13.01.2005 Versammlung / Gemeinde

Schriftgemäße Beziehungen zwischen Versammlungen

Unabhängigkeit oder Einheit

Die Frage ist daher kurz gesagt die, welche dieser beiden möglichen Handlungsweisen, die ja unterschiedliche Grundsätze in sich schließen, schriftgemäß ist. Welches ist der Weg, den Gott für uns in Seinem Wort niedergelegt hat? Welchen Weg gingen die neutestamentlichen Versammlungen? Das ist die Frage, die durch die Schrift entschieden werden muß, denn gerade in diesem Punkt haben sich zwei unterschiedliche Lehrmeinungen und Handlungsweisen unter solchen entwickelt, die beide für sich beanspruchen, sich schriftgemäß zu versammeln.

Ein Leib

Zuerst wollen wir bemerken, dass, da es nur einen Leib gibt - bestehend aus allen wahren Gläubigen -, jede örtliche Versammlung an ihrem Ort die Darstellung oder der Ausdruck der ganzen Versammlung Gottes ist. Sie ist ein Teil einer großen Einheit, „der Versammlung des lebendigen Gottes", und daher sind schon allein unter diesem Gesichtspunkt unabhängige Versammlungen gar nicht denkbar. Wenn jede örtliche Versammlung ein lebendiger Teil dieses großen Leibes Christi auf der Erde ist, dann muß es auch unter all diesen örtlichen Darstellungen jenes einen Leibes eine praktische Einheit und ein gemeinschaftliches Handeln geben; andernfalls wird die Wahrheit von dem einen Leib sowohl dem Grundsatz nach als auch in der Praxis aufgehoben.

Betrachten wir diesen Gegenstand einmal von einem natürlichen Gesichtspunkt aus: Wenn eine große internationale Gesellschaft an vielen Orten Filialen oder örtliche Vertretungen hat, dann müssen diese alle als eine Einheit und nach einheitlichen Grundsätzen mit örtlicher Anpassung zusammen arbeiten und funktionieren. Würde jede Filiale oder örtliche Einheit unabhängig von den anderen handeln, dann würden sie nicht als eine Gesellschaft funktionieren; um wirkungsvolle Glieder dieser Gesellschaft zu sein, bedarf es gemeinsamen und einheitlichen Handelns.

1. Korinther 12 belehrt uns über die wunderbare Einheit, die unter all den vielfältigen und unterschiedlichen Gliedern des Leibes Christi besteht. „Denn gleichwie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich viele, ein Leib sind, also auch der Christus" (d. h. Christus und die Versammlung) (Vers 12). „Nun aber sind der Glieder zwar viele, der Leib aber ist einer. Das Auge kann nicht zu der Hand sagen: Ich bedarf deiner nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich bedarf euer nicht; ... Gott hat den Leib zusammengefügt ..., auf dass ... die Glieder dieselbe Sorge für einander haben möchten. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; oder wenn ein Glied verherrlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid Christi Leib, und Glieder insonderheit" (Verse 20.21,24-27).

Ebenso wie beim menschlichen Körper vollkommene Einheit, gemeinsames Funktionieren und gegenseitige Abhängigkeit der vielen und unterschiedlichen Glieder voneinander bestehen, so hat Gott es auch für den geistlichen Leib Christi vorgesehen. Wie wir bei dem menschlichen Leib keine Unabhängigkeit, sondern größte Abhängigkeit der Glieder voneinander haben, so kann es auch keine Unabhängigkeit unter den Gliedern des Leibes Christi geben, wenn es ein richtiges Funktionieren entsprechend den Gedanken Gottes geben soll. Da kann nicht ein Glied zu einem anderen Glied sagen: „Ich bedarf deiner nicht." Im Leib Christ darf es keine Spaltung oder Trennung geben. Die Gläubigen der Versammlung zu Korinth in jenen Tagen waren Christi Leib zu Korinth und einzeln Glieder des ganzen Leibes Christi, der Versammlung.

Wenn nun das eben Gesagte für jedes einzelne Glied des Leibes Christi wahr ist, sollte dann dieser Grundsatz nicht auch auf örtliche Versammlungen anzuwenden sein, die doch nichts anderes als Gruppen von einzelnen Gliedern des Leibes sind, die sich miteinander an einem Ort versammeln? Ganz gewiss ist das so! Die Wahrheit von dem einen Leib lässt keinerlei Unabhängigkeit zu, weder persönlich noch gemeinschaftlich.

Die Einheit des Geistes bewahren

Da ist nicht nur ein Leib, da ist auch ein Geist, und Epheser 4,3.4 ermahnt uns, „die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Bande des Friedens. Da ist ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung". „Denn auch in einem Geiste sind wir alle zu einem Leibe getauft worden ... und sind alle mit einem Geiste getränkt worden" (1. Kor 12,13). Das ist die göttliche Einheit, die an dem Tag der Pfingsten durch den Heiligen Geist gebildet wurde und zu der alle Gläubigen gebracht worden sind. Wir alle sind mit einem Geist getränkt worden. Diese Einheit ist durch den Heiligen Geist gebildet worden, und es ist Sein tiefstes und innigstes Anliegen, dass diese Einheit zur Erfüllung der Ratschlüsse des Vaters und zur Verherrlichung Seines Sohnes ausgelebt und aufrechterhalten wird.

Wir können diese Einheit des Leibes Christi, die durch den Geist Gottes gewirkt wurde, nicht zerstören, denn sie ist ein für allemal geschaffen worden, und Christus sieht Seine Versammlung immer als eins - wie zersplittert sie auf Erden auch sein mag. Aber wir können darin versagen, diese Einheit des Geistes darzustellen, und deshalb werden wir ermahnt, uns zu befleißigen, sie in dem Bande des Friedens zu bewahren.

F. G. Patterson schreibt: „Die Einheit des Geistes ist jene Kraft oder jene Leitlinie, durch welche die Heiligen in ihren eigentlichen Beziehungen in der Einheit des Leibes Christi gemeinsam vorangehend erhalten werden. Sie ist die moralische Verwirklichung dieser Einheit; und das Bestreben, sie zu bewahren, erhält unsere Beziehungen und Verbindungen mit allen Heiligen dem Geist Gottes gemäß aufrecht - und in der Wahrheit.

