14.12.2003Versammlung / Gemeinde

Mit weitem Herzen auf schmalem Weg Kapitel 3: Freiheit oder Unabhängigkeit?

Ein Kreis der Gemeinschaft?

In jüngster Zeit werden Dinge in Frage gestellt, die unmittelbar die Grundlage des Zusammenkommens der Gläubigen berühren. Ist es wahr, daß wir in unserer Absonderung bisher zu weit gegangen sind, indem wir in der Regel nur mit denen das Brot brechen, die „mit uns in Gemeinschaft am Tisch des Herrn" sind, und bei anderen gelegentlichen Besuchern im Einzelfall sorgfältig prüfen, ob die schriftgemäßen Voraussetzungen zur Zulassung gegeben sind? Oder entspricht es den Gedanken Gottes, daß wir uns nur von solchen Gruppen getrennt halten müssen, bei denen offenkundig Böses in Lehre oder Praxis geduldet wird, während für den einzelnen und für ganze Versammlungen die Freiheit besteht, mit solchen christlichen Gruppen, die von diesen Dingen frei sind, wechselseitig das Brot zu brechen, wir bei ihnen und sie bei uns, da der Herr bei ihnen genauso in der Mitte ist wie bei uns? Trifft der Vorwurf zu, daß wir einen festen Kreis der Gemeinschaft bilden und niemand hineinlassen wollen, der nicht in allem unseren Gedanken entspricht?

Ich möchte mit dem letzten Punkt beginnen. Unter Kindern Gottes besteht je nach Neigung und Veranlagung der einzelnen stets die Gefahr, entweder zu streng und eng oder aber zu offen und weitherzig zu sein. Und entsprechend dem Einfluß, der ausgeübt wird, kann eine Gruppe oder örtliche Versammlung in die eine oder andere Richtung gedrängt werden. Deswegen müssen wir tatsächlich vor dem einen wie dem anderen Extrem auf der Hut sein. Beide sind nicht von Gott. Aber unsere Berufung ist, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Bande des Friedens (Eph 4, 3). Was das in der Praxis bedeutet, habe ich bereits zu zeigen versucht, und auf einige weitere Aspekte werde ich sogleich noch eingehen. Aber das eine steht fest: Wenn wir diese Berufung vor unserem Herzen haben, werden wir vor einem Denken in „Kreisen" bewahrt bleiben. Unser Herz darf alle Kinder Gottes, darf die ganze Versammlung Gottes umfassen (Eph l, 15). Mit weniger wollen und dürfen wir uns nicht zufriedengeben.

Nun ist die Christenheit durch die Aufspaltung in verschiedenste Gruppierungen gekennzeichnet. Auch unter den wahren Kindern Gottes haben traurige Trennungen stattgefunden. Darüber hinaus entstehen gerade in unseren Tagen ständig neue Gruppen, die sich zum Teil von den großen Irrtümern getrennt haben und mehr oder weniger für sich bleiben. In Anbetracht dieser Verhältnisse bleibt es in der Praxis dann tatsächlich nicht aus, daß sich eine An- zahl von Versammlungen ergibt, mit denen man sich in praktischer Gemeinschaft weiß. Inmitten dieser Verwirrung und Zerrissenheit ist das gar nicht anders möglich. Das möchte ich all denen zu bedenken geben, die so vehement den Gedanken an einen Kreis von Versammlungen attackieren. Denn selbst die, die für größere Freizügigkeit und Unabhängigkeit eintreten und deswegen den Gedanken eines Kreises der Gemeinschaft ablehnen, werden irgendwo einen Kreis ziehen müssen. Darum kommen auch sie nicht herum. Unmöglich wollen und können auch sie alle Arten von Gruppierungen und Zusammenkünften in die Praxis ihres Gemeinschaftslebens miteinbeziehen. Die Frage ist allerdings, wo diese Grenze nach Gottes Wort zu ziehen ist. Damit wollen wir uns als nächstes beschäftigen.

