17.02.2003 Dienst

Freundschaftsevangelisation

Dieser vornehme Auftrag von Paulus an Timotheus (2. Tim. 4,5) ist zweifellos persönlicher Natur. Er stellt eine Ermunterung für Timotheus dar, vor dieser gewaltigen Aufgabe, das Evangelium zu verkündigen, nicht zurückzuschrecken. Aber auch wir alle haben eine Aufgabe hinsichtlich des Evangeliums, da wir das Salz der Erde und das Licht der Welt (Matth. 5,13-16) sind. Jeder von uns hat Schulkameraden, Ausbildungskollegen, Nachbarn, Studien- oder Arbeitskollegen. Und da dürfen, ja sollen wir durch unseren Lebenswandel und durch Worte ein Zeugnis für den Herrn Jesus und sein Werk ablegen. Hesekiel 3,16-21 erteilt uns in diesem Zusammenhang eine beredte Lektion, die wir auf unsere heutigen Tage anwenden dürfen, und die wir uns zu Herzen nehmen sollten. Sind wir uns immer bewußt, daß unser Nachbar, unsere Schulkameradin ... ewig in dem Feuersee Qualen leiden wird, wenn sie sich nicht bekehren? Haben wir ein Empfinden, daß wir - abgesehen von der Allmacht Gottes - die einzigen sind, die diese Menschen auf ihr Seelenheil ansprechen können? Ich glaube, daß wir manchmal mehr mit unwichtigeren Fragen unseres Lebens beschäftigt sind, als mit der lebensrettenden Botschaft des Evangeliums.

Nebenbei sei bemerkt, daß man heute oft den Eindruck hat, daß der Dienst eines Evangelisten zwar geschätzt wird; kaum jemand möchte diese Aufgabe jedoch selbst ausführen. Man sieht so wenig Frucht, und Lehrer zu sein ist eben viel angesehener. Der Herr bereitet auch heute noch Evangelisten zu. Und wenn er uns diese Gabe geschenkt hat, dann laßt uns auch in Treue diesen Dienst vollführen.

Für viele stellt sich nun die natürliche Frage: Wie kann ich meinem Nächsten am besten helfen, den Herrn Jesus zu finden? Und in diesem Zusammenhang hört man öfter das Wort "Freundschaftsevangelisation". Wahrscheinlich gibt es keine exakte Definition dieses Wortes. Doch habe ich den Eindruck, daß zumindest der Begriff in die Irre führt. Natürlich sollen wir, soweit es an uns ist, mit allen Menschen in Frieden leben (Röm. 12,18). Aber wir müssen auch bedenken, daß die Freundschaft dieser Welt Feindschaft wider Gott ist (Jak. 4,4). Es stimmt nicht mit den Gedanken Gottes überein, daß wir zunächst eine Freundschaft mit Menschen dieser Welt schließen und dann versuchen, diese "Freunde" zu evangelisieren. Das hat der Herr Jesus nie getan. Er ist in die Häuser gegangen, aber er ist nie herausgegangen, ohne ein Wort des Heils und der Gnade in Kraft und Klarheit an die Menschen zu richten. Er hat nicht versucht, diesen Menschen drei Jahre lang klarzumachen, daß er ein "vernünftiger" Mensch ist, um ihnen dann die Botschaft des Evangeliums leichter bekömmlich zu machen, wie es Freundschaftsevangelisten vorschlagen. Er hat jedem das Heil angeboten, aber nie über den Umweg einer Freundschaft. Das ging - alttestamentlich gesehen - schon bei Abraham und Jakob schief. Abraham war dann überzeugend, als er in Absonderung von dieser Welt als Fremdling lebte, und er versagte, als er mit Ägypten Freundschaft schloß. Freundschaften in dieser Welt führen uns in die Irre, nicht den anderen zu Gott; auch wenn der Herr allmächtig ist und trotz unserer Fehler zu segnen vermag. Laßt uns immer berücksichtigen: "Böser Verkehr verdirbt gute Sitten" (1. Kor. 15,33), nicht umgekehrt. Bei Abraham mögen weitere Fehler vorgelegen haben, doch der Grundsatz bleibt: Als Himmelsbürger (Phil. 3,20) können wir nur dann wirklich ein Brief Christi (2. Kor. 3,3) sein, wenn wir in Gemeinschaft mit Christus, d.h. abgesondert von dieser Welt so leben, wie auch er auf Erden gelebt hat (1. Joh. 2,6). Gerade das heißt, nicht von oben herab zu predigen, sondern wie Paulus den Juden wie ein Jude und den Griechen wie ein Grieche zu sein (1. Kor. 9,20-23). Es gilt eben, im gleichen Augenblick sowohl Vers 4 als auch Vers 5 aus Sprüche 26 anzuwenden, indem wir uns auf eine Stufe mit den Menschen stellen - wir sind auch nicht besser als sie -, aber nie vergessen, daß wir moralisch keine Gemeinschaft mit ihnen haben können. Wenn wir ein wirkliches Interesse an der Bekehrung der Ungläubigen haben, dann brauchen wir nicht zwei Jahre, um Themen zu finden, die diese Menschen beschäftigen. Dazu haben wir eine göttliche Quelle, die uns helfen kann und wird.

Ich fürchte, daß sich heute so wenige Menschen bekehren, nicht weil wir so wenig in "ihre Träume eintreten" und so wenig "Freundschaften" mit ihnen schließen, sondern weil wir unseren Charakter als Fremdlinge, als nicht dieser Welt angehörend, aufgegeben und verloren haben. Kraftloses Salz und verdunkeltes Licht ist nicht der Charakter des Zeugnisses Gottes. Wir wollen uns daher gegenseitig ermuntern, unser Leben wie Abraham dem Herrn zu weihen und dabei nicht vergessen, daß zur Verkündigung - auch dem Einzelnen gegenüber - die Aktivität von uns kommen muß, nicht von dem Unbekehrten. Wir dürfen auch darin auf den Herrn Jesus sehen, ihm folgen und in der Kraft des Geistes Gottes von ihm zeugen.