22.01.2010Epheser | Versammlung / Gemeinde

Ist das Bewahren der Einheit des Geistes nebensächlich?

Ausgangspunkt der unterschiedlichen Denkweisen ist ein voneinander abweichendes Verständnis über Epheser 4,1-6. Dort lesen wir: „Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander ertragend in Liebe, euch befleißigend, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens. Da ist ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in uns allen ist."

 

1. Um was für eine Berufung handelt es sich?

Immer wieder wird argumentiert, der Apostel Paulus beziehe sich in diesen Versen allein auf den „Leib Christi" und damit auf die Beziehung einzelner Glieder (Erlöster) zum Haupt (Christus).

 

Worauf aber bezieht sich der Apostel, wenn er von der Berufung spricht? Offensichtlich auf das Ende von Kapitel 2. Kapitel 3 stellt eine Einschaltung dar, die durch die Klammern in vielen Bibelübersetzungen angedeutet wird. In Kapitel 2 lesen wir:

  1. vom Leib Christi (Vers 16),
  2. vom Vater (Vers 18 - das könnte ein Hinweis auf die Familie und das Haus Gottes sein), und
  3. im Wesentlichen vom Haus Gottes (Verse 19-22).

 

Schwerpunktmäßig behandelt der Apostel somit in dem letzten Abschnitt von Kapitel 2 nicht den Leib Christi sondern das Haus Gottes. Mit anderen Worten: Paulus bezieht sich in den ersten Versen von Kapitel 4 besonders auf das Haus Gottes, kommt jedoch noch ausführlich auf den Leib zu sprechen (Vers 3.4a.12.15.16).

 

Zusammengefasst: Unter „Berufung" versteht der Apostel hier, die Kenntnis Gottes als Vater und den Zugang zu Ihm durch den Heiligen Geist sowie die aus Juden und Heiden bestehende Einheit der Versammlung Gottes zu verwirklichen.

 

2. Bezieht sich Epheser 4 auf den „Ort Ephesus" oder auf die weltweite Versammlung?

 

Man hört in diesem Zusammenhang auch, Epheser 4,1 ff. bezöge sich in erster Linie auf die örtliche Versammlung, höchstens in zweiter Linie auch auf die Versammlung weltweit.

 

Paulus spricht in Kapitel 4,1 von der Berufung, die er am Ende von Kapitel 2 erläutert hatte. Dort wird die Versammlung unter drei Blickwinkeln gesehen:

  1. Sie hat nach dem Ratschluss Gottes einen ewigen Charakter (Eph 2,16).
  2. Sie ist von Pfingsten bis zur Entrückung zu jeder Zeit weltweit vorhanden (Eph 2,19-21).
  3. Sie hat eine örtliche Darstellung - zum Beispiel in Ephesus (Eph 2,22).

 

Diese Wahrheit der Einheit soll praktisch verwirklicht werden. Den Ratschluss Gottes, das heißt die Versammlung in ihrer zukünftigen Vollendung, können wir nicht beeinflussen. Das ist allein Gottes Werk. Bewahren können und müssen wir die Einheit des Geistes aber im Blick auf den weltweiten und den örtlichen Aspekt.

 

Die Verse 4 ff .und die Verse 11 ff. können mit einer Beschränkung auf den örtlichen Aspekt nicht erklärt werden. Das heißt: Das „Bewahren der Einheit des Geistes" (Vers 3) schließt den weltweiten und den örtlichen Aspekt ein. Der göttliche Maßstab für die Bewahrung der Einheit des Geistes ist derselbe für das örtliche Zusammenkommen wie für die Versammlung weltweit. Es gibt nicht zweierlei Maß, ein „enges" für das örtliche Zusammenkommen und ein „weniger enges" für alle übrigen Gläubigen!

 

3. Worauf bezieht sich die „Einheit des Geistes"?

Bezieht sich der Apostel bei der Ermahnung, die Einheit des Geistes zu bewahren, ausschließlich auf die Belehrungen über den Leib Christi?

 

In Epheser 4,4 lesen wir: „Da ist ein Leib" - gemeint ist der eine Leib Christi. Das legt nahe, dass der Apostel sich auch schon in Vers 3 auf diesen Leib bezieht, wenn er uns mahnt, die Einheit des Geistes zu bewahren.

