07.11.2006Dienst | Jesaja

"Hier bin ich, sende mich!"

Und dazwischen liegt ein eindrucksvolles Erlebnis, durch das der Prophet wie umgewandelt wird: In dem Gesicht, das er schaut, kommt ein Seraph, berührt mit einer glühenden Kohle vom Altar seine Lippen und spricht: "Siehe, dieses hat deine Lippen berührt; und so ist deine Ungerechtigkeit gewichen und deine Sünde gesühnt" (V 7).

Unreine Lippen

Es ist nicht irgendein Sünder, der angesichts der Heiligkeit Gottes ausruft "Wehe mir!", sondern ein von Gott berufener Prophet, der seinen Dienst bereits begonnen hatte (vgl. Kap. 1, 1 mit 6, 1). Aber der Auftrag, den Gott jetzt für ihn hatte, erforderte eine ganz besondere Zubereitung. In einem Gesicht erscheint ihm Gott in einer nie erahnten Herrlichkeit. Selbst die höchsten Würdenträger, die Gott umgeben die Seraphim, bedecken ihre Angesichter und rufen einander zu: "Heilig, heilig, heilig ist Jehova der Heerscharen" (V 3). "Nicht kann ein Mensch mich sehen und leben", hatte Gott schon zu Mose gesagt, und auch Gideon wusste es und war zu Tode erschrocken, als der Engel des Herrn ihm begegnete (2. Mose 33, 20; Richter 6, 22.23). So können wir die Gefühle Jesajas gut verstehen, wenn er sagt: "Ich bin verloren."

Aber neben dem grundsätzlichen Bewusstsein der eigenen Nichtswürdigkeit vor der Herrlichkeit Gottes richten sich die Empfindungen des Propheten auf einen ganz bestimmten Punkt. Jesaja fragt sich sicherlich tief beeindruckt durch das reine und hohe Lob der Seraphim: Wie kann von meinen Lippen etwas Gott Wohlgefälliges kommen, da sie doch nicht reiner sind als die des Volkes um mich her, das so viel mit seinen Lippen sündigt- Mit welchem Recht kann ich überhaupt vor diesem Volk Worte Gottes reden-

Die glühende Kohle

Feuer bedeutet Gericht Gottes; und auf dem Altar bedeutet es, dass das Gericht das Opfer getroffen hat und dass darum die Sünde gesühnt ist. So unerbittlich ist das Gericht, dass auch der Seraph nur mit der Zange in das Feuer greifen kann. Aber was daraus hervorgeht, ist Heil: Die glühende Kohle "in der Hand" des Seraphs kann "den Mund" des Propheten berühren. "So ist deine Ungerechtigkeit gewichen und deine Sünde gesühnt". Dieser Mund war nun geweiht, die Botschaft Gottes auszusprechen. Wir verstehen: Der Prophet schaut ein Gesicht von himmlischen Dingen, und doch gibt uns der irdische Altar Israels die Deutung.

Geweihte Lippen

Hat das ehrfürchtige Erschrecken Jesajas auch schon einmal unsere Herzen bewegt- "Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus", das ist wahr.

Und in diesem Frieden treten wir als Anbeter hin vor Gott, unseren Vater, ohne Furcht. Aber könnte es wohl sein, dass wir manchmal etwas geläufig hohe Dinge sagen, und dabei übersehen, wie sehr die "glühende Kohle" vom Altar unseren Lippen not tut- Es geht hier um praktische Gottesfurcht, um ein tiefes Bewusstsein unserer eigenen Nichtswürdigkeit vor Gott.

Geweihte Lippen reden schlichte Worte. Und wenn wir auch manchmal etwas tastend den richtigen Ausdruck suchen müssen, das sollte niemand entmutigen, den Mund zu öffnen, denn unserer Schwachheit kommt Gott gnädig entgegen. Aber wenn der Ernst des Opfers Christi uns beeindruckt, werden wir auch in dieser Hinsicht "nicht auf hohe Dinge sinnen".

Geweihte Lippen geben Demut kund. Zwar liegt der Anbeter nicht im Staub vor Gott als verlorener Sünder; dennoch geziemt sich tiefe Demut für den, der priesterlich dienend vor Ihm steht. Nur die Tatsache, dass der Herr Jesus das "Feuer" des Gerichts Gottes für mich erduldete, gibt mir die Berechtigung, "ein Wort vor Gott hervorzubringen". Dieses Bewusstsein muss uns tief erfüllen.

