schwachheit bewusst ist und eine Haltung des Gebetes einnimmt (Hinterhalt), wird man den Herrn auf seiner Seite haben.

d) Ein solcher Kampf wird ”heftig” (Vers 34). Das ganze Volk ist gleichsam in diesen Kampf mit ganzer Kraft verwickelt. Der Herr erwartet von uns, dass wir uns hier ganz und mit allen auf Seine Seite stellen.

e) Selbst in solchen Situationen sind unter dem Volk ”Verluste” zu beklagen, hier sind es 30 Mann. Der Herr möchte uns zeigen, dass der Sieg vollständig auf Ihn selbst zurückzuführen ist, auch wenn wir in eigener Verantwortung kämpfen müssen.

f) Man muss nicht nur das Richtige tun, nämlich Böses richten, sondern es auch in der richtigen Haltung tun (Demütigung und Abhängigkeit), wenn der Herr auf unserer Seite stehen soll.

Erste Zeichen der Wiederherstellung sollten wahrgenommen werden

Wir lernen aus diesem Sieg auch, dass bereits ein Funke Aufrichtigkeit reicht, um den Arm des Herrn zu bewegen. Natürlich sucht Er unser ganzes Herz. Aber Er sieht, wenn sich ”ein Funke” rührt, und darauf reagiert Er schon in unendlicher Barmherzigkeit, indem Er dem Volk den Sieg gibt. Wie häufig finden wir in den Beispielen der Schrift, dass der Herr die ersten Anzeichen von Einsicht zum Anlass nimmt, um Seine wiederherstellende Gnade in unendlicher Barmherzigkeit uns zukommen zu lassen. Denken wir in diesem Zusammenhang nur an Leute wie Adam und Eva, Abraham, Isaak, Jakob, David, Petrus, Johannes-Markus etc.

Das gerade aber fällt uns leider oft schwer. Wenn Gott bei einem Ausgeschlossenen den ersten Funken an Buße bewirkt, fällt es uns oft schwer, diese Wirkung der Gnade des Herrn zu erkennen und aufzunehmen, um ihm die vollständige Rückkehr zu erleichtern. Ist es nicht häufig so, dass wir vollständige Buße – und manchmal noch mehr fordern – bevor wir überhaupt bereit sind, ein erstes Gespräch anzunehmen, anstatt dass wir es von uns aus suchen (2. Korinther 2,7), nachdem es erste Anzeichen der Buße gibt? Damit soll Leichtfertigkeit durchaus nicht das Wort geredet werden. Leichtfertigkeit ist dann gegeben, wenn der Rahmen, den die heilige Schrift vorgibt, verlassen wird.

Ein erstes Anzeichen von Buße scheint jedoch sowohl im Sinne von 2. Korinther 2 wie auch in der Anwendung des Vorgehens bei einem Aussätzigen in Israel (vgl. 3. Mose 14, 1-4) die Möglichkeit zu eröffnen, die ”Gesundung” bei einem Ausgeschlossenen zu erkunden. Wir sollten in diesen Fragen immer wieder den Geist Gottes durch Sein Wort auf uns wirken lassen und nicht ”heiliger” als der Herr handeln wollen.

Das Herz des Menschen – auch des Gläubigen – kann verstockt sein

(Vers 43-46) Bereits in Vers 35 ist zu lesen, dass mehr als 25.000 Männer unter den Benjaminitern fielen. Es handelte sich also um eine vollständige Niederlage dieses Stammes. Wir lesen bei dieser Niederlage nicht ein einziges Wort der Buße und Reue bei dem Stamm Benjamin – übrigens auch später nicht bei den 600 Mann, die übrigbleiben.

So ist der natürliche Mensch: Selbst wenn wir sichtbar erleben, dass der Herr gegen uns aufstehen muss, hat es zuweilen den Anschein, dass wir bockig und verstockt nicht von unserer Haltung abstehen wollen, sondern diese bis zum bitteren Ende beibehalten.

Zucht muss maßvoll sein

Die andere Seite ist die der elf Stämme. Wir lesen in Vers 43, dass sie den Stamm Benjamin ”niedertraten, bis vor Gibea, gegen Sonnenaufgang”. Natürlich ist es richtig, dass wir, wenn wir Zucht ausüben sollen, diese auch gründlich und vollständig verwirklichen. Es erscheint jedoch fraglich, ob das Gericht an Benjamin wirklich mit einer solchen Schärfe hätte ausgeführt werden müssen, und ob hier Schuld und Gericht in einem angemessenen Verhältnis stehen, ob – wie man es gerne ausdrückt – die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt wurde.

Einen vergleichbaren Fall finden wir in 2. Chronika 28,9-15, wo Gott sein Volk durch einen Propheten darauf aufmerksam machen muss, dass auch bei ihnen selbst Verschuldungen vorlagen (Vers 10) und ein zu scharfes Gericht nur dazu führen würde, dass sich der Zorn Gottes gegen sie richten müsste.

Gott hatte ausdrücklich im Gesetz darauf hingewiesen, dass Kinder nicht um ihrer Eltern willen und Eltern nicht um ihrer Kindern willen gerichtet werden sollten (5. Mose 24,16). Was konnten kleine Kinder, Jungen und Mädchen, für das Fehlverhalten ihrer Eltern in Benjamin? Das sind nicht die Wege des Herrn, sondern menschlicher und fleischlicher Zorn.
Wir lernen daraus, dass es auch hinsichtlich des Ausmaßes von Zucht wichtig ist, das Maß Gottes zu finden. Es wäre daher schlimm, wenn nicht vor dem Ausschluss einer Person oder der Trennung von Brüdern anhand der Schrift erwogen würde, ob nicht andere, noch nicht so weit gehende Zuchtmaßnahmen möglich sind, um einen Bruder noch einmal zu gewinnen. Es ist leicht – und möglicherweise in dem einen oder anderen Fall auch unbiblisch und damit falsch – direkt die äußerste Zuchtmaßnahme des Ausschlusses zu wählen. Es soll an dieser Stelle nicht erneut darum gehen, die einzelnen Möglichkeiten, die wir in der Schrift finden – unter anderem öffentliches Zurechtweisen oder Bezeichnung – zu beschreiben. Dies kann und muss jeder aufrichtige Christ vor dem Herrn mit der Bibel in der Hand erwägen. Schenke uns der Herr jedoch auch auf diesem Gebiet ”Augenmaß” und Abhängigkeit!

Man fragt sich auch, ob keiner unter dem Volk daran dachte, was denn die umliegenden heidnischen Bewohner von einem solchen Bürgerkrieg eigentlich hielten. Natürlich dürfen wir nicht die Ehre Gottes übergehen, um nach außen hin eine falsche Einheit zu propagieren.