Wir kommen mit anderen in dem Namen des Herrn auf dem Grundsatz des einen Leibes und des einen Geistes zusammen. Auf diese Weise befleißigen wir uns, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens; und so trachten wir danach, in der «Gemeinschaft des Heiligen Geistes» (2. Kor 13,13) zu bleiben, denn Er ist es, der die Einheit des Leibes Christi aufrechterhält ...

Was ist nun diese Einheit? Sie ist die Kraft und die Leitlinie, durch welche die Heiligen befähigt werden, in ihren eigentlichen Beziehungen in dem Leib und als Glieder Christi gemeinsam voranzugehen. Das mag für mich zur Folge haben, dass ich mich von einem Glied absondern muß, weil es in praktischen oder religiösen Dingen mit etwas in Verbindung steht, das einer Prüfung durch das Wort Gottes nicht standhält. Sie mag mich auch dazu berufen, mit einem anderen, der in Gottesfurcht und in der Wahrheit seinen Weg geht, gemeinsam voranzugehen ...

… Diese Einheit ist weit genug für alle, weil sie in ihrem Umfang alle umfaßt, ob sie da sind oder nicht. Aber sie schließt auch Böses aus ihrer Mitte aus, sofern es offenbar und akzeptiert ist; Böses zu-
zulassen würde zur Folge haben, dass sie aufhört, die Einheit des Geistes zu sein. Sie ist keine bloße Einheit von Christen, die viele herbeiführen möchten, häufig unter Ablehnung der Wahrheit des Leibes Christi ... Gott verbindet Einheit mit Christus, und nicht Christus mit Einheit! Dann muß sie auch in ihrem Wesen Ihm treu sein, dessen Leib sie ist; sie muß praktischerweise heilig und wahrhaftig sein (Offb 3,7)."

Wir wollen auch noch kurz bemerken, dass uns durch den Geist Gottes eine göttliche Einheit von Lehre und Praxis im l. Korintherbrief niedergelegt ist. Und das nicht nur für die Versammlung in Ko-rinth, sondern für alle Versammlungen (vgl. l.Kor 1,2). Um also die Einheit des Geistes zu bewahren, muß unter den einzelnen Versammlungen Einheitlichkeit in Lehre und allgemeiner Praxis bestehen und eine gegenseitige Anerkennung als in dieser göttlichen Einheit stehend. Die „Einheit des Geistes" kann nicht verwirklicht werden, wenn Versammlungen in Unabhängigkeit voneinander für sich selbst stehen und handeln. Die Wahrheit von dem einen Leib und dem einen Geist verlangt also, dass Versammlungen auf dem Boden dieser göttlichen Einheit stehen und dass sie diese Beziehung der Einheit untereinander auch anerkennen und zu verwirklichen suchen. Das Prinzip unabhängiger Versammlungen steht also in schärfstem Gegensatz und Widerspruch zu der göttlichen Ermahnung, „die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens". Es ist also schriftwidrig und schafft Entzweiung.

Die Lehre der Korintherbriefe
Der erste Korintherbrief ist in ganz besonderer Weise der Brief über die Ordnung der Versammlung. In bezug auf die Frage, welche Beziehungen zwischen Versammlungen von Gläubigen bestehen sollten, wollen wir uns daher zu unserer Unterweisung diesem Brief zuwenden.

In Kapitel 1,2 sehen wir, dass schon gleich zu Beginn dieses Briefes der Grundsatz der Einheit der Versammlungen gelehrt wird, denn Paulus richtet diesen Brief an die " Versammlung Gottes, die in Korinth ist. ... samt allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, sowohl ihres als unseres Herrn " .Er betrachtet die Versammlung in Korinth nicht als unabhängig von anderen Versammlungen an anderen Orten dastehend, sondern er verbindet sie mit "allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen " .Und was noch mehr ist: Dieser wichtige Brief über die Versammlungsordnung sollte nach seiner Absicht nicht nur für die Gläubigen in Korinth gelten, sondern für alle Gläubigen überall.

In Kapitel 4,17 sagt der Apostel, er habe Timotheus zu ihnen gesandt, "der wird euch erinnern an meine Wege, die in Christo sind, gleichwie ich über- all in jeder Versammlung lehre". In der Lehre und in den Wegen des Apostels war Einheitlichkeit und Gleichheit; er tat und lehrte in jeder Versammlung dasselbe und stellte dadurch den Gläubigen ein Beispiel der Einheit vor, die in Lehre und Praxis unter den Versammlungen bestehen sollte.

Wenn wir zu Kapitel 7 weitergehen, wo die Frage des Heiratens aufgegriffen wird, so sagt der Apostel dort in Vers 17: "Doch wie der Herr einem jeden ausgeteilt hat, wie Gott einen jeden berufen hat, also wandle er; und also verordne ich in allen Versammlungen. " Auch hinsichtlich der ehelichen Beziehungen sollte es in allen Versammlungen nur eine Lehre und Praxis geben.

In Kapitel 11,3-16 dann, wo es darum geht, dass eine Frau, wenn sie betet oder weissagt, ihren Kopf bedeckt, sagt Paulus in Vers 16: "Wenn es aber jemand gut dünkt, streitsüchtig zu sein, so haben wir solche Gewohnheit nicht, noch die Versammlungen Gottes. " Unter allen Versammlungen gab es nur eine Praxis und Ordnung im Blick auf das Tragen von Kopfbedeckungen bei Frauen.

In Kapitel 14,33 schreibt der Apostel: "Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens, wie in allen Versammlungen der Heiligen." In allen Versammlungen sollte alles "anständig und in Ordnung" (Vers 40) und in Frieden vor sich gehen.

Einen weiteren Hinweis auf die Einheit sehen wir in Kapitel 16,1.2: "Was aber die Sammlung für die Heiligen betrifft: Wie ich den Versammlungen von Galatien verordnet habe, also tut auch ihr. An jedem ersten Wochentag lege ein jeder von euch bei sich zurück und sammle auf, jenachdem er Gedeihen hat. " Sogar im Blick auf diese gewöhnliche Angelegenheit der Sammlungen sollte es unter den Versammlungen von Galatien und unter allen anderen eine einheitliche Handhabung geben: dass die Gläubigen an dem ersten Tag der Woche etwas bei sich zurücklegten, jenachdem Gott ihnen Gedeihen gegeben hatte.