 

Allerdings darf man nicht den Bezug auf die letzten Verse von Kapitel 2 außer acht lassen, wie wir soeben gesehen haben. Dort hatte der Apostel davon gesprochen, dass wir mitaufgebaut werden „zu einer Behausung Gottes im Geist" (Eph 2,22). Wir haben durch den einen Geist auch Zugang zum Vater (Eph 2,18) - im Haus Gottes wird Gott angebetet (vgl. Joh 4,23.24; 1. Pet 2,5). Mit anderen Worten: Die „Einheit des Geistes" bezieht sich nicht nur auf den Leib Christi, sondern auch auf unser Leben im Haus Gottes, das durch den Geist geprägt ist und der auch dort die Einheit bewirkt.

 

Was meint der Apostel nun konkret mit der „Einheit des Geistes"? Es ist die praktische Einheit, die der Geist Gottes unter denen bewirkt, die als Erlöste gemeinsam den einen Leib bilden (Vers 4). Sie umfasst dem Grundsatz nach alle Glieder des einen Leibes. Diese Einheit (vgl. 1. Kor 12,12.13; 10,16.17; Eph 4,4) beruht auf Gottes Wort, da der Geist Gottes keine Einmütigkeit bewirken wird, die nicht auf der Grundlage dieses Wortes steht. Sie kann nur bewahrt werden, wenn die Absichten und Ziele des Heiligen Geistes, wie sie in der Bildung des einen Leibes und in der Aufrechterhaltung dieser Einheit deutlich werden, beachtet werden. Das wiederum ist nur möglich, wenn man sich vom Bösen trennt (vgl. 2. Tim 2,19-22).

 

4. Wozu werden wir in Epheser 4,1-3 ermahnt?

Je nach persönlicher Neigung betonen wir womöglich entweder mehr das „wie" - wie die Einheit des Geistes zu bewahren ist - oder das „was" - was es bedeutet, die Einheit des Geistes zu bewahren.

 

Das sorgfältige Lesen der Verse 1-3 zeigt, dass es dem Apostel nicht nur um das „was" geht, nämlich dass wir die Einheit des Geistes bewahren, sondern auch um das „wie", nämlich wie wir dies tun. Paulus beginnt mit dem „wie" und betont dieses durch die Aufzählung notwendiger Gesinnungen (Demut, Sanftmut, Langmut, einander ertragend in Liebe, befleißigend) außerordentlich stark.

 

Er fährt dann fort mit dem „was". Gott ist dieser Gedanke der Einheit so wichtig, dass nicht nur die Versammlung eine Einheit ist. In jedem Bereich, in dem ein Christ lebt, existiert eine Einheit:

 

  1. Die Einheit der Versammlung: ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung (Vers 4)
  2. Die Einheit des Bekenntnisses: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe (Vers 5)
  3. Die Einheit der Schöpfung: ein Gott und Vater aller (Vers 6).
  4. Der Apostel fügt dann in Vers 13 an, dass sogar jeder Dienst diese Einheit zum Ziel hat bzw. haben muss.

 

Mit anderen Worten: Wir werden aufgefordert, sowohl das „wie" als auch das „was" im Gehorsam Gottes Wort gegenüber zu verwirklichen.

 

5. Was ist der Charakter der örtlichen Versammlung?

Was für eine Beziehung gibt es zwischen der örtlichen Versammlung und der Versammlung weltweit? In letzter Zeit hört man, dass die örtliche Versammlung nicht die Darstellung der Versammlung weltweit sei.

 

Wenn der Geist Gottes im Neuen Testament den Charakter der Versammlung beschreibt, bezieht Er sich auf die Versammlung weltweit. Sie ist unter anderem „der Christus" (1. Kor 12,12 - Christus und seine Versammlung), „der Leib des Christus" (Eph 4,12) und der Tempel Gottes (1. Kor 3,17; vgl. Eph 2,21). Die örtliche Versammlung trägt die Kennzeichen der weltweiten Versammlung und repräsentiert diese am Ort: Daher nennt sie der Geist Gottes „Christi Leib", das heißt den örtlichen Ausdruck „des Leibes des Christus", des einen Leibes (1. Kor 12,27). Sie ist „Gottes Tempel", das heißt der örtliche Ausdruck „des Tempels Gottes" (1. Kor 3,16). Mit anderen Worten: Getrennt von der Versammlung Gottes weltweit hat die örtliche Versammlung keine Grundlage, kann sie nach den Gedanken Gottes gar nicht existieren. Wer diese Tatsache bewusst und aktiv leugnet, greift den Kern des biblischen Zusammenkommens der Versammlung an.