Zugleich dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass der Herr uns hier als Zeugen zurückgelassen hat, damit die Welt erkenne, dass Gott, der Vater, den Herrn Jesus auf diese Erde gesandt hat. Wie mancher falscher Kampf hätte allein durch das Bewusstsein, dass wir gemeinsam Zeugen für Ihn sein sollen, vermieden werden können.

Nun darf aber ein solches Verhalten nicht auf Kosten des Aufrechterhaltens der Wahrheit des Wortes Gottes gehen. Darum liegt es an uns, in unseren Wegen auch praktisch zu verwirklichen, dass Gott sowohl Licht als auch Liebe ist, etwas, was für uns als Menschen immer unverständlich bleibt.

Der Herr sucht tapfere Männer für Sein Werk

Wie traurig ist der letzte Satz dieses Abschnittes: ”Diese alle waren tapfere Männer.” (Richter 20,46) Gerne hätte der HERR sie in Seinem Kampf verwendet! Aber sie hatten sich von Ihm losgesagt und einen eigenen, fleischlichen Kampf geführt, der zu ihrem Verderben führte.
Der Herr möchte auch heute noch jeden Gläubigen für Seine Sache gewinnen. Wenn wir jedoch eigene Wege gehen wollen, dann haben wir auch die Folgen solcher Wege zu tragen. Wie unnütz dies in dem Fall bei Benjamin war, ist offenbar geworden. Das Tragische ist, dass es nicht nur zu einem persönlichen Gericht in den Regierungswegen Gottes führte, sondern auch zu einer Schwächung des ganzen Volkes.

So ist es auch heute. Wer sich für einen eigenen Weg entscheidet, missachtet nicht nur die Worte Gottes in bezug auf sich persönlich, sondern widersetzt sich auch den Gedanken Gottes in bezug auf Sein Volk, das ”wie ein Mann” zusammenstehen sollte, „damit sie alle eins seien“ (Johannes 17,21), zu einer Dokumentation Gottes der Welt gegenüber, und schwächt damit das ganze Volk Gottes.

Auch im Gericht in Zeiten der Erprobung kennt Gott Gnade

(Vers 47) Mit Dankbarkeit darf man diesen Vers lesen. Der HERR hat in Seiner Gnade und Barmherzigkeit zu jeder Erprobungszeit einen Überrest der Gnade, so auch hier. Der HERR führt diese 600 Männer in Richtung Wüste zu einem Felsen, der Rimmon heißt. Dort verbirgt Er sie in seiner umfassenden Gnade für vier Monate und versorgt sie.

Vielleicht darf man in diesem Felsen ein Bild von Christus sehen, da sowohl in Matthäus 16 als auch in 1. Korinther 10 eine deutliche Verbindungslinie zwischen dem Felsen und Christus gezogen wird.

Diese Stelle zeigt also die Souveränität Gottes. Sicherlich waren diese 600 Männer nicht besser als die anderen, die im Kampf umgekommen waren. Aber Gott wollte sich diesen Stamm erhalten und nicht zulassen, dass er ausgerottet würde. Sonst wären die prophetischen Worte von Jakob und Mose nie in Erfüllung gegangen.

In dieser Weise wacht auch unser guter Herr über die Umstände heute. Selbst wenn man manchmal den Eindruck haben könnte, dass Er tatenlos zusieht, so hält Er in Wirklichkeit immer die Fäden in Seiner Hand. Wie manches Mal konnte man nach schwierigen Situationen erkennen, dass der Herr in Seiner Gnade und Souveränität gehandelt hat und uns nicht aufgegeben hat. Das war letztlich der einzige Grund, dass wir nicht vollständig ”umgekommen” sind.

Dennoch ist es bedauerlich, dass wir auch an dieser Stelle keinen einzigen Hinweis auf ein inneres Werk der Buße unter den Benjaminitern finden. Wie verstockt kann doch unser Herz in unseren Sünden sein!

Schreckliche Ergebnisse eines Bruderkampfes

(Vers 48) Es ist schrecklich, diese Zusammenfassung des Kampfes zu lesen. Das Übel, das in Gibea vorgekommen war, wurde nicht vom Stamm Benjamin gerichtet und führte dazu, dass ein ganzer Stamm – nicht nur die 26.000 Männer – samt Städten und Frauen und Kindern ausgerottet wurde. War das ein Zeichen lauterer Gesinnung Israels, dass man unschuldige Kinder tötete und mordete, ja sogar das Vieh, das eigentlich für den Opferdienst Gottes geeignet war?

Aber wie gesagt – wir finden in dieser Geschichte unser eigenes Herz wieder, das zu allem fähig ist. Nur das Bewusstsein der Gnade des Herrn, in der wir stehen, und Seiner Gerechtigkeit werden uns fähig machen, zunächst uns selbst zu demütigen und dann ein Urteil zu fällen und zu vollziehen, das Seinen Gedanken entspricht. Gnade führt nämlich nie zu Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit, wohl aber zu einem empfindsamen Verständnis der Wege des Herrn.

Dieser Abschlussvers warnt uns davor, uns auf die Seite von Unrecht, Übel oder Bösem zu stellen, wie unscheinbar und versteckt es auch auftreten mag. Das bringt in der Praxis nur traurige und schlimme Resultate – und führt zur Verunehrung des Herrn.

Kapitel 21:Opfer können nur in Verbindung mit Gehorsam wohlgefällig sein

Fleischlicher Eifer unter Gläubigen

(Vers 1) Dieser Vers schließt nahtlos an das Ende des vorigen Kapitels an. Wir sehen hier, mit welcher Unvorsichtigkeit und in welch fleischlichem Eifer das Volk gehandelt hatte. Offenbar hatte der Schock über das Unrecht die Israeliten so sehr beeindruckt, dass sie in einer rein emotionalen Trotzreaktion geschworen hatten, den Benjaminitern unter keinen Umständen eine Frau zu geben, so dass für diese keine Fortpflanzungsmöglichkeit mehr gegeben war – jedenfalls nicht mehr im Rahmen des Volkes Israel. Gott hatte das Volk weder beauftragt, Benjamin vollständig auszurotten, noch verboten, künftig eine Verbindung mit einem Benjaminiter einzugehen.

Nicht von ungefähr macht der Herr Jesus in der sogenannten Bergpredigt in Matthäus 5 deutlich, dass man überhaupt nicht schwören soll. Die Schwüre jedenfalls, die in diesen Kapiteln im Buch der Richter ausgesprochen wurden (20,8; 21,1.5.18), waren nicht vom HERRN und führten einerseits das Volk ins Verderben, andererseits jedoch zu weiteren fleischlichen Taten. Zudem fällt auf, dass nicht ein einziger eingehalten wurde. Das allein zeigt schon, wie falsch die Schwüre gewesen sind.