In Kapitel 16,19 lesen wir: "Es grüßen euch die Versammlungen Asiens"; auch hier haben wir wieder den kollektiven Gesichtspunkt.

Wenn wir zum 2. Korintherbrief übergehen, finden wir, dass er gerichtet ist an die " Versammlung Gottes, die in Korinth ist, samt allen Heiligen, die in ganz Achaja sind" (Kap 1,1). Paulus verbindet hier die Versammlung von Korinth mit allen Heiligen der Provinz Achaja, zu der auch Korinth gehörte. Er sah sie nicht als unabhängige Versammlungen an, sondern als eins in ganz Achaja.

In 2. Korinther 11,28 haben wir eine weitere Anspielung auf die Einheit. Wenn Paulus dort von seinem Weg der Leiden spricht, sagt er: „...außer dem, was außergewöhnlich ist, noch das was täglich auf mich andringt: die Sorge um alle Versammlungen.“ In dem Herzen dieses treuen Knechtes Gottes waren die Versammlungen alle eins, und er trug Sorge für sie alle.

Bezeugen diese vielen Stellen nicht deutlich, dass der inspirierte Apostel den Grundsatz der Einheit der Versammlungen lehrte und praktizierte? Man muss schon willentlich blind sein, wenn man das aus den eben angeführten Versen dieser beiden Briefe nicht sieht.

Wir haben hier also in diesen beiden Briefen, wie ein anderer treffend gesagt hat, "erstens die örtliche Versammlung, den wichtigsten Bereich aller praktischen Gemeinschaft mit ihren Verantwortlichkeiten wie Zucht und ähnlichem; zweitens die umliegenden Versammlungen dieses Gebietes, die als erste davon berührt werden, wenn in einer örtlichen Versammlung ein Schaden eintritt; und drittens die ganze Versammlung überall, die äußerste Grenze, bis zu der sich ein solcher Schaden auswirken mag" (F. B. Hole). Zuallererst ist da eine örtliche Verantwortlichkeit und dann eine gemeinsame Verantwortlichkeit der Versammlungen eines Gebietes oder Landes und mit allen Versammlungen an allen Orten, ein gemeinsames und einheitliches Zeugnis für Christus aufrechtzuerhalten.

Die Versammlungen von Galatien

Wir finden auch, dass der Galaterbrief nicht an eine Versammlung gerichtet war, sondern "den Versammlungen von Galatien " (Kap 1,2) galt. Für Paulus waren sie alle ein einheitliches Zeugnis für Christus, welches Satan von der Hoffnung des Evangeliums abzuziehen trachtete, und der Apostel schrieb seinen Brief ihnen allen.

Römer 16

In den vielen Grüßen dieses Kapitels sehen wir die herzliche Verbundenheit zwischen den Arbeitern in Griechenland und den Heiligen in Rom. Und in Vers 16 haben wir dann in dem Ausdruck: „Es grüßen euch alle Versammlungen des Christus“ den gleichen gemeinschaftlichen Gesichts- punkt der Versammlungen, wie wir ihn schon in den Korintherbriefen und im Galaterbrief gefunden haben.

Die Apostelgeschichte

In Kapitel 8 sehen wir, wie die Gläubigen von Samaria durch das Hinabkommen von Petrus und Johannes und dadurch, dass sie durch das Hände-Auflegen der Apostel den Heiligen Geist empfingen, in glückliche Gemeinschaft mit den Gläubigen von Jerusalem gebracht wurden. Von jeher gab es zwischen Jerusalem und Samaria eine Rivalität; und diese Rivalität wäre wohl größer denn je zuvor geworden, wenn die Gläubigen an diesen Orten gesondert und voneinander unabhängig gesegnet worden wären. Samaria musste Jerusalem anerkennen. Es durfte keinen Raum für Unabhängigkeit geben.

In Kapitel 9,31, nach der Bekehrung des Saulus von Tarsus, lesen wir: "So hatten denn die Versammlungen durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria hin Frieden und wurden erbaut und wandelten in der Furcht des Herrn und wurden vermehrt durch den Trost des Heiligen Geistes." Zeigt das nicht eine Einheit der Versammlungen in all diesen Gegenden? Wie hätte das auch anders sein können, wenn sie in der Furcht des Herrn und in dem Trost des Heiligen Geistes wandelten?

Wenn wir dann weitergehen zu Kapitel 15, finden wir dort ein anschauliches Beispiel dafür, wie die neutestamentlichen Versammlungen in Einheit handelten und was sie taten, als diese Einheit bedroht wurde. Etliche von Judäa bestanden in Antiochien darauf, dass die Gläubigen aus den Nationen beschnitten werden und das Gesetz Moses halten sollten. Nachdem Paulus und Barnabas viel Wortwechsel mit ihnen gehabt hatten, wurde beschlossen, dass diese beiden Brüder mit einigen anderen aus Antiochien zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen sollten wegen dieser Frage. Dort wurde auf einer gemeinsamen Besprechung diese Angelegenheit entschieden und für die Gläubigen sowohl aus den Juden als auch aus den Nationen der Wille des Herrn festgestellt. Briefe wurden geschrieben und durch Männer, die aus den Aposteln und Ältesten samt der ganzen Versammlung zu Jerusalem auserwählt wurden, den Brüdern aus den Nationen in Antiochien und Syrien und Cilicien übersandt. Als dieser Brief den Gläubigen in Antiochien vorgelesen wurde, "freuten sie sich über den Trost" (Vers 31). Eine Trennung zwischen den Versammlungen war durch gemeinsames Beraten und gemeinsames Handeln verhindert worden, und das Ergebnis war Freude und Trost.

Kein Gedanke daran, dass Antiochien in einer Weise handeln und nach der freien Gnade Gottes Gläubige aus den Nationen aufnehmen und Jerusalem anders handeln und die Nationen nicht zulassen würde. Wir finden nichts von einer solchen Unabhängigkeit. Keine Spur einer derartigen Unordnung und Unabhängigkeit finden wir in der ganzen Heiligen Schrift, sondern im tatsächlichen Handeln und in der Lehre wird auf jedem denkbaren Beweis beharrt, dass da e i n Leib auf der Erde ist, dessen Einheit die Grundlage jedes Segens ist, und dass es die Aufgabe jedes Gläubigen ist, diese Einheit aufrechtzuerhalten.

