08.11.2007Versammlung / Gemeinde | Dienst

Sehnsucht boomt, Kirche schrumpft

Die leeren Kirchen

Der römisch-katholische Theologe Paul M. Zulehner hat kürzlich gesagt: „Die Sehnsucht boomt, die Kirche schrumpft.“ Die Erfahrung ist, dass dieser Satz der Realität entspricht. Denn wir erleben derzeit Folgendes:

 

  1. Die Kirchen werden immer leerer (wenn man das Wenige überhaupt noch steigern kann).

  2. Das Fragen nach einem spirituellen Element dagegen nimmt zu. Viele Zeitgenossen scheinen sich zunehmend bewusst zu werden, dass der Sinn des Lebens nicht allein darin liegen kann, 30-80 Jahre hier auf dieser Erde zu sein. Gibt es noch mehr?

  3. Diese Offenheit gegenüber dem Geistlichen, die Sehnsucht nach mehr, füllt jedoch nicht die Kirchen (Gemeinden, Versammlungen), sondern vor allem andere Religionen – hier ist besonders der Buddhismus zu nennen – und spirituelle Sitzungen, oft in Verbindung mit Yoga. Auch okkulte Veranstaltungen werden zumindest ausprobiert.


Es ist leider auch wahr, dass die fehlende Sinnstiftung nicht nur bei den großen Kirchen zu finden ist. Auch sogenannte bibeltreue Gemeinden erfreuen sich durchaus keines (großen) Zulaufs. Machen wir etwas falsch?

Was die Bibel sagt


Die Bibel hat eine solche Entwicklung vorhergesagt: „Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden; denn die Menschen werden selbstsüchtig sein ... ohne natürliche Liebe ... mehr das Vergnügen liebend als Gott, die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen ... Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen werden, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, indem es ihnen in den Ohren kitzelt; und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren, sich aber zu den Fabeln hinwenden“ (2. Tim 3,1–5; 4,3.4).

Warum das so ist


Aus dieser Stelle lernen wir in diesem Zusammenhang:

  1. In dem Gebiet, wo das Christentum eigentlich zu Hause sein sollte, wird man nicht nur geistlich verflachen, sondern geradezu das Christentum verkehren. Christ sein bedeutet, den anderen zu lieben. Das ist das Gegenteil von Selbstsucht. Christ sein heißt, eine natürliche Liebe zu pflegen. Christ sein heißt, Gott zu lieben, nicht der Form nach, sondern mit Herz und Willen.

  2. Diese Verkehrung christlicher Wahrheit führt dazu, dass jeder sich das sucht, was ihm am besten passt. Man fragt nicht danach, ob das Angebot von Gott kommt, sondern ob es meinen Vorstellungen und Charaktereigenschaften entspricht. Wer meint, mental besser zum Buddhismus zu passen, wählte halt diese Religion. Wer lieber unter Wundermachern unterwegs ist, geht in die charismatische Bewegung. Wer lieber allein gelassen werden will, geht halt in eine große Kirche.

  3. Durch eine solche Haltung wird man sich von der Wahrheit Gottes abkehren. Nicht mehr Gott steht im Mittelpunkt des Interesses, sonder der Mensch mit seinen eigenen Bedürfnissen und Begierden. Das „ich“ erfährt eine große Renaissance.


Es gibt auch boomende Gegenbeispiele

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Religionen, die das Gefühl ansprechen – dazu gehört eindeutig der Buddhismus – besonders gefragt sind. Auch da, wo etwas los ist, glaubt man, richtig zu sein. Kein Wunder, dass gerade Gemeinden boomen, wo viele sind – der Trend zu Megakirchen – wo in Sprachen geredet wird, was für den natürlichen Menschen außerordentlich faszinierend ist, oder wo jeder eine ihm zugeschriebene Aufgabe bekommt. Man fühlt sich geehrt und gefragt. Ist das der Weg Gottes?

Nun birgt eine solche Analyse eine große Gefahr! Der Weg ist prophetisch vorausgesagt worden in der Bibel. Und die Menschen handeln so. Dann kann sich also die bibeltreue Gemeinde zurücklehnen und mit ansehen, wie die Menschen ins Verderben rennen. Wirklich?

Die Schlussfolgerung von Paulus


Paulus zieht für Timotheus aus dem angekündigten Desaster eine klare Schlussfolgerung: „Du aber sei nüchtern in allem, leide Trübsal, tu das Werk eines Evangelisten, vollführe deinen Dienst“ (2. Tim 4,5). Die Pause ist abgesagt, zurücklehnen wird gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Fragen an uns selbst

Wir wollen uns fragen:

 

  1. Warum kommen wir so schlecht an Menschen heran, die suchend sind? Überall lesen wir, dass es sie gibt. Nur an uns gehen sie vorbei! Ist das immer nur deshalb der Fall, weil diese Menschen sich selbst suchen? Oder strahlen wir so wenig Wärme aus? Ich meine gar nicht als Versammlung (Gemeinde, Kirche), sondern als individuelle Christen!

  2. Haben wir überhaupt eine Antenne entwickelt für Menschen, die suchend sind? Vielleicht hast Du auch schon einmal erlebt, dass Du ganz unerwartet von einem Mitmenschen – Nachbarn, Arbeitskollegen, Kommilitonen – angesprochen worden bist. Im nachhinein hast Du Dich gefragt: Komisch, der wollte doch irgendetwas. Aber im Gespräch hast Du dann von Deinen eigenen Interessen erzählt, die Dir gerade wichtig waren. Wieder eine Gelegenheit verpasst ...

  3. Wie werden suchende Menschen in unserem Zusammenkünften empfangen? Die Bibel zeigt uns nichts von Gästegottesdiensten – damit würden wir selbst bei 2. Timotheus 3.4 ankommen. Aber sind wir „Zufluchtsstädte“ für solche, die Zuflucht suchen? Haben wir offene Ohren für solche, die einen offenen Mund haben? Haben wir einen offenen Mund für solche, die offene Ohren haben? Haben wir eine Hand für solche, denen die Hände gebunden sind?

  4. Haben wir eine offene Tür zu Hause, um uns Zeit mit solchen zu nehmen, die mal eine Frage haben? Es ist fast eine Gewohnheit geworden, dass man niemanden hinter die eigene Haustür lässt. „Das ist meine Privatsphäre.“ Wir können die Dinge laufen lassen. „Ist ja schon vorhergesagt worden.“ Dann geben wir den Weg von Timotheus auf. Oder wir können unseren Dienst ausführen. Das ist anstrengend. Wird hier oft nicht belohnt. Aber es macht glücklich. Im Herrn Jesus.