Welchen Sinn hatte es, den ganzen Stamm Benjamins auszurotten? Wäre man nicht selbst mitschuldig geworden, wenn sich die Benjaminiter nun gezwungenermaßen Frauen unter den heidnischen, götzendienerischen Völkern hätten nehmen müssen?

Durch unbedachte Aktionen kann man leicht andere Geschwister in falsche Richtungen führen. Gerade bei dem, was wir öffentlich sagen und anderen zu erkennen geben, ist größte Vorsicht geboten und Abhängigkeit von unserem Herrn erforderlich.

Die Rückkehr nach Bethel

(Vers 2-3) Wir sehen jetzt, dass das Volk erkennt, was die Konsequenzen aus den eigenen Handlungen sind – natürlich auch aus der Sünde der Gibeatiter. Es ist schön, dass das Volk in dieser Situation nicht vergisst, dass es einen Gott im Himmel hat.

So dürfen auch wir gerade in solch traurigen Umständen zu Ihm kommen und vor Ihm weinen und beten. Wir dürfen sicher sein, dass Er uns anhören wird.

Es fällt auf, dass das Volk nicht vor dem HERRN, sondern vor Gott weint. Offenbar ist es sich bewusst, dass etwas Trennendes zwischen ihm und Gott steht. Sonst würden wir lesen, dass es sich vor seinem Bundes-Gott, dem HERRN, niederbeugte. Dieses Bewusstsein des Bundes, durch den sie mit dem HERRN verbunden waren, kommt anscheinend erst mit der Zeit wieder, als das Volk am Abend dann tatsächlich zu dem ”HERRN, Gott Israels” betet.

Auch wir werden uns in solchen Umständen bewusst sein, dass der Genuss der Gemeinschaft gestört ist. Dennoch dürfen wir zu jeder Zeit in Freimütigkeit zu unserem Heiland, dem Herrn Jesus Christus, beten – und gerade dann, wenn es uns (geistlich) schlecht geht, ist der richtige Zeitpunkt dafür. ”Seid um nichts besorgt, sondern IN ALLEM lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christus Jesus” (Philipper 4,6-7).

Nun war in diesem Fall das Volk selbst daran schuld – jedenfalls in keiner Weise Gott –, dass ein Stamm vermisst wurde. Wir haben gesehen, dass das Gericht durch das Volk in einer übermäßigen Schärfe ausgeführt worden war. Und dennoch ist auch jetzt noch das Befragen Gottes gut, denn dadurch könnte sich das Volk noch einmal bewusst werden, was die wahre Ursache für diesen Verlust war. Wir stellen auch an diesem Punkt fest, dass die Buße des Volkes, das Weinen, nicht tief genug gegangen war, um im ”Spiegel Gottes” die eigenen Fehler zu erkennen.

Wie oft geht es leider auch uns so, aber der Herr ermutigt uns, Sein Wort in der ganzen Schärfe (Hebräer 4,12) und Klarheit auf unsere Herzen und Gewissen anzuwenden, um Seine Gedanken zu erkennen.

Die Gegenwart des Herrn heiligt

Es ist schön zu sehen, dass sich das Volk in Bethel zusammenfindet, dem Haus Gottes im übertragenen Sinn, denn Bethel heißt übersetzt Haus Gottes. Aus dem vorigen Kapitel können wir wohl entnehmen (20,26-28), dass sich dort die Bundeslade befand. Das Volk wollte sich also gleichsam in der Nähe des HERRN selbst aufhalten, um von Ihm geleitet zu werden. So darf es auch bei uns sein.

Dort, wo der Herr ist, sollten auch wir uns aufhalten – ganz in Seiner Nähe. Nur dann werden wir als Seine Knechte das Ihm Wohlgefällige tun. Allerdings fällt auch auf, dass das Zelt der Zusammenkunft in Silo stand, denn dorthin würde – wie man im weiteren Verlauf des Kapitels sieht – das Volk zum Laubhüttenfest gehen und dort finden wir später auch Eli, den Hohenpriester.

Diese Trennung des Zeltes der Zusammenkunft von der Bundeslade ist für uns – zu Recht – unverständlich. Sie mag letztlich auch einer der wichtigen Mängel sein, die dazu geführt haben, dass das Volk keinen klaren Weg ging.

Wenn das Zelt der Zusammenkunft, wenn die Versammlung oder auch das Zusammenkommen als Versammlung, von der Bundeslade, dem Herrn Jesus, getrennt wird, dann verliert es den vollen Segen. Ohne Ihn hat man gar nichts.

Ein Zusammenkommen ohne Christus ist tot

Die Lehre besteht für uns darin, dass wir darauf achten müssen, das Zusammenkommen der Gläubigen nicht von der Person des Herrn zu trennen. Nach Matthäus 18 ist dies nicht einfach eine Verheißung, ein Segen, sondern unsere unmittelbare Verantwortung. Wenn wir nicht zu Seinem Namen hin zusammenkommen, dann werden wir einen Verlust erleiden, insbesondere, wenn wir es besser wissen bzw. besser wissen könnten. Wie leicht entgleitet uns das Empfinden und das Bewusstsein der persönlichen Gegenwart des Herrn Jesus in unseren Zusammenkünften.

Wenn sich Weltförmigkeit einschleicht, sei es in der Form von Laschheit und Gleichgültigkeit oder in fleischlichem Regeln oder Gesetzlichkeit, dann merkt man gar nicht, wie sich die Herrlichkeit des Herrn, gleichsam wie im Propheten Hesekiel, langsam und Schritt für Schritt davon bewegt. Hier ist die Wachsamkeit von Mizpa unbedingt gefordert – Geschwister, die eine besondere Empfindsamkeit in bezug auf die Ehre des Herrn besitzen.

Der Altar Gottes

(Vers 4) Wir finden an dieser Stelle erneut einen Altar. Man möchte fast wünschen, dass es Ziel dieses Buches wäre, uns zum Altar zu führen, der ja dann auch in Verbindung mit dem Laubhüttenfest in Silo (Verse 15-22) einen wichtigen Platz einnimmt.

Nur an dem Altar, nur angesichts des Kreuzes oder im Schatten des Kreuzes, wird auch ein Gläubiger die Gedanken des Herrn erkennen können. Dort, wo sowohl der Wohlgeruch Christi für Gott als auch das Gerichtsurteil Gottes über die Sünde ihren Ausdruck finden, haben alle Wege eines Christen ihren Ausgang.