Wenn wir auch heute keine Apostel mehr haben und auch kein „Jerusalem“, wie in Apostelgeschichte 15, so finden wir in dieser Begebenheit doch einen wichtigen Grundsatz niedergelegt, den wir durch alle Zeiten hindurch beachten und befolgen sollten. Es ist dies, dass solche Fragen, die die Versammlung als Ganzes betreffen, entschieden werden sollten in gemeinsamer Besprechung von Brüdern aus den einzelnen Versammlungen, die dazu beauftragt wurden und die gemeinsam in Gebet und Beratung die Führung des Herrn in dieser Sache suchen. Versammlungen oder einzelne Gläubige haben kein Recht, in solchen Dingen, die die Versammlung als Ganzes berühren, unabhängig zu handeln. Wir müssen uns befleißigen, "die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens", und das "mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander ertragend in Liebe" (Eph 4,2.3). " Wo keine Führung ist, verfällt ein Volk; aber Heil ist bei der Menge der Ratgeber" (Spr 11,14). [1]

Wir denken, dass wir das Obengesagte aus Apostelgeschichte 15 lernen sollten. Der Leser mag selbst urteilen, ob der folgende Kommentar über dieses Kapitel schriftgemäß ist:

„Das Konzil zu Jerusalem (Apg 15), wo die Apostel und Ältesten eine Angelegenheit der christlichen Freiheit für die Gläubigen aus den Nationen entschieden, findet in unseren Tagen kein Gegenstück mehr, denn die neutestamentlichen Schriften sind nun vollständig, und wir besitzen sie als unsere Führung in allen Fragen“ (Die Versammlung Gottes von F. Ferguson). Derselbe Schreiber sagt: „Jede örtliche Versammlung steht für sich selbst. ..und es gibt auch keinen Zusammenschluss von Versammlungen eines Landes, eines Gebietes oder einer Gegend.“

Diese Gedanken zeigen, wie viel von der Heiligen Schrift von solchen, die den Grundsatz unabhängiger Versammlungen angenommen haben, abgelehnt und einfach übergangen wird. Ein anderer Diener des Herrn, der auch an der Unabhängigkeit von Versammlungen festhält, hat dem Schreiber einmal gesagt, er glaube nicht, dass die Apostel und Ältesten in Apostelgeschichte 15 durch den Heiligen Geist geleitet gewesen seien, als sie so zur Beratung zusammengekommen sind. Was für eine Dreistigkeit und Verwerfung des Wortes Gottes, nur um ein Prinzip des Eigenwillens aufrechtzuerhalten! Die Apostel und Ältesten konnten sagen: "Denn es hat dem Heiligen Geiste und uns gut geschienen. . .“ (Vers 28).

Zusammenfassung

Wir sehen also, dass in der Zeit des Neuen Testaments unter den Versammlungen ein praktisches Band aktiver Gemeinschaft in der Wahrheit bestand, erhalten und gestärkt durch die wirksame Kraft des Heiligen Geistes. Es gab einen Kreis von Versammlungen von Kindern Gottes in Gemeinschaft untereinander, von welchem alle ausgeschlossen waren, die nicht zu der Gemeinschaft des einen Leibes gehörten. Sie lebten nicht nur in der Anerkennung der Wahrheit des einen Leibes, sondern in der tatsächlichen Betätigung der Liebe und Zuneigung in dem einen Geist. Wir finden bei den neutestamentlichen Versammlungen weder in der Lehre noch in der Praxis Hinweise auf Unabhängigkeit, auch nicht die geringste Andeutung der heutigen Lehre, dass jede örtliche Versammlung für sich selbst stehe. Diese Lehre der Unabhängigkeit hat sich der Mensch erdacht, und sie muss als nicht von Gott kommend abgelehnt werden.

[1]: Doch müssen wir dabei bedenken, dass nur einer örtlichen Versammlung, die sich zu Seinem Namen hin versammelt, die Autorität gegeben ist, für den Herrn entsprechend Seinem Wort zu handeln. Wenn es auch notwendig ist, dass Brüder sich in gemeinsamen Besprechungen beraten, so ist ihnen als Brüdern jedoch nicht die Autorität verliehen, Entscheidungen zu treffen, an die alle gebunden sind. Das ist allein das Vorrecht einer örtlichen Versammlung, die in dem Namen des Herrn und in Übereinstimmung mit Seinem Wort handelt.

Gebunden auf der Erde

Der Grundsatz der Einheit im Handeln wird auch in den Worten unseres Herrn in Matthäus 18,18 angedeutet: „Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein." In den vorangehenden Versen hatte Christus von Zucht gesprochen und von jemandem, der nicht auf die Versammlung hören oder seine Sünde gegenüber seinem Bruder bereuen würde. Ein solcher muß aus der Versammlung hinausgetan und seine Sünde als Zuchtmaßnahme auf ihn gebunden werden.

Die Allgemeingültigkeit der Zucht

Dieses verwaltungsmäßige Handeln des Bindens oder Lösens von Sünden durch solche, die sich zum Namen des Herrn Jesus Christus hin versammeln, hat entsprechend den Worten des Herrn Geltung auf der Erde und im Himmel. Beachten wir, daß der Herr nicht sagt: „Was irgend ihr in der Versammlung binden werdet, wird im Himmel gebunden sein", sondern: „Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein." Der Ausdruck „auf der Erde" umfaßt gewiß mehr als die örtliche Versammlung, in der die Zucht ausgeübt wird. Diese Worte Christi zeigen, daß die Zuchthandlung einer Versammlung, die im Namen des Herrn geschieht, für alle anderen Versammlungen auf der Erde verbindlich ist. Was in einer Versammlung in Übereinstimmung mit Seinem Wort gebunden wird, ist auf der ganzen Erde gebunden und wird im Himmel anerkannt und ist daher als solches von allen Versammlungen zu akzeptieren. Das nicht zu tun hieße, die Einheit des Leibes Christi zu leugnen und als unabhängige Versammlungen im Widerspruch zu den Worten des Herrn zu handeln, daß das Handeln einer örtlichen Versammlung ein Binden auf der Erde und im Himmel ist.Wenn jemand auf schriftgemäße Weise von einer örtlichen Versammlung ausgeschlossen wird, so befindet er sich außerhalb der Versammlung Gottes auf Erden und muß angesehen werden als von jeder Versammlung anderswo ausgeschlossen. Wie wir schon vorher gesagt haben, repräsentiert die örtliche Versammlung die gesamte Versammlung Gottes und handelt für die Versammlung als solche und nicht lediglich für sich selbst an dem betreffenden Ort. Durch die Worte des Herrn in Matthäus 18,18 wird also die Einheit der Versammlungen untereinander im Handeln in Zuchtfragen gelehrt.

