17.02.2005 Versammlung / Gemeinde

Die Einheit des Leibes Christi (1-16)

An den Leser!

Lange habe ich geschwankt, ob ich den Inhalt der nachstehenden Blätter der Öffentlichkeit übergeben sollte. Viele Stimmen für und wider sind laut geworden. Die einen sagten: „Es ist recht und notwendig zu antworten“, die anderen: „Es führt zu nichts! Warum noch eine Streitschrift zu den bereits vorhandenen hinzufügen?“

Was mich zu schreiben veranlasst hat, war die Erwägung, dass ein „Appell an die Bruderliebe“ nicht unbeantwortet bleiben sollte; und was mich heute, nach reiflicher Überlegung, vor dem Herrn zur Veröffentlichung des Geschriebenen leitet, ist die Überzeugung, dass mir meinen Mitgläubigen gegenüber eine Pflicht aufliegt; die Pflicht nämlich, soweit der Herr mir Gnade und Erkenntnis gegeben, „die Wahrheit“, wie Gott sie seinen Kindern anvertraut hat, „in Liebe festzuhalten“ und zu vertreten.

Wenn es sich um eine persönliche Rechtfertigung oder um „Wortstreit“ handelte, so würde ich schweigen, eingedenk der Worte des Apostels: „Ein Knecht des Herrn soll nicht streiten“. Was ich erhoffe und erbitte, ist, dass meine Ausführungen sich als „Worte der Wahrheit und Besonnenheit“ erweisen und den Lesenden „Gnade darreichen“ mögen. Die Art der Schrift machte es notwendig, verschiedentlich Namen zu nennen. Aber ich habe mich bemüht, alles Persönliche und vor allem jedes verletzende Wort zu vermeiden.

Rudolf Brockhaus

Vorwort

Es ist eine auffallende Erscheinung, dass man selbst in den Kreisen jener Gläubigen, die sich von den großen landeskirchlichen Körperschaften getrennt haben, um, wie man es ausdrückt, „mit der Verwirklichung des biblischen Gemeinde-Gedankens Ernst zu machen“, im Allgemeinen kaum über die Wahrheit von der Einheit der Kinder Gottes hinauskommt, das will sagen, über die Familienbeziehung der Gläubigen als Brüder. Man denkt, wenn man von Einheit spricht, meist nur an Einigkeit, Einheitlichkeit in der Gesinnung, Einmütigkeit im Handeln und dergleichen. In den Gedanken Gottes über die Einheit des Leibes geht man, obwohl man auch von ihnen redet, nicht wirklich ein, noch weniger beschäftigt man sich mit der Frage, welche Verpflichtungen diese Gedanken jedem einzelnen Gläubigen als Glied jenes Leibes auferlegen.

Unter der Einheit des Geistes versteht man etwas, zu dem man zu kommen suchen muss, zu dem „der Geist des Herrn führt, erzieht“, nicht aber etwas, dass man als ein von Gott gegebenes gut zu bewahren hat. Die Wahrheit, wie der Apostel sie in 1. Korinther 12,12 ausdrückt: „Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich viele, ein Leib sind: so auch der Christus“, mit anderen Worten, der geheimnisvolle Mensch der Ratschlüsse Gottes, wird wenig gekannt.

Indem man bei dem stehen bleibt, was der Tod und die Auferstehung Christi uns gebracht haben, vergisst man, dass Gott vor allem an die Verherrlichung dessen dachte und denkt, der in seinem Leiden und Sterben Ihn verherrlichte, der am Kreuz nicht nur die Frage der Sünde ordnete und uns persönlich freimachte von dem Gesetz der Sünde und des Todes, sondern auch den Grund legte für die Offenbarung des großen Geheimnisses, von welchem Paulus in Epheser 5,32 redet: Christus und die Versammlung (Gemeinde, Kirche). Dieses Geheimnis, das von den Zeitaltern und Geschlechtern her verborgen war, besaß von jeher für Gott eine solche Kostbarkeit und hervorragende Bedeutung, dass Er es in einem lieblichen Bild zum Ausdruck brachte, noch ehe die Sünde in die Welt kam und das Kreuz nötig machte (vgl. Eph 5, 29-32 mit 1. Mo 2, 21-24). Sollte es uns weniger kostbar und wertvoll sein?

Verkehrt und verhängnisvoll ist es, einen Teil der Wahrheit einseitig, das heißt auf Kosten des anderen, hervorzuheben. Nicht nur wird die Wahrheit dadurch verfälscht, sondern der Blick wird auch getrübt, und eine übermäßige Betonung des eigenen Standpunktes und eine kurzsichtige Verurteilung des Andersdenkenden sind die Folge. Gott befreie in seiner Gnade alle seine Kinder von diesem Übel!

Über den an und für sich richtigen Wunsch hinaus, der Betätigung des praktischen Gemeinschaftslebens ein möglichst weites Feld zu schaffen, sind die einen (und wohl die meisten) in Gefahr, den klar ausgesprochenen Gedanken Gottes über seine Versammlung (Gemeinde, Kirche), den Rechten Christi über sein Haus und seinen Tisch nicht die gebührende Beachtung zu schenken und dafür der eigenen Meinung, dem Willen des Menschen, mehr oder weniger Spielraum zu lassen; während die anderen, jene Gefahr erkennend, versucht sind, die „ kirchliche“ Stellung (um mich kurz auszudrücken) zu stark zu betonen und sich infolge dessen der Pflege der Familienbeziehung der Gläubigen nicht so zu befleißigen, wie es trotz aller Verwirrung und Zerrissenheit unserer Tage möglich wäre, wenn die Liebe Christi die Herzen mehr erfüllen und drängen würde.

Beides ist nicht gut. Sollten wir, die wir alle für denselben teuren Preis, das kostbare Blut des Sohnes Gottes, erkauft sind, die wir einen Herrn und ein Vaterhaus haben, nicht einerlei gesinnt sein, dieselbe Liebe haben, einmütig, eines Sinnes, fern von aller Parteisucht und eitlem Ruhm, einer den anderen in Demut höher achten als sich selbst und so, mit weitem, liebendem Herzen den schmalen Pfad der Wahrheit wandeln, bis er kommt, den unserer Seele liebt? Sollten wir nicht Schulter an Schulter gehen in dem Kampf gegen den gemeinsamen Feind, bis wir alle in die Ruhe eingehen, die dem Volk Gottes droben bereit liegt?

Wir leben in den Tagen der kleinen Kraft. Aber lasst uns alle ringen nach der ergreifenden Anerkennung aus dem Mund des Heiligen und Wahrhaftigen: „Du hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet“! (Off 3,7.8.)

„Die Zerrissenheit des Gottesvolkes in der Gegenwart.“ [Fußnote 1]

[Fußnote 1: Von G. Nagel. Mit Vorwort von O. Schopf. Chr. Verlagshaus Wiegand & Comp., Hamburg v. d. Höhe. – Die im Text angeführten Seitenzahlen beziehen sich, wenn nichts anderes vermerkt, immer auf dieses Buch. Ende der Fußnote 1]

So betitelt sich eine Schrift, die vor wenigen Monaten erschienen ist und von den verschiedensten christlichen Richtungen aufs Wärmste empfohlen wird. Es ist auch keine gewöhnliche Schrift. Aber wenn man sie zu Ende gelesen hat, fragt man sich – trotz empfangener, tiefer Eindrücke – doch unwillkürlich: Woher der großen Beifallssturm, den das Erscheinen des Buches in dem ganzen christlichen Blätterwald Deutschlands hervorgerufen hat? Wirft es Neues, bisher nicht bekanntes Licht auf den Zustand des Volkes Gottes unserer Tage? Geht es den Ursachen seiner Zerrissenheit in gründlicherer, überzeugenderer Weise nach, als es bisher von anderer Seite geschehen ist? Ruft es mit überwältigender Kraft den Gläubigen die Ratschlüsse und Gedanken Gottes über „Christum und die Gemeinde“ ins Gedächtnis zurück? Oder gibt es Wege an, wie der traurigen Zerrissenheit entgegen gesteuert und die Darstellung der Einheit gefördert werden könne?

Nach dem Titel des Buches sollte man meinen, alle diese Fragen oder wenigstens einige derselben müssten sich darin behandelt finden; aber man sucht vergebens danach. Nach wenigen einleitenden Sätzen über die Einheit der Gemeinde und „den zunehmenden Zersetzungsprozess im Lager der Gläubigen“ wendet sich der Verfasser gegen die sogenannte „Versammlung“ als diejenige Gruppe unter den Gläubigen, die in ihren Schriften am meisten von der Einheit rede, aber mit der Behandlung dieser Lehre „das Gegenteil von dem bewirke, was sie wirken soll“ (S. 11). Und dabei verharrt er bis zum Schluss des Buches. Andere Gruppen von Gläubigen werden beiläufig erwähnt, aber die sogenannte „Versammlung“ und deren Lehre und Praxis füllen fast das ganze Buch aus.

Sind die „Brüder“ wirklich die Ursache für die Zerrissenheit unter den Gläubigen?

Woher diese auffallende Erscheinung? Liegt denn wirklich die Ursache der Zerrissenheit unter den Gläubigen der Gegenwart bei den Christen, die sich „im Namen Jesu zu versammeln“ bekennen? Solche Christen gibt es in Deutschland erst seit etwa 60 Jahren. Die freie evangelische Gemeinde, welcher Bruder Nagel als Prediger angehört, entstand ebenfalls um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Die Mennoniten und Herrnhuter, die verschiedenen Richtungen der Methodisten und Baptisten, die Apostolischen etc. sind alle älter, teilweise viel älter. Und die in neuerer Zeit aufgekommenen Richtungen, wie Sabbatisten, Adventisten, Tagesanbruchsleute, Pfingtsbewegung etc.? Ich denke nicht, dass Bruder Nagel sie auf Rechnung der „Brüder“ [Fußnote 2] setzen wird. Auch nicht die seit Jahrzehnten hin und her im Land entstandenen sogenannten „kirchlichen Versammlungen“, Philadelphia-Gemeinden, Abendmahls-Gemeinschaften und dergleichen.

[Fußnote 2: Ich möchte diese Bezeichnung auch weiterhin für die in Rede stehenden Gläubigen anwenden, da sie schriftgemäß ist und ihr Verhältnis zueinander und zu allen Gläubigen am besten ausdrückt (Apg 15,22.23). Das Wort ist also selbstverständlich nicht so zu verstehen, als wären die übrigen Gläubigen nicht genau in demselben Sinn „Brüder“ wie sie. Ende der Fußnote 2]

Wenn aber die „Brüder“ in diesem Sinne nicht für die Zerrissenheit verantwortlich zu machen sind, in welchem dann? Haben sie sich vielleicht der Verbreitung von bösen, ketzerischen Lehren schuldig gemacht und dadurch großen Schaden angerichtet? Auch das wird weder von Bruder Nagel noch von irgend einer anderen gegnerischen Seite behauptet werden können. Im Gegenteil wird ein unparteiischer Beobachter den „Brüdern“ das Zeugnis nicht versagen, dass sie den von Zeit zu Zeit auftauchenden Auswüchsen in der Lehre stets in Wort und Schrift entgegengetreten sind und vor allem keine bösen Lehren oder Lehrer in ihrer Mitte geduldet haben.

Warum zieht man gerade gegen die „Brüder“ immer wieder zu Felde?

Wo liegt den die Ursache, dass man trotz der verhältnismäßig kleinen Zahl der „Brüder“ immer wieder gegen sie zu Felde zieht, und dass auf der ganzen Linie des christlichen Heerlagers lauter Jubel ausbricht, wenn ihnen, wie man meint, ein vernichtender Schlag beigebracht worden ist? Warum muss, wie Bruder Nagel sagt, „heutzutage jeder, dem die Einigkeit unter den Gläubigen betendes und harrendes Anliegen ist, immer irgendwie zunächst auf die Grundsätze der „Versammlung“ stoßen ... sowohl hinsichtlich der Lehre als auch der Praxis“? (S. 13).

Man macht den „Brüdern“ den Vorwurf, dass sie in einer „starken, immer noch anschwellenden Literatur mit ihren Forderungen und Begründungen an andere Kreise von Gläubigen herantreten“, und sagt: „So ziemt es sich, dass auch wir Ihnen einmal in ernster, freundlicher und möglichst gründlicherer Darstellung antworten“ (S. 6). Diese starke Literatur, soweit sie hier in Betracht kommt, besteht aus etwa einem Dutzend, meist kleiner Schriften, die im Laufe der letzten 60 Jahre allmählich entstanden sind, und deren Verbreitung sich fast ausschließlich auf die Kreise der „Brüder“ beschränkt. Im vorigen Jahr sind, hervorgerufen durch die Schrift von Friedrich Kaiser, Bonn: „Ist die sogenannte Versammlung (darbystische) in ihren Lehren und Einrichtungen biblisch?“ dann noch einmal die einschlägigen Teile der Wahrheit so einfach und sachlich wie möglich behandelt worden. [Fußnote 3]

[Fußnote 3: „Die Versammlung des lebendigen Gottes“, vgl. das Verzeichnis auf S.29 unten. Ende der Fußnote 3]

Also kann doch wohl in der Stärke der Literatur, in der Zahl oder Verbreitung der erschienenen Schriften die gesuchte Ursachen nicht liegen. In auffallendem Widerspruch mit dem obigen Vorwurf steht denn auch die Aufforderung des Bruder R. B. in L. an die „Brüder“ (siehe „Der Gärtner“, Hrsg. F. Fries, Witten, S. 125), die mit „Herzblut geschriebenen“ Blätter (des Bruder Nagel) jetzt nicht mit stiller Verachtung, mit Totschweigen und Übersehen abtun zu wollen. Man antwortet, wie man selbst sagt, auf eine Hochflut von literarischen Erzeugnissen und fordert dann in den stärksten Ausdrücken, dass doch endlich einmal eine Erwiderung erfolgen möge!

Ist die biblische Lehre über die Versammlung so herausfordernd?

Wenn dem aber so ist, so bleibt kaum etwas anderes übrig, als in dem Inhalt der Schriften oder, wenn man will, in den Grundsätzen der „Brüder“ [Fußnote 4] die Ursache zu suchen. Entweder muss es etwas von Grund auf Böses und Verderbliches in ihnen geben, das zu gemeinsamer, ernster Abwehr nötigt, oder aber diesen Grundsätzen muss eine derart zwingende, andere Grundsätze ausschließende Wahrheit innewohnen, dass Ihnen deswegen „allenthalben widersprochen“ wird. Die Alternative klingt vielleicht hart und gewagt, aber in Wirklichkeit ist sie es nicht. Es ist uns auch allen bekannt, - und Gottes Wort und die Erfahrung beweisen es, - dass in dieser Welt nichts so sehr auf allseitigen Widerspruch zu rechnen hat, als die einfache, ungeschminkte Wahrheit. Tatsache ist daher auch, dass die „Brüder“ in der Welt die meistverachtete, unter dem Volk Gottes die meist bekämpfte und vielfach - leider! - bestgehasste Gruppe von Gläubigen bilden. Sollte das nicht zu denken geben?

[Fußnote 4: Ich kann nicht umhin zu bemerken (selbst auf die Gefahr hin, für gerade so „naiv“ gehalten zu werden wie jener „liebe Bruder“ auf S. 59 o.), dass man von den Grundsätzen der „Brüder“ eigentlich gar nicht reden kann, denn was sie festzuhalten und darzustellen suchen, sind göttliche Grundsätze, die einfachen Richtlinien des Wortes für Lehre und Praxis des Volkes Gottes. Von einem einheitlich „festgestellten Versammlungsschema“, einem „bestimmten Lehr- und Versammlungstypus“, einer „strengen, einheitlichen eisernen Regelung durch alle Gebiete der Lehre und Praxis“, ja, selbst von Ausübung irgend eines Zwanges in dieser Beziehung ist gar keine Rede. (Gegenteilige Behauptungen, wenn sie auch noch so oft und laut vorgetragen werden, beweisen nichts.) Wohl aber suchen die Brüder die Ermahnung des Apostels in 1. Korinther 1,10: „Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und nicht Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr in demselben Sinn und in derselben Meinung völlig zusammengefügt seid“, nachzukommen, und sind dankbar, wenn der Geist Gottes solche Übereinstimmung wirkt. Auch wünschen sie, Stellen, wie Epheser 5,21; Hebräer 13,7.17; 1. Petrus 5,5 u. a. nicht zu vergessen. Will man es „Organisation“ nennen, wenn alle sich dem Wort Gottes und der Leitung des Geistes zu unterwerfen wünschen, wenn alle einander untertan sein möchten in der Furcht Christi, - und das ist es doch, was der Geist in dem Leib hervorzurufen strebt, - dann allerdings gibt es eine „Organisation“ unter den Brüdern, und man kann nur wünschen: Gott gebe, dass sie immer stärker sich geltend machen möge! Ende der Fußnote 4]

Ziel der Schrift von Bruder Nagel

Bruder Nagel stellt jene Alternative auch selbst, obwohl in etwas anderer Form. Er rsagt (S. 20): „Es bleibt jenen Aufforderungen gegenüber nur übrig, entweder ihnen zu folgen [Fußnote 5], oder aber für seine abweichende Stellung feste und klare Begründung zu geben“. Und er fährt dann fort: „Es haben „Brüder“ von Seiten der „Versammlung“ sich immer erneut darüber beklagt, dass man ihre Lehre und Stellung angreife ... Es ist uns für unseren gegenwärtigen Zweck ein sehr dringendes Anliegen, dass herzliche und aufrichtige Liebe zu den Brüdern von der „Versammlung“ in diesen Blättern kräftig spürbar bleibe.“

[Fußnote 5: Der Schreiber fügt an dieser Stelle noch hinzu: „und Mitglied bei den von der Lehre Darbys beeinflussten Kreisen zu werden“. Wie er das gegebenenfalls zur Ausführung bringen wollte, ist schwer verständlich. Denn wie kann man da Mitglied werden, wo gar kein geschlossener Kreis, kein Verein, keine Gemeinschaft mit Vorstand, Mitgliedern etc. besteht? Schon dieser eine Ausdruck beweist, wie wenig Bruder Nagel (und mit ihm so viele andere) erfasst hat, was die Brüder wollen und darzustellen suchen. Ende der Fußnote 5]

Es sei im Anschluss an diese letzten Worte dankbar hervorgehoben, das Bruder Nagel sich bemüht hat, so zu reden, „das sowohl die Art als auch der Inhalt der Rede es unmöglich mache, dieselbe als aus einem hochmütigen, unbrüderlichen Geist kommend, von vornherein zurückzuweisen“ (S. 5.) In diesem Punkt unterscheidet sich die Nagel’sche Schrift vorteilhaft von vielen ihrer Vorgängerinnen, obgleich die „Ausführung“ auch hier nicht überall den „Worten“ entspricht. Jedenfalls aber hat der gute Wille vorgelegen.