Schade, dass das Volk erneut vergisst, an erster Stelle Sündopfer zu bringen. Sicher erscheint es geistlich anspruchsvoller, wenn man Friedensopfer der Gemeinschaft und Brandopfer der Anbetung bringt, aber das Sündopfer müsste zunächst gebracht werden.

Aber auch wir sollten auf der Hut sein, nicht einen äußeren Schein (z.B. in den Stunden, in denen wir zu Seinem Gedächtnis zusammenkommen) abzugeben, der nicht mit der Wirklichkeit unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Wege übereinstimmt. Zunächst ist Ehrlichkeit gefordert, die auch darin ihren wahren Ausdruck findet.

Aber immerhin – das Volk beginnt zu opfern, und dazu macht es sich früh auf.

Gerade wenn es um eine Begegnung mit unserem Herrn geht, die wir im Schatten Seines Kreuzes haben dürfen, dann geht es darum, sich früh, wenn wir durch nichts gestört oder abgehalten werden, aufzumachen. Dann werden wir, von unserem Fleisch nicht belastet, Seine Gedanken aufnehmen können.

Warum trägt die Gegenwart des Herrn keine Früchte?

(Vers 5-9) Diese Opfer-Begegnung trägt keine göttlichen Früchte. Vielmehr sehen wir erneut zwei Fehler, die von dem Volk begangen werden:
a) Menschliche und fleischliche Überlegungen zur Rettung Benjamins
b) Unverhältnismäßige Schärfe gegenüber Jabes-Gilead

Zunächst einmal dürfen wir jedoch erkennen, dass das Volk zu Recht danach Ausschau hält, ob es eine Familie gibt, die zu der gemeinsamen Versammlung in Mizpa nicht erschienen ist. Und tatsächlich gibt es eine solche, Jabes-Gilead.

Die Bibel kennt keine Neutralität

Während wir in dem Stamm Benjamin in einer neutestamentlichen Anwendung ein Beispiel einer Versammlung gesehen haben, die nicht bereit ist, Böses zu richten, sondern sich mit diesem Bösen eins macht, so können wir in Jabes-Gilead in einer Anwendung das Bild einer Versammlung sehen, die meint, neutral bleiben zu können. Doch beides kennt die Bibel nicht.
Jabes-Gilead meinte, sich aus der ganzen Angelegenheit heraushalten zu können. Aber das kennt die Bibel nicht. Man kann entweder Freund oder Feind Gottes sein, eine Grauzone dazwischen gibt es nicht.

Dadurch, dass sich Jabes-Gilead nicht an dem Kampf beteiligte, drückte es aus, dass es das Verhalten Benjamins nicht biblisch verurteilen wollte. Natürlich, man wollte sich auch nicht auf die Seite Benjamins stellen. ”Nein, Kämpfe unter dem Volk Gottes, Trennungen, die darf es doch nicht geben”, meint man aus Jabes-Gilead zu hören.

Es ist wahr, dass Gott keine Trennungen wünscht. Wenn eine Versammlung sich jedoch weigert, Böses zu richten, dann muss sich ein Gläubiger, der die heiligen Ansprüche Gottes anerkennen will, zurückziehen bzw. von dieser Versammlung trennen, denn Gott kann Gemeinschaft nicht auf Kosten Seiner Heiligkeit akzeptieren. Wenn göttliche Einheit nur durch Trennung aufrechterhalten werden kann, so ist das traurig, aber biblisch gefordert. Das finden wir unter anderem in 2. Timotheus 2 dargestellt. Eine ”Was geht dieses Problem uns an?”-Mentalität kann Gott niemals gutheißen.

So kann es auch heute nicht sein, dass Versammlungen einen neutralen Standpunkt einnehmen, wenn sie die Gedanken des Herrn verwirklichen wollen. Sicherlich ist es nicht angebracht, dass sich jede Versammlung schriftlich über alle aktuellen Fragen äußert, es ist jedoch unabdingbar, dass eine Versammlung einen Standpunkt einnimmt und dieser auch bekannt ist, insbesondere in den umliegenden Versammlungen.

Das können wir aus Matthäus 18,20 deutlich erkennen, denn wer zum Namen des Herrn zusammenkommen möchte, der sollte eine bewusste Überzeugung darüber haben, was dies ganz grundsätzlich, aber auch in Verbindung mit der jeweiligen aktuellen Situation bedeutet. Das dürfen wir auch aus 1. Korinther 10,15 schließen, wo an das Verständnis der Gläubigen appelliert wird, wenn von der Gemeinschaft des Blutes und des Leibes (Körpers) des Christus gesprochen wird. Wer könnte zudem die Einheit des Geistes (Epheser 4,2-3) bewahren, ohne einen biblisch begründeten, eindeutigen Standpunkt zu haben? Der Herr erwartet von uns Entschiedenheit und Hingabe – diese ist mit Neutralität unvereinbar!

Irdische Segnungen können vom Herrn wegführen

War von Jabes-Gilead eigentlich eine andere Haltung zu erwarten? Menschlich gesprochen sicherlich nicht. Jabes-Gilead lag aus Sicht des Landes Kanaan jenseits des Jordan, also auf der Seite der Wüste. Während das Volk Israel für die Eroberung der Städte innerhalb Kanaans – also diesseits des Jordan – diesen Fluss zu überqueren hatte, lag Jabes-Gilead in einem Gebiet, das auch ohne die Überwindung des Jordan eingenommen werden konnte.

Das alles hat eine geistliche Bedeutung. Der Jordan ist häufig als ein Fluss des Todes bezeichnet worden. Das liegt einerseits daran, dass er in das Tote Meer mündet und damit ganz buchstäblich einen Bezug zum Tod hat, denn im Toten Meer gibt es aufgrund des hohen Salzgehaltes kein lebendiges Tier. Andererseits kann man in dem Jordan geistlicherweise das Bild des Todes eines Gläubigen mit dem Herrn Jesus sehen. Dies kann man mit den Erfahrungen des Volkes Israel erklären. Das Volk musste den Jordan überqueren, um in das Land Kanaan zu kommen. Gott schenkte dazu ein Wunder, indem die Wasser stehen blieben und sich wie eine Wand aufrichteten (Josua 3,16). Dadurch konnte das ganze Volk durch das Flussbett wandern und auf der Seite Kanaans wieder aus dem Jordan hinaus in das Land gehen. „Normalerweise“ wäre das ganze Volk untergegangen – gestorben – wenn es unter „normalen“ Umständen durch den Jordan gegangen wäre – tatsächlich aber schaffte Gott durch ein Wunder eine Rettung.