J. N. Darby formuliert treffend: „Nehmen wir einmal an, wir würden hier am Ort eine Person ausschließen, und ihr nehmt sie in S. auf; dann habt ihr uns offensichtlich abgesprochen, im Namen Christi zusammenzukommen und in Seiner Autorität zu handeln, und gerade davon hängt eine Zuchthandlung ab. Ferner würde dadurch auch die Einheit des Lei- bes völlig geleugnet werden. Es ist klar, daß ich nicht in Treue gegen Christus hier am Ausschluß einer Person beteiligt sein kann, um dann an einem anderen Ort gemeinsam mit ihr das Brot zu brechen. Brüder, die in dem Namen des Herrn vereint sind, sind nicht unfehlbar, und ein Einspruch mag berechtigt und angebracht sein; aber wenn eine Person an einem Ort aufgenommen wird, die an einem anderen Ort hinausgetan wurde, dann haben Einheit und gemeinsames Handeln offensichtlich aufgehört ... Wie kann ich denn dafür sein, hier am Ort jemanden hinauszutun und ihn in S. aufzunehmen? So etwas bewußt zu tun, ist doch unmöglich. Wenn ich hier mit ihm nicht in Gemeinschaft bin, anderswo aber wohl, dann ist die Einheit des Leibes dahin. Und wo bleibt da die Autorität des Herrn?"

Falsches Handeln

Daß eine Versammlung in ihren Zuchthandlungen versagt und verkehrte Entscheidungen trifft, ist möglich. Ein niedriger moralischer Zustand mag dazu führen, daß man die Gedanken Gottes verkennt und daß die daraus resultierenden Handlungen korrigiert werden müssen. Doch sollte das Handeln einer Versammlung, auch wenn es fragwürdig erscheint, zunächst einmal von anderen Versammlungen respektiert werden. Keine Versammlung hat das Recht, das Urteil einer anderen Versammlung sofort beiseite zu setzen, weil sie es für ungerechtfertigt hält. Das wäre unabhängiges Handeln. Es wäre sicher ein Leugnen der Wahrheit von dem einen Leib in der Praxis und ausgesprochene Unabhängigkeit, wenn eine örtliche Versammlung sich anmaßen wollte, das Handeln anderer Versammlungen zu beurteilen und zu entscheiden, ob sie deren Entscheidungen anerkennen will oder nicht.

Wir denken, daß die folgenden Auszüge aus den Schriften des geschätzten Knechtes Christi, J. N. Darby, den Weg zeigen, den wir im Blick auf Versammlungsentscheidungen und Versammlungsbeziehungen gehen sollten: „Ich habe immer gefunden, daß es der Weg der Weisheit ist und auch das, was Gott anerkennt, wenn das Handeln einer Versammlung zunächst einmal anerkannt wird ... Selbst wenn ich das Urteil einer Versammlung für falsch halte, sollte ich es zunächst einmal akzeptieren und danach handeln. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es der Weg Gottes ist, das Urteil einer Versammlung Gottes zu respektieren, während man frei ist, Einwände vorzubringen und darum zu bitten, das Urteil zu überdenken." (Letters, Vol. 2, S. 399, 132, New Edition)

„Aber obwohl eine örtliche Versammlung tatsächlich ihre eigene Verantwortlichkeit hat und obwohl ihre Handlungen — wenn sie von Gott sind — die anderen Versammlungen als in der Einheit des einen Leibes stehend binden, so wird doch durch diese Tatsache nicht eine andere Tatsache von höchster Wichtigkeit beiseite gesetzt, die viele zu vergessen scheinen, nämlich die Tatsache, daß Brüder aus anderen Orten ebenso die Freiheit haben wie die Brüder der örtlichen Versammlung, ihre Stimme zu Gehör zu bringen, wenn Angelegenheiten einer Versammlung der Heiligen besprochen werden, obwohl sie nicht zu dieser örtlichen Versammlung gehören mögen. Dieses abzulehnen wäre in der Tat eine schwerwiegende Leugnung der Einheit des Leibes Christi.

Überdies können das Gewissen und der moralische Zustand einer örtlichen Versammlung derart sein, daß sie Unwissenheit oder zumindest ein unvollkommenes Verständnis verraten über das, was Christus und Seiner Ehre angemessen ist. All dies schwächt das Verständnis derart, daß keine geistliche Kraft zur Unterscheidung des Guten sowohl als auch des Bösen mehr bleibt. Es ist auch möglich, daß in einer Versammlung Vorurteile, Voreingenommenheit oder Hast und der Einfluß eines einzelnen oder mehrerer das Urteil der Versammlung fehlleiten und dazu führen, daß ungerechtfertigte Zucht geübt und dadurch einem Bruder schweres Unrecht zugefügt wird.

Wenn das der Fall ist, dann ist es ein echter Segen, wenn geistliche und weise Männer aus anderen Versammlungen einschreiten und versuchen, das Gewissen der Versammlung wachzurütteln; oder auch, wenn sie auf die Bitte dieser Versammlung oder solcher kommen, denen diese Angelegenheit jetzt die größten Schwierigkeiten bereitet. In einem solchen Fall sollte ihr Eingreifen durchaus nicht als Einmischung betrachtet, sondern im Namen des Herrn angenommen und anerkannt werden. Auf andere Art zu handeln, hieße, Unabhängigkeit zu sanktionieren und die Einheit des Leibes Christi zu leugnen.