Das Bewahren der Einheit des Geistes

„Von aller Art des Bösen haltet euch fern" (1. Thes 5, 22) und „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit" (2. Tim 2, 19), das sind klare Anweisungen des Wortes - Grenzen, die für den persönlichen Weg ebenso gelten wie für den gemeinsamen. Was jedoch Böses und was Ungerechtigkeit ist, müssen wir nicht nach unserem Empfinden darüber, sondern nach Gottes Wort zu beurteilen lernen. Darin sehe ich eine Hauptschwierigkeit für uns heute. Wir haben uns inzwischen an so viel Böses und Falsches in der „christlichen" Welt gewöhnt, daß wir oft Mühe haben, die Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht, und die Dinge böse zu nennen, die Er böse nennt.

Nehmen wir einmal die vielen christlichen Gemeinschaften und Gruppen, die sich nach der Meinung mancher von uns kaum unterscheiden. Wenn wir sie näher ansehen, merken wir im allgemeinen gar bald, daß das nicht ganz stimmt. Ich sage das nicht mit Genugtuung, sondern mit Schmerz. Diese Gruppen sind gewöhnlich durch die Arbeit hingebungsvoller Evangelisten entstanden, und für dieses Werk Gottes sind wir Ihm von Herzen dankbar. Ja, wir beten dafür, daß Er es weiterführen und segnen möge. Doch setzen wir einmal bei einer bestimmten Gruppe alles Beste voraus. Es handelt sich bei ihr um wahre Kinder Gottes, die sich von allen christlichen Benennungen getrennt haben. Sie sind frei von den bösen Irrtümern der Christenheit und begehren, sich einfach im Namen des Herrn Jesus zu versammeln. Können wir dann nicht davon ausgehen, daß der Herr Jesus ihnen nach Matthäus 18, Vers 20, Seine Gegenwart schenkt?

Sie mögen darüber, daß die Anerkennung des einen Leibes in Lehre und Praxis die gottgemäße Grundlage des Zusammenkommens ist, noch keinerlei Verständnis haben, mögen sich noch nie über die Einheit des Geistes Gedanken gemacht haben. Dennoch war es der Geist Gottes, der sie zu dieser Absonderung geführt hat. Auf diese Weise sind sie mit der Absicht des Heiligen Geistes in Übereinstimmung gebracht worden; denn der Heilige Geist verherrlicht Christus (Joh 16, 14). Weil aber die Verherrlichung Christi Sein Ziel ist, muß Er die Gläubigen notwendigerweise von allem, was Christus entgegensteht und Ihn verunehrt, lösen. Das ist der erste Grundsatz, den wir unbedingt beachten müssen.

Aber etwas ganz Wesentliches kommt noch hinzu, um bei unserem Beispiel zu bleiben. Der Heilige Geist löst sie nicht nur von dem, was Christus entgegen ist, sondern Er verbindet sie auch mit dem, was Ihm entspricht. Durch ihre Absonderung von dem, was sie durch den Geist als falsch erkannt haben, sind diese Gläubigen auf einen Boden gleicher und damit gemeinsamer Verantwortung mit denen gestellt worden, die als Gegenstände des gleichen Handelns des Geistes Gottes bereits diesen Weg gehen und diese Einsicht über die gottgemäße Grundlage des Versammeltseins schon besitzen. Sie haben sie bis dahin nicht gekannt, und der Herr war mit ihnen. Aber der Heilige Geist wird sie zur praktischen Anerkennung der Wahrheit von dem einen Leib führen wollen. Und so wird Er sie früher oder später mit denen bekannt machen, die diesen Platz bereits einnehmen - in ihrer Stadt, in ihrem Land.

Der springende Punkt ist nun: Werden sie die praktische Gemeinschaft mit ihnen aufnehmen - indem sie zum Beispiel deren Zuchthandlungen anerkennen -oder werden sie den Grundsatz annehmen, für sich zu bleiben: unabhängig zu bleiben? Entscheiden sie sich für das Letztere, dann hat das ernste Folgen und widerspricht gänzlich der Absicht des Geistes Gottes. Sie versammeln sich zwar weiterhin, aber sie versammeln sich nicht mehr in einer gottgemäßen Weise. Denn es ist eine Unmöglichkeit anzunehmen, daß sie mit einem durch den Geist erleuchteten Verständnis nach den Gedanken Gottes zusammenkommen und zugleich das ignorieren könnten, was derselbe Geist in anderen vor ihnen gewirkt hat. Eine solche Unabhängigkeit kennt und gestattet Gottes Wort nicht. Würden also diese Christen, die anfangs in der Kraft des Geistes Gottes in aller Einfachheit zum Namen des Herrn hin versammelt waren, eine unabhängige Stellung aufrechterhalten, so würden sie sich dadurch praktisch außerhalb der Einheit des Geistes stellen. Wie traurig, wenn das, was im Geist begann, im Fleische - in einer neuen Sekte endet!