So ist es auch mit einem Gläubigen heute. Jeder, der himmlische Segnungen genießen möchte, muss den Tod Christi auf sein Leben anwenden. Da aber Christus bereits gestorben ist, stirbt der Gläubige nicht leibhaftig, sondern der Tod Christi ist auch sein Tod. So wendet Gott den Tod Christi auf jeden Gläubigen an – und dieser kann gleichsam trockenen Fußes die himmlischen, geistlichen Segnungen genießen. Was passiert hier? Gott rechnet einem Gläubigen den Tod des Herrn Jesus ganz persönlich zu, also ob man selbst gestorben wäre. Jeder Mensch hat den Tod verdient und muss daher diese Strafe für seine Sünden auch erleiden. Wenn ein solcher Mensch aber den Herrn Jesus im Glauben annimmt, dann wird ihm der Tod Christi zugerechnet, also ob er also mit Christus am Kreuz gestorben und in das Grab gelegt worden wäre.

Es ist jedoch auch nötig,, den Tod Jesu auf das persönliche Leben anzuwenden, indem man verwirklicht, mit Ihm begraben worden zu sein (Kolosser 2,11-12) und mit Christus den Elementen der Welt gestorben zu sein (Kolosser 2,20). Zugleich muss man die Glieder töten, die auf der Erde sind (Kolosser 3,5). Diese werden im Anschluss beschrieben: Hierzu gehören Hurerei, Unreinigkeit, Leidenschaft, Habsucht, Zorn, Wut, Lästerung, schändliches Reden und die Lüge. Wenn man praktisch verwirklicht, mit Christus gestorben zu sein, dann wird man diese Dinge nicht tun, sondern „herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Langmut“ in seinem Leben zeigen.

Unabhängig von diesen geistlichen und himmlischen Segnungen gibt es jedoch auch irdische Segnungen, für die diese Anwendung des Todes Christi nicht notwendig ist, und die nicht nur von Gläubigen, sondern von einem großen Teil der Menschheit überhaupt genossen werden. Davon spricht Jabes-Gilead, weil dieser Ort zu dem Teil gehörte, der erworben werden konnte, ohne dass man durch den Jordan, gegangen war.

Daher spricht dieser Teil des Erbes des Volkes von den irdischen Segnungen, die nicht nur Gläubigen heute gegeben sind: Dazu gehören z.B. das Geschenk der Ehe und Familie, die Gesundheit, ein gesundes Aufnahmevermögen, Intelligenz, eine Arbeitsstelle etc. Das alles ist uns als eine ”irdische Segnung” sozusagen geliehen worden, damit wir es zur Ehre und Freude unseres Herrn benutzen.

Leider ist bei jedem Christen auch heute – genauso wie bei den zweieinhalb Stämmen damals, die sich ausschließlich mit diesen ”irdischen Segnungen” begnügten – der Hang vorhanden, diese irdischen Geschenke des Herrn so zu benutzen, dass sie sein ganzes Herz einnehmen und keinen Raum mehr für himmlische und geistliche Dinge übrig lassen.

Das scheint in übertragenem Sinn bei Jabes-Gilead geschehen zu sein, so dass es gar kein Unterscheidungsvermögen mehr besaß, wie man sich dem HERRN gemäß hätte verhalten sollen.

Christus sollte der Mittelpunkt sein

Wenn wir auf diese irdischen Dinge ausgerichtet sind, kommt auch uns das geistliche Unterscheidungsvermögen leicht abhanden. Der Herr freut sich, wenn wir diese Dinge – an ihrem Platz – zu Seiner Ehre genießen, aber nur, wenn wir zugleich mit den viel wichtigeren und ewigen, geistlichen Segnungen befasst sind, ja mit Seiner Person selbst. Gerade dadurch finden die irdischen Dinge ihren richtigen Platz und werden in den Dienst des Herrn gestellt.

Der Herr bewahre uns davor, zu sehr mit dieser Erde und zu wenig mit Ihm und Seinen Segnungen beschäftigt zu sein. Ein Missverhältnis auf diesem Gebiet ist eine der Ursachen für so viel Schwachheit und Niedergang unter den Gläubigen.

Wir dürfen die Beweggründe eines anderen nicht beurteilen

Es gibt jedoch auch noch eine andere Seite bei Jabes-Gilead zu bedenken. Es wird überhaupt nicht die Frage gestellt, warum von Jabes-Gilead niemand nach Mizpa gekommen war. Tatsächlich schweigt auch die Schrift darüber, so dass man die Gründe nur mit größter Vorsicht beurteilen kann. Wir wissen jedoch aus 5. Mose 20, dass es Umstände gab, die dazu berechtigten, an einem solchen Kampf nicht teilzunehmen:

a) Jemand, der ein neues Haus gebaut und noch nicht eingeweiht hatte, wurde vom Kampf befreit (Vers 5)
b) Jemand, der einen Weinberg gepflanzt und noch keine Frucht für sich selbst hatte davon essen können – das war erst im 5. Jahr möglich (3. Mose 19,25), war befreit (Vers 6)
c) Jemand, der verlobt, aber noch nicht verheiratet war, war ebenso befreit (Vers 7)
d) Jemand, der sich fürchtete und verzagten Herzens war, durfte von dem Kampf zurückstehen (Vers 8)

Es ist zwar kaum vorstellbar, dass eine ganze Stadt den einen oder anderen der vier Punkte auf sich anwenden konnte, aber zumindest hätte man die jeweiligen Leute danach befragen und diejenigen verschonen müssen, die einen dieser Gründe geltend machen konnten. Nichts dergleichen jedoch geschah. Konnten die elf Stämme daher ohne weiteres die Ausrottung dieser Stadt vornehmen? Dachten sie vielleicht, darin besonders geistlich zu sein? Es ist erstaunlich, dass man an dieser Stelle wieder nichts von Pinehas hört, der doch verschiedene Male deutlich unter Beweis gestellt hatte, dass er die Rechte des HERRN vertrat.

Auch für uns haben diese Punkte Bedeutung. Dabei geht es hier nicht darum, eine Anwendung für diese vier Entschuldigungsgründe zu finden. Vielmehr geht es darum, wie wir das Verhalten anderer beurteilen. Allein den äußeren Anschein zum Maßstab zu nehmen, führt häufig in die Irre, da, wie in diesem Fall in Richter 21, das Verhalten richtig oder falsch sein könnte. Andererseits dürfen wir aber auch nicht versuchen, die Gesinnung und die Beweggründe zu beurteilen. Das macht uns 1. Korinther 4,4-5 klar: ”Der mich aber beurteilt, ist der Herr. So urteilt nicht etwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren wird.” Er allein ist dazu in der Lage, und wenn wir meinen, dies tun zu können, dann eignen wir uns Rechte an, die allein Ihm gehören.