Es sei ferner bereitwillig anerkannt, das Bruder Nagel gewünscht hat, den Brüdern gerecht zu werden und ihre, nach seiner Überzeugung falsche Lehre und Praxis ans Licht zu stellen. Ob es ihm gelungen ist, ist ja eine andere Frage. Von vorneherein auffallend und zugleich charakteristisch ist es jedenfalls, wenn er die nächst der Erlösung wichtigste, grundlegende Wahrheit des Christentums, die in den Schriften der „Brüder“ immer wieder aufs stärkste betont wird, und die, wie man deshalb erwarten dürfte, auch seinen Ausführungen zugrunde liegen sollte, nicht einmal erwähnt. Ich meine

Die persönliche Gegenwart des Heiligen Geistes auf der Erde und die Bildung des Leibes, der Gemeinde, durch Ihn.

Nach Bruder Nagels Ansicht ist die Grundlage der Einheit des Leibes die Wiedergeburt, der tatsächliche Besitz des neuen geistlichen Lebens (S. 40 u. 73) - eine Meinung, die unbegreiflicherweise in weiteren Kreisen verbreitet zu sein scheint. Dass jedes Glied am Leib Christi wiedergeboren und des neuen geistlichen Lebens teilhaftig sein muss, ist offenbar, denn ohne Wiedergeburt und dadurch mitgeteiltes neues Leben gibt es keine Verbindung mit Gott oder mit seinem Christus. Aber die alttestamentlichen Gläubigen waren auch alle wiedergeboren, gehören aber nicht zum Leib Christi. Ebenso werden die nach der Entrückung der Braut erretteten unzähligen Scharen alle wiedergeboren sein.

Ist der Opfertod Christi die Grundlage der Einheit der Gemeinde?

Andererseits gründet Bruder Nagel die Einheit auf den Opfertod und das Blut Jesu Christi (S. 22). Wenn es sich nun um die Mittel handelt, die eingesetzt worden sind, um die Glieder des Leibes zu erlösen, so kann man mit dieser Darstellung nur einverstanden sein. Wie könnte eine solch innige Verbindung zwischen Christus und uns anders möglich sein als aufgrund der Erlösung?

Wenn man aber an die Bildung des Leibes Christi, den Beginn der Gemeinde als Körperschaft hier auf der Erde, denkt, so kann man nicht eher von der Gemeinde reden, als bis der Heiligen Geist am Pfingsttag hernieder kam und die Erlösten zu einem Leib taufte (Apg 2; vgl. 1. Kor 12,13). Vorher gab es keine Gemeinde (Versammlung) in neutestamentlichem Sinn. Der Herr sagt deshalb, wie schon oft betont, in Matthäus 16,18 nicht: „Ich baue“, sondern: „Ich werde bauen“, und erst nach der Ausgießung des Heiligen Geistes geht von der Gemeinde (Versammlung) als auf der Erde bestehend gesprochen (vgl. Apg 2, 47; 5,11 etc.).

Es geht um Ratschlüsse von Ewigkeit her!

Wenn wir deshalb von der Gemeinde auf Erden reden wollen, so müssen wir uns unbedingt zunächst vergegenwärtigen, dass das, was Gott in seinen Ratschlüssen von Ewigkeit her im Blick auf Christus und die Gemeinde geplant hatte, erst an Pfingsten in Erscheinung trat, nicht eher in die Erscheinung treten konnte. Erst nachdem das Haupt des Leibes, der verherrlichte Menschensohn, seinen Platz zur Rechten Gottes eingenommen hatte, konnte er „die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater empfangen“ und diesem Geist auf die Erde senden, damit Er Wohnung in den Erlösten mache und sie alle zu einem Leib bilde.

Erst nachdem Gott Christus auferweckt und zu seiner Rechten in den himmlischen Örtern gesetzt hatte, konnte Er Ihn „als Haupt über alles“ der Versammlung geben, welche sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt (Eph 1).

Die Verherrlichung des Herrn und das Kommen des Geistes Gottes war nötig!

Ich wiederhole also: Erst nach der Auferstehung und Verherrlichung Christi ist dieser eine Leib gebildet worden, und zwar durch den Heiligen Geist, der alle in diesen Leib einfügte (ob Juden oder Heiden), die sich retten ließen von dem bösen Geschlecht um sie her. „Da ist ein Leib und ein Geist“ (Eph 4,4). Dieser Einheit wird am Tisch des Herrn in dem einen Brot ein sichtbarer Ausdruck gegeben. „Das Brot, dass wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes des Christus? Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen; denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot“ (1. Kor 10,16.17).

Die Gläubigen sind ein Leib, und Gott will, dass sie dieser Tatsache am Tisch des Herrn Ausdruck geben. Nicht aber werden Sie, wie Bruder Nagel es (wiederum unbegreiflicherweise) ausdrückt, erst „durch solch gemeinsames Essen und Trinken zu einem Leib gestaltet“ (S. 22).

Die Ursache der Zerrissenheit

Damit sind wir wohl an den wichtigsten Unterscheidungs- und Scheidungspunkt zwischen den „Brüdern“ und allen religiösen Körperschaften und Benennungen, ob alt oder jung, groß oder klein, angelangt, bei dem Teil der Wahrheit, der den Widerspruch und die heftige Gegnerschaft aller „Kreise“ und „Gruppen“ von Gläubigen wachruft. Während die „Brüder“ die Ursache der Zerrissenheit in dem Abirren von der im vorigen Abschnitt entwickelten großen Wahrheit erkennen, und ein Heilmittel nur erblicken in der rückhaltlosen Umkehr zu dem, „was von Anfang war“, unter demütiger Anerkennung des allseitig eingetretenen Verfalls, aber im Vertrauen auf die Treue Gottes und die Unwandelbarkeit seiner Gedanken, in dem sich scharen um Jesus allein unter Aufgabe aller menschlichen Namen, Einrichtungen etc., – wollen die übrigen Gläubigen (denn nur mit solchen haben wir es jetzt zu tun) sich entweder von den großen, „geschichtlich gewordenen“ Körperschaften und Einrichtungen nicht trennen.

Wenn sie es, durch Gewissensnot getrieben, tun, so meinen sie, sich zu neuen Kreisen, Gruppen, Gemeinschaften etc. zusammenschließen zu sollen – nicht eingedenk dessen, dass es doch, trotz aller Untreue des Menschen, vor Gott nur eine Gemeinde gibt, die Versammlung des lebendigen Gottes (1. Tim 3,15), für welche Er alle nötigen Vorkehrungen getroffen hat, nur eine Gliedschaft, die Gliedschaft an dem einen Leib, dem Leib Christi, einen Namen, den Namen Christi – und das die Zugehörigkeit zu irgendeiner besonderen Benennung, welche es auch sei, dieser Wahrheit nicht nur nicht Rechnung trägt sondern sie praktisch leugnet. Nicht erst „dort“, in der Herrlichkeit, wird, wie Bruder Nagel meint, Galater 3,28 in Erfüllung gehen (S. 90), sondern heute, hier auf Erden, gilt das Wort: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann noch Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.

[Fußnote 6: Vor einigen Jahren reisten zwei Christen, die sich bis dahin völlig fremd gewesen waren, gemeinsam in der Eisenbahn. Nachdem sie sich einige Zeit über den Herrn und seine Interessen unterhalten hatten, beugte sich der eine der beiden Reisenden zu seinem Gefährten hinüber und sagte: „Darf ich Sie fragen, zu welcher Benennung Sie gehören?
„Das ist eine Frage, die man oft stellt“, erwiderte der andere. „Aber würden Sie mir, bevor ich Ihnen antworte, sagen, was mich, nach ihrer Meinung in meiner Laufbahn als Christ leiten sollte?“
Der erste versetzte sofort: „Das Wort Gottes ist unser alleiniger, sicherer Führer“. – „Das ist auch meine Meinung; aber nun möchte ich, wenn sie erlauben, ihre Frage mit der Gegenfrage beantworten: In welche Benennung stellt mich das Wort Gottes?
Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens antwortete der erste: „In keine.
„Dann darf ich also keiner Benennung angehören. Denn wenn ich mich irgend eine Benennung anschlösse, würde ich mich nach Ihrem eigenen Zeugnis in einer Stellung befinden, in welche das Wort Gottes mich nicht gesetzt hat.“
„Aber“, entgegnete der erste, „das Wort Gottes ermahnt und doch, unser Zusammenkommen nicht zu versäumen, und das umso mehr, je mehr wie dem Tag herannahen sehen?“ (Heb 10,25).
„Ganz recht. Aber ein Christ braucht nicht einer Benennung anzugehören, um diesem Gebot nachzukommen; denn der Herr Jesus sagt: „Wo zwei oder drei versammelt sind zu meinem Namen hin, da bin ich in ihrer Mitte“.“ Ende der Fußnote]


Die Schrift kennt nur Glieder der Gemeinde, des Leibes Christi, nicht aber Glieder einer Gemeinde, sei sie nun örtlich gedacht oder als Gesamtheit viele Einzelgemeinden. „Es ist schon oft gesagt worden, dass die Versammlung Gottes ein organisches Ganzes sei, bestehend aus Haupt und Gliedern, dem menschlichen Körper vergleichbar. So stellt das Wort Gottes es dar. Schon der Titel „Haupt des Leibes“ bedingt Einheit und Verbindung mit und unter den Gliedern. Wenn dem aber so ist, wie kann man dann von „unabhängigen“ Versammlungen oder Gemeinden reden? Damit leugnet man sofort die Wahrheit von der Einheit des Leibes entweder sind wir der „Leib Christi“ und „Glieder voneinander“ und geben diesem Verhältnis schriftgemäß Ausdruck, oder wir bilden selbstständige, unabhängige Körperschaften und sind dann Glieder dieser Körperschaften. Beides miteinander zu vereinigen ist unmöglich. Das eine schließt das andere aus.“

[Fußnote 7: Siehe „Die Versammlung des lebendigen Gottes“ (S. 46) – Hierzu bemerkt der Redakteur des Ev. Allianzblattes, Bruder B. Kühn: „Es gibt aber außer dem obigen entweder – oder noch ein Drittes, und das scheint uns, zumal in Hinsicht auf die seit den Aposteltagen um sich gegriffenen Spaltungen und Verirrungen, das einzig Mögliche und Gottgewollte zu sein: Man schließt sich, so weit und so gut es geht (!), zu örtlichen Gemeinden oder Gemeinschaften zusammen und sucht innerhalb und außerhalb derselben die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens mit allen anderen Gliedern und Gliedervereinigungen (!) des Leibes Christi. Die Einheit des Geistes forderte ja nicht unbedingt die Einheitlichkeit der Organisation und des Dienstes, sonst würde es nie zu einer Einheit des Geistes kommen.“ – Man fragt unwillkürlich: Was ist denn eigentlich die Einheit des Geistes, die man zugleich bewahren und zu der man kommen soll? Epheser 4,4 und Philipper 2,2 sind doch wahrlich zwei sehr verschiedene Dinge! Ende der Fußnote]

Aus diesem einfachen Grund können die „Brüder“ und die Benennungen nicht anerkennen und müssen sich – nicht von den Gläubigen, wie Ihnen immer wieder vorgeworfen wird, – sondern von den Einrichtungen, in welchen jene sich befinden, abgesondert halten. Das daraus hervorgehende praktische Getrenntsein von vielen lieben Kindern Gottes und die Beeinträchtigung des gegenseitigen gesegneten Dienstes der Liebe fühlen und beklagen sie tief. Aber es liegt nicht in ihrer Macht, die Ursache in Gott wohlgefälliger Weise zu entfernen. Sie können Ihn nur bitten, dass Er ihnen helfe, in Anerkennung der eigenen großen Mangelhaftigkeit, ihren Geschwistern gegenüber ein weites Herz zu bewahren, und dass Er diesen Licht und Gnade schenke, die von ihnen errichteten Schranken zu beseitigen.

Im Blick auf diesen Punkt begegnen wir in der Nagel’schen Schrift einem Widerspruch, in dem bald von der Trennung von Gläubigen, bald von der Trennung von Gemeinschaften gesprochen wird, als wenn das zwei ganz gleiche Begriffe wären. Da heißt es zum Beispiel auf S. 24 in ein und demselben Satz: „Nun haben wir oben von Lehren und Grundsätzen gehört, die bewusst die Trennung von Gläubigen fordern, nicht etwa nur von Welt und Weltkirchentum, sondern auch von anerkannt gläubigen Gemeinschaften.“ Es besteht doch ein gewaltiger Unterschied zwischen der Forderung, sich von Gläubigen zu trennen, oder einer Gemeinschaft fern zu bleiben, die, obwohl sie vielleicht aus lauter Gläubigen besteht, doch hinsichtlich ihrer Organisation als Gemeinschaft Gottes Anerkennung nicht hat.

Viele Gläubige fühlen mit den „Brüdern“, dass die Benennungen mit so manchem, was damit zusammenhängt, nicht von Gott sind, und suchen dem Übel dadurch abzuhelfen und ihr Gewissen damit zu beruhigen, dass Sie eine Vereinigung (Allianz) der verschiedenen Gruppen und „Gliedervereinigungen“ zu zeitweiliger gemeinsamer Wortbetrachtung oder zu gemeinschaftlicher Arbeit im Evangelium anstreben. Dass auf diesem Weg vielen Kindern Gottes Segen gebracht und auch manche gute Arbeit getan worden ist, erkennen wir durchaus an; denn wo Gläubige sich im Aufblick zu ihrem gemeinsamen Herrn und unter herzlichem Erbitten seines Segens versammeln oder von Ihm zeugen, fließt dieser Segen ganz gewiss.

Wenn man aber meint, in dieser Weise die Einheit des Leibes Christi nach Gottes Gedanken darzustellen, oder diese Darstellung auch nur zu fördern, so irrt man. Es ist eine (in vielen Fällen gewiss gut gemeinte aber) erfolglose Bemühung, die Zerrissenheit des Volkes Gottes zu steuern. Anstatt das Übel bei der Wurzel anzufassen, streicht man Salbe über die Wunde.

„Manche reisen“, wie ein anderer Schreiber sich ausdrückt, „mit großem Kostenaufwand nach der einen oder anderen Stadt, um sich dort mit Christen zu verbrüdern, die sie nie gesehen haben und vielleicht auch nie in diesem Leben wiedersehen werden. Aber sich mit den Christen, die an ihrer Tür wohnen, unter der Leitung des Heiligen Geistes, mit Aufgabe alles Menschlichen, Eigenen, um den einen Herrn und den einen Tisch zu versammeln, zugänglich für alle, ohne Geräusch, ohne Aufsehen – dazu können sie sich nicht verstehen.“

In Verbindung mit dem Vorwurf, dass die „Brüder“ sich von Kindern Gottes trennten, führt Bruder Nagel auch ein Wort des Baptisten C. H. Spurgeon an: „Es ist Sünde, sich von den anderen zu separieren. Niemand gehört zur Kirche, der nicht den Geist Gottes hat; aber wehe dem Mann, der sich von Kindern Gottes trennt!“ (S. 88). Bruder Spurgeon hat durchaus recht, und doch ist er sein Leben lang „Baptist“ geblieben (zum Unterschied und in Absonderung von anderen Kindern Gottes), und hat sich seinerzeit von der Baptisten-Union trennen müssen.

Und wie ich bereits gesagt habe, trifft jener Vorwurf die „Brüder“ nicht. Anstatt sich von Kindern Gottes trennen zu wollen, möchten sie im Gegenteil gern mit allen herzliche Gemeinschaft haben auf dem Boden, auf welchem die Gläubigen von Anfang an standen, auf den Gott sie gestellt hat, wo nicht der eine sagt: „Ich bin es Paulus“, der andere aber: „Ich des Apollos“ usw., sondern wo sich alle nur des Herrn rühmen. (1. Kor 1). Sie glauben ihrerseits auch, alles hinweg getan zu haben, was andere Kinder Gottes hindern könnte, Gemeinschaft mit ihnen zu machen. „Da sie keine Partei sind“, schreibt einer von ihnen, „wünschen sie auch nicht, Anhänger zu gewinnen; infolge ihres Standpunktes können sie das gar nicht.“ Sie verlangen nicht das andere sich ihnen, oder ihrem Kreis oder ihrer Gruppe anschließen, dass sie ihre Lehrmeinungen in jeder Beziehung anerkennen, sondern möchten nur, dass jene den eigenen Sonder- und Parteistandpunkt aufgeben. Geschieht das, so wird nicht „im Namen der Einheit die Gemeinschaft mit den Brüdern zu einer Unmöglichkeit gemacht“ (S. 61), sondern im Gegenteil ergibt sich der Boden, auf dem man sich zusammenfindet, ganz von selbst.

