07.06.2006Dienst | Versammlung / Gemeinde

ProChrist – eine Nachlese (FMN)

In den letzten Jahren gab es manche Kritik an ProChrist. Auch „Folge mir nach“ hatte vor drei Jahren einen Artikel veröffentlicht, der sich kritisch mit diesem Event auseinander setzte. Kürzlich wehrte sich ein Verantwortlicher von ProChrist gegen die Kritik. Christen sollten zusammenstehen und nicht gegeneinander arbeiten. Es wäre wirklich nicht gut, gegeneinander zu arbeiten, das ist wahr. Aber auch ProChrist und Ulrich Parzany, der Hauptredner dieser Veranstaltungsreihe, müssen sich - wie jeder von uns - der Beurteilung stellen: durch das wachsame Auge des Sohnes des Menschen, der inmitten der sieben goldenen Leuchter umhergeht (Offenbarung 1-3).

Das Programm von ProChrist besteht aus Musik, Liedern, Interviews, Theater und einem Vortrag des Hauptredners und ehemaligem CVJM-Generalsekretärs Ulrich Parzany zu zentralen Themen des Lebens und des Glaubens. Dieses Jahr hieß das Motto: Zweifeln und Staunen.

Es ist manches gesagt und geschrieben worden zu ProChrist. Zuweilen wird gesagt, „ProChrist“ sei eigentlich eher „AntiChrist“. Das geht - bei mancher berechtigten Kritik an ProChrist - zweifellos viel zu weit. Wir wollen uns an das Wort des Herrn erinnern: „Und er sprach zu ihnen: Geht hin in die ganze Welt und predigt der ganzen Schöpfung das Evangelium. Wer da glaubt und getauft wird, wird errettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16,15.16). Und Paulus ruft Timotheus zu: „Tu das Werk eines Evangelisten“ (2. Timotheusbrief, Kapitel 4, Vers 5). Diese Motivation steht hinter ProChrist und treibt auch Ulrich Parzany an.

Die Bibel sagt: Predige das Wort!

Wir dürfen aber nicht vergessen, was Paulus uns in der Bibel sagt: „Predige das Wort!“ Es heißt nicht: Spielt Theater, macht Interviews, stellt einen Mega-Event auf die Beine. Es ist anscheinend - übrigens für uns alle! - so schwer geworden, einfach das Wort zu predigen, die Bibel und den Herrn Jesus Christus in den Mittelpunkt der Verkündigung zu stellen.

Natürlich ist es so, dass wir die Menschen in ihrem Umfeld abholen müssen. Aber meinen wir wirklich, dass es auf das „Drumherum“ ankommt, um Menschen für den Herrn Jesus zu gewinnen? Buße, das heißt eine echte Sinnesänderung, Bekenntnis und Bekehrung haben mit dem Herzen zu tun. Und dabei geht es nicht in erster Linie um Gefühle und Emotionen, sondern um eine echte und tiefgehende Willensentscheidung. Gerade diese oft mit lautem Jubel und Klatschen begleiteten Bühnenaufführungen und auch die zum Teil rockartigen Chor- oder Sänger-Aufführungen verhindern ein Abholen und Hinführen der Menschen zum nachdenklich Werden und zur Umkehr.

Ein seichtes Evangelium

Leider unterschied sich ProChrist dieses Jahr in einem Punkt nicht von den Veranstaltungen des Jahres 2003. Wieder brachte Ulrich Parzany ein sehr seichtes Evangelium. In seiner ersten Predigt, die schriftlich vorliegt, war von Sünde kein einziges Mal die Rede. Bei der zweiten kam es zwei, dreimal vor. Über weite Strecken seiner 30-Minuten-Predigt entfaltete Parzany in auffälliger Rhetorik Allgemeinplätze, z.T. auch viel Politisches. Aber wir freuen uns, dass er zum Schluss jedes Mal ernst(er) wurde und zur Entscheidung für Christus aufgerufen hat.

Doch wenn nur am Rande von Sünde, von der Hölle und vom verloren gehen gesprochen wird, ist die Gefahr groß, dass die wirkliche, innere Buße - also die Trauer darüber, dass man Gott vollständig verunehrt hat, dass man vor Gott ein Sünder ist und die damit verbundene Sinnesänderung - die innere Umkehr, die innere Abscheu vor dem sündigen Leben beim Zuhörer auf der Strecke bleibt. Die Liebe Gottes wird betont. Auch die Bibel betont diese: „Gott ist Liebe“ (1. Joh 4,8). Aber ist das alles? Warum wohl beginnt dieser Brief mit der Aussage: „Gott ist Licht“ (Kapitel 1,5)? Beides gehört untrennbar zusammen, und da ist Parzany ebenso in der Verantwortung wie wir alle!

Der Ruf nach vorne

Es ist heute modern, ja fast gar nicht mehr anders anzutreffen bei vielen Evangeliumsveranstaltungen: Am Ende der Verkündigung werden diejenigen, die sich für Jesus Christus entscheiden wollen, nach vorne gebeten, um dann dem Verkündiger ein Übergabegebet nachzusprechen, durch das man sich - so heißt es - bekehrt. So auch bei ProChrist.