Wir müssen beurteilen, aber anhand klar erkennbarer Taten. Dabei müssen wir uns selbst jedoch immer von dem Licht des Wortes Gottes bis in unser Innerstes durchleuchten lassen, um vor dem Fallen bewahrt zu werden. Wir Menschen stehen immer in Gefahr, neben klar beurteilbaren Sachverhalten auch andere Dinge zur Grundlage für Entscheidungen zu machen. Aber der Herr möchte uns vor diesem Fehler bewahren – gerade auch bei Zuchtfragen und Fragen von schwierigen Versammlungsentscheidungen – , weil wir als Menschen einfach nicht in der Lage sind, in den anderen hineinzuschauen; das kann nur Gott.

Falsche Grundsätze und menschliche Lösungen führen ins Verderben

Das Tragische dieser Geschichte in Richter 21 ist nun außerdem, dass wir hier erneut von einem Schwur lesen, der unnütz und zum Verderben war. Wie kam das Volk nur dazu, solche schlimmen Schwüre auszusprechen?

Manchmal können eigene, gesetzliche Grundsätze, von denen man nicht abrücken will, zum Schaden sein. Wie gesagt – das Verhalten der Leute von Jabes-Gilead ist unentschuldbar. Muss man dazu aber die ganze Familie, ja, alle Einwohner töten und umbringen? Gewiss, Gericht war erneut nötig, aber in Gottes Maß.

Darüber hinaus sehen wir, dass dieses Gericht an Jabes-Gilead von der Überlegung geleitet ist, wie man den Stamm Benjamin doch noch retten könnte, obwohl nach dem ersten Schwur keiner seine eigene Tochter einem Benjaminiter zur Frau geben sollte. Nun wollte man mit böser List einen Ausweg finden, indem ein weiterer Volksteil, der Unrecht auf sich geladen hatte, getötet werden sollte, mit Ausnahme der Mädchen, die man als Frauen für die Benjaminiter gebrauchen konnte.

Dann hätte man – wie man meinte – den Schwur nicht gebrochen, sondern durch die Hintertür eine glänzende Lösung gefunden. Aber jede Lösung ohne Gott ist eine falsche Lösung, selbst wenn sie logisch und klug erscheint.

Es ist im übrigen unaufrichtig und geradezu anmaßend ,die Schuld einer bestimmten Gruppe von Gläubigen zum Anlass zu nehmen, Zucht zu üben, dabei in Wirklichkeit aber die eigene Rechtfertigung bzw. eigene Ziele zu verfolgen. Damit kann sich Gott niemals eins machen. Häufig wird Er dann mit Seiner züchtigenden Hand eingreifen.

Fehler führen zu weiteren Fehlern

(Vers 10-12) 12.000 Männer wurden nun nach Jabes-Gilead geschickt, um alle Einwohner bis auf die Frauen, die noch keinen Mann gehabt hatten, umzubringen. Zunächst fragt man sich hier erneut, warum eigentlich Gott nicht befragt wurde. Hatten sie nicht gerade noch ein Opfer gebracht? Vielleicht hätte sich das Volk dann eingestehen müssen, dass der eigene Schwur ein großer Fehler gewesen war. Wollte man das wohl vermeiden?

Wie leicht geht es auch uns so, dass wir vergessen, zunächst das Wort Gottes und den Mund Gottes zu befragen, bevor wir andere, eigene Wege suchen. Er hätte – daran wollen wir nicht zweifeln – in Seiner Weisheit einen Ausweg gefunden. Aber wir können ebenso sicher sein, dass dies eine erneute Demütigung des Volkes voraussetzte.

Zugleich vertraute das Volk wieder auf die eigene Stärke. Sicher dachte man, dass 12.000 Kriegsleute wohl ausreichen würden, um diese Stadt zu besiegen. Im Verhältnis zu den Bewohnern von Jabes-Gilead war das Verhältnis wohl noch eindrucksvoller als im Vergleich zum Kampf gegen Benjamin. Aber war es nicht wieder ein eigenmächtiges Handeln, indem man die eigene Kraft für ausreichend einstufte? Anders kann man nicht verstehen, dass das Volk ohne Befragen Gottes genau 12.000 Männer für angemessen hielt.

Und dann finden wir wieder diese unnachgiebige Härte des menschlichen Herzens. Erneut übertritt das Volk das Gebot des HERRN, kein Kind um der Eltern willen zu töten. So wird aus dieser vermeintlichen Sache des HERRN letztlich ein Morden, das Seine Zustimmung nicht finden kann. Das menschliche, natürliche Herz ist zwar erfinderisch, da es aber nicht durch den Geist Gottes geleitet wird, sind seine Erfindungen unnütz und böse.

Gott sucht ausgewogene Maßstäbe

Zudem stellt sich die Frage, mit welcher Begründung hier in Jabes-Gilead unverheiratete Frauen und Mädchen verschont werden durften, nicht aber im Kampf gegen Benjamin. Hierdurch wird erneut deutlich, dass das Volk – je nachdem, ob es den jeweiligen Zielen diente – mit eigenen und ungleichen Maßstäben arbeitete. ”Du sollst nicht zweierlei Gewichtssteine in deinem Beutel haben, einen großen und einen kleinen... Vollen und gerechten Gewichtsstein sollst du haben... Denn ein Gräuel für den HERRN, deinen Gott, ist jeder, der solches tut, jeder, der unrecht tut.” (5. Mose 25,13-16) Allein die Anwendung unterschiedlicher Maßstäbe zeigt schon, wie verderbt die Überlegungen des Volkes auch in diesem Fall waren.

Natürlich muss sich auch jeder Christ heute – und jede Versammlung – fragen, ob er – oder sie – immer den gleichen, gültigen Maßstab anwendet. Es geschieht leicht, bei solchen, die auf der einen Seite abweichen, andere Maßstäbe anzuwenden als bei solchen, die auf der anderen Seite abweichen. Ausschlaggebend ist dann häufig, zu welcher Seite man selbst neigt. Gott hasst dieses Übel, auch bei Gläubigen. Er wird nur dann geehrt, wenn man den ausgewogenen Maßstab Seines Wortes an alles anlegt, was es zu beurteilen gilt.

Das Ergebnis dieser Aktion war nun, dass das Volk 400 Mädchen auftreiben konnte, die man den Benjaminitern als Frauen gab. Hatte man damit aber den eigenen Schwur („Niemand von uns soll seine Tochter den Benjaminitern zur Frau geben“) wirklich nicht gebrochen? Nur auf den ersten Blick; denn da alle bis auf die 400 Mädchen getötet worden waren, gab es in der Tat keinen Vater und keine Mutter mehr, die ihr Kind einem Benjaminiter gab. Und doch gehörten diese Mädchen zum Volk Gottes – sie waren doch nicht Menschen zweiter Klasse – und als solche wurden sie auch von Gott gezählt, gerade so wie wenn ihre Eltern – oder Anverwandte – sie den Benjaminitern zur Frau gegeben hätten.