Doch sollten Brüder, die in dieser Weise kommen und sich einschalten, nicht ohne die übrigen Geschwister der Versammlung handeln, sondern den Gewissen aller Rechnung tragen.
Wenn eine örtliche Versammlung alle Bedenken zurückgewiesen hat und sich weigert, die Hilfe und das Urteil anderer Brüder anzunehmen, wenn die Geduld erschöpft ist, dann ist eine andere Versammlung, die mit dieser in Gemeinschaft war, berechtigt, deren verkehrte Handlung als ungültig zu erklären und die Person aufzunehmen, die fälschlicherweise hinausgetan worden ist. Wenn wir jedoch bis zu diesem Äußersten getrieben worden sind, dann ergibt sich aus dieser Schwierigkeit die Frage, ob die Gemeinschaft mit der Versammlung, die verkehrt gehandelt hat und dadurch von sich aus die Gemeinschaft mit den übrigen Versammlungen, die in der Einheit des Leibes handeln wollen, gebrochen hat, noch aufrechterhalten werden kann. Solche Maßnahmen können jedoch nur nach großer Sorgfalt und viel Geduld ergriffen werden, damit die Gewissen aller darin übereinstimmen, daß ein solches Handeln von Gott ist.

Ich möchte die Aufmerksamkeit auf diese Fragen lenken, weil die Neigung vorhanden sein könnte, einer jeden örtlichen Versammlung Unabhängigkeit im Handeln zuzugestehen, indem man es ablehnt, das Einschreiten von Brüdern zuzulassen, die zwar in Gemeinschaft sind, aber aus anderen Orten kommen." (Übersetzt aus Messager Evangelique 1872)

Die sieben Versammlungen von Kleinasien

Immer wieder wird von solchen, die die Auffassung vertreten, Versammlungen seien unabhängig voneinander, auf die Sendschreiben an die sieben Versammlungen in Kleinasien (Offb 2 und 3) zur Rechtfertigung ihres Handelns verwiesen. Sie betonen, dass der Herr jede Versammlung einzeln und persönlich anspricht und z. B. die Versammlung von Ephesus nicht für die Fehler und die Ungerechtigkeit der Versammlung von Pergamus oder Thyatira tadelt, oder umgekehrt. Daraus schließen sie, dass wir nicht für das verantwortlich sind, was in anderen Versammlungen vor sich geht, sondern dass jede Versammlung nur Christus, ihrem Haupt, für ihre eigenen Angelegenheiten verantwortlich ist. Wir wollen diese Aussagen untersuchen und sehen, ob sie mit der Wahrheit der ganzen Heiligen Schrift in Übereinstimmung stehen.
Als erstes müssen wir sagen, dass das Buch der Offenbarung uns keine Kirchenordnung oder Versammlungsgrundsätze lehrt. Das ist nicht das Ziel dieses Buches. Wenn wir auch aus diesen ersten drei Kapiteln der Offenbarung, die uns ja tatsächlich die prophetische Geschichte der bekennenden Kirche geben, gewiss viel nützliche Wahrheit über den Weg oder die Entwicklung der Versammlung lernen können, so müssen wir uns doch zu der Apostelgeschichte und den Briefen des Paulus wenden, um die vollen Unterweisungen über die Versammlung und ihre Ordnung und die Grundsätze für ihr Verhalten und Handeln zu empfangen.

Wir haben dies schon in den vorhergehenden Abschnitten betrachtet und dabei festgestellt, dass an keiner Stelle Unabhängigkeit im Handeln gelehrt wird oder praktiziert wurde. Vielmehr haben wir die Lehre der Einheit und der gemeinschaftlichen Verantwortlichkeit sowie des gemeinsamen Handelns darin gefunden.

Örtliche Verantwortlichkeit

Nun ist es selbst- verständlich gewiss wahr, dass jede Versammlung für das, was in ihrer Mitte geschieht, in erster Linie Christus, ihrem Haupt, verantwortlich ist. Es gibt zuallererst eine örtliche Verantwortung jeder einzelnen Versammlung, die Heiligkeit des Herrn und die schriftgemäße Ordnung in ihrem eigenen Zuständigkeitsbereich aufrechtzuerhalten. Deshalb ist es ganz natürlich, dass wir finden, wie der Herr die sieben Versammlungen von Kleinasien gesondert anspricht und jeder einzelnen gegenüber das hervorhebt, was Er bei ihr gutheißen kann und was mit Seiner Heiligkeit und Seinen Wünschen nicht in Übereinstimmung ist. Doch die ganze Wahrheit in dieser Angelegenheit ist, dass die Verantwortlichkeit nicht mit dem örtlichen Bereich der Versammlung endet.

Kollektive Verantwortlichkeit

Ebenso wie es eine örtliche Verantwortlichkeit gibt, die Wahrheit des Wortes Gottes aufrechtzuerhalten, so gibt es auch eine gemeinsame Verantwortung darin. Das folgt aus der Tatsache, dass wir alle Glieder des einen Leibes Christi sind. Die einzelnen Versammlungen sind jeweils ein Teil dieses einen Leibes, daher können sie nicht als viele örtliche, voneinander unabhängige Leiber existieren. Sie sind örtliche Darstellungen des einen Leibes Christi auf .Erden; und die Interessen des ganzen Leibes sollten auch die Interessen und das Anliegen jeder örtlichen Versammlung sein.

Wenn wir nun direkt auf die Botschaften an die sieben Versammlungen Kleinasiens eingehen, so finden wir, dass der Herr nicht nur jede einzelne Versammlung für ihren eigenen, inneren Zustand verantwortlich macht, sondern dass Er auch am Ende jeder Botschaft hinzufügt: "Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Versammlungen sagt." Beachten wir, dass Er nicht sagt: „ ...was der Geist zu euch sagt“, oder: „...was der Geist der Versammlung sagt“, sondern: „ ...was der Geist den Versammlungen sagt.“ Hier steht die Mehrzahl, und sie weist auf die gemeinsame Verantwortung und die Einheit der Versammlungen hin.