Geweihte Lippen reden von Ihm und nicht von uns. "Dieses sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah, und von ihm redete", heißt es später über die anschließende, so ernste Botschaft des Propheten an das Volk (Johannes 12, 41).

"Hier bin ich, sende mich!"

Plötzlich steht die Frage des Herrn im Raum: "Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen-" Gott wendet sich nicht an Jesaja: Willst du für uns gehen- Nein, Er sucht einen freiwilligen Boten, und der Mann, der zuvor noch das "Wehe mir!" ausgerufen hat, erkühnt sich zu sagen: "Hier bin ich, sende mich!" Die "glühende Kohle" vom Altar hat ihr Werk getan. Geweihte Lippen sind bereit, Worte Gottes zu reden: Weissagung, nicht vom Willen des Menschen hervorgebracht, sondern von Gott kommend. Für Jesaja war es keine "einträgliche Botschaft", wie man aus Stellen wie Kap. 49, 4 und 53, 1 erkennen kann. Aber er tat es um der Ehre Gottes willen. Wie sehr gleicht er darin jenem "Größeren", von dem er ein schwaches Abbild sein darf!

Sind auch wir bereit, auf den Ruf Gottes zu antworten- bereit, auch das unpopuläre Wort zu sagen, wenn die Wahrheit es erfordert- Wie nötig sind gerade dann die Tugenden, die allein die "glühende Kohle" vom Altar vermitteln kann: göttliche Zubereitung, Reinheit, Schlichtheit, Demut und die Bereitschaft, verkannt zu werden! Nur das tiefe Bewusstsein davon, was unser Herr im Feuer des Gerichts für uns erduldet hat, kann uns dazu fähig machen und uns davor bewahren, dass der "Wille des Menschen" sich hineinmischt.

Ein Größerer als Jesaja

Manches Mal haben wir wohl am Tisch des Herrn den achten Vers: "Hier bin ich, sende mich!" gelesen, um der freiwilligen Bereitschaft und Hingabe des Herrn Jesus Ausdruck zu geben, die Ihn bewog, den Ratschluss Gottes zu erfüllen. Ja, das "Wer" Gottes konnte nur eine Antwort finden: das "Hier bin ich" dessen, der das ewige ,Wort" ist. Nur Er konnte sagen: "Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe." Nur der Wohlgeruch seiner freiwilligen Hingabe, der vom Altar des Kreuzes aufstieg, konnte Gottes vollkommenes Wohlgefallen finden. Das erhebt immer wieder unsere Herzen und lässt uns anbeten.

Und doch sollten wir uns nicht der Vorstellung hingeben, der Ratschluss Gottes sei so zustande gekommen, dass der Vater einen Plan fasste und dann die Frage stellte "Wen soll ich senden-", worauf gewissermaßen ein Aufatmen durch den Himmel ging, als der Sohn sich bereit fand. "Ich und der Vater sind eins", das war schon von Ewigkeit her so. Der Ratschluss Gottes ist ohne den Sohn gar nicht denkbar. Christus ist nicht nur der Erfüller dieses Ratschlusses, sondern auch dessen Gegenstand. Gott hat uns auserwählt "in ihm" und uns zuvorbestimmt zur Sohnschaft "durch Jesum Christum". Und "alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus", das hat den Sohn ausdrücklich zur Voraussetzung.

Wir haben hier ein Beispiel dafür, dass man bei der Anwendung alttestamentlicher Gedanken den Rahmen des Bildes nicht überschreiten darf. Bei den Gleichnissen des Neuen Testaments ist das übrigens auch so. Der Geist Gottes will uns durch solche Bilder einen ganz bestimmten Gesichtspunkt vorstellen. Diesen müssen wir erkennen und dürfen in unserer Deutung nicht darüber hinausgehen.

Was die Weltreligionen leugnen, dass Gott einen Sohn hat; was Irrlehrer bestreiten, dass Christus ewiger Sohn ist, im Schoß des Vaters, und doch in die Welt gekommen und zum Vater zurückgekehrt: das ist die Grundlage für den Ratschluss Gottes und für uns Anlass zu steter Anbetung.

Erschienen in: Ermunterung und Ermahnung, 1995, S.226