Dadurch, dass diese Anzahl nicht für die Benjaminiter ausreicht, zeigt Gott auch, dass jeder menschliche Erfindungsgeist nicht ausreicht, um derartige Probleme zu lösen. Wann immer der Mensch meint, eine Sache in die eigenen Hände nehmen zu können, wird er Schiffbruch erleiden – oder zu weiteren fleischlichen Listen greifen (müssen), wie in diesem Fall.

Gnade ohne den Herrn geübt

(Vers 13-14) Wir sehen nun, wie das Volk die Benjaminiter aus ihrem Felsenversteck freilässt. Wieder fragen sie nicht Gott um Rat, sondern handeln einfach. Zu gleicher Zeit lesen wir kein Wort von einer Demütigung der Benjaminiter. Es sind dieselben geblieben, die wegen ihrer Bosheit zuvor bekämpft worden sind, und jetzt dürfen sie frei ausgehen. Das steht im Gegensatz zum Handeln Gottes. Wenn Er Gnade übt, dann nie auf Kosten der Gerechtigkeit oder der Wahrheit, sondern immer in Übereinstimmung mit derselben. Auch davon dürfen wir lernen.

Und weil das Volk nicht in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit Gottes handelte, sind sie nun gezwungen zu konstatieren: ”Aber sie fanden so nicht genug für sie.” Es fehlten noch Frauen. Was war also zu tun?

Gott muss immer wieder befragt werden

(Vers 15-22) Man möchte eigentlich erneut darauf hinweisen: Gott befragen! Aber wieder lesen wir nur, dass sich das Volk Gedanken macht, wie es den Schwur umgehen, zugleich jedoch das Fortbestehen des Stammes Benjamin sicherstellen kann. Dazu legt man fest, dass sich die Benjaminiter anlässlich des Laubhüttenfestes, wenn das ganze Volk nach Silo kommen würde, ein Mädchen rauben dieses „Rauben“ wird von ihnen übrigens beschönigend „Erhaschen“ genannt! – und sich zur Frau nehmen dürften. ”Denn die Kinder Israel haben geschworen und gesagt: Verflucht sei, wer den Benjaminitern eine Frau gibt!”

Genaugenommen verfluchten sie sich damit selbst. Denn einerseits hatten sie genau das mit den ersten 400 Mädchen getan. Andererseits ist ihr eigener Plan, dass sie den Benjaminitern zwar keine Frau geben, diese sich aber Frauen aus Israel nehmen könnten, der untaugliche Versuch, ihrem eigenen Schwur zu entgehen. Die Verantwortung blieb ganz eindeutig bei dem Volk, das durch die Abmachung sozusagen diese Frauen den Benjaminitern geben würde.

Was auf diesem Weg noch einmal vermieden und sogar verhindert wird, ist Demütigung und Buße bei den Benjaminitern. Wenn das menschliche Herz und Denken im Vordergrund steht, dann fehlt beides.

Es gibt Hoffnung

Die Bedeutung des hier angesprochenen Laubhüttenfest macht deutlich, dass es noch Hoffnung für das Volk Israel gibt, allerdings kaum in Bezug auf die damalige Situation, in der das Volk im Widerspruch zu dem Gesetz Gottes handelte. Aber das Laubhüttenfest spricht prophetisch davon, dass auch für das Volk Israel einmal eine Zeit anbrechen wird, die durch und durch von Freude gekennzeichnet ist. Wenn das Volk auch durch viel Trübsal und Schrecknisse hindurch gehen muss, so steht doch schon jetzt fest, dass bald die Zeit des 1000jährigen Reiches anbrechen wird, in dem für alle Israeliten ungeteilte Freude in dem Genuss des Messias und der irdischen Segnungen Gottes liegen wird.

Als Gläubige der Gnadenzeit dürfen wir eine solche Freude – gleichsam schon vorweg – heute genießen. Bereits während unseres Lebens hier auf der Erde dürfen wir im Sinne der Schriften des Johannes eine ”völlige Freude” erleben, nämlich den Genuss der Gemeinschaft mit dem Vater und Seinem Sohn, Jesus Christus und auch der Gemeinschaft untereinander. Der Herr wünscht, dass wir schon heute freudige Christen sind, die Seinen Frieden kennen und genießen und in diesem Bewusstsein leben.

Gott ist immer noch langmütig


(Vers 23-24) Der Plan des Volkes wird nunmehr in die Tat umgesetzt. Es ist erstaunlich, dass Gott diesem Ansinnen ohne Gericht zuschaut und nicht eingreift, um Seine Rechte zu verteidigen. Gott schweigt zu diesen letzten Geschehnissen und Überlegungen des Volkes. Wir können das wohl nur damit erklären, dass die Zeit von moralischer Dunkelheit geprägt war und im letzten Vers des Buches beurteilt wird mit den Worten: „Ein jeder tat was recht war in seinen Augen.“ Offenbar „harrte die Langmut Gottes“ wie in den Tagen Noahs (vgl. 1.Pe 3,20) Man wird ein wenig an das Schweigen Gottes in den letzten ca. 400 Jahren vor dem Kommen des Herrn Jesus auf diese Erde erinnert, als nach dem Propheten Maleachi die Stimme des HERRN nicht mehr erscholl. Gott schwieg zu diesen menschlichen Gedanken und zu seinem Eigenwillen.

Hier jedoch lesen wir, dass das ganze Volk mit diesem ”intelligenten” Plan einverstanden und zufrieden war, so dass sich alle nach Hause begeben konnten. Hier, wo es doch darum, geht, die Gedanken des HERRN aufrecht zu erhalten und gemäß Seinen Vorschriften zu handeln – und das ganze Volk handelt letztlich diesen Gedanken entgegen – geht jeder nach Hause, anstatt für die Ehre des HERRN einzutreten.

Es ist beschämend, wenn Gläubige so schwerhörig und blind geworden sind, dass sie sich angesichts solcher Zustände in Ruhe nach Hause begeben können, ohne noch einmal darüber nachzudenken, was eigentlich im Hinblick auf die Ehre Gottes vorgefallen ist. In solchen Zeiten und bei derartigen Fragen wäre es angebracht, sich keine Ruhe zu gönnen bis man den Willen des Herrn erkannt hat.