Ephesus sollte nicht nur auf das hören, was der Herr der Versammlung an diesem Ort zu sagen hatte, sondern was durch den Geist allen Versammlungen Kleinasiens gesagt wurde. Und das galt auch für die übrigen Versammlungen; sie sollten genauso auf das hören, was der Geist den anderen Versammlungen sagt, wie auf das, was Er ihnen selbst zu sagen hatte. Sie sollten weder unwissend noch gleichgültig sein im Blick auf den Zustand jeder einzelnen anderen Versammlung. Jede einzelne sollte wissen, was der Geist Gottes über das Verkehrte oder Böse in jeder der anderen Versammlungen zu sagen hatte, und sie hatten darin eine gemeinsame Verantwortung.

Wenn in Thyatira das dort vorhandene Böse, auf das der Herr hingewiesen hatte, nicht beseitigt werden würde, könnten dann Smyrna oder Philadelphia Einzelne aus dieser Versammlung bei sich aufnehmen Jeder Heilige dorthin empfehlen? Ganz gewiss nicht, denn das zu tun würde Gemeinschaft bedeuten und eine Verbindung mit dem, was der Herr als böse verurteilt hatte. Verbindung mit Bösem verunreinigt. "Wisset ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig die ganze Masse durchsäuert?" (1. Kor 5,6).

Der Appell an die Überwinder

In jedem einzelnen Sendschreiben an die verschiedenen Versammlungen in Kleinasien wird der Überwinder aufgefordert, das zu hören, was der Geist den Versammlungen sagt. Solche würden die Botschaft des Geistes beherzigen und das Böse hinaustun oder aber sich selbst von dem Bösen absondern. Wenn die Versammlung sich nicht selbst richten und das Böse hinaustun würde, dann wären die abgesonderten Überwinder die einzigen, auf die sich die Gemeinschaft in Gerechtigkeit und Heiligkeit erstrecken könnte.

Konnte die Versammlung von Ephesus noch als Versammlung anerkannt oder einzelne aus ihrer Mitte aufgenommen oder dorthin empfohlen werden, nachdem der Herr den Leuchter aus Ephesus weggerückt hatte – wie Er es angekündigt hatte, falls sie nicht Buße täten? Gewiss nicht! Nur die abgesonderten Überwinder konnten von den Überwindern der anderen Versammlungen anerkannt und in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Dies würde die Zustimmung des Herrn finden.
Wir finden in den Sendschreiben an die sieben Versammlungen also nichts, was den Gedanken unabhängiger Versammlungen stützen würde; vielmehr sehen wir auch hier die einheitliche Lehre der Schrift von der Einheit und der gemeinsamen Verantwortlichkeit von Versammlungen.

Beispiele für Einheit im Volk Israel

Im Alten Testament hatte Gott das Volk Israel als Sein Volk anerkannt. Sie waren Seine Auserwählten, und Er war ihr Gott und wohnte in ihrer Mitte. Im Neuen Testament bildet Gott die Versammlung aus allen Nationen und erkennt diese Versammlung als Sein Volk und Seinen Wohnort an. Wir haben schon zuvor herausgestellt, daß die neutestamentliche Versammlung gekennzeichnet war durch Einheit in den Grundsätzen und im Handeln. Wir werden aber auch finden, daß der Grundsatz der Einheit die Absicht Gottes für das Volk Israel war, und daß die Einheit der zwölf Stämme im Alten Testament immer wieder nachdrücklich betont wird.

Da uns im Neuen Testament gesagt wird, daß „alles, was zuvor geschrieben ist, zu unserer Belehrung geschrieben ist", und daß „alle diese Dinge" in Israel Vorbilder zu unserer Ermahnung und „Schatten der zukünftigen Güter" sind (Rom 15,4; l.Kor 10,11; Hebr 10,1), ist es wichtig, daß wir diesen Grundsatz der Einheit in Israel beachten. Denn wenn Israel als Nation eins war, wieviel mehr ist dann der Leib Christi, die Versammlung, eins! Und wenn Unabhängigkeit schon in Israel verkehrt war, wieviel mehr muß sie dann in der Versammlung Gottes verkehrt sein! Beispiele für die Einheit des Volkes Israel sind von C. H. Mackintosh trefflich zusammengestellt worden:

„Das Volk war eins - Die einzelnen Städte und Stämme waren nicht unabhängig voneinander; sie waren verbunden durch ein heiliges Band nationaler Einheit - einer Einheit, die ihren Mittelpunkt in dem Ort der Gegenwart Gottes hatte. Die zwölf Stämme Israels waren untrennbar miteinander verbunden. Die zwölf Schaubrote auf dem goldenen Tisch im Heiligtum stellten das wunderbare Bild dieser Einheit dar, und jeder wahre Israelit erkannte diese Einheit an und erfreute sich daran. Die zwölf Steine im Flußbett des Jordan, die zwölf Steine auf der anderen Seite des Jordan, die zwölf Steine Elias auf dem Berg Karmel - sie alle stellen die gleiche großartige Wahrheit vor - die unauflösliche Einheit der zwölf Stämme Israels.

Der gottesfürchtige König Hiskia erkannte diese Wahrheit ebenfalls an, als er befahl, daß das Brandopfer und das Sündopfer für ganz Israel gebracht werden sollte (2. Chron 29,24). Der treue Josia anerkannte diese Wahrheit und handelte danach, als er seine Bestrebungen der Erneuerung auf alle Länder, welche den Kindern Israel gehörten, ausdehnte (2. Chron 34,33)- Paulus bezeugte in seiner großen Rede vor dem König Agrippa dieselbe Wahrheit, als er sagte: «... zu welcher (Verheißung) unser zwölfstämmiges Volk, unablässig Nacht und Tag Gott dienend, hinzugelangen hofft» (Apg 26,7).

Und wenn wir vorausblicken in die strahlende Zukunft, dann finden wir in Offenbarung 7 dieselbe wunderbare Wahrheit in himmlischem Glanz. Dort sehen wir - in Verbindung mit einer zahllosen Menge aus den Nationen - die zwölf Stämme versiegelt und geborgen für die ewige Segnung und Herrlichkeit. Und schließlich sehen wir in Offenbarung 21 die Namen der zwölf Stämme eingraviert in die Tore der heiligen Stadt Jerusalem, des Sitzes und Mittelpunkts der Herrlichkeit Gottes und des Lammes.