Umgekehrt aber sind jene, die sich bereits auf dem Boden des einen Leibes zu versammeln bekennen, gehalten, ihrerseits mit Freuden alles das anzuerkennen, was der Herr in anderen gewirkt hat und wirkt. Tun sie das nicht, widersprechen sie praktisch ihrem Bekenntnis. Diese Gefahr besteht tatsächlich. Wie leicht sind wir mit uns selbst und unserer Stellung zufrieden und blicken dann selbstherrlich auf andere Gläubige herab, ohne uns noch viel Gedanken darüber zu machen, ob nicht ein Zusammengehen mit ihnen möglich ist! Vor solch einem sektiererischen Geist möge uns der Herr bewahren!

Was ist eine Sekte?

Nun meinen viele, daß eine Sekte in der Hauptsache durch Irrlehre gekennzeichnet sei, und der ins Deutsche übertragene Ausdruck Häresie bedeutet das auch. Aber das ist durchaus nicht der ursprüngliche Gebrauch dieses Begriffs in der Heiligen Schrift, wie uns ein Blick nach 1. Korinther 11 zeigt. In Vers 18 spricht der Apostel von Spaltungen (gr. schismä) unter den Gläubigen in Korinth. Damit sind innere Gruppierungen innerhalb der Heiligen gemeint, wie auch Kapitel l und 3 deutlich machen. Aber in Vers 19 benutzt er ein anderes Wort und sagt: „Denn es müssen auch Parteiungen unter euch sein, auf daß die Bewährten unter euch offenbar werden." Eine Partei-ung (gr. hairesis) bedeutet eine Gruppierung von Gläubigen, die sich von den übrigen bereits mehr oder weniger getrennt hat. Sie bezeichnet einen äußerlich sichtbaren Riß unter denen, die bis dahin miteinander den Weg gingen, und ist immer das Ergebnis des Eigenwillens, oft des Eigenwillens eines einzelnen.

Es ist in diesem Zusammenhang interessant, zu erfahren, was die Grundbedeutung des griechischen Wortes hairesis ist: Wahl, Neigung, Vorsatz, Denkweise. Man kann kaum trefflicher darstellen, auf welche Weise Sekten entstehen, als durch diese vier Worte. Man neigt sich einem besonderen Gedanken zu (es kann sich sogar um eine wichtige Lehre der Heiligen Schrift handeln); aber man überbetont ihn, macht ihn gleichsam zu seiner besonderen Wahl; man faßt den Vorsatz, ihn mit allem Nachdruck auch öffentlich zu vertreten; und schließlich prägt er so sehr die ganze Denkweise, daß für andere, ebenso wichtige Wahrheiten kaum noch Raum bleibt. Andere neigen sich ebenfalls diesem Gedanken zu und scharen sich um den Führer. So entsteht als erstes eine innere Spaltung, die zwangsläufig, bleibt das böse Tun ungerich-tet, zu einer äußeren Parteiung oder Sekte führt. Daß sich dann später in der Regel auch falsche und böse Lehren einstellen, selbst wenn sie zu Anfang nicht vorhanden waren, ist leider nur zu oft zu beobachten (vgl. auch 2. Pet 2,1); aber das hat nichts mehr mit der Bedeutung des Wortes Sekte zu tun. In jedem Fall gehören Sekten zu den Werken des Fleisches (Gal 5, 20), von denen wir uns fernzuhalten haben. Wo nämlich das Fleisch wirksam ist, schießen sie fast wie von selbst empor.