[Fußnote 8: Es entspricht nicht der Wahrheit, wenn Bruder Nagel behauptet: „Bedingung für diese Darstellung der Einheit ist der „Versammlung“ die unbedingt der Zustimmung aller zu ihrer Lehre und Schriftauffassung“. Und es ist nur bedingt war, wenn er fortfährt: „Bedingung ist der Austritt aller Gläubigen aus den Kreisen derer, denen sie bis dahin angehörten, und der Anschluss an den eigenen Kreis“ (S. 59). Es ist unrichtig, wenn er auf S. 43 sagt, dass die Anerkennung eines Gläubigen seitens der „Versammlung“ in erster Linie abhängig sei von der Beantwortung der Frage: „Gehört er irgend einer Benennung an? Stimmt er einem Bekenntnis zu?“ - die Brüder machen hinsichtlich der Teilnahme am Tisch des Herrn nur die Bedingung: Leben aus Gott, Reinheit in Wandel und Lehre, sonst keine; aber sie können sich auch nicht umgekehrt Bedingungen wie zum Beispiel die Erlaubnis, überall, ganz nach Belieben und Gelegenheit, am Brotbrechen teilnehmen zu können, auferlegen lassen. Würde die Erteilung einer solchen Erlaubnis nicht einen direkten Eingriff in die Rechte des Herrn bedeuten? Wer sind wir, dass wir über seinen Tisch verfügen könnten? Ein jeder ist persönlich dem Herrn verantwortlich für sein Tun, andererseits aber ist Gott nicht ein Gott der Unordnung.
In der kleinen Schrift: „Auf dass sie alle eins seien“ (Verlag von R. Brockhaus), heißt es auf S. 9 und 10: „Damit der Charakter der Versammlung als Versammlung Gottes gewahrt bleibe, dürfen selbstverständlich keine anderen Bedingungen der Gemeinschaft aufgestellt werden als die Folgenden: lebendiger Glaube an Christus, ein würdiger Wandel und Reinheit in der Lehre. Alle anderen Bedingungen sind menschlich und dem Wort Gottes zuwider. Weiter zu gehen würde heißen, den wahren Charakter der Versammlung zu verlassen und zu einer Sekte herabsinken.“ - dasselbe ist mit ähnlichen Worten in den anderen Schriften wiederholt gesagt worden.
Zur weiteren Widerlegung der Behauptungen Bruder Nagels sei noch eine Stelle aus einem Privatbrief des Bruders J. N. Darby aus dem Jahr 1878, also wenige Jahre vor seinem Heimgang, angeführt. Er schreibt dort: „Stellen wir uns jemand vor, der als gottesfürchtig und gesund im Glauben bekannt ist, obwohl er das kirchliche System, dem er angehört, nicht verlassen hat, ja, sogar meint, dass die Schrift einen durch Menschen geweihten Dienst empfehle, der sich aber freut, wenn die Gelegenheit sich darbietet, mit uns das Brot zu brechen. Nehmen wir an, wir seien die einzigen Christen am Ort, oder der Betreffende sei mit keiner anderen der am Ort bestehenden Benennungen in Verbindung, und sei bei einem von uns zu Besuch oder dergleichen. Muss er zurückgewiesen werden, weil er irgend einem System angehört, betreffs dessen sein Gewissen nicht erleuchtet ist, oder welches er sogar für richtiger hält? Er ist ein gottesfürchtiges Glied des Leibes Christi und als solches bekannt. Muss er zurückgewiesen werden? Wenn es geschieht, so macht man die Gemeinschaft von dem Grad des Lichtes abhängig, das man besitzt, und die Versammlung, die eine solche Seele zurückweist, verleugnet die Einheit des Leibes. Der Grundsatz des Zusammenkommens (als Glieder Christi, die in Gottesfurcht wandeln) wird aufgegeben; Übereinstimmung mit uns wird zur Richtschnur gemacht, und die Versammlung wird eine Sekte mit ihren Gliedern, geradeso wie jeder andere. Man würde uns mit Recht sagen können: Die Gemeinschaften versammeln sich auf ihren Grundsatz, dem baptistischen oder einem beliebigen anderen; ihr versammelt euch auf dem eurigen, und wer nicht in aller Form zu euch gehört, den lasst ihr nicht zu.
Damit würde der Grundsatz des Zusammenkommens der Brüder aufgegeben und eine neue Sekte gebildet; vielleicht mit mehr Licht, als andere besitzen, aber das wäre auch alles. Es verursacht ohne Zweifel mehr Mühe und erfordert mehr Sorgfalt, jeden Fall für sich besonders nach dem Grundsatz der Einheit alle Glieder Christi zu behandeln, als zu sagen: „Du gehörst nicht zu uns, du darfst nicht kommen“. Aber wenn man das letztere täte, so würde man damit den ganzen Grundsatz des Zusammenkommens aufgeben. Ein solcher Weg wäre nicht von Gott ...“ Ende der Fußnote]


Da gibt es gar kein wir mehr, kein uns, unsere Gemeinde, unser Prediger und dergleichen, sondern alle sind einer in Christus (Gal 3,28.) Wenn zwei oder mehr Gläubige nichts anderes sein wollen als Christen, Brüder, Kinder Gottes, Glieder des Leibes Christi und Glieder voneinander, so gibt es gar keine Ursache, weshalb sie getrennt sein sollten. (Zuchtfragen wegen bösen Wandels oder ketzerischer Lehre werden hierdurch selbstverständlich nicht berührt.) Wenn aber heute, wie einst in Korinth, der eine sagt: „Ich bin des Luther“, der andere: „Ich des Calvin“, wenn der dritte meint: „Ich bin ein Glied der Freien Evangelischen Gemeinde“, der vierte: „Ich bin Baptist“ usw., so ist die Trennung da. Aber auf wen fällt die Schuld?

Was soll nun geschehen?

Bruder Nagel appelliert in eindringlichster Weise an die Liebe der „Brüder“, und er darf versichert sein, dass auch bei ihnen „der Ort im Herzen noch gefunden werden kann, wo der Hauch der Liebe gespürt wird, wo die Stimme der Wahrheit gehört wird“ (S. 62). Aber was sollen die „Brüder“ tun?! Sollen sie sich der „Freien evangelischen Gemeinde“ oder irgend einer anderen der bestehenden Gemeinschaften anschließen? Bruder Nagel wird das nicht fordern; die Forderung wäre auch unerfüllbar. Denn wenn er auch Glied einer Gemeinde ist, die den Namen „Freie evangelische Gemeinde“ führt [Fußnote 9] und nicht den mindesten Anlass sieht, sein Verhältnis zu der betreffenden Gemeinde zu lösen (S. 64), so ist doch – bei aller Achtung und Liebe ihm gegenüber – seine Meinung nicht maßgebend, um so weniger, wenn er durch kein Wort der Schrift diese Meinung zu begründen vermag. Und was in dieser Beziehung für die „Freie evangelische Gemeinde“ gilt, gilt für alle anderen Gemeinschaften.

[Fußnote 9: Es macht dabei nichts aus, ob er (wie er bei einer persönlichen Begegnung sagte) nur an die örtliche Gemeinde in Siegen denkt, oder an die Gesamtheit der „Freien evangelischen Gemeinden“; denn wenn ich an irgend einem Ort Glied einer Gemeinde bin, so bin ich es eben im Unterschied zu allen anderen dort bestehenden Gemeinschaften. Ende der Fußnote]

Was sollen die „Brüder“ nun tun? Sich auch zu einer Gemeinde konstituieren, einen Zaun um sich ziehen, indem sie sich einen Namen beilegen, der „klar das Wesen dieser Gemeinde im Unterschied von den anderen“ (S. 64) kennzeichnet, und so sich einreihen in die Schar der bestehenden religiösen Benennungen? Wahrscheinlich ist es das, was Bruder Nagel und andere von den „Brüdern“ erwarten. Aber das würde nach der klaren und langjährigen Überzeugung der „Brüder“, die sie aufgrund des Wortes Gottes gewonnen haben, nichts anderes sein als Untreue, ein Verlassen des einzigen Bodens, den Gott für das Zusammenkommen und das korporative Zeugnis der Seinen gelegt hat. Freilich würde dann das allgemeine Ärgernis, das Zeugnis, „dem allenthalben widersprochen wird“, verschwinden, und der Widerspruch würde aufhören. Das würde Friede bedeuten, aber ein Friede auf Kosten der Wahrheit. Dürfen die „Brüder“ zu einem solchen Frieden, zu einer solchen „Vereinigung“ oder „Verständigung“ die Hand bieten? So gern sie dem Appell an die Bruderliebe folgen möchten: in dem Sinn, wie Bruder Nagel es meint, können Sie es nicht.

Wir wollen es uns gern sagen lassen, dass wir nicht immer den rechten Blick, dass liebevolle Verstehen für das Gute, das in den anderen gegen Christus Jesus war und ist (S. 42), gehabt haben. Wir bekennen, dass wir in jeder Beziehung hinter dem zurück geblieben sind, was der Herr und unsere Brüder von uns erwarten konnten. Wir bekennen ausdrücklich, dass unsere Herzen oft nicht so weit in der Liebe Christi waren, wie sie es hätten sein sollen. Wir glauben endlich, dass manches scharfe, unverständige Wort seitens Einzelner im persönlichen Verkehr gefallen ist. Auch, dass es in den angegriffenen Schriften Stellen gibt, die vorsichtiger und rücksichtsvoller gefasst sein könnten. Aber abgesehen von solchen Mängeln und Fehlern, die wir aufrichtig bedauern und bemüht sind abzustellen, muss betont werden, dass uns das, was Bruder Nagel „rechthaberischen, zügellosen Geist“ nennt (S. 60), Herzensüberzeugung ist. Und dass wir, so weit unser Verständnis reicht, gerade „dem Sektengeist im scheinbiblischen Gewande“ (S. 61) nachgeben würden, wenn wir die Wege verlassen wollten, die wir seit Jahrzehnten, wenn auch in großer Unvollkommenheit, gehen.

Hier möchte ich die Stelle, die Bruder Nagel aus „die Grundwahrheiten der Versammlung Gottes“ (R. Brockhaus, 5. Aufl. 1906; Bruder Nagel hat wohl eine ältere Aufl. benutzt) auf Seite 18 und 19 anführt, genau wiedergeben. Sie lautet: „Ist es Gesetzlichkeit, wenn ich eine mir noch so teure Gemeinschaft aus dem Grund aufgebe, weil ich den Willen Gottes tun und seinem Wort folgen möchten? Oder ist es Engherzigkeit, wenn ich eine oder alle Parteien verlasse, um da zu sein, wo ich mich aufgrund des Wortes Gottes und in Abhängigkeit von der Leitung des Heiligen Geistes im Namen Jesu mit allen Heiligen versammeln kann?“

„Denken wir uns den Fall, dass ein Gläubiger, der noch irgend einer kirchlichen Partei angehört, an mich die Frage richten würde: „Wie kommt es doch, dass du nicht einmal mit mir in meine Kirche oder Versammlung gehen willst, während ich doch nichts darin sehen würde, mich mit dir und allen denen zu versammeln, die nur im Namen Jesu zusammenkommen?“ – Meine Antwort würde sein: „Du kannst nach deinen Grundsätzen als Protestant, als Baptist, oder was du sonst sein magst, mit gutem Gewissen dahin gehen, wo man dem Herrn und seinem Wort in der Einheit seines Leibes und in der Freiheit seines Geistes unterworfen zu sein wünscht; denn du wirst sicher zugeben, dass es keine Sünde ist, sich nach dem Wort Gottes zu versammeln: darum kannst du daran teilnehmen. Mir hingegen ist es klar, dass es nicht schriftgemäß ist, den Boden des Wortes Gottes zu verlassen und den Standpunkt eines Protestanten oder eines Baptisten einzunehmen. Es ist daher nicht Mangel an Liebe, dass ich nicht mit dir gehe, sondern ich fürchte vielmehr, etwas zu tun, was Gott missfällt.“ – Das mag hart und schroff klingen; allein es ist tatsächlich böse, wenn ich meinem eigenen Willen oder dem Willen eines anderen folge, insofern derselbe nicht der Wille Gottes ist; während andererseits gerade der Gehorsam gegen Gott und seine Gebote das Kennzeichen der wahren Liebe ist (vgl. Johannes 14,23; 1. Johannes 5,2.3).“

Man sieht wieder einmal, wie ganz anders ein Ausspruch klingt, wenn man ihn, und noch dazu abgekürzt, aus seinem Zusammenhang herausreißt.

Doch kehren wir zu unserem Gedanken zurück. Ich frage: Ist es „Sektengeist“ oder „rechthaberischer, zügelloser Geist“, oder ist es „äußerlicher, formaler Schriftgehorsam“, demgegenüber „alles Wesentliche an Bedeutung zurücktritt“ (S. 59), wenn die „Brüder“ gegen die vielen Parteibenennungen und menschlichen Einrichtungen protestieren? Was sagt Paulus, wenn er von dem Parteiwesen in Korinth redet? Wie nennt er die, welche sich zu einer besonderen Richtung zusammen taten und sich im Unterschied zu anderen Gläubigern einen Namen beigelegten? Menschlich, fleischlich! Würde er sie heute anders nennen?

Nach Bruder Nagels Auffassung „geht allerdings die „Versammlung“ im Prinzip den Weg der Christischen“ (S. 35), der vierten Richtung in Korinth. Wir wollen an dieser Stelle nicht weiter untersuchen [Fußnote 10], ob dieser Vorwurf zutrifft. Ich möchte nur fragen: Wenn Bruder Nagel wirklich Recht hätte, würden dadurch die anderen Benennungen um ein Tüttelchen weniger „menschlich“, weniger „fleischlich“ ?

[Fußnote 10: Siehe Näheres in dem Abschnitt: Die Parteiströmungen der Versammlung zu Korinth, S. 48 ff (im Ursprungsdokument). Ende der Fußnote]

Es seien hieraus einer kleinen Schrift „Was ist eine Sekte?“ [J. N. Darby] einige Sätze angeführt:

„Wir sehen also, was die durch den Heiligen Geist bewirkte wahre Einheit ist: zunächst die Einheit von Brüdern untereinander, und dann die Einheit des Leibes. Sektengeist ist vorhanden, wenn sich Gläubige auf einer anderen als auf dieser Grundlage der Einheit vereinigen. Es ist Sektengeist, wenn man eine Lehre oder ein Bekenntnis zum Mittelpunkt der Vereinigung macht, um so diejenigen, welche sich zu diesem Bekenntnis halten, vermittelst desselben zu einem Leib zu stempeln. Eine solche Einheit wurzelt weder in dem Grundsatz der Einheit des Leibes noch in demjenigen der Vereinigung von Brüdern. Wenn einzelne Personen sich in dieser Weise zu einer Genossenschaft vereinigt haben und sich gegenseitig als Glieder dieser Körperschaft anerkennen, so bilden sie in der Tat eine „Sekte“, weil der Grundsatz einer solchen Versammlung nicht die Einheit des Leibes Christi ist, und weil die Glieder derselben nicht als Glieder des Leibes Christi (obwohl sie solche sein mögen), sondern als Glieder einer besonderen Genossenschaft vereinigt sind. Alle Christen sind Glieder des Leibes Christi: ein Auge, eine Hand, ein Fuß usw. (1. Korinther 12,13–25.) Mitglied einer Kirche (im Gegensatz zu einer anderen) zu sein, ist ein Begriff, der in der Heiligen Schrift nirgendwo gefunden wird. Der Heilige Geist vergleicht die Kirche oder Versammlung auf der Erde mit einem Leib, von welchem Christus das Haupt ist (Epheser 1; Kolosser 1).

Jeder Christ ist ein Glied dieses Leibes, ein Glied Christi. Da nun die Feier des Abendmahls der Ausdruck dieser Einheit ist (wie wir dieses in 1. Korinther 10,17 finden), so wird, wenn eine Körperschaft von Christen das Recht beansprucht, am Tisch des Herrn nur ihre Glieder zuzulassen, eine Einheit geschaffen, welche mit der Einheit des Leibes Christi in unmittelbarem Widerspruch steht. Es ist möglich, dass es aus Unkenntnis geschieht, oder das jene Christen nie verstanden haben, was die Einheit des Leibes Christi ist, und dass Gott diese Einheit auf Erden offenbart sehen will; aber tatsächlich bilden sie eine Sekte und leugnen dadurch die Einheit des Leibes Christi. Denn es gibt viele, welche Glieder des Leibes Christi, aber nicht Glieder dieser Körperschaft sind; und daher ist das Abendmahl, mögen auch die Glieder in einer frommen Gesinnung daran teilnehmen, nicht der Ausdruck der Einheit des Leibes Christi ...“

Bruder Nagel sagt Hinblick hierauf: „Wir sind mit der Betonung der Einheit der gläubigen Gemeinde, wie sie in der Literatur der „Versammlung“ immer wiederholt wird, an sich völlig und freudig einverstanden. Wir sind einverstanden mit jedem Einspruch gegen jedes sektiererische Moment, gegen alle Sonderbündelei und Einspännerei innerhalb der gläubigen Gemeinde. Aber wir müssen in der heiligen Sache der Einheit der Gemeinde vor allem nach den Früchten und praktischen Ergebnissen fragen“ (Seite 54). Aber ist das nicht eine falsche Art zu beurteilen und zu schließen? Wenn eine Sache gut ist, kann sie durch die Früchte und praktischen Ergebnissen, die sich infolge der Untreue ihrer Vertreter zeigen, nicht schlecht werden. Mangelhaftigkeit in der Ausführung ändert nichts an der Richtigkeit eines Grundsatzes, des Menschen Untreue nichts an der Wahrheit Gottes. Nein, wenn Bruder Nagel völlig und freudig anerkennt, dass die „Brüder“ auf dem richtigen Weg sind, so sollte er nicht diesen angreifen, sondern denen, die darauf zu wandeln begehren, in ihrer Schwachheit zu Hilfe kommen, indem er mit ihnen den richtigen Weg geht und ihnen in Liebe zeigt, wo sie gefehlt haben und fehlen. Wenn er gegen alle Sonderbündelei innerhalb der gläubigen Gemeinde ist (hier denkt er doch an die Gemeinde in ihrer Gesamtheit), warum bleibt er dann in dem Sonderbund der freien evangelischen Gemeinde?