 

Wenn ein örtliches Zusammenkommen den neutestamentlichen Grundsatz der Einheit aufgibt, hat sie aufgehört, als Versammlung Gottes am Ort zusammenzukommen, denn sie verneint ihre eigene Existenzberechtigung. Sie mag noch eine Gruppe von Erlösten sein. Das Band der Einheit des Leibes und das Bewahren der Einheit des Geistes existiert für sie jedoch nicht mehr in vollem, schriftgemäßem Umfang. Denn durch das örtliche Brotbrechen drücken wir auf symbolische Weise die weltweite Einheit des Leibes aus - „da ist ein Leib" (vgl. 1. Kor 10,16.17).

 

6. Was für eine Konsequenz ergibt sich daraus, dass man die „Einheit des Geistes" nicht bewahrt?

Heute ist öfter zu lesen, dass es Meinungsunterschiede zum Thema „Einheit des Geistes" gebe. Das aber bedeute überhaupt nicht, dass man sich deswegen trennen müsse.

 

Um diese Frage „fassbar" zu machen, gehe ich auf konkrete Abweichungen vom biblischen Gedanken der Einheit ein.

 

Das Beispiel

An einem Ort A entscheidet man eigenständig, dass man mit dem örtlichen Zusammenkommen in B das Brot bricht (also wechselseitig Gemeinschaft pflegt), obwohl man weiß, dass die örtlichen Zusammenkommen in C, D und E die Gemeinschaft mit B abgebrochen haben und keinesfalls mit B das Brot brechen. Gleichzeitig will man aber die Gemeinschaft mit C, D und E ebenfalls aufrechterhalten, geht dorthin und bricht das Brot. Zudem nimmt man Geschwister auf, von denen man weiß, dass sie in den örtlichen Zusammenkommen in C, D und E nicht aufgenommen würden bzw. sogar von dort weggegangen sind.

 

Die Konsequenz

Was ist die Konsequenz dieses Handelns? Jedes örtliche Zusammenkommen nimmt Geschwister nach eigenen Überzeugungen auf. In jedem örtlichen Zusammenkommen können Geschwister aufgenommen werden, die an anderen Orten abgewiesen werden. An dritten Orten treffen Geschwister aufeinander, von denen ein Teil ablehnt, miteinander in praktischer Gemeinschaft zu sein. Es gibt Zusammenkommen, die sich nicht miteinander in Gemeinschaft sehen, die aber dennoch mit von dort kommenden Gläubigen eine Verbundenheit ausdrücken wollen. Jeder Ort entscheidet für sich. Man sieht nur noch die kommenden Geschwister, nicht mehr aber die Versammlungen, aus denen sie kommen. Mit anderen Worten: Die allgemeine Gemeinschaft ist durch eine punktuelle Verbundenheit ersetzt worden.

 

Das Chaos, das im vorherigen Absatz beschrieben wird, ist die Folge davon, dass jeder nach seinen eigenen Überzeugungen handelt - mögen sie noch so gut gemeint sein. Es ist die Konsequenz aus selbstständigem, unabhängigen Handeln von örtlichen Zusammenkommen. Es handelt sich um einen Zustand des Durcheinanders, der Unordnung. Von Einheit ist keine Spur mehr zu sehen.

 

Die Bewertung

Ist das nebensächlich?

  • „Er weissagte, dass Jesus für die Nation sterben sollte; und nicht für die Nation allein, sondern damit er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte" (Joh 11,51.52). Der Herr Jesus ist gestorben, um die Einheit zu bewirken.
  • „Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Kaufmann, der schöne Perlen sucht; als er aber eine, sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie" (Mt 13,45.46). Die Perle ist ein gleichnishaftes Bild der Versammlung und zeugt von der Ganzheit und der Einheit der Versammlung (eine Perle ist unteilbar - sonst verliert sie ihren ganzen Wert). Für die Versammlung unter dem Blickwinkel der Einheit 1 Manche behaupten, Matthäus 13,45.46 habe keine praktische Relevanz für uns heute. Interessant, dass Lehrer des 19. und 20. Jahrhunderts die Einheit und Ganzheit der Perle stark hervorgehoben haben, vgl. die Hinweise zur Einheit zum Beispiel in den Vorträgen zu Matthäus 13 von W. Kelly (Einführende Vorträge und Vorträge), in der Numerical Bible von F. W. Grant, in der Bible Treasury Band 20, S. 133 von W. J. Hocking, Bible Treasury Band 1, S. 288, von R. Beacon, usw. hat unser Herr alles aufgegeben, jedes Recht, das Er besaß, um die Versammlung zu besitzen.
  • „Denn auch in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden ... und sind alle mit einem Geist getränkt worden" (1. Kor 12,13). Der Geist Gottes hat die Versammlung zu einem Leib zusammengefügt. Ein Geist hat einen Leib zusammengefügt und mit diesem einen Geist sind alle Erlösten getränkt worden. So wichtig ist dem Geist Gottes diese Einheit.