Absonderung

Wenn sich nun einige Geschwister, durch Gott belehrt, von ihrem bisherigen Kreis trennen, weil sie das Falsche des dort herrschenden Grundsatzes erkannt haben, kann man keineswegs gerade ihnen den Vorwurf der Spaltung machen. Das hieße, die Dinge auf den Kopf zu stellen. Sie sind nur dem Herrn gehorsam (2. Tim 2, 19), der stets von uns erwartet, daß wir dem von Ihm geschenkten Licht entsprechen und von jeder Form der Ungerechtigkeit abstehen, auch von dem ungerechten Grundsatz der Unabhängigkeit. Wie könnten sie selbst Gefäße zur Ehre des Hausherrn sein, wenn sie in ungöttlichen Verbindungen bleiben würden?

Der Gedanke, daß sie sich erst einige Jahre hätten bemühen müssen, um auch die anderen dieser Gruppe wenn möglich zu gewinnen, ist ein Trug-schluß. Natürlich werden sie die Trennung nicht eher vollziehen, als bis sie den Geschwistern, mit denen j sie bisher in Gemeinschaft waren, Zeugnis von ihren neu gewonnenen Erkenntnissen abgelegt haben, um so auch deren Gewissen in Übung zu bringen. Daß zudem das Ganze nicht anders als nur unter tiefem Schmerz geschehen kann, braucht kaum erwähnt zu werden. Diejenigen, die solch einen Prozeß durchgemacht haben, wissen, wie tief die Wunden sind. Aber zu warten, ob sich vielleicht noch der eine oder andere ebenfalls zu diesem Schritt entschließt, ist nicht nur müßig, sondern entspricht auch nicht der Lehre der Schrift. Die Schrift sagt: „Du aber." Das genügt. Ob dann noch andere folgen, können wir getrost Gott überlassen. Viele warten schon jahrelang auf die anderen und - sind bis heute am falschen Platz.

Mit Lieblosigkeit hat das alles nichts zu tun. Bedenken wir, daß wahre Bruderliebe stets auch gehorsam ist: „Hieran wissen wir, daß wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten" (1. Joh 5, 2).

Wie denkt Gott über Unabhängigkeit?

Der Grundsatz der Unabhängigkeit, wie er von vielen vertreten wird, ist mit dem Bewahren der Einheit des Geistes unvereinbar. Gottes Wort kennt nicht voneinander unabhängige Versammlungen. Die Versammlung Gottes an einem Ort stellt die ganze Versammlung dar und handelt im Blick auf das Ganze. Das „drinnen" und „draußen" von 1. Korinther 5 bezieht sich nicht nur auf die eine örtliche Versammlung, wo die Zucht ausgeübt wurde, sondern auf die ganze Versammlung. Undenkbar die Vorstellung, daß der Böse, der in Korinth ausgeschlossen worden war, in Ephesus aufgenommen wurde!

Das sind an sich ganz einfache Wahrheiten, aber es ist erstaunlich, ja bestürzend, wie wenig sie in der Praxis verstanden werden. Nichts macht das deutlicher als die eingangs erwähnten Fragestellungen. Wie können wir mit der einen oder anderen Gruppe von Gläubigen das Brot brechen, wenn sie seit Jahren auf dem Boden der Unabhängigkeit verharren? Ist das nicht etwas fundamental Falsches? Das hat nichts damit zu tun, daß sie nicht liebe Kinder Gottes wären. Sie sind es, und wir lieben sie als solche von Herzen, aber sie bewahren in dieser Hinsicht nicht die Einheit, die der Heilige Geist bewirkt. Würde ich mit ihnen das Brot brechen, dann würde ich den gottgemäßen Grundsatz der Einheit des Leibes verlassen und mit ihnen den Boden der Unabhängigkeit einnehmen, und das wäre Sünde. „Aber der Herr Jesus ist doch in ihrer Mitte!" Wäre Er es, könnte auch ich dorthin gehen. Aber niemals wird der Herr mit Seiner Gegenwart das sanktionieren, was Seinen Gedanken grundsätzlich entgegen ist. Wir sollten nicht derart leichtfertig mit Seinen Worten umgehen!