In seinem Namen

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf ein Missverständnis aufmerksam machen, das unnötig viel Erregung hervorgerufen hat. Bruder Nagel redet auch davon in dem „Protest gegen den Namen“ (S. 50). Wenn der Herr in der bekannten, viel besprochenen Stelle in Matthäus 18,20 von dem Zusammenkommen „in seinem Namen“ redet, so bedient er sich einer anderen Ausdrucksweise, als wenn wir in Johannes 14,13 und Johannes 16,23.24 von einem Bitten (oder in Epheser 5,20 von einem Danken) im Namen Jesu lesen, oder wenn wir in Kolosser 3,17 aufgefordert werden, alles im Namen des Herrn Jesu zu tun. Abgesehen davon, dass in der ersten Stelle das „mein“ (eis to emon onoma) ganz besonders hervorgehoben ist, steht auch eine ganz andere Präposition (eis statt en): also eigentlich nicht: in meinem Namen, sondern zu meinem Namen hin.

Das ist kein Zufall, sondern ein höchst bedeutsamer Unterschied, und wenn in den Schriften der „Brüder“ behauptet wird, dass man nicht in dem Sinne von Matthäus 18,20 zusammenkomme, wenn man irgend einen anderen Namen, ein Bekenntnis (oder was es nun sei) zur Grundlage des Versammelt seins mache, so hat das selbstverständlich nicht den geringsten Bezug zu jenen anderen Stellen. Es wäre ja eine unverzeihliche Torheit, nein, geradezu Vermessenheit, wenn man das rechte Bitten und Danken im Namen Jesu oder die Erfüllung von Kolosser 3,17 abhängig machen wollte von der Richtigkeit der äußeren Stellung eines Gläubigen in kirchlicher Beziehung. Wie viele Gläubige in früheren Zeiten (Bruder Nagel redet von Wesley und Zinzendorf, man könnte noch viele andere nennen) haben die ewigen Gedanken Gottes über „Christus und die Versammlung“ nicht oder doch nur teilweise gekannt, waren aber persönlich treue, tief gottesfürchtige Menschen, denen der Name Jesus über alles teuer war, die, soweit uns Berichte darüber vorliegen, in inniger Gemeinschaft mit Ihm wandelten und von denen manche von Gott als Werkzeuge seiner Gnade benutzt wurden, weit mehr als der erleuchtetste und äußerlich am richtigsten stehende Christ unserer Tage! Und auch heute ist ein mit der Wahrheit wenig bekannter, aber treuer Christ ohne alle Frage vor Gott viel wohlgefälliger und wird Johannes 14,13;16,23.24, Kolosser 3,17 ungleich mehr verwirklichen als ein Gläubiger, der mit viel Wissen und äußerlich richtiger Stellung einen Mangel an Ernst und gewissenhafter Treue verbindet. Die Liebe ist es, die erbaut; die Erkenntnis bläht auf (1. Korinther 8,1).

Ich kann deshalb nur meinem vollen Einverständnis Ausdruck geben, wenn Bruder Nagel schreibt:

„Auch die entschiedenste Berufung auf den Namen Jesu bewirkte an sich noch nicht die Offenbarung seiner Gegenwart, und nicht die kategorischste Erklärung: „Hier wirkt und leitet der Heilige Geist!“, bewirkt tatsächlich Geistesfülle in den Versammlungen. Und es sind die schriftgemäßesten Einrichtungen wertlos, und es sind auch Worte in Engelszungen ein Nichts, wenn der Geist und die Liebe fehlen“ (S. 50). Oder: „Es können die heiligsten Dinge vom fleischlichen Sinn missbraucht werden, und es können auch biblische und geistliche Namen, wenn sie zur bloßen Form herabsinken, Bahnbrecher des geistlichen Todes werden.“ (S. 54)

Unverständlich, oder mindestens sehr einseitig aber ist es, wenn er, auch auf Seite 54, sagt: „Das rechte Zusammenkommen der Gläubigen ist nicht eine Sache der äußeren kultischen Form oder der Formlosigkeit, sondern es ist eine Sache des Glaubens, es ist eine ganz und gar persönliche, ganz und gar innerliche, ganz und gar geistliche Sache.“

Die beiden ersten Anführungen sind, wie gesagt, wahr. Bei äußerlich ganz richtiger Stellung können Weltförmigkeit, geistlicher Hochmut und pharisäische Überhebung in den Herzen sitzen, und was nützen dann die schönsten Worte und Formen? Der Tod ist im Topf! Die „Brüder“ möchten auch wahrlich die letzten sein, um sich und ihre Treue zu rühmen oder „viel von den eigenen Vorzügen und den Mängeln anderer“ (S. 42) zu reden. Es heißt in der wiederholt angeführten Schrift, „Die Versammlung des lebendigen Gottes“, S. 10: „Sie (die Brüder) haben durch Untreue, durch Mangel an Demut und Wachsamkeit, durch Eigenwille und Lieblosigkeit viel Anlass zu berechtigtem Tadel gegeben. Gott hat sie infolge dieser ernsten Verfehlungen in den Staub geworfen. An manchen Orten sind gerade sie, die viel und mit Recht von der Einheit der Kinder Gottes gezeugt und dafür gelitten haben, geradezu zu einem Sprichwort geworden. Alles das ist leider nur zu wahr. Aber was beweist es? Dass das, was sie bekannt und darzustellen gesucht haben, falsch ist? Nein, sondern dass sie das anvertraute Gut nicht treu verwaltet haben. Sie haben von neuem gezeigt, was in der Geschichte des Menschen sich schon so oft wiederholt hat, dass alles, was Gott dem Menschen anvertraut, von diesen veruntreut und verdorben wird. Aber Gott sei gepriesen! Seine Treue wankt nicht, und seine Wahrheit verändert sich nicht. Mögen die von Ihm benutzten Gefäße und Werkzeuge auch wechseln – seine Gedanken und Ratschlüsse sind unveränderlich. Er kann einen Leuchter, einen Lichtträger hinwegtun und einen anderen an dessen Stelle setzen, aber das Licht bleibt dasselbe.“

In dieser frohen und dankbaren Gewissheit, dass Gottes Wahrheit unwandelbar ist und weder von dem Wechsel der Zeiten und Umstände noch von der Untreue ihrer Bekenner beeinflusst werden kann, überlasse ich dem Herrn getrost die Rechtfertigung der „Brüder“ in dem, was sie in Schwachheit festzuhalten begehren. Auch weiß ich, da bei einer nochmaligen Behandlung der betreffenden Teile der Wahrheit nur immer wieder mit anderen Worten dasselbe gesagt werden könnte, in dieser Beziehung nichts Besseres zu tun, als den freundlichen Leser, der sich über die in Rede stehenden Fragen näher unterrichten möchte, auf die unten verzeichneten, im gleichen Verlag erschienenen Schriften hinzuweisen.

[Fußnote 11: Die Kirche nach dem Gedanken Gottes und in ihren Verfall - Grundwahrheiten der Versammlung Gottes - Der gemeinschaftliche Gottesdienst nach dem Wort Gottes - Nehemia, oder: das Bauen der Mauer - Was ist eine Sekte? - Der feste Grund Gottes und sein Siegel - Christus der Mittelpunkt, oder: Warum haben wir uns allein in dem Namen Jesu zu versammeln? - Ein Wort über das Verhalten des Gläubigen im Haus Gottes - Eine Wort an alle, welche dem Herrn angehören - Ein Brief über die „Brüder, ihre Lehre etc.“ - Gaben und Ämter - Die Versammlung des lebendigen Gottes - Was lehrt die Heilige Schrift über das Zusammenkommen der Gläubigen? Ende der Fußnote]

Um jedoch Bruder Nagel in jeder Beziehung gerecht zu werden, muss ich noch auf einige von ihm angeregten Punkte eingehen. Zunächst aber halte ich es für recht, dem vielgeschmähten, als ehrgeizig, hochmütig, rechthaberisch usw. verschrieenen Bruder J. N. Darby das Wort zu geben. Wer diesen treuen Mann persönlich gekannt hat, weiß, welch kindliche Einfalt und aufrichtige Demut er mit einer brennenden Liebe zu seinem Herrn und Meister und zu allen Kindern Gottes verband. Wie er über sich selbst dachte, geht aus vielen seiner mündlichen und schriftlichen Äußerungen hervor. Ich kann es mir nicht versagen, an dieser Stelle auch davon wenigstens eine Probe zugeben. Vielleicht dient sie dazu, die Urteilenden ein wenig vorsichtiger zu machen und zugleich manchen Lesern die Augen darüber zu öffnen, bis zu welchem Punkte man in unseren Tagen in der Verherrlichung und Beräucherung des Menschen in Wort und Schrift auch unter den Gläubigen gekommen ist.

An einen Bruder, der eine seiner zahlreichen Schriften übersetzt und in dem beigegebenen Vorwort einige anerkennende Worte über sein geistliches Verständnis und seine Treue als Diener Gottes gesagt hatte, schreibt Darby:

„... Hochmut ist das größte unter all den Übeln, die beständig auf uns lauern. Von allen unseren Feinden ist er der zähste, der, welcher am langsamsten stirbt. Selbst die Kinder der Welt sind fähig, das zu unterscheiden. Frau von Staël sagte auf ihrem Sterbebett: „Wisst ihr, was dem Menschen am letzten stirbt? Es ist die Selbstliebe.“.Gott hasst den Hochmut vor allem anderen, weil er dem Menschen den Platz gibt, welcher Ihm gehört, Ihm, der allein erhaben ist über alles. Hochmut verhindert die Gemeinschaft mit Gott und zieht sein Gericht nach sich; denn Gott widersteht dem Hochmütigen. Er wird den Namen des Hochmütigen ausrotten, und es wird uns gesagt, dass Er einen Tag bestimmt hat, an welchem „der Hochmut des Menschen gebeugt und die Hoffart des Mannes erniedrigt werden wird“ (Jesaja 2,17). Sie werden daher sicher fühlen, lieber Freund, dass ein Mensch dem anderen keinen größeren Schaden zufügen kann, als wenn er ihn lobt und seinen Hochmut nährt. „Ein Mann, der seinem Nächsten schmeichelt, bereitet ein Netz aus vor seine Tritte“ (Sprüche 29,5), und „ein glatter Mund bereitet Sturz“ (Sprüche 26,28). Überdies sind wir auch viel zu kurzsichtig, um den Grad der Frömmigkeit unseres Bruders beurteilen zu können.

Wir sind nicht im Stande, richtig zu urteilen ohne die Waage des Heiligtums, und diese befindet sich in der Hand dessen, der die Herzen erforscht. „So urteilt nicht etwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, welcher auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Ratschläge der Herzen offenbaren wird; und dann wird einem jeden sein Lob werden von Gott“ (1. Korinther 4,5). Lassen Sie uns denn bis dahin nicht anders als mit gebührender Mäßigung über unsere Brüder urteilen, sei es in Bezug auf Gutes oder Böses, und denken wir daran, dass wir das sicherste und beste Urteil dann über uns selbst abgeben, wenn wir andere höher achten als uns selbst.

Wenn ich Sie fragen würde, wie sie dazu kommen, von mir zusagen, ich sei einer der in der christlichen Laufbahn am weitesten Vorgerückten und ein hervorragende Knecht Gottes, so würden sie sicher um die Antwort verlegen sein. Sie würden vielleicht meine veröffentlichten Werke anführt. Aber wissen Sie nicht, mein lieber Freund und Bruder, der Sie ebenso gut wie ich einen erbaulichen Vortrag halten können, dass das Auge weiter sieht, als die Füße gehen, und dass wir leider nicht immer (noch in allen Dingen) das sind, was unsere Vorträge ausdrücken, dass wir „diesen Schatz in irdenen Gefäßen haben, auf dass die Überschwänglichkeit der Kraft sei Gottes und nicht aus uns“ (2.Korinther 4,7)?

Ich will Ihnen nicht die Meinung mitteilen, die ich von mir selbst habe; denn ich würde dabei wahrscheinlich die ganze Zeit meine eigene Ehre suchen, und während ich meine Ehre suche, demütig erscheinen, was ich nicht bin. Ich möchte Ihnen lieber sagen, was unser Herr von mir denkt, Er, der das Herz erforscht und die Wahrheit spricht, welcher ist „der Amen, der treue Zeuge“, und der oft im Innersten meiner Seele zu mir geredet hat, wofür ich Ihm danke. Glauben Sie mir, Er hat mir nie gesagt, ich sei „ein hervorragender Christ, und vorgerückt in den Wegen der Gottseligkeit“. Im Gegenteil, Er sagt mir sehr deutlich, dass ich, wenn ich meinen Platz verstände, finden würde, dass es der des vornehmsten Sünders und des Geringsten aller Heiligen ist. Und, nicht wahr, mein lieber Freund? Sein Urteil sollte ich doch sicher eher annehmen, als das Ihrige.

Der hervorragendste Christ ist vielleicht einer, von dem man nie hat sprechen hören, irgend ein armer Arbeiter oder Knecht, dessen ein und alles Christus ist, und der alles für sein Auge und nur für sein Auge tut. Denn Er allein ist würdig, gepriesen, verehrt und angebetet zu werden. Seine Güte können wir nie genug erheben. Der Lobgesang der Erlösten (Off 5) preist niemand als Ihn, der sie mit seinem Blut erkauft hat. Er enthält auch nicht ein Wort des Lobes für einen einzigen aus ihrer Zahl, auch nicht ein Wort, dass sie als hervorragend oder nicht hervorragend bezeichnete.

Alle Unterschiede verschwinden in ihrem gemeinsamen Namen: „Erlöste“, der das Glück und die Herrlichkeit der ganzen großen Menge ausmacht. Trachten wir danach, unsere Herzen in Einklang zu bringen mit diesem Lobgesang, in welchen wir alle einst einzustimmen hoffen. Das wird unsere Glückseligkeit sein schon hier auf Erden, und es wird zu Gottes Verherrlichung beitragen. Welcher Eintrag geschieht durch das Lob, dass Christen nur zu oft einander zollen? Wir können nicht einen zweifachen Mund haben, einen zur Verherrlichung Gottes und einen anderen zur Verherrlichung des Menschen. Mögen wir uns denn das Tun der Seraphim droben zum Muster nehmen, welche mit zwei Flügeln ihre Angesichter verhüllen, als Zeichen einer gewissen Bestürzung in der heiligen Gegenwart des Herrn, mit zweien ihre Füße bedeckten, als wollten sie ihre Schritte vor sich selbst verbergen, und mit zweien fliegen, um den Willen des Herrn auszuführen; während sie beständig rufen: „Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen, die ganze Erde ist voll seiner Herrlichkeit!“ (vgl. Jes 6).

Verzeihen Sie diese wenigen Worte christlicher Ermahnung. Ich bin überzeugt, dass sie Ihnen früher oder später von Nutzen sein werden, indem Sie selbst die Erfahrung der Wahrheit derselben machen werden. Gedenken Sie meiner in Ihren Gebeten, wie auch ich bete, dass der Segen des Herrn auf Ihnen und Ihrer Arbeit ruhen möge. Wenn Sie je eine neue Auflage der fraglichen Schrift herausgeben sollten, was, wie ich hoffe, der Fall sein wird, so lassen Sie bitte die zwei Stellen aus, auf welche ich Sie aufmerksam gemacht habe, und nennen Sie mich einfach „einen Bruder und Diener im Herrn“. Das ist Ehre genug ...“

Ja wahrlich, das ist Ehre genug. Vor wie manchem „gottbegnadigten, „geistgesalbten“, „tiefgründigen“ etc. etc.. Prediger und Führer haben dieselben Leute, die gestern nicht genug empfehlende Worte für sie finden konnten, heute schon warnen müssen! Sollte uns das nicht vorsichtig machen? –

Doch hören wir weiter, was J. N. Darby sagt über:

Die Versammlung, der eine Leib und das Haus Gottes [Fußnote 12]

[Fußnote 12: Aus J. N. Darby: „Was der Christ hat inmitten des Verfalls der Kirche“. Siehe Collected Writings, Band XIV, S. 411 ff. Ende der Fußnote]

... Ich erkenne an, dass in den apostolischen Zeiten und als der Zustand schriftgemäß war, eine Organisation bestand, aber ich behaupte, dass das, was heute besteht, keineswegs schriftgemäße Organisation ist, sondern rein menschliche Erfindung, indem jede Partei sich nach ihrer eigenen Weise einrichtet, so dass die Versammlung (Gemeinde) als sichtbarer Körper in der Welt zertrümmert ist; und obwohl vieles von dem, was ihr gehört, genossen werden mag, glaube ich doch nach der Schrift, dass der Schaden unheilbar ist, und dass die bekennende Kirche abgeschnitten werden wird. Ich glaube, das es eine äußere bekennende Christenheit gibt, die einen höchst wichtigen und verantwortungsvollen Platz einnimmt, und dass sie wegen ihrer Untreue gerichtet und abgeschnitten werden wird.