 

Der Apostel Paulus fordert uns nun in Epheser 4,3 auf, die Einheit des Geistes zu bewahren. Wir werden nicht aufgefordert, die von Gott gemachte Einheit des Leibes aufrechtzuerhalten - sie ist in den Augen Gottes immer vorhanden. Aber wir sollen die Einheit, die in der Kraft und unter der Autorität des Geistes Gottes heute auf der Erde bewirkt wird, praktisch bewahren. Dazu gehört, dass man Böse nach 1. Korinther 5, 2. Johannes usw. aus der praktischen Gemeinschaft der Gläubigen ausschließt. Ist das aber alles?

 

Gott hat eine Versammlung gebildet und uns beauftragt, die Einheit des Geistes praktisch zu bewahren. Können wir sie praktisch bewahren mit örtlichen Zusammenkommen, die das oben beschriebene Durcheinander bewirken? Das ist unmöglich, denn sie legen die Axt gerade an die Grundfesten der Versammlung, an die Einheit, die es zu bewahren gilt. Wer diese Einheit, wie oben beschrieben, aufgibt, mag noch gesegnete Gottesdienste haben, auch Predigten, die Gott segnet. Aber er kann nicht mehr „als Versammlung" zusammenkommen, da er einem Grundsatz folgt, der in direktem Gegensatz zu der Einheit steht, die Gott uns zu bewahren auffordert. Die Unabhängigkeit der örtlichen Zusammenkommen zerstört die Einheit. Müssen wir das nicht als unschriftgemäß und in bestimmten Fällen als böse bezeichnen - das heißt den Grundsatz dieser Art von Zusammenkommen?

 

Um nicht missverstanden zu werden: Geschwister, die auf dieser Grundlage zusammenkommen, können Christus sehr hingegeben leben. Sie mögen in ihrem praktischen Leben äußerst konsequent sein. Aber sie folgen, was das Zusammenkommen als Versammlung betrifft, nicht dem Wort Gottes. Sicher ist es unbestritten, dass eine Irrlehre über die Person und das Werk des Herrn Jesus viel gravierender ist als eine falsche, weil unbiblische Überzeugung über das Zusammenkommen als Versammlung. Das aber kann niemals ein Freibrief dafür sein, das „weniger Böse" als nebensächlich zu bezeichnen und zu tolerieren. Es handelt sich um einen Punkt, der uns konkret im Blick auf den Tod unsers Retters genannt wird (vgl. Joh 11,51.52; Mt 13,45.46; Eph. 5,25). Im Übrigen ist - was die Verantwortlichkeit betrifft - sicher ein Unterschied zu machen zwischen Personen, die unwissend sind, und solchen, die es nicht sind. Vor diesem Hintergrund wäre es unredlich, alle diese Gläubigen als „Gefäße zur Unehre" zu bezeichnen (vgl. 2. Tim 2,20).

 

Was aber bleibt noch, wenn eine Versammlung aufgehört hat, den biblischen Charakter einer örtlichen Versammlung zu tragen?

 

7. Hat eine Gruppe von Gläubigen die Gegenwart des Herrn Jesus „gepachtet"?

Immer wieder ist der Vorwurf zu hören, Brüder beanspruchten für sich und die örtlichen Zusammenkommen, in denen sie sind, der Herr sei nur in ihrer Mitte.

 

Es ist und bleibt unser Wunsch, nach Matthäus 18,20, Epheser 4,1-4 und allen anderen Belehrungen des Neuen Testaments über die Versammlung zusammenzukommen. Niemand hat die Gegenwart des Herrn „gepachtet". Er ist souverän und heilig. Aber wir dürfen wissen, dass Er nach seinem Wort handelt und zu seinem Wort steht. Wer dem ganzen Wort Gottes gehorsam sein möchte, der darf die Verheißungen des Herrn nicht nur als Ermahnung aufnehmen, sondern auch als Versprechen. Daran wollen wir festhalten - bis Er kommt.


Fußnoten:

1 Manche behaupten, Matthäus 13,45.46 habe keine praktische Relevanz für uns heute. Interessant, dass Lehrer des 19. und 20. Jahrhunderts die Einheit und Ganzheit der Perle stark hervorgehoben haben, vgl. die Hinweise zur Einheit zum Beispiel in den Vorträgen zu Matthäus 13 von W. Kelly (Einführende Vorträge und Vorträge), in der Numerical Bible von F. W. Grant, in der Bible Treasury Band 20, S. 133 von W. J. Hocking, Bible Treasury Band 1, S. 288, von R. Beacon, usw.