Rückblickend sehen wir sehr deutlich, dass es dem Volk im Gericht über Gibea durchaus nicht in erster Linie um die Ehre des HERRN, sondern um eigene Wertmaßstäbe und Vorstellungen ging. Das jedoch ist nicht mit den Gedanken des Herrn in Übereinstimmung.

Ein jeder tat, was recht war in seinen Augen

(Vers 25) ”In jenen Tagen war kein König in Israel; ein jeder tat, was recht war in seinen Augen.”

Das sind im übertragenen Sinn die Tage, in denen wir leben. Es gibt keinen Herrn, der sichtbar ist und öffentlich über diese Erde regiert.

Daher meinen die meisten Menschen – ob auch Gläubige dazu gehören? – dass sie tun und lassen könnten, was sie wollen. Wenn man keinen Herrn anerkennt, dann gibt es niemand, dessen Rechte man beachten muss, dann muss man auch niemandem Rechenschaft ablegen, sondern jeder tut, was „in seinen Augen recht ist“.

Der Gläubige weiß, dass er durch den Heiland, Jesus Christus, nicht nur errettet worden ist von dem kommenden Zorn, sondern dass dieser Heiland zugleich auch zum Herrn geworden ist, dass Er sein Herr ist. Seinem Herrn gehorcht man, ihm ist man Rechenschaft schuldig, er kann gebieten.

Gemeinsame Treue setzt persönliche Treue voraus

Leider aber gibt es auch heute viele Christen, die nach ihrer Bekehrung das tun, was sie selbst für richtig halten. Aber der Herr Jesus erwartet Treue im Gehorsam seinem Wort gegenüber. Gerade wenn wir an das Zusammenkommen von Gläubigen denken, haben wir zu beachten, dass gemeinsame Treue immer persönliche Treue voraussetzt. Nur wenn ich persönlich in Abhängigkeit von meinem Herrn lebe, kann ich dies auch zusammen mit anderen Geschwistern tun. 2. Timotheus 2 macht sehr deutlich, dass ein Gläubiger sich zunächst in seinem persönlichen Leben von allem Bösen und Unreinen getrennt haben muss, bevor er mit anderen zusammen den Herrn aus reinem Herzen anrufen kann.

Genauso wie nur persönliche Treue zu gemeinsamer Treue führen kann, kann auch eine persönliche unabhängige Haltung zu gemeinsamer Haltung der Unabhängigkeit führen. Oder anders ausgedrückt: Wenn ein Gläubiger meint, er sei in seinem persönlichen Leben frei für alles mögliche – das ist nichts anderes als Weltlichkeit oder Weltförmigkeit – dann beeinflusst seine Haltung meist auch andere Geschwister; und schließlich braucht man sich nicht zu wundern, wenn diese Haltung die ganze Versammlung kennzeichnet und dann auch ihr Verhalten anderen Versammlungen gegenüber bestimmt Zugleich ist die Gefahr groß, dass man nicht nur auf die Geschwister, mit denen man an einem Ort zusammenkommt, durch derartige Gedanken eine negative Wirkung ausübt, sondern dass man auch andere Versammlungen ansteckt. Wie vorsichtig und präzise sollte sich jeder daher zu diesen Themen ausdrücken!

Israel war nach den Gedanken Gottes ein Volk, das einheitlich, nach Gottes Gedanken handeln sollte. So wäre die Einheit des Volkes zum Ausdruck gekommen. Statt dessen aber handeln Einzelne wie sie persönlich denken; diese persönliche Unabhängigkeit wird gleichsam die Voraussetzung dafür, dass auch das ganze Volk im Buch der Richter immer wieder von dem Weg des Herrn und von Seiner Nähe abkam.

Unabhängig handeln ist eine Leugnung der Einheit, die mit dem himmlischen Haupt, dem Herrn Jesus Christus im Himmel verbindet, jeden ganz persönlich, aber auch alle gemeinsam, denn wir alle sind von unserem Haupt abhängig und unmittelbar mit Ihm verbunden.
Das gilt bis heute. Nur dann, wenn wir persönlich gehorsam sind, können wir das auch gemeinsam sein. Beides (!) sucht der Herr Jesus unter den Gläubigen.

Dagegen kann man bei manchen Äußerungen von Gläubigen, die für sich in Anspruch nehmen, geistlich zu sein, gerade eine Tendenz zur Unabhängigkeit heraushören, auch wenn sie vielleicht geistlich klingt. So hört man zuweilen: ”Ich habe die und die Sache vor meinem Herrn erwogen und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ...” Merkwürdig ist nur, dass dieses Ergebnis sich dann manchmal als eindeutig im Widerspruch zu der offenbarten Wahrheit der Schrift erweist. Dabei bleibt es natürlich wahr, dass jeder von uns seinem Herrn persönlich verantwortlich ist und bleibt. Auffällig ist, dass gerade in einer Zeit, in der sich Niedergang und Untreue zeigen, diese persönliche Verantwortung vor dem Herrn oft so besonders betont wird.

Das zeigt, dass die „persönliche Verantwortung“ als Vorwand benutzt werden kann, um persönlich unabhängig zu handeln, und dazu dient, dies zu verbergen. Wir sollten uns zur Ehrlichkeit uns selbst gegenüber ermahnen. Nur diese führt zu wahrer Einsicht.

Aber es ist wahr: Als Diener und Christen sind wir unserem persönlichen Herrn verantwortlich. Einzeln werden wir vor Seinem Richterstuhl (2. Korinther 5,10) erscheinen und offenbar werden und von Ihm Lohn erhalten. Er möchte zu jedem von und sagen können: ”Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn.” (Matthäus 25,21.23). Das wird Seine Freude sein, denen, die Ihm treu gedient haben, aus Seiner Fülle des Segens zu geben.

Der Herr kommt

Die traurigen Worte am Ende dieser Begebenheit und am Ende des Buches enthalten doch zugleich einen Hoffnungsschimmer für jeden, der sie liest. Denn unsere einzige Hoffnung ist der ”König”, den wir als unseren Herrn kennen; einmal, weil nur Er uns persönlich und gemeinsam an den Platz führen kann, der Ihm entspricht und den Er uns in Seinem Wort aufgeschrieben hat. Dann aber auch, weil Er wiederkommen wird, um dann für uns, aber auch für diese Erde in Vollkommenheit der König der Könige und Herr der Herren zu sein.

Wir freuen uns auf diesen Augenblick, weil dann all unsere Unvollkommenheit und alle unsere Fehler Seiner Vollkommenheit Platz machen werden. Aber schon heute möchte Er einen solchen Platz in unseren Herzen und in unserer Mitte einnehmen, denn Seine Augen sind ständig auf die Seinen gerichtet, um sie zu leiten und zu führen, sie ans Ziel zu bringen und um mit ihnen Sein Ziel zu erreichen.