Der wahre Leib Christi ist das nicht. Er besteht nur aus denjenigen, welche durch den Heiligen Geist mit Christus vereinigt sind, die, wenn die bekennende Kirche abgeschnitten wird, ihren Platz mit Ihm im Himmel haben werden. Die Versammlung, wie wir sie in der Schrift finden, war äußerlich ein vereinigter, organisierter Leib, d. h. die Christen bildeten einen bestimmten Kreis von Leuten, und waren als solcher auf Erden gekannt. Es gab nur eine Kirche, nur eine Versammlung, als Ganzes betrachtet - und an jedem Ort eine Versammlung mit ihren Ältesten (wo solche vorhanden waren), Gottes Versammlung an diesem Ort - nur eine in der ganzen Welt, sichtbar, äußerlich eins. Wenn Paulus seiner Zeit einen Brief an die Versammlung Gottes in X. geschrieben hätte, so wäre keine Frage gewesen, wer ihn empfangen haben würde. Würde er jetzt einen solchen senden, so wäre keine Körperschaft vorhanden, die ihn in Empfang nehmen könnte; er müsste an die Post zurück in die Abteilung für unbestellbare Briefe. Mitglied einer Gemeinde zu sein ist eine der Schrift unbekannte Sache; die Schrift spricht nur von Gliedern Christi als den Gliedern eines Leibes, der eine ist Hand, der andere Auge usw.

Nicht dass keine Organisation bestanden hätte. Sie war, wie gesagt, da; aber es gab nicht eine Anzahl willkürlich gebildeter Parteien wie heutzutage. Gottes Organisation ist in der Welt verloren gegangen und seit Jahrhunderten durch das Papsttum verdrängt. Viele sind den Gräueln desselben entflohen, jeder in seiner eigenen Richtung: zunächst in die Landeskirchen, welche durch die bürgerliche Gewalt gebildet wurden (eine bis zur Reformationszeit unbekannte Sache) und dann, wo das als schriftwidrig erkannt wurde, in unzählige, voneinander abweichende Sekten, von denen jede sich selbst auf ihre eigene Weise einrichtet und ihre eigenen Glieder hat. Dieser Art Organisation, die der schriftgemäßen völlig widerspricht, ist es, welche wir verwerfen, und wir maßen uns nicht an, die Kirche wiederherzustellen oder neu zu gründen; aber wir glauben, dass uns die Schrift eine vollständige Anleitung gibt für unser Verhalten in diesen letzten und schweren Tagen, in den Verhältnissen, in welche uns der allgemeine Verfall, der in dem Neuen Testament vorhergesagt ist, gebracht hat. In allen religiösen Benennungen sind Heilige zerstreut, die den Glauben der Auserwählten Gottes festhalten. Aber Christus hat sich selbst hingegeben, um die zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln. Warum sind sie nun zerstreut? Sie sollten eins sein, damit die Welt glaube. Jetzt sind sie wegen ihrer Spaltungen der Spott der Menschen. Die Gemeinde (Kirche), als verantwortlich auf der Erde, ist in Verfall. Ihre Organisationen, denn derselben sind viele, sind nicht von Gott. Paulus könnte heute nirgendwo die Ältesten der Versammlung rufen und zu ihnen sagen: „Habt Acht auf die Herde Gottes, in welcher euch der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hat“. Ich wollte mit Freuden dahin eilen, wo so etwas noch bestände, und mich ihm unterwerfen.

Als der Heilige Geist am Pfingsttag hernieder kam, bildete Er die Versammlung zu einem Leib. Das war, wie wir aus der Apostelgeschichte wissen, die verheißene Taufe des Heiligen Geistes. Und aus 1. Korinther 12 lernen wir, dass wir alle durch einen Geist zu einem Leib getauft worden sind. Dass nun dieser Leib ein sichtbarer, äußerlich offenbarter, vollkommen vereinigter Leib war, geht klar aus dem Kapitel hervor. Der eine konnte nicht zum anderen sagen: Ich bedarf deiner nicht. Wenn ein Glied litt, so litten alle; war eins geehrt, so freuten sich alle. Die verschiedenen Gaben waren verschiedene Glieder des Leibes, indem der Heilige Geist einem jeden insbesondere austeilte, wie Er wollte. Auch gab es Verschiedenheiten von Diensten, aber da war s Herr. Die Gaben waren der Versammlung (dem ganzen Leib) gegeben. ... Der Leib Christi war auf Erden offenbart. Und in ihm, als einem Ganzen, gab es Apostel, Propheten, Lehrer, Wunderkräfte, Gaben der Heilungen, Hilfsleistungen, Regierungen, Arten von Sprachen (1. Kor 12,28).

Das ist unbestreitbar. Was hernach auch daraus geworden sein mag, dies war Gottes Anordnung, der eine offenbarte Leib mit seinen verschiedenen Gaben oder Gliedern. Man sagt: Die Versammlung wird einmal als der Leib Christi im Himmel vollkommen sein. Gewiss, und ich danke Gott dafür; der Schluss von Epheser 1 zeigt, dass es so sein wird. Aber 1. Korinther 12 wird dadurch nicht entkräftet, wonach sie als ein gekannter, sichtbarer Leib auf Erden aufgerichtet war. Andererseits sagt man: Diese Aufrichtung war nicht von Dauer; es war nur der augenblickliche Ausdruck einer vorübergehenden Machtentfaltung. Obwohl diese letzte Behauptung hinsichtlich der äußeren Einheit kaum zutrifft für die Zeit vor der Mitte des 3. Jahrhunderts, verneine ich sie doch dem Wesen nach nicht. Der Apostel sagt, dass das Geheimnis der Gesetzlosigkeit schon wirksam war (2. Thes 2); dass alle das Ihrige suchten, nicht das, was Christi Jesu ist (Phil 2); und er sagt uns in Apostelgeschichte 20, dass nach seinem Abschied verderbliche Wölfe hereinkommen würden, die der Herde nicht schonen würden; ja, aus der Mitte der Gläubigen selbst würden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden würden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her. Aber wenn auch das Böse wirkte, so wurde ihm doch, solange die apostolische Kraft vorhanden war, begegnet und entgegen gesteuert. Aber Paulus sagt uns in prophetischer Weise voraus, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten da sein werden; die Form der Gottseligkeit würde sich noch zeigen, aber deren Kraft verleugnet werden. Von solchen Leuten sollte man sich abwenden.

1. Korinther 12 beschreibt aber genau die ursprüngliche Verfassung der Versammlung als des Leibes Christi auf Erden, Gottes Verfassung. Ist sie verschwunden, so ist damit die von Gott verordnete Verfassung des Leibes Christi auf Erden verschwunden, und zwar durch die Sünde des Menschen. Der Wolf ist gekommen und hat die Schafe zerstreut, weil die Hirten Mietlinge waren. Kein Heiliger fürchte sich aber deswegen; denn niemand kann die Schafe aus des großen Hirten Hand reißen. Als Herde betrachtet, sind sie jedoch zerstreut worden. …

Der Gläubige braucht sich nicht zu verwundern, dass der Verfall so bald begonnen hat. Es ist immer so gewesen. Alles was von Gott errichtet worden ist, hat, soweit es der Verantwortlichkeit des Menschen anvertraut war, mit einem völligen Fehlschlag geendet; der Mensch hat darin gefehlt und alsbald gefehlt. Die Kirche (Versammlung) als der Leib Christi auf Erden bildet keine Ausnahme, und wenn zur Zeit des Johannes schon viele Antichristen waren, so dass man wusste, es war die letzte Zeit, und wenn Petrus erklärte, die Zeit sei gekommen, dass das Gericht am Hause Gottes anfange, und Paulus, dass böse Menschen und Gaukler im Bösen fortschreiten würden, so war das nichts Neues; es war der traurige Gang des Menschen in allem, was Gott ihm anvertraut hatte ... Keine der sogenannten Kirchen kann sich anmaßen, jetzt der Leib Christi zu sein; aber die eine allgemeine Versammlung, wie sie in der Schrift beschrieben ist, war damals dieser Leib. Sie wurde als der Leib Christi aufgerichtet, ein Leib auf Erden: kein solcher Leib oder solche Einheit kann jetzt gefunden werden. Alles liegt in Trümmern.

*****

Aber die Versammlung (Gemeinde), welche so durch den vom Himmel herabgekommenen Heiligen Geist gebildet wurde, hatte in der Schrift noch einen anderen Charakter: den des Hauses oder Tempels Gottes. Und hier bitte ich meinen Leser, von vornherein zu beachten, dass die Darstellungsweise eine zweifache ist. In dem einen Fall handelt es sich um etwas unfehlbar Sicheres: Das Haus ist Christi eigenes, noch nicht vollendetes Werk. In dem anderen kommt die Verantwortlichkeit des Menschen in Betracht: Es ist eine gegenwärtig auf Erden sich vollziehende Sache.

Hören wir daher, was das Wort Gottes über den Gegenstand lehrt: In Matthäus 16,18 sagt der Herr zu Simon: „Du bist Petrus (ein Stein), und auf diesen Felsen will ich meine Versammlung bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen.“ Hier haben wir Christus als den, welcher baut, und keine Macht Satans wird Ihn hindern, den Bau zur Vollendung zubringen. Von diesem Bau ist Christus der Baumeister, und hinsichtlich der Arbeit wird nie von einem menschlichen Werkzeug gesprochen. Petrus sagt uns vielmehr: „Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Steine, seid (oder werdet) auch ihr, als lebendige Steine, aufgebaut.“

Menschen können am Wort dienen, aber das Werk ist Christi Werk; der Mensch verschwindet völlig: man kommt zu Ihm ... man wird gebaut. Die Bauarbeit ist nicht die des Menschen, und das Gebäude ist bis jetzt nicht vollendet. Lebendige Steine können täglich hinzugetan werden, bis der Schlussstein eingefügt ist. Es ist in gewissem Sinn ein unsichtbares, persönliche Werk, das die Hervorbringung eines Tempels zum Endzweck hat. Ähnlich sagt Paulus: „In welchem der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn“. Er wächst durch die Gnade; er ist nicht vollendet. Die Apostel und Propheten des Neuen Testaments bildeten die Grundlage, Jesus Christus ist der Eckstein. Die Apostel selbst sind also Steine, nicht Arbeiter.

In 1. Korinther 3 begegnen wir einer anderen Darstellung des Hauses. Dort sagt der Apostel: „Ich habe als ein weiser Baumeister den Grund gelegt, ein anderer aber baut darauf; ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut“. Hier ist der Mensch Baumeister, und sofort wird des Menschen Verantwortlichkeit eingeführt. Wir haben hier ein sichtbares, äußeres Gebäude vor uns: „Gottes Bau seid ihr“. Aber obwohl es Gottes Bau ist, ist es doch der Mensch, der baut; er kann mit Gold, Silber und kostbaren Steinen bauen (wenn er es tut, gut), aber er kann auch mit Holz, Heu und Stroh bauen, und dann taugt sein Werk nichts, es verbrennt und wird gänzlich zerstört ... Hier ist also nicht alles vollkommen und wächst, wohl zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel, indem Christus selbst der Baumeister ist; sondern Menschen bauen, und zwar ein Gebäude, das jetzt auf Erden gesehen und Gottes Bau genannt wird, aber der Gefahr ausgesetzt ist, dass allerlei Material zu seinem Aufbau verwendet, ja, dass es sogar durch Böswillige verderbt werden kann. Ist nichts Derartiges geschehen?

Ich zweifle nicht daran, dass Christus am Ende seinen heiligen Tempel haben wird; was Er baut, wird niemals niedergerissen werden, sondern zu einem heiligen Tempel wachsen … In diesem Tempel bin ich aus Gnaden ein Stein. Ich habe das Vertrauen, dass die, welche uns kritisieren, es auch sind. Aber das, womit wir in verantwortlicher Weise zu tun haben, womit wir uns augenblicklich beschäftigen, ist das, was der Mensch errichtet hat, was die Menschen seit Paulus, dem weisen Baumeister, gebaut oder verderbt haben – das, was ihr baut, die ihr euch Presbyterianer, Freigemeindler, Methodisten oder Baptisten usw. nennt.

Ist euer Gebäude so, dass ein sich verantwortlich wissender Mensch hier auf der Erde es anerkennen kann? Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass in jedem derselben lebendige Steine sind, die Christus in seinem Tempel haben wird, und denen Er jetzt schon einen Platz darin gegeben hat – geliebte Brüder, die ich von Herzen und mit Freuden als solche anerkenne, Glieder jener Versammlung (Gemeinde), welche Christus geliebt und für die Er sich selbst hingegeben hat, und die Er sich selbst verherrlicht darstellen wird. Ich bin sicher, dass es so ist, und freue mich von ganzem Herzen darüber. Aber ich unterscheide durchaus zwischen all diesen verschiedenen Parteien und dem, was Christus baut, um es am Ende sich selbst darzustellen ...

Und hier tritt noch ein anderer Teil der Schrift in den Kreis unserer Betrachtung. Wenn das Verderben hereinbricht (und das war, wie wir gesehen haben, schon in den Tagen der Apostel der Fall) und der Zustand der Versammlung beurteilt werden muss, wenn jeder, der ein Ohr hat zu hören, hören soll, was der Geist ihm sagt – gibt die Schrift für eine solche Zeit keine Anweisung? Allerdings! Der 2. Brief an Timotheus handelt von dieser Zeit der Verwirrung und des Bösen, wie der erste von der Ordnung der sichtbaren Versammlung. In 2. Timotheus 2 lesen wir: „Der feste Grund Gottes steht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt, die sein sind.“ Dies setzt (jedenfalls in einem großen Maße) voraus, dass die wahre Versammlung, die Glieder Christi, nicht mehr sichtbar sind. Es hätte sonst keinen Sinn zu sagen: Der Herr kennt sie.

Es war ursprünglich nicht so. Im Anfang „tat der Herr zu der Versammlung hinzu, die gerettet werden sollten“. Sie waren vor aller Welt offenbar als solche, die der christlichen Kirche, der Versammlung (Gemeinde) in Jerusalem hinzugetan waren. Hier lesen wir: „Der Herr kennt, die sein sind.“ Wir müssen demnach die Unsichtbarkeit von jedenfalls vielen Gliedern Christi zugeben. Der Herr kennt sie. Aber ist das alles? Nein, wir haben es auch mit dem sichtbaren Bekenntnis zu tun, und der Geist Gottes fährt fort: „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit.“ Ich soll von allem abstehen, was Ungerechtigkeit heißt, aber ganz gewiss im Haus Gottes. Das ist die zweite, die Verantwortlichkeits-Seite des Siegels. Mit der Tatsache, dass der Herr die Seinen kennt, habe ich mich nicht weiter zu beschäftigen, als dass ich mich ihr unterwerfe. Der zweite Teil aber gibt mir Anleitung, welchen Weg ich einzuschlagen habe unter denen, die den Namen des Herrn nennen; ich soll von jeder Ungerechtigkeit abstehen.

Doch es gibt noch weitere Unterweisungen hinsichtlich dieser „kirchlichen“ Fragen, wenn ich sie so nennen darf. In einem großen Haus muss ich erwarten, Gefäße zur Unehre zu treffen, und von diesen soll ich mich reinigen, damit ich ein Gefäß zur Ehre sei, nützlich dem Hausherrn. Ich soll in dem großen Haus zwischen dem einen und anderen Gefäß unterscheiden und nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Frieden streben mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen. Das heißt, wenn die Gemeinde einem großen Hause gleich geworden ist, habe ich, was das Meiden des Bösen betrifft, persönlich zu handeln und die aufzusuchen, die reinen Herzens sind, um mit ihnen zu wandeln. Und im 3. Kapitel, wo von solchen, welche die Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen, die Rede ist, wird mir gesagt: „Von diesen wende dich weg“.

Umsonst sagt man mir, ich dürfe nicht richten. Im Worte Gottes werde ich immer wieder aufgefordert, „zu hören, was der Geist den Versammlungen sagt“; ich bin verpflichtet, von der Ungerechtigkeit abzustehen, verpflichtet, mich von den Gefäßen zur Unehre zu reinigen, verpflichtet, mich wegzuwenden von denen, die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen. Ich gebe zu, dass das Richten über persönliche Beweggründe zu verurteilen ist; aber im Blick auf meinen eigenen Wandel muss ich doch das Böse richten, wie kann ich mich sonst davon fern halten?...

Aber was tut man statt dessen? Die Landeskirchen nehmen die Menschen auf ihr eigenes Bekenntnis hin auf. Man wird ein Kind Gottes oder gar ein Glied Christi durch eine äußere Handlung, die Taufe. Und die sich von ihnen losgesagt haben? Sie bilden Kirchen oder Gemeinden durch freiwillige Verbindungen, und alle, die sich ihnen anschließen, sind Glieder dieser Gemeinden: eine Sache, die der Schrift ganz und gar fremd ist. Alle Christen sind Glieder Christi; eine andere Gliedschaft kann es gar nicht geben. Wir alle, die wir den Geist Christi haben, sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinen Gebeinen … Das Mahl des Herrn ist (neben anderen köstlichen Wahrheiten) der Ausdruck der Einheit des Leibes Christi. Von diesem Leib ist jeder Heilige ein Glied. Das ist der Boden, auf welchem die „Brüder“ sich versammeln, und jeder Heilige hat Teil daran, vorausgesetzt dass er nicht mit Recht unter Zucht stehe.

Die Landeskirchen machen (wenn sie können) die ganze Bevölkerung zu Gliedern Christi durch die Kindertaufe. Die sich von ihnen losgesagt haben, machen Gemeindeglieder durch freiwillige Vereinigung unter verschiedenen besonderen Bedingungen. Die „Brüder“ erkennen nur den einen, durch den Heiligen Geist gebildeten Leib Christi an und versammeln sich auf diesem Boden zum Brechen des Brotes, indem sie keine andere Gliedschaft anerkennen als diejenige Christi. Sie glauben, dass es in allen religiösen Benennungen viele gibt, welche die Lehre Christi festhalten, sich aber entweder in den Landeskirchen durch eine sakramentale Handlung mit aller Welt vereinigen, oder, von jenen sich absondernd, zusammenkommen als freiwillige Glieder besonderer Gemeinden, die sie selbst gebildet haben. Beides ist aber in der Schrift nicht zu finden.