Wir haben also von dem goldenen Tisch im Heiligtum bis hin zu der goldenen Stadt, die aus dem Himmel herniederkomrnt von Gott, eine wunderbare, ununterbrochene Kette von Zeugnissen für die große Wahrheit der unauflöslichen Einheit der zwölf Stämme Israels. Wenn man nun fragen würde, wo diese Einheit zu sehen ist, oder wie Elia, Hiskia, Josia oder Paulus sie erkennen konnten, dann ist die Antwort darauf ganz einfach: Sie sahen sie durch Glauben! Sie blickten in das Heiligtum Gottes und sahen dort auf dem goldenen Tisch die zwölf Schaubrote, die zum Ausdruck brachten, daß die zwölf Stämme vollkommen unterschieden waren und doch eine vollkommene Einheit bildeten. Wie schön! Die Wahrheit Gottes besteht in Ewigkeit. Die Einheit Israels wurde in der Vergangenheit gesehen, und sie wird in der Zukunft gesehen werden. Und wenn diese Einheit auch jetzt -gleich der höheren Einheit der Versammlung - nicht zu sehen ist, so hält doch der Glaube an ihr fest und bekennt sich auch angesichts zehntausend feindlicher Einflüsse zu ihr" (Gedanken zum 5. Buch Mose, CHM).

Bei Jericho - In der Angelegenheit der Sünde Achans bei Jericho sehen wir, wie Gott mit Israel in Zucht handelt auf der Grundlage ihrer nationalen Einheit. Als Achan aus dem Stamm Juda das Gebot übertrat und von dem Verbannten aus Jericho nahm, entbrannte der Zorn des HERRN wider die Kinder Israel, und Er ließ sie in dem Kampf um Ai eine Niederlage erleiden. Als Josua dann darüber zum HERRN rief, antwortete Er: „Israel hat gesündigt, und auch haben sie meinen Bund übertreten... und auch haben sie von dem Verbannten genommen" (Jos 7,11).

Das Böse war nicht eine Sache, die nur Achan oder sein Maus oder seinen Stamm betraf, sondern es berührte ganz Israel. Gott hielt ganz Israel dafür verantwortlich, denn alle Stämme zusammen bildeten eine Nation. In Seinen Augen war die ganze Nation mit der Sünde Achans identifiziert und dadurch verunreinigt worden. Nicht nur die Familie Achans oder der Stamm Juda waren es, die sich verunreinigt hatten und dafür verantwortlich gemacht wurden, sondern ganz Israel. Deshalb steinigte ganz Israel ihn (Jos 7,25) und tat so das Böse hinweg. Danach wandte sich der Zorn des HERRN, und Er war wieder mit Israel.

Derselbe Grundsatz ist heute auf die Versammlung Gottes und auf einzelne Örtliche Versammlungen anzuwenden. Wenn ein Einzelner in einer Versammlung gesündigt hat, dann ist die ganze Versammlung dadurch verunreinigt und verantwortlich, sich damit zu beschäftigen - sonst kann Gott nicht länger mit dieser Versammlung sein. So auch, wenn in einer Versammlung Böses geduldet wird; alle Versammlungen, die mit dieser Versammlung in Gemeinschaft sind, werden dadurch verunreinigt und müssen das Böse richten. Wie Israel eins war, so ist auch die Versammlung eins, und es gibt eine entsprechende Verantwortlichkeit. Gottes Grundsätze ändern sich nie; die Lektion, die Gott Israel bei Jericho erteilte, ist auch eine Lektion für die Versammlung, und sie wird durch die Belehrungen des Neuen Testaments bestätigt.

Böses in einer Stadt - In 5.Mose 13,12-15 wurde Israel darüber unterwiesen, wie es handeln sollte, wenn es von Götzendienst in einer ihrer Städte hören würde. Es mußte genau untersucht werden, und wenn sich der Bericht als wahr erwies und die Sache feststand, so mußten die Bewohner jener Stadt mit der Schärfe des Schwertes geschlagen und die Stadt gänzlich zerstört werden. Es durfte beispielsweise nicht irgend jemand aus dem Süden Israels sagen: „Was haben wir mit dem Bösen dort im Norden oder in dieser oder jener Stadt zu schaffen? Bei uns ist dieses Böse nicht gelehrt worden. Jede Stadt ist für die Aufrechterhaltung der Wahrheit in ihrem eigenen Bereich verantwortlich. Das ist eine örtliche Angelegenheit; wir fühlen uns nicht verantwortlich, uns in ihre Angelegenheiten einzumischen".

Eine solche Sprache wäre eine Leugnung der Einheit Israels gewesen. Das Böse war in einer Stadt Israels aufgetreten, und wenn eine andere Stadt zu Israel gehörte, dann wurde das Böse so betrachtet, als wäre es auch unter deren Bewohnern. Außerdem war es die ausdrückliche Anweisung Gottes: „Wenn du ... hörst ... so sollst du genau untersuchen und nachforschen und fragen ..." Sie waren also auf zweifache Weise verpflichtet, einem Bericht über aufgetretenes Böses nachzugehen und sich damit zu beschäftigen: einmal wegen ihrer Einheit als Nation, und zürn anderen wegen des klaren Gebotes Gottes. Sie sollten klären, ob „dieser Greuel in deiner Mitte verübt worden" ist (Vers 14), Es ging nicht nur darum, ob in einer bestimmten Stadt Böses aufgetreten war, sondern „in deiner Mitte" - Böses in Israel. Böses in einer Stadt war nach den Gedanken Gottes die Angelegenheit von ganz Israel.

Wenn jede Stadt und jeder Stamm einen unabhängigen Standpunkt eingenommen hätte, dann hätte der Hohepriester die zwölf Schaubrote von dem goldenen Tisch vor dem HERRN wegnehmen und sie nach hier und da verstreuen können, denn die Einheit Israels wäre dahin gewesen. Aber eine solche Unabhängigkeit durfte in Israel nicht zugelassen werden - und auch für die Versammlung ist es nicht der Gedanke Gottes.

So unterstreichen die Unterweisungen an das Volk Israel den Grundsatz der Einheit und der gemeinsamen Verantwortlichkeit und des gemeinsamen Handelns; und sie bestätigen das, was wir im Neuen Testament als den Weg Gottes für die Versammlung und für die Beziehungen zwischen Versammlungen gefunden haben.