Unabhängigkeit bedeutet in der Praxis eigentlich nicht mehr und nicht weniger, als die Beschlüsse einer örtlichen Versammlung nicht anzuerkennen. Der einzelne oder ganze Gruppen sehen sich nicht an sie gebun- den und nehmen für sich die Freiheit in Anspruch, anders darüber denken und entsprechend handeln zu können. Aber das ist ein gewaltiger Fehler. Die Angelegenheit in Jerusalem, über die in Apostelgeschichte 15 berichtet wird, ist ein klarer Beweis dafür, daß die Versammlung, wie die Schrift sie uns zeigt, nie den Gedanken an Unabhängigkeit im Urteil und Handeln hatte. Ein Nebeneinander von unabhängigen, mehr oder weniger offenen Versammlungen ist der Heiligen Schrift vollkommen fremd. Wir sollten auch nicht einen Schritt in diese Richtung gehen.

„Aber", so wird oft angeführt, „eine Versammlung kann sich irren." Gewiß, aber das Heilmittel dafür ist nicht Unabhängigkeit, ist nicht ein Unterlaufen oder Negieren des Versammlungsbeschlusses, sondern die brüderliche Beschäftigung mit den Geschwistern an dem entsprechenden Ort, um ihre Gewissen in Übung zu bringen. Und diese Bemühungen - das sei hier auch einmal ganz deutlich gesagt - sollten von der entsprechenden Versammlung als von Gott kommend angenommen werden. Andernfalls muß damit gerechnet werden, daß der Herr in Zucht eingreift, zur Beschämung der ganzen Versammlung. Aber ist uns schon einmal klar geworden, daß zu sagen: „Ich erkenne den Beschluß nicht an", nichts anderes bedeutet, als der entsprechenden Versammlung den Status abzusprechen, daß sie ein Ausdruck der Versammlung Gottes und daß der Herr Jesus in ihrer Mitte ist? Denn die einzige Legalisierung für ihre Handlungen liegen in der Autorität des in ihrer Mitte weilenden Herrn. Es würde eine große Verunehrung des Herrn bedeuten, wenn zwei Versammlungen in derselben Sache einander entgegengesetzte Beschlüsse fassen und beide Beschlüsse mit dem Namen des Herrn verbinden würden.

Zugegeben, daß es den ernsten Fall geben kann, daß eine Versammlung falsch gehandelt hat und allen Vor-; Stellungen gegenüber taub bleibt. Dann werden die umliegenden Versammlungen ihr schließlich ihre Anerkennung entziehen müssen. Aber das kann unmöglich die Sache eines einzelnen oder einer außenstehenden Gruppe sein. Grundsätzlich jedoch sitzt nicht die eine Versammlung über die Beschlüsse einer anderen Versammlung zu Gericht. Es wäre eine Leugnung der Einheit des Geistes, wäre Unabhängigkeit. Was uns oft fehlt, ist das Wissen darum, was die Versammlung Gottes an einem Ort wirklich ist: ein örtlicher Ausdruck der ganzen Versammlung Gottes und dadurch gekennzeichnet, daß der Herr Jesus in ihrer Mitte ist und der Heilige Geist dort wohnt und wirkt. Die Versammlung Gottes ist keineswegs ein lose verkettetes System unabhängiger Versammlungen, ein System freiwillig miteinander verbundener Gruppen. Sie ist auch kein System mit einer zentralen, menschlichen Leitung.

Unabhängige Gruppen von Christen, das ist fast ein „Naturgesetz", nehmen gewöhnlich früher oder später „offene" Tendenzen an. Das ist auch gar nicht anders möglich, wenn der schriftgemäße Boden der Einheit des Leibes nicht eingenommen wird. Diese Offenheit wird unter anderem daran sichtbar, daß man in der Ausübung der Gemeinschaft der biblischen Lehre nicht Rechnung trägt, daß man durch Verbindung mit Bösem selbst verunreinigt wird, und auch daran, daß mit solchen, die aus unserer Mitte hinausgetan wurden, zusammengearbeitet und sogar das Brot gebrochen wird. Solch ein Verhalten kann uns nur sehr traurig machen, denn wir lieben diese Geschwister im Herrn und wünschen ihr Bestes. Doch diesen Weg können wir nicht mit ihnen gehen.

