21.12.2008 Persönlicher Glaube

Tagebuch einer Bibel

15. Januar:
Eine Woche habe ich Ruhe gehabt. Die ersten Abende nach Neujahr hat mein Besitzer regelmäßig in mir gelesen, aber jetzt scheint er mich wieder vergessen zu haben.


2. Februar:
Mit einigen anderen Büchern zusammen hat man mich sauber abgestaubt und wieder an meinen Platz gestellt.

8. Februar:
 Mein Besitzer hat mich flüchtig benutzt, um das eine und andere nachzuschlagen. Dann hat er mich mitgenommen zur Sonntagsschule.

7. März:
 Abgestaubt. Sorgsam abgerieben. Schön ordentlich hingestellt. Seit dem kurzen Ausflug zur Sonntagsschule habe ich in der Diele auf einem Tischchen gelegen.

12. April:
Das war ein arbeitsreicher Tag. Mein Besitzer musste irgendwo einen Vortrag halten. Dazu hat er verschiedene Texte nachgeschlagen. Es hat ihn viel Mühe gekostet, sie zu finden, obwohl sie stets an der gleichen Stelle gestanden haben.

5. Mai:
In Großmutters Schoß! Den ganzen Nachmittag. Sie weilt zu Besuch im Hause. Eine Träne fiel aus ihrem Auge auf Kolosser 2, Vers 3-7, wo von den Schätzen der Weisheit und Erkenntnis die Rede ist und vom Befestigtsein im Glauben.

6. Mai:
Wieder den Vormittag über in Großmutters Schoß. Lange, lange las sie in 1. Korinther 13 und sann darüber und wandte sich dann zu den letzten Versen des 15. Kapitels. Da sie leise vor sich hinsprach, merkte ich, wie »Liebe« und »Beharrlichkeit« ihr wichtig waren.

7., 8., 9. Mai:
 Jeden Mittag in Großmutters Schoß! Ich empfand, wie sie mich lieb hat. Manchmal liest sie, manchmal spricht sie mit geschlossenen Augen vor sich hin.

10. Mai:
Großmutter ist wieder abgereist. Sie küsste mich zum Abschied.

3. Juni:
Heute wurde ein Blümchen zwischen meine Blätter gelegt.

1. Juli:
Mit Kleidern und anderen Sachen wurde ich in einen Koffer gepackt. Es scheint auf Reise zu gehen.

2.-7. Juli:
Immer noch im Koffer, obwohl fast alles andere herausgenommen worden ist.

15. Juli:
Wieder daheim auf meinem alten Platz. Ich verstehe nicht recht, aus welchem Grunde ich mitgenommen worden bin.

1. August:
Die Luft ist stickig und heiß. Auf mir liegen zwei Zeitschriften, ein Buch und ein alter Hut. wenn sie diese Sachen doch wegnehmen wollten !

5. September:
Endlich bin ich mal wieder abgestaubt, abgerieben und an meinen alten Platz gestellt worden.

10. September:
Heute hat Marie mich kurz benutzt. Sie schrieb an eine Freundin, deren Bruder ernstlich erkrankt ist, und suchte dazu eine passende Stelle.

30. September: Abgestaubt.


Obige Skizze bedarf, wie mir scheint, keines ausführlichen Kommentars. Es handelt sich bei diesem »Tagebuch« nicht um eine Bibel, die zu den gemeinsamen Andachten benutzt wird. Eine solche Bibel wird doch wenigstens täglich in die Hand genommen. Es wird aus ihr vorgelesen.

Wie? ist freilich eine Frage für sich. Hier haben wir es mit einer Bibel zu tun, die zum ganz persönlichen Gebrauch dient. Und nun frage ich nicht, wie du vielleicht erwartest, in erster Linie dich - ich frage mich: Was hat dieses »Tagebuch einer Bibel« mir zu sagen?

Gleiche ich dem Besitzer, oder gleiche ich der Großmutter? Gewiss, es mag schon sein, dass der Besitzer nicht so viel Zeit hat zum persönlichen Lesen seiner Bibel wie die Großmutter. Aber die entscheidende Frage ist ja nicht: Wie viel Zeit verwende ich auf das Lesen meiner Bibel? (wenn die Frage »wie viel Zeit« auch nicht unwesentlich ist), sondern: Was ist meine Bibel mir wert? Habe ich sie lieb? Denn die Beantwortung dieser Frage ist auch die Antwort auf die Frage: Habe ich meinen Herrn Jesus lieb? Ich kann nicht von Liebe zu Jesus reden, wenn ich meine Bibel nicht lieb habe, denn sie hat mich doch auf den Weg zu Ihm gebracht. Und ist nicht auch sie der Kraftquell für jeden Tag? Die Bibel - das Wort Gottes. Wollen wir nicht, du und ich, einmal ganz ernsthaft darüber nachsinnen, was das tiefe Wort - wir finden es im Alten und im Neuen Testament - uns sagen will: »Nicht vom Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Worte Gottes«? Ist dieses Wort uns nicht tägliche Speise, so müssen wir ja verkümmern, und die Verkümmerung endet im geistlichen Tod. Das ist nur ein Gedanke. Ich glaube, es werden uns noch mehr kommen beim nachdenklichen Lesen dieses eigenartigen » Tagebuches«. Mit der ernsteste Gedanke ist viel- leicht: Verlieren wir den Geschmack an der Bibel, so bedeutet sie uns am Ende überhaupt nichts mehr. Die Folge ist nicht abzusehen.