Die „Brüder“ verwechseln nicht die äußere bekennende Kirche mit dem, was Christus sich einst verherrlicht darstellen wird. Sie finden aber in der Schrift einen anerkannten Leib auf Erden. Sie sehen, dass alles im Verfall ist, dass sie nach den Grundsätzen der bestehenden bekennenden Körperschaften entweder in einer Landeskirche, die in allen ihren Grundsätzen falsch ist, bleiben müssen, oder gezwungen sind, sich einer Sekte anzuschließen, und einer anderen dann nicht angehören dürfen; mit anderen Worten, dass sie Glied dieser Partei werden müssen, was nicht nach der Schrift ist. Sie erkennen, dass der Zustand der Dinge ein Zustand des Verfalls ist, dass aber Gott in seinem Wort Vorsorge dafür getroffen hat, und dass sie auf dem Boden der Einheit des Leibes Christi sich vereinigen können, wenn auch nur zu zweien oder dreien, wobei sie Christus nach seiner Verheißung in ihrer Mitte finden. Sie freuen sich über jedes Kind Gottes, das Gott gemäß wandelt und den Namen des Herrn aus reinem Herzen anruft. Sie können keine Einheit erzwingen, aber sie können aufgrund derselben handeln Gott allein, das wissen sie sehr wohl, kann, in dem Er die Christen von der Welt los und Christus ihnen kostbar und zu ihrem Ein und Alles macht, die Sache zustande bringen ...

So interessant und belehrend die weiteren Ausführungen Darbys sind, möchte ich doch hier abbrechen und im Anschluss an die soeben entwickelten Gedanken noch ein Wort sagen über


Das große Haus

Bruder Nagel schreibt bezüglich der bekannten und wiederholt herangezogenen Auslegung von 2. Timotheus 2,19–22:

„Wir müssen sie als durchaus irrig bezeichnen. Die „Versammlung“ schließt sich mit der gekennzeichneten Auslegung Auffassungen an, wie sie sich je und je bei Vertretern des offiziellen Kirchentums einschließlich der Papstkirche fanden. Diese haben das Gleichnis geradeso als Waffe für den Bestand ihrer Kirche benutzt, wie es die „Versammlung“ für ihren Bestand tut. Sie haben das Gleichnis als Beweis dafür benutzt, dass in der Kirche als dem großen Haus „so völlig Entgegengesetztes“ wie die verschiedenen Gefäße „nach dem Willen Gottes beisammen wohnen“ solle, dass auch Gefäße der Unehre nach dem Willen Gottes der Kirche angehören sollen [Fußnote 13], und dass Gott nicht wolle, dass diese Gefäße ausgeschieden würden. Es handelt sich hier um dieselbe missbräuchliche Verwendung eines Schriftwortes wie bei dem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen.“ (S.29)

[Fußnote 13: Dass dies nicht „nach dem Willen Gottes so sein sollte“, sondern nur infolge der Untreue des Menschen so ist, scheint der Schreiber ganz zu übersehen. Ende der Fußnote]

Untersuchen wir kurz, ob Bruder Nagel recht hat. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass die beiden Gleichnisse ihrem ganzen Zweck und Inhalt nach nichts miteinander gemein haben. Ein Acker und ein Haus sind zwei sehr verschiedene Dinge. Mit dem Bild eines „Hauses“ verbindet sich der Begriff von etwas Abgeschlossenem, Festumgrenztem, was bei dem eines „Ackers“ gar nicht der Fall ist. Wir lesen deshalb auch von einem festen Grund und von Gefäßen, die zu dem Haus gehören. Der Grund wird ferner der Grund Gottes genannt. Es ist dasselbe Wort wie in 1. Korinther 3,10–12: „Ich habe als ein weiser Baumeister den Grund gelegt ... einen anderen Grund kann niemand legen ...“ Weiter gibt es einen Herrn oder Gebieter über das Haus, dem die Gefäße zur Verfügung stehen sollen.

Alle diese Momente fehlen in dem Gleichnis vom „Acker“ gänzlich. Dort erklärt der Herr selbst, der Acker sei die „Welt“, die ganze, weite Welt, wo irgend Menschen wohnen: Und Gegenstand seiner Belehrung ist die Aussaat des guten Samens durch den Sohn des Menschen und die danach einsetzende böse Tätigkeit des Feindes, während „die Menschen schlafen“. In den beiden Briefen an Timotheus dagegen redet der Apostel immer wieder von dem Haus, und Gegenstand der Belehrung ist das geziemende Verhalten des Gläubigen in diesem Haus.

Bruder Nagel hat recht, wenn er auf S. 32 sagt: „Es handelt sich bei dem von dem Apostel hier gebrauchten Ausdruck von einem großen Haus um ein Bild, wie solche zahlreich in den Briefen von Paulus verwendet sind“. Aber über die Frage: ein Bild wovon?, bleibt er uns die Antwort schuldig. Zu sagen: „Es handelt sich um ein Bild, das die Mahnung zur Absonderung von aller Ungerechtigkeit und Unreinheit besonders eindrücklich machen soll“, ist keine Erklärung des Bildes. Wenn der Geist Gottes uns Anschauungsunterricht erteilt, so benutzt Er bedeutsame, treffende Bilder, die der Seele eine klare Vorstellung von dem jeweiligen Gegenstand zu geben vermögen.

Die größte Mehrzahl der Ausleger hat denn auch von jeher die Stelle in dem Sinne verstanden, dass „unter dem Gebäude nur die Gemeinde Christi gemeint sein könne“. Bruder Nagel bezeichnet diese Auffassung als „durchaus irrig“ und sagt auf S. 30: „Es ist eine völlig unhaltbare Annahme, dass das Wort Gottes den Begriff der Gemeinde, wenn diese in ihrer Verantwortlichkeit auf der Erde betrachtet werde, nicht nur auf alle wahren Gläubigen, sondern auf die ganze Christenheit ausdehne ... Nie und nirgends findet sich dieses Wort in einer Ausdehnung auf eine Namenchristenheit, nie und nirgends hat es eine Beziehung auf solche, die dem Geistesverband des Leibes Christi nicht wirklich angehören. Es werden für die Gemeinde Gottes andere bedeutsame Worte gebraucht, so z. B. Tempel, Leib, auch Haus. Aber alle diese Bezeichnungen zeigen mit völliger Klarheit die ausschließliche Beschränkung auf die wahrhaft Gläubigen.“

Ist das wirklich so? Werfen wir zunächst einen Blick auf die Gemeinde Israel im Alten Bund. Israel war und blieb Gottes Volk und Gemeinde trotz all seiner Untreue und Vermengung mit Heidentum und Götzendienst. Der Tempel blieb Gottes Haus und Heiligtum, selbst wenn er voll Götzendienst war und die Herrlichkeit des HERRN ihn verlassen musste (Hes 8.9; vgl. auch Joh 2,16.17). Sogar noch in Röm.3,1 fragt der Apostel: „Was ist nun der Vorteil des Juden?“, und antwortet: „Viel, in jeder Hinsicht“.

Man wird einwenden: Zwischen Israel und der christlichen Gemeinde besteht doch ein großer Unterschied. Ohne Frage! Die Stellung und Berufung dieser beiden von Gott errichteten Zeugnisse ist so verschieden wie möglich, aber in den Wegen Gottes mit ihnen gibt es viel Ähnliches, zahlreiche Berührungspunkte. Wo finden sich heute die Segnungen des Christentums und die Wirkungen des Heiligen Geistes? Nur bei den Häuflein der von den großen Landeskirchen abgesonderten Gläubigen? Ganz gewiss vornehmlich dort, aber keineswegs ausschließlich. Beide: Segnungen und Wirkungen, samt der damit verbundenen Verantwortlichkeit, finden sich in der bekennenden Christenheit. Im Heidentum oder unter Juden und Mohammedanern sind sie nicht. In der ganzen großen Namenchristenheit ist der Platz, wo die christliche Wahrheit mit ihren Segnungen gefunden wird. Der Zustand der bekennenden Kirche mag in ihrer Gesamtheit überaus traurig sein, aber sie bleibt das „Haus“, bis das Gericht, das schon zur Zeit des Apostels Petrus „beim Haus Gottes begann“, es vom Erdboden hinwegfegt – bis Gott die in den Ölbaum der Verheißung „wider die Natur eingepfropften Zweige“ wieder ausschneidet (Röm 11)

Bruder Nagel sagt zwar auf S. 31:

„Es ist eine durch gar nichts zu begründende Auffassung, wenn man, wie es auch in der Literatur der „Versammlung“ geschieht, als die in den edlen Ölbaum Israel eingepfropften Zweige die Völker- und Namenchristenheit versteht. Niemals konnte von der Namenchristenheit als solcher gesagt werden, was der Apostel von der heidenchristlichen Gemeinde sagt: „Du aber stehst durch den Glauben“.“

Vorab sei hierzu bemerkt, dass Israel die „natürlichen Zweige“ des Ölbaums genannt wird, nicht aber der „edle Ölbaum“ selbst ist, und ferner, dass es niemals eine „heidenchristliche Gemeinde“ gegeben hat. Was die „Gemeinde“ kennzeichnet, ist ja gerade das Aufhören jedes Unterschiedes zwischen Jude und Heide. Dann aber redet der Apostel in Römer 11 überhaupt nicht von der Gemeinde als solcher, sondern von der Einführung des Heiden auf den Boden oder an den Platz der Segnung, den der Jude durch seine Untreue für eine Zeit verloren hat. „Durch ihren (Israels) Fall ist den Nationen (Heiden) das Heil geworden, um sie (Israel) zur Eifersucht zu reizen“ (V. 11). Der Heide, der ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt war, ist aus seinem eigenen, von Natur wilden Ölbaum ausgeschnitten und in den Ölbaum der Verheißung, an Stelle der natürlichen Zweige (Israel), die um ihres Unglaubens willen ausgebrochen worden sind, eingepfropft worden. Die Güte Gottes hat den Heiden an diese Stelle gebracht; wird er „an der Güte bleiben“ – gut; wenn nicht, wird auch er „ausgeschnitten werden“ (V. 22).

Was ist nun im Laufe der Zeit geschehen? Die kleinen Anfänge haben sich entwickelt, haben sich ausgewachsen, und heute nimmt eine schier unzählige Menge von Menschen äußerlich den Platz der Segnung ein, steht auf dem Boden des neuen Zeugnisses, das Gott an Stelle Israels auf der Erde errichtet hat. Nur ein kleiner Bruchteil davon „steht durch den Glauben“. Die meisten sind nicht wahrhaft bekehrt, sind nach Johannes 15 Reben, die keine Frucht bringen. Sie werden ausgeschnitten, und an ihrer Stelle werden die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden. Nach ihrem Bekenntnis wird Gott sie richten, wie geschrieben steht: „Aus deinem Mund werde ich dich richten“ (Lk 19,22).

Das ist der Weg, auf dem die bekennende Christenheit entstanden ist, das „große Haus“, in welchem es Gefäße zur Ehre und solche zu Unehre gibt, und wo den Treuen nichts anderes übrigbleibt, als ein Abstehen von aller Ungerechtigkeit.

Ich verweise im Blick auf die uns beschäftigende Frage noch auf 1. Korinther 3. Dass es „eine wahre Behausung Gottes im Geist gibt, die aus lebendigen Steinen besteht“ (S. 30), ist gewiss. Das ist die Belehrung von Epheser 2 und 1. Petrus 2. Aber das Wort spricht in 1. Korinther 3 noch in einem anderen Sinn von dem „Haus“. Doch die ganze, so wichtige Belehrung dieses Kapitels über den Bau Gottes und die menschlichen Baumeister, über das Bauen mit Holz, Heu und Stroh und über die Möglichkeit, den Tempel Gottes zu verderben, übergeht Bruder Nagel mit Stillschweigen.

Ich erinnere auch noch an die „große Hure“ und ihr Gericht in Offenbarung 13. (Man vergleiche damit den Bericht über das Weib des Lammes in Kapitel 21,9 ff.) Bezeichnet der Ausdruck „Hure“ nicht klar den Boden, auf welchem das Gericht die abtrünnige Kirche treffen wird? Sie steht (geradeso wie einst Israel) an dem Platz und unter der Verantwortlichkeit eines untreuen Weibes.

Die Gleichnisse von dem „Senfkorn“ und von dem „Sauerteig“ reden ebenfalls eine verständliche Sprache. Es sind freilich Gleichnisse vom „Reiche der Himmel“, aber sie zeigen uns doch deutlich, was aus dem neu errichteten göttlichen Zeugnis werden würde: ein großer Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels sich niederlassen, und eine Teigmasse, die von dem Sauerteig des Bösen ganz durchsäuert wird.

Wenn Bruder Nagel behauptet, das Wort „Gemeinde“ habe „nie und nirgends eine Beziehung auf solche, die dem Geistesverband des Leibes Christi nicht wirklich angehören“, so drängt sich von selbst die Frage auf: Wie ist diese Behauptung mit dem Sendschreiben an die sieben Gemeinden in Offenbarung 2 und 3 zu vereinigen? Es darf als unbestritten gelten, dass diese zunächst an sieben örtliche, zu jener Zeit bestehende Versammlungen oder Gemeinden gerichtet waren; sie werden auch alle von dem Herrn als Gemeinden anerkannt. Trotzdem aber werden in allen nur dem „Überwinder“ Verheißungen gegeben, und im dritten Sendschreiben hören wir bereits von solchen, die die Lehre Bilaams und die der Nikolaiten festhielten; im vierten spricht der Herr von „den Übrigen, die in Thyatira sind, so viele diese Lehre nicht haben“, in Sardes von „einigen wenigen Namen, die ihre Kleider nicht besudelt haben“, während das Ganze den Namen hat, dass es lebe, aber tot ist.

In Laodizea endlich besitzt die Gemeinde weder das Gold der göttlichen Gerechtigkeit, noch die Kleider des Heils, um die Schande ihrer Blöße zu bedecken, und der Herr steht im Begriff, sie aus seinem Munde auszuspeien. – Bruder Nagel wird mit uns nicht glauben, dass alle diese geistlich Toten, Nackten, Elenden, Jämmerlichen usw. Glieder am Leibe Christi gewesen sind. Und doch werden sie alle als zur Gemeinde gehörend betrachtet. Man darf eben nicht vergessen, dass „Leib“ und „Gemeinde“ zwei verschiedene Begriffe sind, die sich decken und auch nicht decken können. Im Leib kann es nie ein unechtes Glied geben. Hier ist der Ausdruck „ausschließliche Beschränkung auf die wahrhaft Gläubigen“ durchaus am Platz. Aber die Bezeichnungen „Versammlung“ (Gemeinde) und „Haus“ sind keineswegs immer gleichbedeutend mit „Leib“. In die Versammlung können „falsche Brüder nebeneingeführt werden“ (Gal 2,4), können solche, „die nur eine Form der Gottseligkeit haben“ (2. Tim 3,5) Eingang finden, ja, selbst „gottlose Menschen“ können „sich neben einschleichen, welche die Gnade Gottes in Ausschweifung verkehren“ (Jud 4) usw.

Demselben Grundsatz entsprechend werden alle, die sich in irgendeinem Dienstverhältnis dem Herrn gegenüber befinden, „Knechte“ genannt. Es gibt gute und böse „Knechte“, geradeso, wie es kluge und törichte „Jungfrauen“ gibt, die alle dem Bräutigam entgegengehen.

Schließlich möchte ich noch auf das 10. Kapitel des 1. Korintherbriefes aufmerksam machen. Sein Inhalt beweist deutlich, wie besorgt der Apostel war, dass schon damals unter den Korinthern (wie einst unter Israel) solche sein möchten, deren Glaube nicht echt war (vgl. auch 2. Kor 12,20.21). Dennoch verzichtet er in beiden Briefen nicht darauf, die Versammlung „die Versammlung Gottes in Korinth“ zu nennen.

Die Parteiströmungen in der Versammlung zu Korinth

Es ist schon angedeutet worden, dass man die heute bestehenden Gemeinschaften auf religiösem Gebiet [Fußnote 14] in ihren Anfängen nicht den aus fleischlichen Beweggründen entstandenen Parteiungen in Korinth gleichstellen darf, denn diese wandten sich von der Lehre der Apostel ab, befanden sich also von vornherein auf einer Bahn, die unfehlbar zum völligen Verfall führen musste, wohingegen der Ursprung jener eine durchaus entgegengesetzte Richtung hatte. Gott hat seinen Kindern in seiner Treue und Gnade in vergangenen Tagen manch wunderbares und gewaltiges Aufleben aus der Finsternis des sie umgebenden Bösen geschenkt.

[Fußnote 14: Ich denke jetzt selbstverständlich nicht an solche, die der Irrlehre oder gar „Lehren der Dämonen“ dienen. Ende der Fußnote]

Viele Gläubige sind ausgegangen, und oft unter Einsetzung von Gut und Blut, aus unreinen, gottwidrigen Verbindungen, aber – sie haben neue Verbindungen, gewiss auf besserer Grundlage als vorher, aber doch neue Verbindungen geschlossen, anstatt sich trauernd unter den hoffnungslosen Verfall der Kirche in ihrer Gesamtheit zu beugen und sich als ein kleiner, schwacher Überrest zurückführen zu lassen zu der Einfachheit und den Segnungen der Stellung der Versammlung im Anfang. Nichtsdestoweniger hat der Herr die Treue und Hingebung dieser Glaubensmänner anerkannt und ihren Dienst der Liebe reich gesegnet. Er selbst wird dereinst seine Freude daran finden, all die kostbaren Goldkörner des im Feuer der Trübsal erprobten Glaubens ans Licht zu ziehen, und wir werden sie mit tiefer, neidloser Freude betrachten und die Gnade preisen, die unsere Brüder befähigte, in ihrem Maße „um der Auserwählten willen alles zu erdulden“.

