26.10.2010 Dienst

Phantasievolle Auslegung der Schrift

Phantasie hat keinen Platz bei der Schriftauslegung

Das einfache Kind Gottes, das die Heilige Schrift als Gottes Wort verehrt und sich in Demut auf die Hilfe des Geistes Gottes verlässt, ist nicht in Gefahr, durch die eigene Phantasie oder die von andern irregeführt zu werden. Eine hungrige Henne wird bald die Spreu vom Weizen unterscheiden können.

Die Schrift ist in der Tat ihr eigener Ausleger. Wenn eine Stelle des Wortes verkehrt verstanden wird, so ist eine andere da, um den Irrtum richtig zu stellen. Als Satan Psalm 91,11.12 anführte, um den Herrn Jesus zu veranlassen, sich von der Zinne des Tempels hinabzuwerfen, verwies ihn Jesus auf 5. Mose 6,16, um dem Teufel den Missbrauch dieses Psalmes vorzuhalten.

Wir müssen das Gehörte an der Schrift untersuchen


Wenn wir also einen neuen Gedanken hören, so ist es immer weise und ratsam, im Zusammenhang damit in der Schrift zu forschen, so wie die Beröer täglich die Schrift untersuchten, ob das Gehörte damit in Übereinstimmung war oder nicht (Apg. 17,11). Ist das, was mir neu ist, wahr, so werden es auch andere Stellen bestätigen; ist es aber falsch oder töricht, so werden sie es verurteilen. Stets an die vollkommene Übereinstimmung der ganzen Schrift zu denken, ist der Leitfaden für ihre Auslegung, und selbst einfache Bibelleser werden dann nicht irren.

Phantasievolle Einfälle verleiten oft „die Unwissenden und Unbefestigten", werden aber in den Augen der Nüchternen sofort als sinnwidrig erkannt. Ein Bruder wurde einmal von einem sehr phantasievollen Christen gefragt, ob er wisse, was das Gras im Bericht von der Speisung der Fünftausend zu bedeuten habe (Joh. 6,10). Darauf wurde ihm erklärt, es stelle die menschliche Natur dar; jene Menschen hätten sie richten sollen, das sei die Bedeutung des Wortes, sich auf dem Grase zu lagern!

Solch leeres Gerede ist nichts anderes als kindische Torheit, die mit der Heiligen Schrift spielt. Solche Leute mögen den Toren weise erscheinen, für die Weisen aber sind sie Toren.

Zu viel Phantasie gab es schon immer

Solche Überspanntheiten der Einbildung in der Auslegung der Schrift ist nichts neues in der Kirchengeschichte. Vor fünfzehnhundert Jahren hat der damals berühmte Bischof Hippolytus in den fünf Broten des Wunders der Speisung die fünf Bücher Mose gesehen. Jene Brote waren aus Gerste gemacht, die im Neuen Testament geringer sei als der Weizen. Der Knabe war für ihn das Volk Israel, und die zwei Fische bedeuteten ihm die gesalbten Ämter von Priester und König.

Solche Ansichten, die jeder Grundlage entbehren, waren das Ergebnis einer ungezügelten Phantasie, die in manchen Büchern und Schriften wuchert. Auch der Geist der jüdischen Ältesten, den unser Herr verurteilte, machte durch seine überlieferten Auslegungen der Heiligen Schrift das Wort Gottes ungültig (Mark. 7).

Lasst uns nicht vergessen, dass die Schrift selbst von ihrem bildlichen Charakter spricht. Sie stellt zum Beispiel fest, dass die Dinge, die dem Volke Israel widerfuhren, Vorbilder für uns sind (1. Kor. 10,6. 11). Die in seiner frühen nationalen Geschichte enthaltenen sittlichen Grundsätze sind auch auf die Versammlung der Christen anwendbar.

Der Schatten ist nicht die Wirklichkeit

So ist zum Beispiel der Brief an die Hebräer eine zuverlässige Auslegung der levitischen Vorbilder, wodurch deren Erfüllung in Christus und seinem Werk und die Anwendung auf die Gläubigen gezeigt wird. Doch in Hebräer 10,1 wird eine Einschränkung gemacht. Das System des Gesetzes war nur ein Schauen der zukünftigen Güter und nicht der Dinge Ebenbild selbst. Da es also unvollkommen ist, kann es nicht einmal in der Ähnlichkeit die vollkommene Wahrheit, die in Christo offenbart ist, völlig ausdrücken. Der Schatten einer Orange zeigt, dass die Frucht rund, aber nicht, dass sie kugelförmig ist. Der Schatten erreicht nie die wahre Form des Körpers.

Diese Warnung des Heiligen Geistes hätte gewisse Lehrer vom Versuch zurückhalten sollen, in den schattenhaften Vorbildern des Alten Testamentes die Gesamtheit der christlichen Lehre zu entdecken. Die Einzelheiten des Körpers können in seinem Schatten nie dargestellt werden. Ähnlichkeiten und Illustrationen sind darin, aber nie „das Ebenbild selbst". Im Gesetz und in den Propheten können „gute" Dinge gesehen werden, die Briefe aber reden von „besseren" Dingen.

Dieselbe Einschränkung muss beachtet werden im Blick auf die Personen und die Gottesdienstordnung des Alten Testamentes. Die himmlischen Dinge der neuen Haushaltung dürfen nicht vermengt werden mit den irdischen Dingen der alten Haushaltung. So ist Christus in den Himmel selbst eingegangen und ist hierin nicht wie die Priester Israels, die nur zeitweise in das „mit Händen gemachte Heiligtum" eingetreten sind, das nur ein Bild der wahrhaftigen Hütte ist, welche der Herr errichtet hat, nicht der Mensch (Hebräer 8,2; 9,24).

Das AT ist mehr Gegensatz als Vergleich zu den himmlischen Dingen


Kurz, das Alte Testament ist mehr ein Gegensatz als ein Vergleich zu den „Abbildern der Dinge in den Himmeln" (Hebr 9,23). Daher ist peinliche Sorgfalt nötig, um das Wort der Wahrheit zu seiner wahren Auslegung richtig zu teilen.

Eine letzte, goldene Regel kann von den Worten unseres Herrn an die Juden abgeleitet werden, die dem Buchstaben nach über die „Aussprüche Gottes" gut unterrichtet waren. Er sagte zu ihnen: „Ihr erforschet die Schriften, denn ihr meint in ihnen ewiges Leben zu haben, und sie sind es, die von mir zeugen" (Johannes 5,39). Ob diese Worte als Gebot oder als Appell genommen werden - der Grundsatz bleibt sich gleich. Die Schriften sind des Heiligen Geistes Fingerzeig auf Christum hin. Vernachlässige diesen göttlichen Wegweiser, und du befindest dich in einer weglosen Wildnis. Beachtest du aber diese einfache Regel, so wirst du vor phantasievollen Auslegungen bewahrt. Hast du Christum vor dir, wirst du in allen Schriften das finden, was Ihn betrifft (Luk. 24,27).

Brauchen wir mehr als das?

***************
Mit freundlicher Genehmigung des Beröa Verlages
Halte Fest Jahrgang 1973 - Seite: 21