Es läßt uns allerdings aufhorchen und mahnt uns zu höchster Wachsamkeit, wenn wir hören, daß Brüder aus unserer Mitte den bisher von uns beschrittenen Weg jetzt als zu eng darstellen und größere Freizügigkeit im Umgang mit Gruppen der geschilderten Art fordern und praktizieren. Wir haben sicherlich keinen Grund, uns in irgendeiner Weise über andere Kinder Gottes zu stellen, ganz im Gegenteil. Das habe ich schon gezeigt. Aber das kann der Weg Gottes nicht sein. Was als christliche Freiheit und Liebe propagiert wird, ist tatsächlich nichts anderes als Unabhängigkeit.

Wir sind gewiß gehalten, die Einheit des Geistes in dem Bande des Friedens zu bewahren. Dessen wollen wir uns auch befleißigen. Wenn aber Grundsätze des Wortes Gottes aufgegeben werden sollten, müssen wir klar und entschieden Stellung beziehen. Würden wir nämlich die schriftgemäße Absonderung aufgeben, so würden wir zu einer christlichen Gruppe unter vielen anderen werden. Ich wüßte dann tatsächlich nicht, wo ich noch das Zeugnis von dem einen Leibe suchen sollte. Laßt es uns ernstlich bedenken: Wenn wir den Grundsatz der Unabhängigkeit der Versammlungen übernehmen sollten, ist unser Zeugnis von der Einheit des Leibes Christi dahin.
Niemand werfe uns jetzt Hochmut oder Anmaßung vor. Es geht überhaupt nicht um uns, um unsere Ehre oder Stellung, um unser Wissen, unsere Meinung oder etwas dergleichen, sondern einfach um die Ehre des Herrn. Er ist das Haupt des Leibes, der Versammlung, und Ihn als das Haupt müssen wir festhalten (Kol 2, 19). Wenn uns aber Gott das Zeugnis von Christus und Seiner Versammlung anvertraut hat, sollten wir es unter dem Einfluß der Liberalität unserer Tage leichtfertig aufgeben? Niemals! Vielmehr wollen wir weiterhin mit so vielen wie nur irgend möglich (2. Tim 2, 22) den Weg in der Einheit des Geistes gehen. Es ist ein schmaler Weg, gewiß, aber ein glücklicher. Denn darauf haben wir die Billigung Dessen, der gestorben ist, um die zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln (Joh 11, 52). Dieser Weg ist - das sei noch einmal gesagt - in seinen Grundsätzen schmal genug, um alles Böse abzuweisen, und weit genug, um alle Kinder Gottes mit dem Herzen zu umfassen. Einen anderen Weg kennt Gottes Wort nicht, und deshalb wollen wir diesen Weg gehen - bis Er kommt. Dazu helfe uns Gott!


_____________

1 Die Versammlung Gottes an einem Ort besteht aus allen Kindern Gottes dort, aber als Ausdruck der Versammlung Gottes anerkennt der Herr durch Seine Gegenwart die Zwei oder Drei, die zu Seinem Namen hin versammelt sind. Und die Tatsache, daß der Herr nicht nur an diesem Ort, sondern an den verschiedensten Orten auf der Erde diese Zwei der Drei anerkennt, stellt sie auf einen Boden gemeinsamer Verantwortung und Vorrechte, auf dem Handlungen der Versammlungen in Zulassung oder Zucht gegenseitig anerkannt werden und auf dem die ungehinderte Ausübung der christlichen Gemeinschaft in jeder Hinsicht prinzipiell möglich ist. Solch ein Bereich der Gemeinschaft hat nichts Sektiererisches an sich. Im Gegenteil, ihn unter dem Vorwand der Vermeidung von sektiererischen Tendenzen zu leugnen, führt unweigerlich zu offener Unabhängigkeit.



2 Der Leser möge mir die Ausdrücke „wir“ und „von uns“ verzeihen, die ich der Einfachheit wegen verwende. Sie sollen die umschreiben, die den Wunsch haben, nach der Einheit des Geistes zu streben und sich auf der Grundlage des einen Leibes zu versammeln.