Was nun die vier Parteiströmungen in Korinth betrifft, so kann es nicht zweifelhaft sein, dass sie noch nicht zu offenbaren Trennungen geführt hatten, in der Weise, dass sich „bestimmte Gruppen um bestimmte Führer in scharfer Absonderung von anderen Gruppen gesammelt hätten“ (S. 34), und dass die Anhänger der verschiedenen Richtungen getrennt voneinander zusammengekommen wären. Denn die Spaltungen machten sich fühlbar bei ihren gemeinsamen Zusammenkünften. Der Apostel sagte in Kapitel 11,18: „Wenn ihr als Versammlung zusammenkommt, höre ich, es seien Spaltungen unter euch, und zum Teil glaube ich es“. Daraus geht unzweideutig hervor, dass sie sich noch als „die Versammlung Gottes in Korinth“ gemeinschaftlich versammelten.

Wenn es nicht so gewesen wäre, hätte sich der Apostel sicher nicht der etwas fragenden Ausdrucksweise bedient: „Ich höre, es seien Spaltungen unter euch, und zum Teil glaube ich es“. Außerdem hätte dann von einem Zusammenkommen „als Versammlung“ keine Rede sein können. Auch zeigt uns der 20. Vers in demselben Kapitel, dass sie an einem Ort zum Abendmahl zusammenkamen. Sie waren also äußerlich keineswegs getrennt. Sie kamen „als Versammlung“ zusammen und brachen gemeinschaftlich das Brot. Nichtsdestoweniger war der Sauerteig in ihrer Mitte wirksam. Parteiische, sektiererische Gefühle und Meinungen waren da und offenbarten sich in „Neid und Streit“ (1. Kor 3,3).

Und diese Gefühle gab es nicht nur in den drei erstgenannten Richtungen, sondern genauso in der vierten, der „Christischen“. Diese war ebenso scharf zu verurteilen wie die anderen, denn sie machte Christus zu ihrem Parteihaupt, im Unterschied von den anderen Parteien. Das ist um kein Haar besser, als wenn man Paulus oder Apollos zum Parteihaupt macht und sich nach ihm nennt. Wenn es wahr wäre, was Bruder Nagel sagt, „dass die „Versammlung“ im Prinzip den Weg dieser Christischen geht“, oder dass sie „prinzipiell genau dasselbe tut, was die Christuspartei in Korinth tat“, so würde der Schreiber dieser Zeilen der erste sein, der sich von den „Brüdern“ lossagte. Nein, diese nennen sich nicht zum Unterschiede von anderen die „Christischen“, erheben nicht Christus zu einem Parteihaupt, sondern fragen vielmehr mit Paulus: „Ist der Christus zerteilt? “ Ist Er nicht unser aller Herr, unser aller Haupt? Sind wir nicht alle ohne Unterschied Brüder, Glieder des einen Leibes, seines Leibes, und sollten wir nicht jeden Parteinamen und Parteihader aufgeben und uns ohne Unterschied unter das eine kostbare Banner „Jesus“ scharen? Sollten irgendwelche Spaltungen in dem Leibe sein? Warum Schranken und Wegsperren errichten, Zäune um sich ziehen, und zum Unterschied von anderen menschliche Namen annehmen? Warum sich nicht genügen lassen an Ihm allein, den Gott uns gab und in welchem wir alle vor Gott hingestellt sind als geliebte Kinder?

Auffällig ist auch hier wieder ein Widerspruch in den Ausführungen unseres Bruders. Er nennt die Christischen eine Partei, die unter scharfer Absonderung von allen anderen Parteien sich allein auf Christus berief; und er tut es mit Recht. Aber gleich nachher sagt er: „Wenn er (Paulus) im Sinne der „Versammlung“ vorgegangen wäre, dann hätte er den Weg der Christuspartei grundsätzlich durchaus billigen müssen. Er hätte im Gegensatz zu dem fleischlichen Parteitreiben den neutralen Boden schaffen und vertreten müssen, wo man nicht nach einem Menschen sich nannte, sondern allein nach Christus, wo man nicht um ein menschliches Parteihaupt sich versammelte, sondern allein im Namen Jesu“ (S. 35). Wie Bruder Nagel die beiden Begriffe „scharf abgesonderte Partei“ und „neutraler Boden“ miteinander vereinigen will, ist schwer zu verstehen. Wo man sich nicht um ein menschliches Parteihaupt versammelt, sondern „allein im Namen Jesu“, da ist allerdings (wenn man es so nennen will) neutraler Boden, den alle Kinder Gottes mit gutem Gewissen betreten können; aber was die Christischen wollten und taten, stand doch in unmittelbarem Gegensatz zu diesem Boden.

Den weiteren Ausführungen auf Seite 36 ff. gegenüber möchte ich nur sagen, dass der Apostel sich freilich nicht von den Gliedern der Parteien [Fußnote 15] in Korinth trennt, sondern in der Erwartung, dass sie seine Ermahnungen annehmen und ihren fleischlichen Weg verlassen würden, sie ernst zurechtweist, indem er ihnen zeigt, wohin ihre vermeintliche Weisheit sie gebracht hatte. Ach! Anstatt sie weiter einführen zu können in die „Weisheit unter den Vollkommenen“, musste er ihnen „Milch zu trinken“ geben. „Speise“ konnten sie nicht ertragen, sie waren Fleischliche, Unmündige in Christus und wandelten nach Menschenweise (Kap. 3,1–4).

[Fußnote 15: Es gab übrigens, wie weiter oben bemerkt, solch ausgeprägte Parteien noch gar nicht, dass man von Gliedern derselben reden könnte. Ende der Fußnote]

Aus dem Umstand, dass Paulus in seinem 2. Brief diesen Gegenstand nicht mehr berührt, geht mit ziemlicher Sicherheit hervor, dass seine Ermahnungen Erfolg gehabt haben, so dass auch in dieser Beziehung seine „Herzensangst“ beschwichtigt worden ist (2. Kor 2,4).

Die Sendschreiben an die sieben Versammlungen

Bruder Nagel sagt auf Seite 33 seiner Schrift:

„Es gibt für die Auffassung, dass in den Sendschreiben ein prophetisches Bild von dem fortschreitenden Verfall der Kirche gezeichnet sei, keinerlei klaren Schriftbeweis. Ohne Zweifel ist in den Sendschreiben für alle Zeiten der christlichen Geschichte Lehre und Mahnung, Drohung und Verheißung enthalten. Aber die Annahme, dass jedes einzelne Sendschreiben einen bestimmt umgrenzten Abschnitt zukünftiger Geschichte vorbilde, entbehrt jeder zuverlässigen Grundlage. Es kann diese Annahme weder aus dem Text gefolgert werden, noch auch ist der Beweis für ihre Richtigkeit aus dem tatsächlichen Geschichtsverlauf zu erbringen. Man muss schon zu großen Künsteleien seine Zuflucht nehmen, um dergleichen beweisen zu wollen.“

Demgegenüber sei darauf hingewiesen, dass das Buch der Offenbarung von Anfang bis zu Ende prophetisch ist. „Glückselig der da liest und die da hören die Worte der Weissagung dieses Buches und bewahren, was in ihr geschrieben ist!“ So leuchtet die am Eingang des Buches stehende Überschrift dem Leser entgegen; und: „Ich bezeuge jedem, der die Worte der Weissagung dieses Buches hört: Wenn jemand usw.“, so schließt der Herr seine prophetischen Mitteilungen an die Versammlungen. Es genügt also keineswegs zu sagen, dass „in den Sendschreiben für alle Zeiten der christlichen Geschichte Lehre und Mahnung, Drohung und Verheißung enthalten sei“, denn das ist von allen neutestamentlichen Schriften wahr. Es muss mehr als das darin zu finden sein.

Zum Beweis des Gesagten gestatte man mir, zunächst nochmals einen Abschnitt aus der Schrift „Die Versammlung des lebendigen Gottes“ anzuführen. Es heißt dort auf S. 96–99:

„Dass es zur Zeit der Abfassung des Buches der Offenbarung sieben Versammlungen (Gemeinden) in der römischen Provinz Asien (einem Teil des jetzigen Kleinasien) gab, deren Zustand dem in den Sendschreiben geschilderten entsprach, unterliegt keinem Zweifel, wird auch wohl von niemand bestritten. Diese sieben Gemeinden haben geschichtlich bestanden. Aber ganz von selbst drängt sich dem aufmerksamen Leser der Briefe die Frage auf: Warum hat der Herr gerade diese außer Ephesus so wenig bekannten Gemeinden aus den vielen damals bestehenden ausgewählt? Warum gerade sieben? Die Zahl „sieben“ ist dem Bibelforscher bekannt als Ausdruck von irgend etwas Vollkommenem, Abgerundetem, in geistlichem Sinn. Dass sie gerade hier, in dem Buche der Offenbarung, bedeutungsvoll ist, liegt auf der Hand. [Fußtnote 16]

[Fußnote 16: Vgl. die 7 Siegel, 7 Posaunen, 7 Zornschalen etc. Ende der Fußnote]

Aber mehr noch. Die sieben Sendschreiben stellen uns nach der Erklärung des Herrn selbst das, „was ist“, vor Augen. „Schreibe nun, was du gesehen hast (Kap. 1,9 ff), und was ist (Kap. 2 und 3), und was nach diesem geschehen wird“ (Kap. 4 ff). Dass diese Einteilung nicht willkürlich ist, beweist Kapitel 4,1. Dieselbe Stimme, welche im ersten Kapitel geredet hatte, ruft hier dem Propheten zu: „Komm hier herauf, und ich werde dir zeigen, was nach diesem geschehen muss“. Das, „was ist“, (was schon zu Lebzeiten des Johannes bestand) endet daher mit dem dritten Kapitel, und im vierten beginnt die Erzählung dessen, „was nach diesem (d. h. nach dem Inhalt des 2. und 3. Kapitels) geschehen muss“ – der Prophet wird von der Erde in den Himmel entrückt und sieht den Thron, von welchem aus die Gerichte über die Erde ergehen, und um den Thron her, in den Himmel entrückt, die Erlösten unter dem Bild der 24 Könige und Priester.

„Es gab also in jener Zeit sieben Versammlungen, deren innerer Zustand dem von dem Herrn entworfenen Bilde entsprach. Sie werden mit goldenen Leuchtern (Lichtträgern) verglichen. In ihrer Mitte wandelt der in richterlichem Gewand erscheinende Sohn des Menschen. Dass der Herr allezeit „als Segensquelle“ in der Versammlung ist und als Haupt des Leibes die Seinigen nährt und pflegt, ist zweifellos; aber hier wird Er nicht in diesem Charakter geschaut. Er erscheint nicht als der, welcher Öl auf die Lampen gießt, wenn es nötig wird, nicht als der gute Hirte der Schafe, oder als der, welcher die Füße der Seinigen wäscht oder den Menschen Gaben austeilt, sondern in seiner ernsten Würde als Richter. Aus seinem Mund geht ein scharfes, zweischneidiges Schwert hervor, und mit Augen, die wie eine Feuerflamme sind, sieht Er zu, ob die Leuchter ihrer Verantwortlichkeit entsprechen.

„Ist denn der Ausdruck „was ist“ auf die sieben örtlichen Gemeinden zu beschränken, an welche die Sendschreiben gerichtet wurden? Waren für sie allein die Mitteilungen des Herrn bestimmt? Oder müssen wir an die ganze christliche Kirche denken, wie sie damals auf Erden bestand? Die Zahl „sieben“ leitet unsere Gedanken, wie gesagt, auf etwas „Vollkommenes“. Jene sieben Gemeinden machten aber nur einen ganz kleinen Teil des gesamten christlichen Zeugnisses von damals aus. Zugleich werden die Ermahnungen, welche auf Grund des inneren Zustandes der Gemeinden ergehen, an alle gerichtet, welche ein Ohr haben zu hören: „Wer ein Ohr hat, höre was der Geist den Versammlungen sagt“.

„Wir möchten also wohl an die ganze Gemeinde des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung denken, wenn nicht ein wichtiger Punkt dagegen spräche. Jedes Sendschreiben schildert bekanntlich einen anderen Zustand, verschieden von den vorhergehenden oder nachfolgenden. Es ist deshalb kaum möglich, alle sieben auf den Gesamtzustand der damaligen Kirche anzuwenden. Alle sieben können nicht zu gleicher Zeit charakteristisch für diesen Gesamtzustand gewesen sein. Und was für jene ersten Tagen gilt, ist selbstverständlich auch wahr für alle späteren Zeiten. Man kann unmöglich sieben so völlig verschiedene, ja, einander entgegengesetzte Zustände zu irgendeinem gegebenen Zeitpunkt auf den allgemeinen Zustand der Kirche anwenden. Wenn das aber so ist, dann ergibt sich ganz von selbst der Gedanke, dass die Sendschreiben eine Reihenfolge von Zuständen beschreiben müssen, welche sich im Laufe der Jahrhunderte, während der ganzen Dauer des christlichen Haushalts, in der bekennenden Kirche zeigen würden, und die das Auge des Herrn voraussah.

„Damit wird dann auch die Zahl „sieben“ durchaus verständlich, ebenso die Auswahl der Gemeinden, nicht nach Alter, Größe, Bedeutung oder dergleichen, sondern nach den damals in ihrer Mitte herrschenden charakteristischen Zuständen. Die Geschichte der Kirche zieht in einem ergreifenden prophetischen Gemälde von dem ersten Beginn des Verfalls, dem Verlassen ihrer ersten Liebe (in Ephesus), bis zum Ausgespieenwerden aus dem Mund des Herrn (in Laodizea) an unserem Auge vorüber. Der Herr selbst beurteilt und richtet den Zustand, warnt, droht und gibt dem Überwinder Verheißungen. Er ist „der Erstgeborene“, der den ganzen Erdkreis richten wird (vgl. die späteren Kapitel der Offenbarung); aber sein Gericht beginnt beim Hause Gottes.

„Die Versammlung (Gemeinde) ist an die Stelle Israels getreten. Jerusalem war einst der Mittelpunkt oder Sitz des Zeugnisses Gottes. Von dort aus strahlte sein Licht über die Erde. Israel und Jerusalem haben aber ihrer Verantwortlichkeit als Lichtträger nicht entsprochen und sind deshalb beiseite gesetzt worden. An ihre Stelle ist das Christentum getreten. Die bekennende Kirche ist Gottes Leuchter oder Lichtträger geworden. Jerusalem, die Stadt, welche durch die Ermordung des Messias Gottes Zorngericht über sich gebracht hat, ist verschwunden, und die bekennende Kirche ist jetzt die einzige Zeugin für Gott in dieser Welt. Unter diesem Charakter und von diesem Gesichtspunkt aus wird die Kirche in der Offenbarung gesehen. Daher das Symbol der „sieben goldenen Leuchter“, in deren Mitte der Sohn des Menschen wandelt mit „Füßen gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen“ – wiederum ein ausdrucksvolles Bild des Gerichts (vgl. Dan. 7,9.10).“

Wenn Bruder Nagel meint, es gebe für die in vorstehender Anführung entwickelte Auffassung keinerlei klaren Schriftbeweis, so ist das insofern wahr, als nirgendwo geschrieben steht: Die sieben Sendschreiben enthalten ein prophetisches Gemälde von der Geschichte der christlichen Kirche. Aber so ist es ganz selten mit den prophetischen Mitteilungen des Wortes Gottes. Nur hier und da gibt Gott eine bestimmte Erklärung der Prophezeiung. [Fußnote 17] In den meisten Fällen bleibt es dem geistlichen Verständnis des Lesers überlassen, den Sinn des Prophezeiten an der Hand anderer Mitteilungen und in Verbindung mit anderen ähnlichen Stellen zu erforschen. „Keine Weissagung der Schrift ist von eigener Auslegung“ (2. Pet. 1,20).

[Fußnote 17: Wie z. B. in Hesekiel 17; Daniel 7.8 und an anderen Stellen.; vgl. die Gleichnisse vom „Reich der Himmel“ in Matthäus 13. Ende der Fußnote]

In dem vorliegenden Fall nun kann für den mit der Weise des Geistes der Prophezeiung bekannten Bibelforscher kaum ein Zweifel darüber bestehen, dass diese sieben Sendschreiben neben ihrer Anwendbarkeit auf die damalige Zeit und ihrer sittlichen Bedeutung für alle Zeiten (als mahnend, belehrend, drohend usw.) auch einen geschichtlichen Sinn haben müssen, und man braucht wahrlich nicht „zu großen Künsteleien seine Zuflucht zu nehmen“, um die Richtigkeit dieser Auslegung zu beweisen.

Es ist weiter oben gesagt worden, dass der Herr in Offenbarung 2 und 3 nicht gesehen wird als Haupt seines Leibes oder als unser barmherziger Hoherpriester, der uns vor Gott vertritt und mit unseren Schwachheiten Mitleid zu haben vermag, sondern dass Er als Richter inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt. Seinem durchdringenden Flammenauge entgeht nichts. Er findet zunächst, dass die Gemeinde ihre erste Liebe verlassen hat (Ephesus). Die Treue Gottes lässt deshalb Zeiten der Trübsal und Verfolgung kommen (Smyrna). Wenn diese aufhören und der Druck nachlässt, tritt Verweltlichung ein, und in weiterer Folge böse Lehre und Verderben (Pergamus und Thyatira). Nicht nur einzelne Lehrer treten auf und verführen die Jünger, sondern die Frau Isebel erscheint und wird die Mutter des Verderbens – inmitten der Kirche werden ihr Kinder geboren. Es wird ihr Zeit gegeben, Buße zu tun von ihrer geistlichen Hurerei, aber sie will nicht Buße tun, und der Herrn tröstet die Überwinder mit dem Hinweis auf die Herrlichkeit des Reiches und auf sein Kommen als Morgenstern .

