11.08.2007Persönlicher Glaube | Fragen und Antworten

Sorgen

Antwort:

Nein, das Wort im Grundtext ist dasselbe, nur dass es einmal als Tätigkeitswort und das andere Mal als Hauptwort vorkommt.

Die Schwierigkeit, die durchaus besteht, kann hier - wie so häufig - nicht durch die verwendeten Wörter selbst, sondern nur durch den textlichen Zusammenhang gelöst werden. Ein Wort erhält oft erst durch den Zusammenhang, in dem es gebraucht wird, seine besondere Bedeutung. Das ist in jeder Sprache so. Nehmen wir einmal als Beispiel das Wort >Stock<. Wenn wir davon reden, wird unser Gegenüber keine Schwierigkeiten haben, zu verstehen, was wir in dem einen oder anderen Fall damit meinen. Ob wir sagen: „Er wohnt im vierten Stock", oder: „Er stützt sich auf seinen Stock", oder: „Sie springen über Stock und Stein", oder: „Der Stock ist noch in der Erde" - stets wird er den Begriff >Stock< richtig einzuordnen wissen. Der Zusammenhang macht deutlich, was gemeint ist.

Dieser Grundsatz gilt natürlich auch für die Heilige Schrift, um auf unseren Gegenstand, das Besorgtsein, zurückzukommen.

Bleiben wir zunächst einmal bei der Seite stehen, dass es im bestimmten Sinn recht ist, besorgt zu sein. Das angeführte Beispiel des Apostels Paulus redet dabei für sich. Die verschiedenen Versammlungen, die großenteils durch ihn selbst entstanden waren, waren ernsten Gefahren ausgesetzt. Konnte es ihn kalt lassen, wenn er sah, wie Satan sich anschickte, sie zu zerstören? War es da nicht verständlich, ja angemessen, dass sich die Sorge um alle Versammlungen auf sein Herz legte? „Nicht besorgt" zu sein, bedeutet eben nicht, „sorglos" zu sein. Kennen nicht auch wir Sorge um die Versammlung, Sorge um unsere Kinder, Sorge um gewisse Entwicklungen - und das zu Recht? Sollen wir denn im Blick auf die vielen Nöte und Gefahren und Bedürfnisse unberührt bleiben und gleichgültig darüber hinweggehen, als ginge uns das alles nichts an? Ganz gewiss nicht! Es würde Interesselosigkeit und Ichsucht verraten und nicht Liebe.

Ein weiteres Beispiel für ein Besorgtsein im rechten Sinn erwähnt Paulus im selben Brief an die Philipper, in Kapitel 2. Er sagt dort von Timotheus: „Denn ich habe keinen Gleichgesinnten, der von Herzen für das Eure besorgt sein wird; denn alle suchen das Ihre, nicht das, was Jesu Christi ist" (Verse 20.21). Dieser hingebungsvolle Diener des Herrn kümmerte sich von Herzen um die Belange der Gläubigen in Philippi. Ihr geistliches Wohl lag ihm am Herzen, weil er auf die Ehre und Verherrlichung Jesu Christi bedacht war. Empfiehlt sich solch ein Besorgtsein nicht auch uns zur Nachahmung?

Doch dann gibt es auch ein Besorgtsein, das nicht gut ist und vor dem wir uns hüten müssen. Davon ist in Kapitel 4 die Rede. Und hier ist es vielleicht angebracht, uns einmal die Grundbedeutung des Wortes >sorgen< oder >besorgt sein< anzuschauen: geteilten Sinnes sein. Das Herz wird hin- und hergerissen: Ist dieser Weg der richtige oder jener, dieses Mittel oder jenes? Darüber ängstlich besorgt, darüber in Unruhe zu sein - genau das ist es, wovor wir gewarnt werden. Der Herr Jesus musste einmal Martha von Bethanien tadeln: „Du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge; eins aber ist Not" (Lk 10,41.42). Das will sagen: „Du kümmerst und sorgst dich um viele Dinge, die müßig (überflüssig) sind. Sie nehmen dir die innere Ruhe und verstellen dir den Blick für das wirklich Notwendige, für das Wesentliche."