Als theologische Begründung für den „Ruf nach vorne“ wird heute darauf verwiesen, dass die Bibel lehre, man müsse auch öffentlich zu dem stehen, was man glaubt. Man verweist dann zum Beispiel auf folgenden Vers: „Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, du errettet werden wirst“ (Röm 10,9).

Aber ist mit dieser Bibelstelle wirklich gemeint, nach einer Evangeliumsveranstaltung nach vorne zu marschieren, um mit - oftmals vielen - anderen ein Übergabegebet nachzusprechen? Es geht doch vor allem darum, in einer Umgebung, die meinen Glauben nicht akzeptiert, zu diesem zu stehen. Bei Veranstaltungen wie ProChrist beispielsweise fällt es relativ leicht, sich zum Glauben zu bekennen. Da gibt es eine entsprechende Atmosphäre. Das kann also in Römer 10 sicher nicht gemeint sein. Aber in der Nachbarschaft, die ungläubig ist. In der Familie, die vielleicht den Herrn Jesus Christus ablehnt. Am Arbeitsplatz, wo man zu einem religiösen Spinner gestempelt wird; da sich zu Jesus Christus zu bekennen, das ist wirklich ein echtes Bekenntnis. Dazu gehört eine Menge Mut.

Hinzu kommt, dass es gruppendynamische Prozesse gibt. Es ist sicher nicht von ungefähr, dass zum Beispiel bei Ulrich Parzanys Aufruf bei ProChrist, nach vorne zu kommen, auf einmal Musik gespielt wird. Dadurch werden die Gefühle angesprochen. Und unter dem gefühlsmäßigen Eindruck, dass der Prediger mich getroffen hat und dass jetzt eine Entscheidung von mir verlangt wird - und das kann ein absolut ehrlicher Eindruck sein - geht man nach vorne.

Gefühlsmäßige Entscheidungen können sehr trügen

Vergessen wir aber nicht die Warnung, die der Herr Jesus selbst ausspricht, als Er das Gleichnis vom Sämann sprach: „Der aber auf das Steinige gesät ist, dieser ist es, der das Wort hört und es sogleich mit Freuden aufnimmt; er hat aber keine Wurzel in sich, sondern ist nur für eine Zeit; wenn nun Drangsal entsteht oder Verfolgung um des Wortes willen, nimmt er sogleich Anstoß“ (Mt 13,20.21).

Genau das ist oft die Erfahrung mit diesen „nach vorne Gehenden“. Es werden nicht selten gefühlsmäßige Entscheidungen getroffen, die nicht wirklich Entscheidungen des Herzens, des Gewissens und für das Leben waren. Doch wir wollen für diejenigen, die an diesen Abenden „nach vorne“ gegangen sind, beten, dass ihnen dies ein Anstoß für ein Leben der Nachfolge ist, oder, wenn sie noch nicht bekehrt sind, sie diesen entscheidenden Schritt noch tun.

Nachgesprochenes Gebet?

Abgesehen davon: Ist ein rein mechanisch nachgesprochenes Gebet wirklich eine eigene Willensentscheidung? Ist das die Bekehrung eines Menschen? Vielleicht das eine oder andere Mal. Oftmals sicher nicht! Und dann hat man Menschen dramatisch fehlgeleitet, denen man nach dem Ruf nach vorne auch noch die Zusicherung zuspricht, sie seien erlöst. Und in Wirklichkeit sind sie nach wie vor in der Finsternis, ohne Gott! Zwar innerlich angesprochen, aber ohne echte Buße - das heißt innere Sinnesveränderung, Umkehr im Herzen - und ohne ein wirkliches Sündenbekenntnis. Welch ein Trugschluss kann daraus hervorkommen!

Auch ist es leider so, dass Ulrich Parzany bei den Übergabegebeten die Menschen dazu ermutigt, den Herrn Jesus Christus einfach mit „Jesus“ anzusprechen. Diese Anrede ist jedoch für den Herrn der Herren und König der Könige unangemessen. In der Bibel finden wir darum auch nicht ein einziges Beispiel dafür, dass der Sohn Gottes mit „Jesus“ angeredet wurde.

Zum Schluss

Wir dürfen alle von Herzen darum beten, dass möglichst viele Zuschauer, Zuhörer und Beteiligte von ProChrist ernst machen und sich bekehren, um dem Herrn Jesus nachzufolgen. Wir können auch um Segen für Ulrich Parzany bitten. Aber es liegt mir am Herzen, eine auf die Bibel gegründete Entscheidungshilfe zu geben, wenn man noch rückblickend auf ProChrist angesprochen wird oder eingeladen wird, bei „kickoff 2006“ bzw. bei „Jesus House“ mitzumachen.

Mir gegenüber sprach jemand, der bei ProChrist aktiver Mitarbeiter war, geradezu begeistert von der gigantischen Atmosphäre. Es hätten so viele Menschen mitgemacht. In München sei geradezu eine Glaubensbewegung entstanden. Die Realität - jedenfalls nach ProChrist 2003 - sieht anders aus. Und äußerer Schein trügt oft. Entscheidend ist, was der Herr Jesus zu diesem allen sagt. Und genau dazu haben wir sein Wort in Händen!

(aus: Folge mir nach - Heft 4/2006)