Ist es wirklich „großen Künstelei“, „entbehrt es jeder zuverlässigen Grundlage“, wenn man in diesen Mitteilungen sowohl eine innere Aufeinanderfolge entdeckt, als auch den äußeren Entwicklungsgang der Kirche auf dieser Erde unterscheidet? Sind nicht dem Verlassen der ersten Liebe Tage ernster, schwerer Verfolgungen in 2. Jahrhundert gefolgt, denen sich dann die Verweltlichung der Kirche im dritten und vierten Jahrhundert, verbunden mit immer gewaltiger zunehmendem Verderben in Wandel und Lehre anschloss, bis zur völligen Entwicklung des Papsttums im Beginn und Verlauf des Mittelalters? Hat das Papsttum nicht geistliches Verderben mit weltlicher Macht und der Verfolgung der treuen Zeugen Gottes verbunden, genau so, wie einst das Weib Ahabs es getan hat?

Liegt das soweit ab, wie Bruder Nagel uns glauben machen möchte? Ich meine nicht. Und wie mit den vier ersten, so ist es auch mit den übrigen Sendschreiben; sie zeichnen in kurzen, kräftigen Zügen, dem geistlichen Auge leicht erkennbar, die Entwicklung der Dinge seit der Reformation bis in unsere Zeit, ja, bis zu dem Kommen des Herrn und zu der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen soll. Aber ich möchte den Gegenstand hier nicht weiter verfolgen. Wer sich eingehender über diese Dinge zu unterrichten wünscht, dem sei das kürzlich erschienene Buch von Dr. E. Dönges empfohlen: „Was bald geschehen muss“, Betrachtungen über die Offenbarung Jesu Christi). [Fußnoet 18]

[Fußnote 18: Verlag von den Geschwistern Dönges, Dillenburg. Ende der Fußnote]

Die Selbstständigkeit der örtlichen Versammlung (Gemeinde)

Der Gegensatz zwischen der Auffassung von Bruder Nagel und der der „Brüder“ über die Darstellung der Einheit des Leibes Christi ist so unüberbrückbar und zeigt sich naturgemäß auch in den beiderseitigen Anschauungen hinsichtlich der Stellung der örtlichen Versammlungen so schroff, dass es verlorene Mühe wäre, viele Worte über diesen Punkt zu sagen. Wenn die eine Seite behauptet:

„Die äußere Darstellung der Einheit der Gläubigen ist einzig und allein Sache des Herrn am Tag seiner Wiederkunft; in der Gegenwart ist es unsere Aufgabe nur, sie nach ihrer geistlichen Innenseite hin durch die Erweisungen geistgewirkter Bruderliebe darzustellen“, und: „Die Gemeinden der Apostelzeit sind selbstständig und frei, jede bildet eine individuelle Einheit und ein in sich geschlossenes Ganzes, jede Gemeinde ist unabhängig und frei von der anderen; [Fußnote 18] wenn einer aus ihrer Mitte schreibt: „Die juden- und heidenchristlichen Gemeinden im apostolischen Zeitalter waren sich, von außen betrachtet, nicht mehr einig, wie es die landeskirchlichen Gemeinschaften, die Presbyterianer, Independenten, Baptisten und Methodisten untereinander sind; im Allgemeinen vielleicht noch nicht einmal so viel“, (Fr. Kaiser: „Ist die Versammlung ...?“).

[Fußnote 18: Siehe „Die Gemeinde Jesu Christi“, bearbeitet von Prediger Konrad Bussemer, geprüft und durchgesehen von sechs anderen Predigern der freien evangelischen Gemeinde (darunter Bruder Nagel), Witten an der Ruhr, Verlag der Buchhandlung der Stadtmission. Ende der Fußnote]


Und wenn demgegenüber die andere Seite lehrt: „Die Versammlung, wie wir sie in der Schrift finden, war äußerlich ein vereinigter, organisierter Leib, d. h. die Christen bildeten einen bestimmten Kreis von Leuten und waren als solche auf Erden gekannt. Es gab nur eine Kirche, nur eine Versammlung, als Ganzes betrachtet – und an jedem Ort eine Versammlung mit ihren Ältesten (wo solche vorhanden waren), Gottes Versammlung an diesem Ort – nur eine in der ganzen Welt, sichtbar, äußerlich eins“, und: „Die „Brüder“ erkennen, dass der Zustand der Dinge ein Zustand des Verfalls ist, dass aber Gott in seinem Wort Vorsorge dafür getroffen hat, und dass sie auf dem Boden der Einheit des Leibes sich vereinigen können, wenn auch nur zu zweien oder dreien, wobei sie Christus nach seiner Verheißung in ihrer Mitte finden. Sie können keine Einheit erzwingen, aber sie können aufgrund derselben handeln“ [Fußnote 19] –, so bleibt nichts anderes übrig, als dem Leser die Entscheidung zu überlassen, wer recht und wer unrecht hat.

[Fußnote 19: Siehe das Zitat von J. N. Darby am Anfang und ende des Kapitels „Die Versammlung, der eine Leib und das Haus Gottes“ in diesem Buch. Ende der Fußnote]

Wird die Prüfung vorurteilsfrei, allein auf Grund des Wortes Gottes unternommen, so bin ich betreffs des Ergebnisses unbesorgt, wenn auch Bruder Nagel sagt, dass er und seine Freunde den Anschluss an die „Brüder“ ablehnen müssen „aus tiefsten, heiligsten Schriftgründen, nicht weil uns die Einheit der Gemeinde geringwertig ist, sondern weil sie uns das eine wahre, unverletzliche Heiligtum auf Erden ist“.(S. 87)

Der Leser wird es deshalb nicht missverstehen, wenn ich auf eine nähere Behandlung des betreffenden Abschnittes in Nagels Buch, der sich naturgemäß auf die oben angedeutete Auffassung aufbaut (und teilweise recht harte Worte enthält), nicht eingehe, sondern mich nur noch einen Augenblick mit einzelnen Aussprüchen beschäftige. Freilich muss ich von vornherein solche davon ausnehmen, sie so trüben Quellen entstammen, wie der Inhalt von Seite 81 (auf Seite 80 unten beginnend). Es befremdet und schmerzt zugleich, Bruder Nagel die Aussagen eines solchen „Kenners“ der „Versammlung“ zu seinen eigenen machen zu sehen. Das hätte er besser nicht getan. Aber es ist heute wie vor alters: „Die Worte des Verleumders sind wie Leckerbissen, man verschlingt sie mit großem Appetit“ (wie die Miniaturbibel Sprüche 18,8 nicht ganz wortgetreu, aber sehr anschaulich übersetzt).

Auf Seite 75 seiner Schrift sagt Bruder Nagel:

„Das gesamte Geschichtsbild der apostolischen Zeit zeigt in Verbindung mit dem Wort und Dienst der Apostel aufs deutlichste, dass jede einzelne Ortsgemeinde geistlich frei und selbstständig war. Es zeigt, dass jede Gemeinde sowohl hinsichtlich ihrer Entstehung als auch hinsichtlich ihrer Entwicklung, hinsichtlich ihrer Vorzüge und Mängel, ihrer Gaben und Aufgaben ein in sich abgeschlossenes Ganzes bildete, dass jede einzelne mit dem Herrn unmittelbar zusammengeschlossen und Ihm allein verantwortlich war. Diese für das christliche Gemeinschaftsleben so wichtige Wahrheit leugnet nun aber die „Versammlung“ in Lehre und Praxis. Sie leugnet die im Heiligen Geist bestehende Freiheit und Selbstständigkeit der einzelne Ortsgemeinde.“

Der Schreiber schießt hier, wie an vielen anderen Stellen, weit über das Ziel hinaus. Es würde ihm jedenfalls schwer werden, die Wahrheit der beiden letzten Sätze zu beweisen. Dass jede örtliche Gemeinde zunächst für sich vor Gott dasteht und für die Ordnung ihrer Angelegenheiten, die Überwachung der Einzelnen, die Aufrechthaltung der Zucht in ihrer Mitte usw. allein dem Herrn verantwortlich und von Ihm abhängig, in diesem Sinn also geistlich frei und selbstständig ist, ist meines Wissens nie von den „Brüdern“ geleugnet worden. Sie haben im Gegenteil immer darauf bestanden, dass, so lange eine Versammlung ihrer Verantwortlichkeit dem Herrn gegenüber entspricht, keine andere Versammlung ein Recht hat, sich in ihre örtlichen Angelegenheiten zu mischen. Korinth war verantwortlich und auch allein im Stande, den Bösen aus seiner Mitte hinauszutun, nicht Thessalonich oder Philippi.

Jeder örtlichen Versammlung ist also eine ernste Verwaltung anvertraut, die niemand, weder alte erfahrene Brüder noch eine Konferenz noch eine andere Versammlung für sie übernehmen kann, und mit dieser Verwaltung ist nach Matthäus 18,18 eine Autorität, eine Machtbefugnis verbunden. Auf Grund der Gegenwart des Herrn in ihrer Mitte hat eine solche Versammlung oder Gemeinde die Befugnis zu „binden“ und zu „lösen“, oder zu „strafen“ und zu „vergeben“ (Vgl. 2. Kor 2,6.7). Ihre Handlungen finden, vorausgesetzt, dass sie unter der Leitung des Heiligen Geistes geschehen (und hierin gehen die „Brüder“ mit Bruder Nagel durchaus einig, wenn er sagt: „Auf Wegen, die mit dem Schriftzeugnis sich nicht decken, leitet nicht der Heilige Geist“, S. 74), Anerkennung im Himmel, wenngleich sie in ihrer Tragweite sich selbstverständlich nur auf diese Erde und diese Zeit erstrecken. Die Briefe an die Korinther geben uns Aufschluss über die Bedeutung und praktische Ausübung dieses Bindens und Lösens. Die ernste Anweisung des Apostels im Blick auf den „Bösen“ in Korinth ist uns bekannt. (1. Kor 5,4.5)

Gleichwie nun die Handlungen einer Versammlung, die im Namen und mit der Kraft des Herrn Jesus geschehen, Anerkennung im Himmel finden, so haben sie auch bindende Kraft für alle übrigen Versammlungen, für den ganzen Leib Christi auf der Erde. Denn da ist nur ein Leib, in welchem ein Geist wohnt, wirkt und leitet. (Dass Fehler vorkommen können infolge der Schwachheit und Untreue des Menschen, ist klar, und es erhebt sich dann die Frage, wie dem zu begegnen ist; aber wir beschäftigen uns jetzt nicht mit möglichen Fehlern, sondern mit der grundsätzlichen Wahrheit).

Nun schreibt Bruder Nagel zwar auf Seite 72: „Nach der Schriftlehre bildet die Gesamtheit aller einzelnen Gläubigen wie die Gesamtheit aller einzelnen Gemeinden von Gläubigern eine unauflösbare Einheit“, trotzdem aber wollen er und alle auf dem Boden „gegenseitiger Unabhängigkeit“ stehenden Gläubigen der Zucht keine über den örtlichen Kreis hinausgehende Tragweite zubilligen. Damit leugnen sie praktisch jene Einheit. Eins steht und fällt mit dem anderen.

Denn wenn wir uns jene Ansicht in die Praxis umgesetzt denken, so hätte beispielsweise der in Korinth Ausgeschlossene, der im Namen des Herrn aus der Gemeinschaft der Gläubigen entfernt worden war, gegebenenfalls an einem anderen Ort, sagen wir in Rom oder in Jerusalem, die Gemeinschaft der Heiligen genießen können. Mit anderen Worten: Derselbe Herr oder derselbe Geist, der in Korinth die Gläubigen aufforderte, den Bösen hinauszutun, würde dahin entschieden haben, dass eine andere Versammlung, die den Fall für nicht so schwerwiegend erachtete oder sich nicht an die Handlung der Versammlung in Korinth gebunden hielt, mit dem Bösen ganz anders handle und ihn zum Brotbrechen zulasse. Es liegt auf der Hand, dass es dann mit der Einheit des Geistes aus wäre, das Bekenntnis einer unauflösbaren Einheit wäre kraft- und wesenlos.

Weiter lesen wie auf Seite 76: „Die Freiheit des einzelnen Christenmenschen wie die der einzelnen Christengemeinde ist eine im Heiligen Geist bestehende“. Zugestanden. Wird aber der Heilige Geist jemals dahin wirken, dass der eine Gläubige rechts, der andere links geht, die eine Gemeinde so urteilt, die andere in genau entgegengesetztem Sinn? Ist es nicht vielmehr so, dass die Gläubigen, welche im Licht wandeln, Gemeinschaft miteinander haben (1. Joh 1,7), und dass die Versammlungen, welche sich der Leitung des einen Geistes unterwerfen, in Frieden und in gegenseitiger Anerkennung miteinander wandeln und so erbaut und vermehrt werden durch den Trost des Heiligen Geistes (Apg 9,31)?

Die wahre Freiheit des Christen besteht darin, dass er frei ist, unter Aufgabe seines eigenen Willens und Hintansetzung aller eigenen Gedanken und Meinungen, dem Wort und Willen Gottes zu folgen. Je mehr diese wahre Freiheit gekannt und verwirklicht wird, desto mehr werden „alle dasselbe reden und in demselben Sinn und derselben Meinung völlig zusammengefügt sein“ (1. Kor 1,10), nicht zu einer „stereotypen, schematischen Einerleiheit“, sondern zu einer lieblichen und harmonischen Einheit und doch zugleich unendlichen Mannigfaltigkeit des göttlichen Wirkens in den Gliedern. Es klingt sehr schön, wenn man von dem „freien Spiel lebendig wirkender Kräfte“ (S. 83) redet, aber man mag wohl zusehen, dass nicht Kräfte des Fleisches und der Natur sich in das Spiel mischen und alles verderben. Vergessen wir nicht, dass „Unabhängigkeit“ unter allen Umständen ein Gottwidriger Grundsatz ist.

Dass nicht einer Versammlung der anderen „subordiniert“ ist, dass nicht geistliche Behörden (solche sind von vornherein von Übel und sollten gar nicht da sein), Konferenzen und dergleichen, „als Wächter der Einheit, das Recht haben, in die Angelegenheiten einer Ortsgemeinde bestimmend einzugreifen“ (S. 74), ist so selbstverständlich, dass wir nicht darüber zu reden brauchen. Aber es gibt eine andere Gefahr, auf die Bruder Nagel mit Recht hinweist und auf die Gott selbst schon lange vor ihm die „Brüder“ mit tiefem Ernst aufmerksam gemacht hat. Und das ist dies: Die einer Versammlung Gottes übertragene Autorität kann, wie jede andere Autorität, missbraucht oder über das von Gott bestimmte Maß hinaus ausgeübt werden.

Ich gebe selbst zu, dass es dahin kommen kann, dass eine Versammlung meint, ihre Beschlüsse seien unfehlbar, müssten also dem Willen oder dem Worte Gottes gleichgestellt werden (S. 84.85). Aber so groß die Gefahr des möglichen Missbrauchs und so schlimm das letztgenannte Übel auch ist – an dem Grundsatz und Vorhandensein der Autorität wird dadurch nichts geändert. Ein Vater hat Autorität, ein König oder Kaiser noch mehr. Beide können ihre Autorität missbrauchen oder ins Ungemessene steigern, aber deshalb bleibt die Autorität als solche doch zu Recht bestehen und muss geachtet werden; sonst ist es mit jeder Ordnung am Ende, und dem Eigenwillen ist Tür und Tor geöffnet.

Genau so ist es mit der Autorität einer Versammlung. Sie ist da und musst geachtet werden, selbst wenn es nur „zwei oder drei“ wären, die sich an irgendeinem Ort zu dem Namen Jesu hin versammeln. Sein Name, beziehungsweise seine Gegenwart begründet und verbürgt diese Autorität. Der Grundsatz: „Jede örtliche Versammlung ist frei und unabhängig von der anderen“, leugnet diese Autorität und macht, wie gesagt, die praktische Verwirklichung der Einheit des Leibes unmöglich.

Schlusswort

Ich habe nur noch wenig hinzuzufügen. Es ist keine angenehme Aufgabe, sich mit seinen Brüdern auseinander zu setzen, auch wenn es im Geiste gegenseitiger Achtung und Liebe geschieht. Aber ich hoffe, dass der Gott, der einst sogar „aus dem Fresser Fraß und aus dem Starken Süßigkeit“ kommen ließ, auch diese an und für sich wenig erfreuliche Auseinandersetzung segnen und Gutes daraus hervorbringen wird. Von Herzen wünsche ich mit Bruder Nagel, dass alle „Schranken fallen möchten, die nicht durch Gottes Wort und Geist, sondern durch Menschen errichtet sind“.

Dient die vorliegende Schrift dazu, hüben und drüben klärend zu wirken, Missverständnisse zu beseitigen, Anstöße aus dem Weg zu räumen und Brüder in Liebe und Wahrheit einander näher zu bringen, die heute noch ohne Grund, zum Schmerz des Herrn und zum Nachteil seines Zeugnisses sich fern stehen, so sei dem der Dank, der zu jedem guten Werk Kraft und Gelingen schenken muss, und zu dem während des Schreibens manch stiller Seufzer aufgestiegen ist.

Gottes sei gepriesen! Bald wird es kein „hüben und drüben“ mehr geben. Bald wird seiner Heiligen Menge ein Herz, eine Seele sein, in dem Anschauen dessen, der uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat.

Allen ist ein Heil beschieden
Und ein Erbteil ausersehn,
Darum lasset uns in Frieden,
Brüder, miteinander gehn!
Aller Streit, weiche weit
Auf dem Weg zur Ewigkeit!