Überhaupt scheint Unruhe ein typisches Kennzeichen eines falschen Sorgens zu sein. Denn auch, wenn der Herr die Jünger davor warnt, für das Leben besorgt zu sein, was sie essen und was sie anziehen sollten (Lk i2,22ff), fügt Er die Worte hinzu: „Und seid nicht in Unruhe" (Vers 29). Dieses Wort bezeichnet ein Schweben zwischen Furcht und Hoffnung. Wenn also solch eine Unruhe von uns Besitz ergreift, können wir davon ausgehen, dass wir uns bereits auf die falsche Weise Sorgen machen.

Zudem gibt es vieles in unserem Leben, was in der einen oder anderen Weise zu beeinflussen gänzlich außerhalb unserer Macht steht. Was sollen wir uns dann darüber unnötig Gedanken machen? Was darüber grübeln, ob dies oder das eintreten mag? In diesem Sinn sagt der Herr in der Bergpredigt: „So seid nun nicht besorgt für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen" (Mt 6,34). Und das bedeutet doch nichts anderes, als dass Er selbst alles unter Seiner Kontrolle hat, auch das Morgen.

So gesehen, gibt es kaum ein tröstlicheres Wort als dieses „Seid um nichts besorgt" in Philipper 4. Wir sollen uns nicht eine Last aufbürden, die wir nicht tragen können, müssen nicht unser Herz zermartern. Was aber sollen wir tun? Zu Gott ge-
hen! „Lasst in allem durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden" (Vers 6). Wunderbarer Ausweg! Alles, was uns andernfalls eine Bürde würde, was unsere Kraft und unseren Gang lahmen würde - alles dürfen wir Ihm sagen. Und das Bewusstsein, Ihm alles gesagt zu haben, was uns bedrückt, erfüllt das Herz mit tiefem Frieden, dem Frieden Gottes selbst. Er kann ja durch keinen Umstand in Seiner Ruhe gestört werden. In dem Maß nun, wie wir uns im Glauben an Ihn, den Gott des Friedens, anlehnen, wird uns der Friede Gottes erfüllen und unseren Sinn bewahren in Christus Jesus.

Bedenken wir jedoch, dass auch Sorgen von der rechten Art Ihm gebracht werden müssen, sonst erwachsen uns daraus ernste Hindernisse. Wir können sicher sein, dass auch der Apostel Paulus seine Sorgen um die Versammlungen nicht für sich behielt, sondern sie vor seinem Gott ausbreitete. Viele Stellen in seinen Briefen beweisen das. Und so reiht sich an das „um nichts besorgt" von Philipper 4 das „alle eure Sorge" von i. Petrus 5 an: „... indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft" (Vers 7). Ja, wir haben Sorgen. Es wäre absurd zu sagen, wir hätten keine. Aber wir dürfen sie auf Gott werfen, grundsätzlich und immer wieder neu, ehe sie ihren lähmenden Einfluss auf uns auszuüben beginnen.

Gott hat ein tiefes Interesse an uns, Seinen Kindern. Das kommt in der Begründung dafür, dass wir so handeln sollen, in ergreifender Weise zum Ausdruck: „... denn er ist besorgt für euch", oder: „... denn es liegt ihm an euch." Der Geist Gottes gebraucht dabei dieselbe Wendung, die einst die Jünger vorwurfsvoll und ungläubig dem Herrn gegenüber benutzt hatten. In der Meinung, sie gingen im Sturm alle miteinander unter, hatten sie ihren Meister mit den Worten aufgeweckt: „Lehrer,
liegt dir nichts daran, dass wir umkommen?" (Mk 4,38). Was sie noch nicht verstanden, dürfen wir heute wissen: Gott ist für uns (Röm 8,31), und Ihm liegt an uns. In diesem Vertrauen können wir Ihm alles sagen und Ihm die Wahl der Mittel, ja, unseren ganzen Weg überlassen. Wenn Er einen Weg für uns hat, warum sollten wir uns dann einen eigenen suchen?