31.03.2010 Versammlung / Gemeinde | Persönlicher Glaube

Charismatisch

Jeder fünfte erwachsene US-Amerikaner und jeder vierte Christ in den Vereinigten Staaten rechnet sich der pfingstkirchlich-charismatischen Bewegung zu. Zu dieser zumindest auf den ersten Blick erstaunlichen Schlussfolgerung kommt das Meinungsforschungsinstituts Barna (Ventura/Bundesstaat Kalifornien) nach einer Befragung unter 1.000 Erwachsenen hervor. 21 Prozent aller Befragten sagten von sich, dass sie mit dem Heiligen Geist erfüllt seien und wenigstens eine der biblischen Gnadengaben (Charismen) praktizieren, also etwa das Gebet in fremden Sprachen (Zungen), Prophetie oder Heilung. Von jenen, die sich als Christen bezeichneten, reihten sich 25 Prozent in diese Kategorie ein.

Muss uns das erstaunen? Eigentlich nicht. Zunächst wollen wir festhalten, dass Gottes Wort diese Gnadengaben äußerer Entfaltung nur für die Anfangszeit der christlichen Zeit vorsah. Es ist daher nicht erstaunlich, dass der Schreiber des Hebräerbriefs schon vor dem Jahr 70 nach Christus davon sprach, dass in der Anfangszeit Gott durch Zeichen und Wunder und Wunderwerke mitzeugte (Heb 2,4), wie zum Beispiel durch die Heilung von unheilbaren Krankheiten (beim Überschatten eines Kranken durch die Apostel erfolgte die Gesundung usw.). Dort werden Wunderheilungen und Sprachenreden auf eine Stufe gestellt. Daher gehören beide Gaben der Anfangszeit - das Sprachenreden und die Wunderheilungen - zusammen. Schon für die (damalige) Gegenwart spricht der Verfasser des Hebräerbriefs nicht mehr von diesen Wunderwirkungen, zu denen auch das Sprachenreden gehörte.

Was das Sprachenreden betrifft, ergänzt der Apostel Paulus in 1. Korinther 14,22 weiter, dass es sich an Ungläubige richtete, nicht an Gläubige. Zudem durfte diese Gabe selbst in der Anfangszeit nicht übermäßig in den Zusammenkommen eingesetzt werden. Maximal drei Brüder (keine Schwester, vgl. Verse 34 bis 36) durften diese Gabe während einer Zusammenkunft ausüben (Vers 27), und auch nur dann, wenn es einen Ausleger, also einen Übersetzer gab (Vers 28). Das zeigt auch, dass es sich um echte Sprachen gehandelt hat, nicht um ein Lallen ohne nachvollziehbaren Inhalt (vgl. auch Apostelgeschichte 2,8).

In der christlichen Gemeinde heute haben diese Dinge keinen Platz mehr. Sie richteten sich an Ungläubige und waren für die erste Zeit vorgesehen, damit die für uns im 21. Jahrhundert kaum noch nachvollziehbaren Umwälzungen im Handeln Gottes mit Menschen von den Juden als von Gott kommend anerkannt werden konnten. Gott kann heute durch derartige Krafterweisungen kein „Ja" sagen zu der Zersplitterung der Christen in viele Einzelgruppen und zu unserem traurigen geistlichen Zustand.

Dass solche äußeren Erscheinungen anziehend sind, wird jeder nachvollziehen können. Glaube verlangt, über das Sichtbare hinauszusehen. Das fällt einem ungläubigen Menschen nicht nur schwer - es ist unmöglich. Wenn man den Glauben, der auch in charismatischen Gemeinden gepredigt wird, mit einem sichtbaren und fühlbaren Erlebnis verbindet, ist der Schritt nicht so groß. Es ist nicht mehr die Predigt der Bibel, aber es geht auch um Glauben. So ist ein christliches Element darin enthalten.

Für jeden Menschen - auch für den Christen - ist das, was sich an das Fleisch richtet, angenehm. Es nimmt nämlich seine alte Natur (oder beim Ungläubigen den alten Menschen) ernst und richtet sich an ihn. Das ist angenehm und fordert den Glauben nicht so heraus. Aber es ist leider nicht die reine Botschaft des biblischen Evangeliums.

Können wir dafür beten, dass auf solchem Weg Menschen zum Glauben kommen? Wir beten nicht für einen solchen Weg, aber wir beten dafür, dass Menschen zum Glauben kommen. Und dabei dürfen wir keine falsche Eifersucht haben, wen der wahre Gott benutzt.

Ein Freund und ehemaliger Arbeitskollege sagte mir einmal: Da solche Gruppen von Gläubigen einen (fleischlichen) Weg im Blick auf das Evangelium gewählt haben und diese eher anziehen als andere, die allein den Glauben an den Herrn Jesus Christus betonen, nähme er sich die Freiheit, gerade unter solchen Christen für das klare Evangelium - sagen wir die Botschaft des Römerbriefs - zu werben. Ich gebe das mit aller Vorsicht weiter als jemand, der sich ebenfalls schwertut, die gute Botschaft in einer von Christus abgefallenen Christenheit an den Mann und die Frau zu bringen.